Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    „A man of the people“
    Was Sport für Entwicklung und Frieden wirklich heißt

    Willi Lemke, Sonderberater für Sport und Entwicklung des UN Generalsekretärs, mit Kindern aus der Illeys Grundschule, Dagahaley Camp, Dabaab, Kenya, 23. Juni 2008 © UNHCR Es ist stickig. Es ist heiß. Es ist eng. Ein kleiner Junge, der aus der 130-köpfigen Menge von Schülern heraus spricht, die alle in diesem heruntergekommenen Klassenzimmer auf dem Boden sitzen, ohne Stühle, ohne Tische, ohne Lehrmaterial, bedankt sich bei dem fremden Mann mit der runden Brille für die Möglichkeit, in diese Schule gehen zu dürfen. "Ich wäre fast im Boden versunken vor Scham", schreibt der Angesprochene in Erinnerung an diesen deprimierenden Besuch in einer von den Vereinten Nationen unterstützten Schule für Flüchtlingskinder in Kuala Lumpur. "Für dieses Loch bekam ich auch noch ein Dankeschön. Mir fielen all die Eltern aus meiner Zeit als Bremer Bildungssenator ein, die sich so oft wegen jeder Kleinigkeit beschwert hatten – und dieser kleine Junge hier bedankte sich für ein Nichts."

    Zwischen Wohlstand und Armut

    Es ist ein Spagat, den Will Lemke vollzieht: ein Spagat zwischen den Wehwehchen der wohlhabenden Eltern und Fußballspieler aus seiner Heimatstadt und dem lebensbedrohlichen Hunger der Kinder in den Slums von Nairobi sowie der bedrückenden Angst der Menschen im von Konflikten gebeutelten Nahen Osten und in anderen benachteiligten Regionen der Welt. Anfangs hatte er mit Privilegierten zu tun: Als Manager von Werder Bremen jonglierte er tagtäglich mit Millionenbeträgen; als Bildungs- sowie Innen- und Sportsenator in Bremen kümmerte er sich beinahe ein Jahrzehnt lang um die Belange von Eltern, Schülern, Lehrern und Sportvereinen. Nun widmet er sich den Belangen Bedürftiger: Aus Bremen hinaus hat es ihn in die Welt gezogen – oder eher gerufen. Der gegenwärtige Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon hat den damals 61-jährigen Willi Lemke im März 2008 zu seinem Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden ernannt. Und schon musste Lemke seine Gelenkigkeit beweisen: Deutlich zeichnete sich der Spagat ab, den er nun in dieser kontrastreichen Welt würde leisten müssen. Kann man Profifußballer noch ernst nehmen, die immer höhere Gehälter fordern, während wenige tausend Kilometer südlich auf dem Erdball ein kleines halbnacktes Mädchen auf dem verseuchten Boden der Slums von Mathare sitzt, nach einer Plastikfolie greift und versucht, sich daraus einen Schuh zu basteln?

    Eine solche Kluft lässt sich nur überwinden, wenn man sich der Ungerechtigkeit der Welt bewusst ist, wenn man sich von ihr aber nicht stets in jeder Entscheidung, jeder Handlung ablenken lässt, sondern sie akzeptieren lernt. Und vielleicht lässt sich mit dieser Kluft arbeiten, lässt sie sich ein wenig verringern. Genau diese Hoffnung ist es, die Willi Lemke antreibt, wenn er mit Prinzessin Haya von Jordanien über erforderliche Gelder für Sportprojekte spricht, wenn er die Werder-Mannschaft zu einem symbolträchtigen Friedensspiel in Tel Aviv und anschließend in Ramallah anregen möchte. Mehr als 200.000 Dollar wurden bei einem Charity-Dinner in Dubai für einen Juala, einen aus Papier und Bindfaden hergestellten Ball aus den Slums von Nairobi, erzielt – ein Erlös, der Sportprojekte in Palästina ermöglichen oder für andere Projekte wie ein ’Youth Leadership Programme’ zur Förderung von role models aus benachteiligten Gebieten eingesetzt werden könnte. Diese Erfolge sind es, die die Kontraste seines Jobs so lohnend machen. „Es ist mein Traumjob“, gibt Lemke zu. Und dabei könnte man sein Mandat als unterbezahlt bezeichnen. Ein Dollar pro Jahr! Mehr erreicht die eigene Tasche Lemkes nicht. Und nicht einmal das: Der eine Dollar, den er nach Ablauf des ersten Amtsjahres von Ban Ki-moon bekam, wanderte nicht in Lemkes Tasche – er fand seinen Platz direkt an der Küchenwand in Lemkes Wohnung in Bremen.

    Ein Dollar pro Jahr

    Solche Anekdoten täuschen nicht lange über die Kämpfe hinweg, die Lemke austragen muss. Der Sport muss viele Hindernisse überwinden, bevor sich seine gesellschaftspolitische Funktion entfalten kann. Aidsprävention, Aggressionsabbau, Gleichberechtigung der Geschlechter, der Kampf gegen Vorurteile – das sind die Ziele, denen Lemke mit jedem erbauten Fußballplatz, jedem erfolgreichen Sportprojekt ein Stück näher kommt. „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg.“ Und dieser Willi kennt viele Wege. Zwar bedeutet der von ihm vollzogene Spagat eine enorme Anstrengung, denn die Kontraste kollidieren nicht selten miteinander. Dennoch ist zwischen beiden Größen – zwischen dem behüteten, privilegierten Leben in Bremen und den oft kriegsähnlichen Zuständen in afrikanischen und anderen Ländern der Welt – auch ein Zusammenhang erkennbar; ein Zusammenhang, der über den konkreten biographischen Horizont hinaus ragt: Die Erfahrungen im Sportmanagement und in Bremer Regierungskreisen bieten eine Quelle, aus der man schöpfen kann, um auf globaler Ebene Veränderungen zum Positiven anstoßen zu können. Lemke betont dabei die Bedeutsamkeit einer Hilfe zur Selbsthilfe. „Helfen oder unterstützen – für mich ist das ein großer Unterschied. ‚Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einen Tag lang satt, lehre ihn fischen und er wird nie mehr hungern.’“

    Besucht er Flüchtlingscamps, Sport- und Hilfsprojekte in Afrika oder anderswo, sieht er ungern europäische Mitarbeiter, die die einheimischen Kinder und Sportler betreuen. Plötzlicher Personalwechsel und das Einstellen finanzieller Hilfeleistung verursachen nicht selten den Niedergang von Projekten und den Rückfall in die auswegslose Armut. Projekte, die auf mehreren Schultern ruhen und ein solides Fundament in der Bevölkerung haben, getragen von role models – das sind die Konzepte, die Lemke fördern will. Als role models bezeichnet er junge Menschen, wie z.B. der 25jährige Kenianer Peter Ndolo, der selbst aus den Slums kommt, in dem Jugendprojekt MYSA aufwuchs und nun Medien- und Fotografiekurse in eben jenem Slum leitet, um die Kinder von der Straße zu holen. Ganz nach dem Motto: „Einer von uns hat es geschafft, dann können wir es auch schaffen.“ Solche Vorbilder, wie Peter es für die Kinder seiner Stadt ist, gilt es auszubilden.

    Keine Berührungsängste

    „Mr. Lemke is a man of the people“, sagt Peter Ndolo, den Lemke für drei Monate nach Deutschland holte, um seine Ausbildung hier zu vervollkommnen, um Erfahrungswerte zu gewinnen und diese zurückzutragen in sein Land, seinen Slum. Und tatsächlich: Berührungsängste hat Lemke nicht. Marathonläufe, zu deren Beginn der sportliche, quirlige Mann lediglich eine kurze Ansprache halten soll, läuft er spontan mit, hängt dabei seine Securities ab, feiert anschließend inmitten der einheimischen Bevölkerung. Immer ist er direkt dabei, scheut keinen Körperkontakt, fragt die Menschen frei heraus, was sie sich wünschen, wovor sie Angst haben. Er will die Leiden mit eigenen Augen sehen, das Elend mit der eigenen Nase erschnüffeln. Erfahrungswerte, wie etwa das Wissen darüber, was Fliegende Toiletten sind, – die er bei einem Gang durch die schlimmsten Elendsviertel Nairobis als zugeknotete Plastiktüten identifizierte, in denen die Menschen ihre Notdurft verrichten und sie anschließend auf die Straßen schmeißen –, stacheln seine Tatkraft weiter an. Mit seiner inneren Unruhe und seinem Tatendrang sorgt Lemke auch im System der Vereinten Nationen gelegentlich durch unorthodoxe Vorstöße für Aufsehen. Das nimmt er in Kauf. Er will Ergebnisse sehen, will Konkretes schaffen. Dies sagt er offen heraus. Auch wenn es ein Blauhelmsoldat ist, der ihm im Rebellengebiet der Elfenbeinküste gegenübersteht und ihm davon berichtet, dass bald für ihn und seine Kameraden ein Sportplatz errichtet würde. „Also, wenn Sie für sich einen Bolzplatz bauen, können Sie dann nicht auch einen für die örtliche Bevölkerung errichten?“ Der Blauhelmsoldat überlegt einen Moment, gibt nach – und heute steht in Bouaké tatsächlich ein Bolzplatz für die Bevölkerung.

    Aufmerksamkeit für das Amt

    Dieses Ereignis, das sich im Oktober 2008 an der westafrikanischen Elfenbeinküste zutrug, liefert nun den Titel zu Lemkes im März bei der DVA erschienenem Buch Ein Bolzplatz für Bouaké. Kritiker des 63-Jährigen werden sich fragen, warum dieser Mann noch mehr Aufmerksamkeit haben will, warum er nun auch noch ein Buch schreibt. Einen Mann wie Lemke weiter in die Öffentlichkeit zu rücken, ist gewiss nicht notwendig. Er weiß um seine Präsenz, nutzt sie bereits bei Großveranstaltungen, Sportevents und gelegentlichen Fernsehauftritten. Die Aufmerksamkeit gilt nicht in erster Linie seiner Person; sie gilt dem, was er transportiert. Sein Amt, seine Berichte, seine Erfahrungen haben das Zeug, erneute Diskussionen zu entfachen: über die auch hierzulande praktizierte Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen im Sport, über die in den Wahnsinn steigenden und jede Vernunft überrennenden Gehälter der Profifußballer, über die kaum wahrgenommene Aktivität behinderter Sportler in der Öffentlichkeit. Eine Diskussion über Angemessenheit, über Relationen. Darüber hinaus kann dieses Zuhören aufmerksam machen für die positiven Wirkungen, die der Sport – auch wenn nicht als Massenevent praktiziert – in anderen Erdteilen haben kann. Unisex-Fußballspiele, bei denen nur die Tore der Mädchen gezählt werden. Aufklärungs- und Aidspräventionsunterricht in der Halbzeit eines Fußballmatches, bei dem jede richtig beantwortete Frage dem Team einen Punkt einbringt, der zu den im Spiel erzielten Toren addiert wird. Fairplay und Verantwortungsbewusstsein, sanft transportiert im spielerischen Miteinander. Es sind nicht immer die anderen, die lernen müssen. Auch wir können uns an solchen Methoden ein Beispiel nehmen.

    Ein moralischer Appell – ja, manchmal ist er nötig. Nicht, weil Menschen von Grund auf schlecht und böse sind. Sondern weil sie vergessen, weil sie abstumpfen, sich an Kontraste und Ungerechtigkeiten gewöhnen. Manchmal muss man das Bild eines halbnackten Mädchens gezeigt bekommen, das verzweifelt versucht, sich aus einer Plastiktüte einen Schuh zu basteln. Nicht, damit man ein Schuldgefühl für das eigene Wohlergehen empfindet und sofort den nächsten Spendenschein ausfüllt. Nur, damit man die eigenen Schuhe wieder schätzen lernt. Und die Schritte, die man damit gehen kann.
    Simone Falk
    ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

    Willi Lemke: Ein Bolzplatz für Bouaké. Wie der Sport die Welt verändert und warum ich mich stark mache für die Schwachen, DVA, München 2010, 256 Seiten.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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