Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Copyright und Internet
    Neue Herausforderungen für Autoren und Verleger

    Tim Otto Roth: Sans point de vue, 2009 Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst der Piraterie. Wer hätte nicht schon gehört, dass die Tonträgerindustrie Milliardeneinbußen verzeichnet, weil Musikdateien massenhaft kopiert und in illegalen Internet-Tauschbörsen verbreitet werden? Doch bis vor kurzem meinte man, dies seien Probleme der Unterhaltungsindustrien, von denen der hochkulturelle Buchmarkt verschont bleiben würde. Denn wer wolle schon ein Buch am Bildschirm lesen?

    Seit digitale Lesegeräte, so genannte E-Book-Reader, halbwegs erschwinglich und damit massenmarkttauglich geworden sind, wächst jedoch die Nachfrage nach Literatur im digitalen Format kontinuierlich. Folglich hat mittlerweile auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Interessenvertretungsverband der Verlage und Buchhändler, das Gespenst der Internet-Piraterie für sich entdeckt. „Die Politik muss handeln“, titelt der Verband in seinem „Politikbrief“ vom November 2009. „Unter Kulturdiebstahl, verharmlosend auch Piraterie genannt, versteht die Kreativwirtschaft die unerlaubte Verwertung von Musik- und Textdarbietungen.“ Schätzungen zufolge seien „49% aller Hörbuchdownloads und 39% aller E-Book-Downloads illegal.“ Dadurch sei „die Existenz der Urheber bedroht“, und deshalb müsse der „Urheberschutz“ entschieden vorangetrieben werden. Unter anderem solle ein Modell durchgesetzt werden, das „Nutzer, die sich rechtswidrig verhalten, zunächst warnt und aufklärt, bei wiederholten Verstößen aber auch effektiv sanktioniert.“ Bekannt ist dieses Modell als „three strikes policy“ oder „graduated response“; in Frankreich hat es als „Loi Hadopi“ seinen Weg in die nationale Gesetzgebung gefunden. Nutzern, die wiederholt urheberrechtlich geschützte Werke aus illegalen Quellen herunterladen, soll zur Strafe der Internetzugang gesperrt werden – in Frankreich etwa für die Dauer von bis zu einem Jahr.

    Dass es um das „geistige Eigentum“ und das Urheberrecht der Autoren derzeit schlecht bestellt ist, bestätigt auch die Lektüre des von Roland Reuß lancierten „Heidelberger Appells“. Mit dem mittlerweile von 2.674 Schriftstellern und Geisteswissenschaftlern unterzeichneten Brandbrief „für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte“ hatte der Editionsphilologe im März 2009 gegen das ungenehmigte Scannen urheberrechtlich geschützter Bücher im Rahmen der Google Buchsuche protestiert. Reuß fürchtete weniger wirtschaftliche Einbußen der Autoren als vielmehr einen Souveränitätsverlust. „Es muss auch künftig der Entscheidung von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, kurz: allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen“, heißt es in dem Text. Dadurch, dass Google Teile dieser Werke als Ergebnisse seiner Suchmaschine im Internet zugänglich gemacht hatte, sah Reuß dieses Recht verletzt.

    Angst vor der digitalen Welt

    Für das überwältigende Echo, das der Heidelberger Appell gefunden hat, wird eine Art „Unbehagen in der Kultur“ im Hinblick auf den digitalen Medienwandel nicht der geringste Grund gewesen sein. Roland Reuß selbst gestand bei einer Veranstaltung im Frankfurter Literaturhaus ein, das Auffinden seiner Werke im Internet sei ihm vorgekommen „wie eine Entführung meiner Kinder in ein Stadion, wo sie dann ohne weitere Aufsicht einem entfesselten Mob ausgeliefert wären.” Gunther Nickel, Lektor des Deutschen Literaturfonds, beschimpfte Kritiker des Appells in den Kommentarspalten des Internetmagazins Perlentaucher sogar als „Damen und Herren von der Geiz-ist-Geil-Fraktion“ – in Anspielung auf den Werbeslogan eines Elektronikmarkts. Und Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärte noch im November 2009, er wolle sich „entschieden gegen die Gratismentalität im Internet“ einsetzen und sich „für ein Urheberrecht stark machen, das Kreative in unserem Land vor der Beeinträchtigung geistigen Eigentums schützt – sei es durch Mediengiganten wie Google, sei es durch Internetpiraten!“

    Solche Reden stoßen nicht nur bei Buch- und Presseverlegern, sondern auch bei vielen Schriftstellern auf große Sympathie. Schriftsteller waren in Deutschland, von Ausnahmen abgesehen, noch nie reiche Leute. Daran waren aus ihrer eigenen Sicht zumeist entweder die Krämerseelen der Verleger, ein undankbares Publikum oder die allgemeinen Umstände schuld. In letzter Zeit scheint es jedoch, als habe es nie Grund zur Klage gegeben, bis das Internet gekommen sei. Denn traditionell zahlten Buchverleger den Autoren für die Veröffentlichung ihrer Werke ein Honorar, das sie durch den Verkauf der Bücher wieder hereinholten. Wenn nun auch für die Buchbranche das Digitalzeitalter anbreche, so die Befürchtung vieler Kreativer, werde diese Art der Refinanzierung nicht mehr funktionieren, weil die Nutzer im Internet bekanntlich keinen „Respekt vor dem Wert und der wirtschaftlichen Bedeutung des geistigen Eigentums“ hätten – um abermals Bernd Neumann zu zitieren. Im Internet, so heißt es, wollen die Leute einfach alles umsonst haben. Bekommen sie es nicht geschenkt, laden sie sich eine illegale Kopie herunter. Wenn Autoren aber für ihre Texte nicht mehr bezahlt werden, wovon sollen sie dann noch leben? Es ist anscheinend blanke Existenzangst, die nicht nur Buchverleger, sondern auch Schriftsteller in letzter Zeit dazu treibt, einen stärkeren Schutz des Urheberrechts zu fordern, welches sie überhaupt erst in die Lage versetze, sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Davon jedenfalls sind sie überzeugt. Und nicht nur sie. In jedem Zeitungsartikel, der das Thema Urheberrecht und digitale Medien auch nur streift, findet sich diese Überzeugung wieder.

    Ursprung des Copyrights

    Interessanterweise verdankt sie ihre Popularität keineswegs einer Analyse der tatsächlichen Lebensgrundlagen zeitgenössischer Schriftsteller. Es handelt sich vielmehr um einen tradierten Topos, der sich auf eine Rede zurückverfolgen lässt, die Thomas Babington Macaulay am 5. Februar 1841 vor dem englischen Parlament gehalten hat:

    The advantages arising from a system of copyright are obvious. It is desirable that we should have a supply of good books; we cannot have such a supply unless men of letters are liberally remunerated; and the least objectionable way of remunerating them is by means of copyright. You cannot depend for literary instruction and amusement on the leisure of men occupied in the pursuits of active life. Such men may occasionally produce compositions of great merit. But you must not look to such men for works which require deep meditation and long research. Works of that kind you can expect only from persons who make literature the business of their lives. Of these persons few will be found among the rich and the noble. The rich and the noble are not impelled to intellectual exertion by necessity. [...]It is then on men whose profession is literature, and whose private means are not ample, that you must rely for a supply of valuable books. Such men must be remunerated for their literary labour. And there are only two ways in which they can be remunerated. One of those ways is patronage; the other is copyright.

    Mäzenatentum oder Urheberrecht – das sind Macauly zufolge die Alternativen, um Schriftstellern den Lebensunterhalt zu sichern. Erfüllt das Urheberrecht diese Funktion aber auch tatsächlich? Martin Kretschmer und Philip Hardwick vom Centre for Intellectual Property Policy & Management der britischen University of Bournemouth haben im Dezember 2007 eine Studie vorgelegt, die als bahnbrechend bezeichnet werden müsste, wäre sie nicht von Autorenvertretern und Medien, wenigstens in Deutschland, gleichermaßen ignoriert worden. Die beiden Wissenschaftler haben sich im Auftrag der britischen Autorenvereinigung ALCS mit der Frage beschäftigt, welchen Teil ihres Einkommens britische sowie deutsche Autoren aus urheberrechtlichen Quellen beziehen. Statistische Erhebungen zum Einkommen freiberuflicher Kreativschaffender gibt es freilich viele. In Deutschland gelten für freiberufliche Schriftsteller und Journalisten die Zahlen der Künstlersozialkasse als maßgeblich. Sie beziffert das durchschnittliche Einkommen dieser Berufsgruppe im Jahr 2008 auf 16.232 Euro. Welcher Teil eines solchen Einkommens allerdings aus urheberrechtlichen Quellen stammt, hatte zuvor noch niemand untersucht.

    Schriftstellerarmut trotz Copyright

    Das Einkommen, das professionelle deutsche Autoren, die mehr als 50% ihrer Zeit dem Schreiben widmen, im Jahr 2004 aus urheberrechtlichen Quellen bezogen haben, betrug der Studie zufolge typischerweise 12.000 Euro. Typischerweise bedeutet: 50% haben mehr als dies verdient, 50% weniger – ein Wert, der nicht mit dem Durchschnittswert verwechselt werden darf, welcher aufgrund einzelner „Ausrutscher nach oben“ erheblich höher liegen kann. Das Einkommen ist aber nicht nur niedrig, sondern auch ungleich verteilt: 41% davon entfallen auf die oberen 10% der Autoren, während 12% auf die unteren 50% entfallen. Das Jahreshaushaltseinkommen eines professionellen Autors lag indes beträchtlich höher, nämlich bei typischen 41.644 Euro.

    Angesichts dieser Befunde erscheint es zweifelhaft, dass das Urheberrecht tatsächlich die Lebensgrundlage professioneller Autoren sein soll. Kretschmers Studie zufolge verdienen Autoren in Deutschland sogar weniger als in Großbritannien – obwohl die urheberrechtlichen Regelungen in Deutschland gemeinhin als autorenfreundlicher gelten. Vielmehr scheint das Einkommen eines Autors im Wesentlichen von seinem Markterfolg abzuhängen. Ein erfolgreicher Autor hat nicht nur aufgrund besserer Verkäufe höhere Einnahmen, sondern kann auch bessere Verträge aushandeln und sich einen größeren Anteil an diesen Einnahmen sichern. Auf kulturellen Märkten gilt das Prinzip „The winner takes it all“: Einem Dan Brown stehen Scharen von Kollegen gegenüber, die gerade über die Runden kommen. Mit dem Urheberrecht hat das nichts zu tun.

    Dennoch sind es nicht zuletzt Autoren, die sich an den Mythos vom Urheberrecht als Lebensgrundlage Kreativschaffender klammern wie Ertrinkende an ein Stück Treibholz. Angesichts durchaus prekärer Lebensverhältnisse der meisten Autorinnen und Autoren verwandelt sich das vermeintliche Faktum dabei unversehens in eine Forderung: Das Urheberrecht soll den Autoren gefälligst ihre Lebensgrundlage sichern. Und obschon es das im Grunde nie getan hat, scheint es plötzlich, als sei allein das Internet mit seinen Piraten und Raubkopierern daran schuld, dass es das nicht tut.

    Bestärkt werden die Schriftsteller in dieser Sichtweise von den Verlegern. Diese haben natürlich ein handfestes Interesse daran, dass der Unmut der Autoren über ihr geringes Einkommen sich nicht gegen sie wendet, sondern lieber gegen Google oder das Internet im Allgemeinen. Die Autoren kämen sonst womöglich auf die Idee, von den Verlegern einen größeren Anteil am Kuchen zu verlangen, etwa eine höhere Beteiligung am verkauften Exemplar oder an den Erlösen für Vorabdrucke, Taschenbuchausgaben und sonstige Verwertungen ihrer Arbeit. Und Verleger haben auch ein Interesse daran, sich die Konkurrenz vom Hals zu halten, die ihnen seitens der digitalen Medien erwächst. Wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Internet immer wieder als „rechtsfreien Raum“ zu diskreditieren versucht und Google wegen seiner Bücher-Scan-Aktivitäten eine „kalte Enteignung“ der Autorinnen und Autoren vorwirft, so verfolgt er damit nicht die Interessen der Autoren, sondern seine eigenen. In Gefahr geraten ist nämlich in Wahrheit nicht das Urheberrecht, sondern das Vermarktungsmonopol der Verleger.

    Um dies zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, auf welcher Rechtsgrundlage Verlage eigentlich die Bücher von Autoren veröffentlichen. Sie benötigen dafür die Erlaubnis des Urhebers, also des Autors. Dieser überträgt ihnen das Recht, sein Werk in gedruckter Form zu vervielfältigen und zu verbreiten. In der Vergangenheit hatte der Verlag damit mehr oder weniger ein Monopol erworben, denn andere Formen der wirtschaftlichen Verwertung von Literatur gab es kaum, oder sie spielten im Vergleich zum Buchdruck keine bedeutende Rolle. Zudem konnte der Verlag die Vervielfältigung und Verbreitung des Werks auch leicht kontrollieren, weil der Zugang zu dessen Inhalt – wenn man von der Möglichkeit, Bibliotheken zu besuchen, einmal absieht – an den Erwerb eines körperlichen Werkstücks gebunden war.

    Veröffentlichen ohne Verlag

    Seit Texte auch in digitaler Form verfügbar gemacht werden können, hat sich das grundlegend geändert. Seither hat ein anderes Recht des Urhebers erheblich an Bedeutung gewonnen: das Recht zur öffentlichen Zugänglichmachung, landläufig auch Onlinerecht genannt. Dieses wird von dem Recht, einen Text zu drucken und als Buch zu verkaufen, klar unterschieden. Entsprechend können Autoren heutzutage auch ganz ohne Verlag veröffentlichen. Niemand hindert sie, ihren Text einfach als E-Book herausbringen. Gedruckte Exemplare können bei entsprechender Nachfrage jederzeit in Kooperation mit einem Print-on-Demand-Anbieter hergestellt werden.

    Die meisten allerdings zögern noch. Vor allem Literaten ist bei der Vorstellung, dass sie sich zukünftig selbst vermarkten sollen, häufig unwohl zumute. Der Ruf nach einem stärkeren Schutz des Urheberrechts muss durchaus in diesen Kontext eingeordnet werden. Darin artikuliert sich nicht zuletzt das Bedürfnis, vor den Herausforderungen der unvertrauten Marktstrukturen geschützt zu werden. Je mehr Urheberrecht, desto weniger Internet, desto weniger Notwendigkeit, sich selbst gut zu verkaufen. So irrational diese Formel auch sein mag, sie erklärt Urheberrechtsenthusiasmus und Digital-Aversion zeitgenössischer deutscher Autoren vermutlich gleichermaßen zutreffend.

    Als bedrohlich wird dabei nicht zuletzt empfunden, dass die traditionellen Institutionen des Buchmarktes zunehmend ihre Funktion als Gatekeeper verlieren. Da Publikation und Vertrieb eines Textes als gedrucktes Buch über den traditionellen Buchhandel eine nicht unerhebliche Kapitalinvestition voraussetzt, müssen Verlage auf dem klassischen Buchmarkt stets eine Auswahl des zu Publizierenden treffen. Nur ein Bruchteil aller publikationswilligen Autoren schafft es also bis zur Buchveröffentlichung. Eine weitere Auswahl wird von den Kritikern getroffen: Nur wenige aller publizierten Bücher gelangen in die Zeitungen, Zeitschriften und die Literatursendungen im Fernsehen. In den Buchläden landet wiederum nur eine schmale Auswahl der Titel, und nur die wenigsten werden so intensiv beworben, dass sie sich gut genug verkaufen, um ihren Autoren den Lebensunterhalt zu sichern.

    Im Internet ergibt eine solche Verengung des Angebots keinen Sinn: Autoren können hier tendenziell unbegrenzt publizieren, ohne sich erst dem Urteil von Lektoren, Kritikern oder Buchhändlern unterziehen zu müssen. Allerdings müssen sie auch fürchten, in der Masse des in keiner Weise beschränkten Angebots unterzugehen. Welche Instanzen übernehmen also im Internet die Funktion der Auswahl, des Filters?

    Hier sind zum einen die Suchmaschinen zu nennen, zum anderen die Social Networks. Die Verwendung einer Suchmaschine stellt für die weitaus meisten Nutzer heute bereits bei jeglicher Art von Informationsbeschaffung den ersten Schritt dar und ist damit ein klassischer Gatekeeper. Die berühmt-berüchtigten Algorithmen von Google nehmen jedoch auf etwaige Werbeschwerpunkte der Verlage ebenso wenig Rücksicht wie auf die Leseempfehlungen von Literaturkritikern. Gleichwohl sind sie für die Kaufentscheidung eines Nutzers schon heute oft von größerer Bedeutung als letztere. Diese Tendenz wird sich verstärken, je mehr Aufwand die Suchmaschinenbetreiber in die Personalisierung ihrer Suchergebnisse investieren. Schon heute wird intensiv daran gearbeitet, dem einzelnen Nutzer möglichst maßgeschneiderte Trefferlisten zu präsentieren, basierend auf einer Auswertung seines eigenen Surfverhaltens.

    Zum anderen haben offenbar die Empfehlungen von Freunden und Bekannten in Social Networks wie Facebook einen erheblichen Einfluss auf das Kaufverhalten von Medienprodukten wie Filmen, Musikdateien und eben auch Büchern. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass Nutzer ihrem eigenen Netzwerk von Freunden und Bekannten eher vertrauen als der Werbung eines Verlags oder der Empfehlung eines Literaturkritikers, sondern auch, dass die Zeit, die man in solchen Netzwerken verbringt, von dem Pensum abgezogen wird, das man früher für andere Medienangebote erübrigte – also etwa für die Lektüre der Literaturkritiken in der Zeitung.

    Freiheit oder Markt?

    Können aber Suchalgorithmen und soziale Netzwerke die Programmauswahl von Verlagen und die Urteile von Literaturkritikern ersetzen? Es wird sich zeigen. Schließlich sind Verleger heutzutage auch bloß bestrebt, mit ihrer Programmgestaltung möglichst genau den Erwartungen des Marktes zu entsprechen. Der Platz, den die Literaturredakteure großer Zeitungen den Werken einzelner Autoren einräumen und jenen anderer verweigern, lässt ziemlich exakte Rückschlüsse auf die Werbeschwerpunkte der Verlage zu – die groß angelegten Dossiers etwa der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu den Büchern eines Daniel Kehlmann oder Jonathan Littell sind dafür gute Beispiele. Und die Buchhändler kaufen Titel kleinerer Verlage, die sich keine großen Werbekampagnen leisten können, oft gar nicht mehr ein, während sie sich für eine vorteilhafte Präsentation einzelner Bücher im Schaufenster hohe Geldsummen bezahlen lassen.

    Für Erfolg oder Misserfolg eines Buches ist mithin nicht dessen Anspruch ausschlaggebend (geschweige denn das Urheberrecht), sondern der kapitalintensive Werbeaufwand des Verlags. Einen Titel gezielt „in den Markt zu drücken“, wie Verleger es formulieren, ja ihn nach Möglichkeit in die Bestsellerlisten zu katapultieren, kostet weit mehr, als die meisten Autoren selbst investieren könnten. Die Summen, um die es dabei geht, lassen sich, wenn überhaupt, allein durch Massenabsätze amortisieren.

    Wenn diese Notwendigkeit entfällt, weil für digitale Veröffentlichungen nahezu keine Kosten mehr anfallen, so muss das für Autoren durchaus nicht nachteilig sein. Wer auf ein breites Publikumsinteresse ohnehin nicht zu hoffen braucht, wird zukünftig aufgrund neuer Suchtechniken und Vernetzungskulturen womöglich leichter ein Publikum finden, als wenn sein Buch bei einem finanzschwachen Kleinverlag erscheint. Wer umgekehrt bislang zu den Gewinnern des Massenmarktes gehörte, hat gute Chancen, auch als Selbstvermarkter erfolgreich zu sein. Zumal er sich dann einen größeren Anteil vom Erlöskuchen sichern kann, das heißt von den Prozenten, die er für jedes verkaufte Buch bekommt (bei herkömmlichen Verlagen sind es selten mehr als 10%).

    Schon heute vertreiben Bestseller-Autoren wie Paulo Coelho oder Ian McEwan viele ihrer E-Books direkt über den Internet-Buchhändler Amazon – der Verlag bleibt außen vor. Andere verzichten auch auf die Zusammenarbeit mit dem Buchhandel. So hat sich im Oktober vergangenen Jahres in den USA ein Kollektiv von Science-Fiction-Autoren unter dem Namen Book View Cafe zusammengeschlossen, um einen eigenen Download-Shop zu betreiben. Auch einige deutsche Sachbuchautoren stellen derartige Experimente bereits an.

    Sollen also Autoren zukünftig davon leben, dass sie sich im Internet selbst vermarkten? Zugegeben, das wird nur den wenigsten gelingen. Doch allen anderen wird auch ein stärkeres Urheberrecht wenig helfen.
    Ilja Braun
    lebt und arbeitet als freier Journalist und Literaturübersetzer in Köln und Amsterdam. Er gehört der Redaktion von iRights.info an.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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