Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Islam als Lifestyle
    Was die islamische Medienrevolution bewirkt hat

    Amr Khaled © www.amrkhaled.net Freitag Abend zur allerbesten Sendezeit: Auf Dubai TV laufen die Majadiddun – Die Erneuerer. Noch eine weitere Reality-Show, könnte man denken; doch Die Erneuerer – das neue Projekt von Starprediger Amr Khaled – ist tatsächlich eine Erneuerung. Typisch Pop-Islam greift das Format bekannte Show-Elemente auf, versieht sie mit islamischen Vorzeichen und – schwupp – entsteht etwas Neues. Im Prinzip funktioniert Die Erneuerer wie eine Mischung aus Star Academy und  Dschungel-Camp: Sechzehn Kandidaten aus verschiedenen arabischen Ländern bekommen Aufgaben gestellt, die sie im Team bewältigen müssen. Nach jeder Folge werden zwei Kandidaten heimgeschickt und am Ende bleibt ein Sieger übrig. Damit enden dann allerdings die Parallelen zu bekannten Reality-Shows.

    Die Erneuerung, um die es Amr Khaled geht, ist die der islamischen Umma, und so müssen die Kandidaten nicht neue Pop-Songs einstudieren oder Mutproben bestehen. Sie müssen etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun: Eine Schule renovieren oder eine Kampagne entwickeln, mit der junge Muslime zu vernünftigerem Umgang mit dem Internet gebracht werden können. Die Teams wurden islamisch korrekt in ein Jungen- und ein Mädchenteam eingeteilt. Alle sechzehn sind sehr religiös und verstehen sich als Teil der „Sahwa-Erweckungs-Bewegung“. Zudem sind sie erfolgreich in dem, was sie tun. Da ist eine Zahnärztin aus Saudi Arabien, eine ägyptische Arbeitslose, die sich selbst aus der Misere gezogen hat und ein junger Mann, der ein Start-Up gegründet hat: Er betreibt eine Hochzeits-Agentur in Saudi Arabien. Ziel der Show ist es, Vorbilder zu schaffen. Es gibt keine verlässlichen Zahlen über die Zuschauerschaft, aber klar ist, Die Erneuerer ist ein großer Erfolg. Für Amr Khaled könnte die Show das Comeback bedeuten.

    Aufstieg und Fall des Amr Khaled

    Nach seinem kometenhaften Aufstieg zum Starprediger hatte seine Popularität  in den vergangenen zwei Jahren deutlich abgenommen. Seine Sendungen im Ramadan – Anfang des Jahrtausends waren sie der absolute Straßenfeger – liefen 2006 bis 2008 nicht so gut. Auch eingeschworene Fans fanden ihn abgehoben. Seine Reihe im Ramadan 2009 hingegen – er beschäftigte sich mit dem Leben des Propheten Moses und erzählte die Episoden jeweils am Originalschauplatz – kam wieder sehr gut an. Die Moses-Geschichten ebenso wie Die Erneuerer brachten ihm zudem Schlagzeilen, denn die ägyptische Regierung verweigerte ihm die Genehmigung, in Ägypten zu drehen. Im Konflikt zwischen Moses und dem Pharao wurden offensichtlich Parallelen zur aktuellen politischen Auseinandersetzung zwischen Regierung und islamischer Opposition vermutet. Gerüchte über eine Ausweisung Khaleds aus Ägypten wurden zwar dementiert, dennoch verlegte er seinen Wohnsitz einmal wieder nach England. Seiner Popularität tut dieser Skandal keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Auseinandersetzung mit der Regierung verleiht ihm Glaubwürdigkeit. 

    Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Amr Khaled im TV-Geschäft, er hat das Genre der islamischen Unterhaltung mitentwickelt und dadurch eine Generation geprägt. Schaut man sich um – unter Jugendlichen in Ägypten, aber auch in den Golfstaaten und in Europa –, so stellt man fest: Amr Khaled und Co. ist gelungen, was sie sich vorgenommen haben. Es gibt kaum noch junge Muslime, die nicht religiös sind, nicht beten und nicht die Accessoires der neuen Frömmigkeit tragen: Schickes Kopftuch, Gebetsfleck und feingestutztes Bärtchen. Eine neue Jugendstudie vom National Population Council hat bei der Befragung von 15.000 ägyptischen Jugendlichen unter 29 Jahren herausgefunden, dass nur 0,5 Prozent der muslimischen Mädchen im kopftuchfähigen Alter keinen Hijab tragen.    

    Boom des Islam-TVs

    Als Amr Khaled 1997 anfing im Mittelstandsviertel Mohandessin zu predigen, gab es gerade einmal einen islamischen TV-Kanal: Den saudisch finanzierten Iqraa. Gemeinsam mit seinem damaligen Produzenten Ahmed Abu Haiba entwickelte Khaled sein erstes TV-Format. Bei ihm traten Filmsternchen auf und erklärten, warum sie für die Religion ihre Karrieren an den Nagel gehängt hatten. Khaled verfeinert auch das Erzählgenre im TV: Er berichtet über den Propheten und seine Gefährten, als wäre er selbst dabei gewesen; durch Beispiele und durch die Verwendung der ägyptischen Umgangssprache gelingt es, den Bogen zum Leben der Zuhörer zu schlagen. Wichtig ist, dass die Geschichten ans Herz gehen und die Zuhörer weinen dürfen. Er predigt einen Mitmach-Islam. Statt zu warten, dass die Regierung etwas für sie tut, sollen die Jugendlichen ihr Leben in die eigene Hand nehmen und etwas für die Gesellschaft tun, so die Botschaft.

    Khaled, studierter Buchhalter, war der erste des Typs der „Dawiin al Gudud“, der neuen Prediger: Doch er fand schnell Nachahmer und Mitstreiter, die jeweils eigene Zielgruppen hatten: So wie Moez Massoud sich eher an die Privatschul-Teenies richtete, bediente Khaled al Guindy eher die konventionelleren Zuhörer. Das religiöse Establishment ignorierte zunächst den neuen Trend, dann ging es zur Kritik über. Ohne Ausbildung dürfe sich niemand zum Islam äußern. Die neuen Prediger betonten ihrerseits, dass sie keinesfalls Fatwas erlassen würden, sie seien „Einladende“ zur Religion. „Wir haben viel zu spät auf diese Entwicklung reagiert“, räumt Scheich Salim al Guindy ein. Er bezeichnet sich selbst als die Antwort der traditionellen religiösen Azhar Universität auf die neuen Prediger. Der eloquente Gelehrte tritt in TV-Shows auf. In Auftreten und Botschaft ähnelt er den neuen Predigern. Indirekt legitimieren die Offiziellen dadurch allerdings ihre Laienkonkurrenz: Wenn Al-Azhar das Gleiche macht wie die Laienprediger, dann können diese ja nicht so schlecht sein, so die Logik vieler Zuschauer. 

    Erzieherischer Anspruch

    Doch nicht nur die Zahl der Prediger vervielfachte sich im vergangenen Jahrzehnt: Inzwischen konkurrieren über vierzig Islam-Sender um die Zuschauergunst. Die meisten entstanden aus Initiativen reicher Geschäftsleute und Regierungen. In den Zeiten der Krise zwischen dem Westen und dem Islam wollten sie das Image des Islam verbessern. Andere richten sich an Jugendliche in der arabischen Welt. Allen Sendern ist gemein, dass sie ihren Zuschauern „den richtigen“ Islam vermitteln wollen und einen erzieherischen Anspruch haben, der unterschiedlich gut durch Unterhaltung kaschiert wird.

    „Ich bin sehr enttäuscht, wenn ich viele dieser Programme anschaue. Sie sind wahnsinnig schlecht gemacht: Da sitzt ein Mann mit Bart in einer billigen Studiodeko und erzählt langweiliges Zeug. Das war es doch genau, was wir abschaffen wollten“, sagt Ahmed Abu Haiba. Der ehemalige Produzent von Amr Khaled bezeichnet sich selber als Erfinder der neuen islamischen Medien. Er war zwischenzeitlich Manager des 2006 gegründeten Al Risala – Die Botschaft, einem Muslimbruder-Projekt. „Wir hatten vor, einen Sender für die Jugend zu machen, aber Umfragen ergaben, dass unsere Zuschauer alle über vierzig Jahre alt sind. Da kam ich zu dem Schluss, dass da etwas falsch läuft“, sagt Abu Haiba. So gründete er vor einem Jahr 4Shbab. Für die Jugend bringt 24 Stunden islamisch korrekte Musik-Clips, Spiele und Diskussionen. Abu Haiba sieht darin die konsequente Weiterentwicklung seiner Erfahrungen: „Wir wollen kein religiöses Programm machen, denn das schauen nur Jugendliche an, die Interesse an Religion haben. Wir machen Unterhaltung für alle Menschen, nur dass unsere Unterhaltung Werte beinhaltet“. Die islamischen Medien seien noch nicht ausgereift und würden sich ständig weiterentwickeln. So war es in der Frühphase verpönt, dass sich Musiker wie Sami Youssef wie Stars feiern ließen und reich wurden. Islamisch korrekte Musik sollte sich auch in der Bescheidenheit der Interpreten äußern. „Viele haben diesbezüglich ihre Meinung geändert“, so Abu Haiba. „Die islamischen Medien bieten neuartige Stars: Sie sind tolle Sänger und zugleich vorbildliche Muslime. Sie sind es wert, dass unsere Jugend sie zum Vorbild nimmt.“

    4Shebab produziert einen Großteil seines Programms in Kairo, allerdings treten vergleichsweise viele Moderatoren mit Golfakzent auf. Dies ist ein Tribut an die saudischen Geldgeber. Da der Sender keine Sendelizenz für Ägypten hat, erfolgt der Uplink aus Bahrain. Abu Haiba vermutet hinter dem Sendeverbot eine einseitige Parteinahme der ägyptischen Regierung für die strengreligiösen salafistischen Sender. Der Grund sei, dass Programme wie Al Nas und Al Rahma, die senden dürfen, sich im Gegensatz zu 4Shbab von politischen Themen fernhielten. Tatsächlich dominieren Frauen- und Familien-Themen die Predigten und Call-Inns dieser Sender, die einen worttreuen, wenig toleranten Islam verbreiten. Das Überangebot an Programmen dieser Art schiebt Abu Haiba auf die vielen Geldgeber: Wer am Golf etwas auf sich hält, investiert in einen Fernsehsender. Außer vielleicht Al Nas hat aber keiner der Sender eine größere Fangemeinde.

    Zehn Jahre islamische Medien haben eine Generation geprägt. Abu Haiba ist stolz darauf: „Wir haben es geschafft, den Islam als Lifestyle zu etablieren“, sagt er. Allerdings sei der Islam für viele vor allem ein modisches Accessoire. „Solange die Mädchen mehr Eifer darauf verwenden, ein Kopftuch zu shoppen, als das Gebet im Morgengrauen zu verrichten, haben wir das Ziel noch nicht erreicht“. Die Islamisierung verlaufe in Stufen und bisher hätte erst ein Bruchteil der Jugendlichen die Stufe der äußerlichen Frömmigkeit überwunden und ginge jetzt an die Vertiefung und Umsetzung der Werte.

    Bildung statt Koran

    Mohammed Hamed, der ebenfalls zu den Begründern der Pop-Islam-Bewegung gehört, ist skeptischer. Die Beschränkung der Religiosität auf Äußerlichkeiten zerstöre die Bewegung: „Das ist der Grund, weshalb viele Mädchen aus der gebildeten Schicht das Kopftuch inzwischen wieder abgelegt haben,“ sagt er. Sie hätten sich für den Islam entschieden, weil sie ein besseres Leben haben wollten. „Doch sie stellten fest, dass es immer nur ums Kopftuch geht und wem man die Hand gibt und wem nicht. Da waren sie enttäuscht. Dafür hatten sie nicht ihr früheres Leben mit Reisen und Freiheit aufgegeben“, so Hamed. Vor knapp zehn Jahren eröffnete er im ganzen Land Zentren zum Auswendiglernen des Korans. Inzwischen bieten sie auch Sozialwissenschaften und Computerkurse an: „Wir haben festgestellt, dass man mit dem Auswendiglernen des Korans alleine nicht die Gesellschaft verbessert.“ Die Menschen müssten in erster Linie bessere, gebildetere Menschen werden.

    Und Amr Khaled? Der Superstar unter den islamischen Predigern greift mit Die Erneuerer Erfahrungen und Kritik auf: Er bietet ein professionell produziertes Unterhaltungsprogramm, das sowohl die Probleme der Gesellschaft angeht als auch die gut qualifizierten, erfolgreichen und zugleich gläubigen Muslime einbindet und zeigt, dass sie es sind, welche die Sahwa vorantreiben müssen. Das Innovativste an Die Erneuerer allerdings ist, dass es am Ende nicht nur darum geht, wer das Preisgeld bekommt: In einem Interview mit der Zeitung Masry al Yaum hat Amr Khaled gesagt, dass er mit seinen 42 Jahren langsam zu alt werde, um die Jugend zu vertreten. Kurz: Er sucht einen Nachfolger.
    Julia Gerlach
    ist deutsche Journalistin in Kairo.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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