Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Last exit: Internet
    Die iranische Opposition, die Medien und die Diaspora

    Internetcafé in Teheran. Foto: Markus Kirchgessner Vor kurzem besuchte ich iranische Freunde, die seit Jahrzehnten in einer deutschen Kleinstadt leben. Als sie mich am Bahnhof abholten, trugen sie schwarz, die Gesichter blickten ernst. Sie erzählten, dass sie an einem Trauergottesdienst teilgenommen hätten, ein Jugendlicher aus einer befreundeten Familie in Iran sei umgekommen. Ein junger Demonstrant, keiner politischen Gruppierung zugehörig, aber einer, der für seine Rechte auf die Straße gegangen war. Das Gefängnis in Iran habe die Familie angerufen und gesagt, der Mann habe einen Unfall erlitten, man solle seine Leiche abholen. Der Familie wurde gedroht: Wenn die Nachricht publik würde, duldeten die Behörden keine Trauerzeremonie, keinen Grabstein – und den Verwandten drohe Haft.

    Neben der Trauer, die mich ergriff, als ich zuhörte, fühlte ich Wut und Ohnmacht. Ich wollte diese Nachricht in die Welt hinaus schreien, aber es war, als ob man mir die Hände gebunden und den Mund zugeklebt hätte. Ich darf den Namen des Ermordeten nicht kund tun, nicht über seine Familie berichten, keine Aufnahmen, keine Fotos, kein Ton, „wir bitten Sie darum, es geht auch um unser Leben“. Neun Monate nach der Präsidentschaftswahl in Iran ist das Bild, das ich den Deutschen von Iran zeichne, verschwommener als zuvor; meine „Informanten“, jene auf der Straße und jene hinter ihren Tischen, sind der Angst ausgeliefert, viele ihrer Blogs verwaist, einige ihrer Mailfächer geschlossen. Schlusspunkt einer Medien-Euphorie, einer Demokratisierungs-Vorfreude?

    Die Großmutter schaut Youtube

    Umso erstaunlicher wirkt im Rückblick die Flut der Bilder, Stimmen, Berichte von den unruhigen Tagen und Wochen nach der Präsidentschaftswahl. Was in einer Nebenstraße des Bolvare Keshawarz in der Hauptstadt an einem Juliwochenende passiert, wie viele Jugendliche dort auf der Straße „Tod dem Diktator“ rufen und wie Bassidsch-Milizen ihre Knüppel schwingen, das entdecke ich auf dem Bildschirm meines Heim-Laptops. Ich sehe mehr, als die Bewohner einer Parallelstraße in Teheran vielleicht gesehen haben.

    Als mich im Herbst meine Großmutter aus Iran besucht, fragt sie mich neugierig nach den „Internet-Videos“, ich solle ihr „Filme“ zeigen, herausgefischt aus den Weiten von Youtube. Sie staunt, ihre Augen lächeln, dann schauen sie nervös auf den Bildschirm, sie murmelt etwas wie „das kommt mir alles so bekannt vor, 1979“. Ich klicke schließlich ein weißlich überstrahltes Video an, wir hören eine Frau wimmern, die Mutter des ermordeten Demonstranten Sohrab Arabi. Als meine Großmutter die Klage und den Zorn einer Mutter am Grab des Sohnes erlebt, beginnt sie zu weinen. Meine Großmutter, die dreißig Jahre lang treue Zuschauerin des Fernsehens der Islamischen Republik Iran war, hat das Programm gewechselt. Jetzt schaut sie die persischsprachige Voice of America, „weil die unsere Videos zeigen“, der versteckten Satellitenschüssel und Gott sei Dank.

    Den Moment festzuhalten scheint eine kleine persische Obsession zu sein. Nirgendwo sonst im Mittleren Osten habe ich so viele Menschen gesehen, die mit ihren Handys und kleinen Digital-Kameras fast exzessiv sich selbst, ihre Freunde, die kleinen Momente des Alltags knipsen, drehen, speichern und austauschen. Auf meiner letzten Reise durch Iran im Sommer 2008 zeigten mir die Protagonisten meines Films stolz ihre kunstvollen Porträts, Geburtstags- und Reisevideos auf dem Handy. Ich gewöhnte mich an ihren Anblick, wie sie im Bus und im Auto stets die vorbei ziehende Landschaft filmten, und dabei Geschichten zum Bild texteten.

    „Disconnecting people“

    Als mich später meine jungen Freundinnen aus Iran in Deutschland besuchen, hängen sie nachts stundenlang an meinem alten Laptop, hunderte Fotos ihrer Deutschland-Reise kopierend und hin und her schiebend, dabei ihr Facebook-Account stets im Blick; jeden Tag aktualisieren sie das Titelbild auf der Hauptseite, die schnelle Geschwindigkeit des deutschen Internets genießend. Sie erklären mir, wie sie gehackte Software und Anti-Filter-Tools herunterladen, wie sie zäh über Proxy-Rechner in verbotene Räume dringen. Ich schaue mir auf ihrer Facebook-Seite die neuesten Videos von Unruhen in Teheran an, sie schicken mir Kettenmails – politische Karikaturen und Satire aus Iran über den Ausgang der Wahl. Von meinem Postfach aus kann ich manchmal die Informationskette verfolgen, sehe, wie die Nachrichten aus Teheran zu Freunden und Verwandten ins Exil wandern, nach Kalifornien, und von dort wieder zurückkehren ins iranische Shahrestan, in die Provinz, bis sie dann wieder in der Diaspora landen. Ich bekomme ätzende Cartoons und entlarvende Fotos über die „Stimmenräuber“ zugeschickt. Ein Plakat mit einem triumphierend lächelnden Ahmadinejad, der ein Nokia-Handy in der Hand hält, darunter der verfälschte Nokia-Slogan „Disconnecting people“ (eine Anspielung auf die von Nokia-Siemens dem Regime gelieferte Abhörtechnik in Mobiltelefonen). Eine Satire auf das iranische Staatsfernsehen, das Kochsendungen zeigt, während auf den Straßen Menschen erschossen werden. Ein Foto eines Ahmadinejad nahestehenden Geistlichen, der in einer Moschee falsch vorbetet. Aufnahmen eines hohen Funktionärs, der gerne und oft in London einkauft, und in Teheran Jugendliche verprügeln lässt.

    „Wir haben so viel gefilmt auf den Demos, weißt du, mit unseren kleinen Kameras, stundenlang. Aber wir konnten das nicht mitbringen, das wäre zu gefährlich, vielleicht hätten sie unsere Koffer durchsucht am Flughafen, man weiß nie“, sagen mir die Freundinnen. Was hätte ich darum gegeben, ihre Aufnahmen hier zu zeigen. Sie fragen mich, wie ich die ersten Tage nach der Wahl meine Informationen sammelte, woher sie kamen. Wir gleichen ab. Am Tag nach der Ermordung von Neda hatte ich vorsichtig von „tausenden Demonstranten“ berichtet. Nein, sagen sie, es waren hunderttausende, „wir waren dabei, wir haben es gesehen“ – hätten wir doch nur telefonieren können an jenem Tag, aber die Leitungen waren tot, ich kam nicht durch nach Teheran. Ihre Mails, erinnere ich mich, waren mit grüner Schrift geschrieben, die Farbe der Opposition, sie erzählten von festgenommenen Studienkollegen, die als gebrochene Menschen aus der Haft zurückkehrten. Sie schrieben mit bitterem Zynismus von entfremdeten jungen Männern und Frauen, die bei der Rückkehr aus Evin von ihrer eigenen Familie ausgeschlossen wurden, weil sie mit ihrem Aktionismus „zu weit gegangen waren“. 

    Bürgerjournalismus

    Als ARD-Korrespondentin in Kairo hatte ich entdeckt, wie wichtig Bürgerjournalismus in repressiven Staaten sein kann. 2006, als kaum noch Korrespondenten aus Bagdad berichten konnten und die Stadt eine einzige Todeszone war, entdeckte ich den Videoblog Alive in Baghdad, ein in den USA preisgekröntes amerikanisch-irakisches Projekt. Iraker filmten ihre Nachbarschaft, den Alltag ihrer Familien, sie waren so dicht dran wie kein Korrespondent es je sein konnte – ich war unmittelbar dabei, wie Häuser durchsucht wurden, wie Hausbewohner vor Angst schrieen, wie sich in abgeschotteten Stadtteilen Bürgerwehren bildeten. Als ich die Identität der Filmemacher am Telefon kennengelernt hatte, verwendete ich ihre Aufnahmen für Tagesschau-Beiträge. Ein anderes Mal ging es um brisante Handyvideos, die die ägyptische Öffentlichkeit erschütterten. Polizisten hatten auf ihren Handys festgehalten, wie sie Inhaftierte foltern, die Videos waren bei ägyptischen Menschenrechtlern und Bloggern gelandet, der Fernsehsender Al Jazeera griff das Thema auf, und endlich sprach die arabische Öffentlichkeit über Polizei- und Staatsfolter. Ich kontaktierte ägyptische Blogger, die mir ihre Videos downloadeten, ich erinnere mich, wie sie damals die iranische Bloggerszene bewunderten, „so weit sind wir noch nicht, aber das wird kommen“, sagten sie. Das war der Moment, wo mich das Internet und seine Möglichkeiten für meine Berichterstattung zu faszinieren begannen.

    Juni 2009. Als Redakteurin für das ARD-Morgenmagazin fasse ich für die Sendung jene Nachrichten aus Iran zusammen, die der Korrespondent vor Ort nur bedingt oder gar nicht verfolgen kann. Eigentlich müssten wir Redakteure vor jedem Live-Interview, vor jedem Bericht unserer Korrespondenten in autoritären Staaten wie Iran stets erwähnen, dass eine unabhängige journalistische Einschätzung vor Ort von den iranischen Zensurbehörden nicht gewünscht ist. Das Korrespondenten-Bild muss ergänzt werden – und das verstehe ich nun als meine Aufgabe. Meine Quellen sind vielfältig: Im Netz lese ich persischsprachige Nachrichtenportale wie die IranPressNews oder Balatarin, ich stöbere in den englisch-persischen Online-Zeitschriften der Diaspora wie Payvand und Iranian, lese die Erklärungen auf der Homepage von Ayatollah Montazeri oder das Parteiorgan kalameh von Oppositionsführer Mussawi, studiere Mussawis Facebook-Seite, lese Blogs, entdecke auf Youtube Kanäle wie Citizen Journalism, lese in den ersten Tagen der Wahlkrise Twitter-Nachrichtenfetzen, vergleiche die Video-Links dort mit denen bei astreetjournalist.com, telefoniere und skype, und gleiche wieder und wieder meine Ergebnisse ab mit den Nachrichten, die die persischsprachigen Dienste der britischen BBC und der Voice of America ihren Zuschauern präsentieren. Dort melden sich Iraner, ob oppositionell oder regimefreundlich, über „Call-in“ und Email, in der Wahlkrise schicken sie ihre eigenen Handyvideos zu den Redakteuren nach London und Washington. Über Stunden beschäftige ich mich mit dem Abgleichen und Verifizieren von Nachrichten.

    Zweifel und Arroganz

    Im Gespräch mit deutschen Redakteuren merke ich schnell, dass jemand, der noch nie in Iran war und kein Persisch spricht, die von iranischen Bürgern gefilmten Videos im Internet kaum verstehen oder gar einordnen kann. Für viele waren die Videos rätselhaft, die Steine werfenden Demonstranten darauf hätten genauso gut aus den besetzten Gebieten stammen können, das Feuer in den Straßen hätte in Pakistan brennen können – und überhaupt: „Was kann man auf diesen Wackelbildern eigentlich erkennen? Sind die nicht gestellt? Ist Neda wirklich so gestorben?“ Zu den nicht immer unberechtigten Zweifeln an meinen Quellen gesellte sich das Selbstverständnis, dass deutsche öffentlich-rechtliche Medien den „Straßenjournalisten“ nicht trauen können. Zuweilen kam Arroganz hinzu – Fernsehjournalisten fühlen sich nämlich bedroht von Bürgerjournalisten. Meine Aufgabe war also, den Kollegen zunächst die allmächtige iranische Zensur und Propaganda zu erklären, dann den seit den späten Neunzigern immer stärker in Erscheinung tretenden Trend in Iran, neue Medien zu kreieren und zu nutzen. Im dritten Schritt analysierte ich die Videos: Wo ist das, was rufen die Menschen, wer ist wer auf dem Bild, wann sind diese Bilder wohl entstanden? So konnte ich jeden Morgen einen Nachrichtenüberblick über die Geschehnisse des vergangenen Tages schaffen.

    Die Nachrichtenflut aus dem Bürgernetz macht dem System Ahmadinejad zu schaffen. Auf dem Laptop im Fernsehstudio zeige ich den deutschen Zuschauern auch, wie das Regime den Cyber-Krieg aufnimmt, wie es mit den Mitteln des Internet die Gesichter der Demonstranten auf Fotos und Videos identifizieren will und dafür den Surfern ihrer Polizeistaats-Webseiten Belohnung verspricht. Dieselben Werkzeuge, die in repressiven Staaten demokratische Teilhabe und wahrhaftige Augenzeugenberichte erlauben, können vom Staat selbst zur Repression eingesetzt werden.

    Das Zusammentragen und Abgleichen der Nachrichten ist eine langwierige, schwierige Angelegenheit, die mindestens fünf Kollegen beschäftigt hätte. Ich kämpfe gegen tote Telefon-Leitungen, gegen das immer langsamer werdende Internet in Iran, verzweifle an iranischen Kollegen im Ausland, die vorschnell Gerüchte als Nachrichten verkaufen wollen, und ich hinterfrage deutsche Kollegen, die das Handy-Video von der sterbenden Neda für fingiert und inszeniert erklären und im ersten Moment noch nicht einmal ausschnittsweise zeigen wollen. Als ich Bekannten in Iran am Telefon erzähle, wie vorsichtig die Deutschen mit den Bürger-Videos sind, und wie oft sie in ihren Zusammenfassungen Aufnahmen des iranischen Staatsfernsehens verwenden, sind sie fassungslos.

    Heute, im Rückblick, bin ich froh darüber, dass meine Arbeit als „Online-Reporterin im Fernsehstudio“ dazu beigetragen hat, das Bild von Iran und den Iranern immer weiter zu differenzieren und die Bedeutung der neuen Medien für die alten Medien zu verstärken. Vielleicht werden sie in unserem Rundfunksystem bald so akzeptiert und genutzt wie in den angloamerikanischen Nachrichtenkanälen.

    Bald wird es Frühling, in Iran fängt das neue Jahr an, und ich sitze in Deutschland an der Vorbereitung eines deutsch-iranischen Neujahrsfestes. Dabei möchte ich den Gästen vermitteln, was die nach der Revolution geborene Generation in Iran bewegt. Zum einen, weil ich spüre, dass die langjährigen Exil-Iraner und ihre politischen Scharmützel so weit weg sind von dieser neuen Generation in Iran. Zum anderen, weil es genau diese Jugend ist, die mit ihren zur Schau getragenen kulturellen Widersprüchen und unkonventionellen Islam-Auslegungen die Deutschen zu beeindrucken scheint. Ich habe zwei Freunde in Iran gebeten, mir einen Brief zu schreiben: Wie viel Aufbruch verspricht der Frühling, mit welchen schmerzvollen Erinnerungen blickt ihr dem neuen Jahr entgegen? Mailt mir Eure Erfahrungen, Eure Wünsche, Eure Enttäuschungen! Auf der Suche nach passender Begleitmusik bin ich – wo sonst – im Internet fündig geworden, und habe mir die aktuelle Nummer Eins der iranischen HipHop-Charts heruntergeladen: „verbotene“, in Kellern heimlich produzierte iranische Musik einer Rapperin, unzensiert. Mein Titel heißt: „Sabz shodim dar in khak“: „Wir keimten in dieser Erde, wir grünten in diesem Land“.
    Golineh Atai
    stammt aus Iran und ist Redakteurin des Morgenmagazins des Ersten Deutschen Fernsehens.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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