Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Dauerkrise und Überangebot
    Medien in Libanon

    Zeitungsleser in der Al-Azhar Moschee in Kairo. Foto: Markus Kirchgessner Wie viele Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehkanäle verkraftet ein Land mit nur vier Millionen Einwohnern? Nicht viele, könnte man meinen. Nicht so in Libanon. Dort erscheinen 13 Tageszeitungen, ungefähr 300 Wochen-, Monats- und Quartalszeitschriften. Hinzu kommen acht einheimische Fernsehstationen und unzählige importierte internationale Printmedien. Zudem ist die ganze weltweite Palette an Satellitensendern im Abonnement preiswert erhältlich. Das Angebot ist erdrückend. Und von Zeit zu Zeit kommen neue Medien hinzu, die Tageszeitung al-Akhbar etwa oder die Erotikhochglanzzeitschrift Jasad. Und letztes Jahr ging der Fernsehkanal MTV von Gabriel al-Murr, Abkömmling der mächtigen Familie al-Murr, wieder auf Sendung. Die Libanesen sind beileibe keine eifrigen Zeitungsleser. Alle Tageszeitungen zusammen verkaufen lediglich 60.000 Exemplare pro Tag, bei den Zeitschriften sind es einige Hundert. Die Fernsehstationen müssen sich einen winzigen Werbemarkt teilen. Zwangsläufig stellen sich die Fragen nach dem Grund für diese Reichhaltigkeit und nach dem Geheimnis des Überlebens dieser Medien.

    Ausnahmesituation

    Die Medienlandschaft in Libanon ist eine Ausnahmeerscheinung im arabischen Raum. Vom libanesischen Staat gelenkte oder kontrollierte Medien gab es nie und gibt es bis heute nicht, abgesehen von dem bedeutungslosen und am Rande des Bankrotts arbeitenden Fernsehsender Télé Liban. Die bitteren Kämpfe, die Journalisten und Zeitungsverleger in arabischen Ländern gegen den Staat für die Meinungsfreiheit führen, kennen ihre libanesischen Kollegen in dieser Form nicht. Die Presse in Libanon wird oft als die freieste in der arabischen Welt beschrieben. Sie genießt einen guten Ruf. Sie wird mit den Etiketten liberal, pluralistisch und professionell versehen. Dieser Ruf geht auf ihre Blütezeit in den 50er und frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zurück. Davon zehrt sie bis heute. Der damalige Staatspräsident Camille Chamoun hob die Restriktionen seines Vorgängers auf und machte den Weg frei für neue Lizenzen. Das führte zu einer nie da gewesenen Zahl an Neugründungen. Bereits damals zeichnet sich ein Grundübel und das größte Problem der libanesischen Medien ab, die Abhängigkeit von den Geldgebern, oft politische Führer verschiedener Fraktionen. Die inflationäre Zahl an neuen Zeitungen veranlasste den Zeitungsverband, den Staatspräsidenten zu einem Stopp der Lizenzen zu drängen. Der Stopp gilt bis heute.

    Der Aufschwung der Presse in Libanon ist eng verknüpft mit den politischen Veränderungen in der Region und der veränderten Rolle des Landes. Nach der Gründung des Staates Israel 1948 wurde der nördliche Nachbar zur neuen Transitroute. Der kleine Zedernstaat mauserte sich zur Handels- und Finanzdrehscheibe des Nahen Ostens. Mit dem Putsch der Freien Offiziere 1952 und dem zunehmenden Druck von Gamal Abdalnasser auf Printmedien und Verlage, übernahm der Libanon die frühere Rolle Ägyptens als Hauptstandort panarabischer Medien. Lange Zeit saß die Mehrheit der Leser libanesischer Zeitungen und Zeitschriften nicht in Beirut, sondern am arabischen Golf oder in Bagdad. In den 50er Jahren wurden auch maßgebliche technische Neuerungen eingeführt und eine Professionalisierung der journalistischen Arbeit eingeleitet.

    Abhängigkeit von Geldgebern

    Das liberale Pressegesetz, das vom Präsidenten Fuad Chihab 1962 auf den Weg gebracht wurde, ist in weiten Teilen bis heute gültig. In diesem Gesetz werden allerdings auch die Restriktionen festgelegt, an die sich libanesische Journalisten halten müssen: die Berücksichtigung der nationalen Sicherheit und der Einheit des Landes oder die Unterlassung konfessioneller Aufwiegelung. In der Praxis sind es nicht diese Einschränkungen, die die journalistische Arbeit erschweren. Es sind die selbstgesetzten Grenzen und Tabus der Journalisten und Chefredakteure, die an die Loyalitäten zu ihren Finanziers gebunden sind. Die Kehrseite der zentralen Rolle Libanons als Standort panarabischer Presse sind die Versuche verschiedener arabischer Regime und Parteien, die Medien als Sprachrohr ihrer Politik zu gewinnen. Viele Anekdoten werden überliefert von Staatsoberhäuptern, die ihre Emissäre aussenden, um mit Geld gefüllte Kuverts in Redaktionsstuben zu verteilen. Auch indirekte Zuwendungen wie Papierlieferungen kommen bis heute vor. Aber nicht nur Zuckerbrot, auch die Peitsche wird von Handlangern arabischer Regierungen geschwungen, um Journalisten gefügig oder mundtot zu machen. Kamel Mroueh, Chefredakteur von al-Hayat, ist 1966 ermordet worden. Salim al-Lawzi, Chefredakteur der Zeitschrift al-Hawadith, wurde 1980 entführt und getötet. Gibran Tueni, Chefredakteur von an-Nahar und Samir Kassir, Journalist in der gleichen Zeitung, sind 2005 Opfer von Autobomben geworden.

    Libanesische Medien sind heute Spiegel einer entlang religiösen und politischen Verwerfungen tief gespaltenen Gesellschaft. Keine Fernsehstation, mit Ausnahme von Télé Liban, und keine Zeitung richtet sich an alle Libanesen. Der Adressat ist stets die Gruppe, die mit dem politischen Projekt übereinstimmt oder sympathisiert. Al-Mustaqbal, Name einer Zeitung und gleichnamiger Fernsehstationen, steht für den ermordeten Rafik al-Hariri, seinen Sohn Saad und den Großteil der Sunniten im Land. Der Fernsehsender Al-Manar ist Sprachrohr vieler Schiiten und der Hisbollah. Besonders in Zeiten innenpolitischer Spannungen, etwa nach dem Krieg 2006 oder im Vorfeld der Parlamentswahlen 2009, scheuen sich die Medien nicht, Öl ins Feuer zu gießen. Klare Parteinahme und Aufstachelung zu konfessionellen Unruhen verstoßen zwar gegen das Gesetz für Audiovisuelle Medien aus dem Jahr 1994. Aber Strafen sind angesichts der politischen Deckung, die diese Medien genießen, nicht zu erwarten.

    Auffällig ist die Politiklastigkeit der Medien. Abend für Abend und zum Frühstück werden Scharen von Politikern und Kommentatoren durch Talkshows geschleust. Auch die Zeitungen reservieren stets die ersten Seiten für politische Themen, ungeachtet der Relevanz. Ist das wirklich das, was Libanesen Tag für Tag sehen und lesen wollen? Dass die Bedürfnisse durchaus woanders liegen, zeigt das Echo auf Marcel Ghanims Talkshow Kalam an-Nas auf LBC im Januar 2010. Der Talkmaster hatte nicht wie üblich in seiner wöchentlichen Sendung einen Abgeordneten oder Minister zu Gast, sondern Experten zum Thema Verbraucherschutz bei Nahrungsmitteln. Gravierende gesundheitsschädliche Verunreinigungen bei Käse, Wasser und Fleisch förderten sie zutage. Die Sendung war so erfolgreich, dass die nächsten Folgen ähnliche Themen aufgriffen.

    Experimente

    Das Experiment der Neugründung al-Akhbar zeigt einerseits, dass der Bruch mit Gewohntem von Lesern honoriert wird, andererseits aber, dass auch diese neue Zeitung die üblichen ungeschriebenen Gesetze der libanesischen Medien befolgt oder befolgen muss, um überhaupt existieren zu können. Die Tageszeitung, am 14. August 2006 erstmals auf dem Markt, erscheint im handlichen Tabloid-Format, ist übersichtlich strukturiert, mit festen Rubriken, reißerischen Überschriften, bunten Fotos und Hang zur Polemik. Sie gehört neben an-Nahar und as-Safir zu den am meisten verkauften Zeitungen. Vor allem junge Menschen gehören zu den Käufern. Nach eigenen Angaben erreicht die Onlineausgabe die Klickzahlen der überregionalen al-Hayat. Finanziert wird al-Akhbar nach der Aussage des Chefredakteurs Khalid Saghiye von „Geschäftsleuten“. Das Blatt definiert sich als eine linke Zeitung, die gegen die amerikanische Politik in der Region anschreibt und sich klar für die Waffen der Hisbollah ausspricht. In der täglichen Berichterstattung heißt das, Belange einfacher Bürger werden verstärkt thematisiert, die Wirtschaftspolitik der Regierung wird sehr kritisch verfolgt, aber das heißt auch, dass die Machtpolitik der Hisbollah und ihr Verbündeter Syrien nicht hinterfragt wird. Diese junge Zeitung, die visuell innovativ daherkommt, fügt sich nahtlos in die politische Landkarte der libanesischen Presse ein.

    Als Ende 2009 eine zuvor nie da gewesene Entlassungswelle einige namhafte libanesische Medien erfasste, war plötzlich das Wort Krise in aller Munde. An-Nahar etwa setzte altgediente Mitarbeiter auf die Straße. LBC trennte sich von ungefähr 200 Journalisten und Technikern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die altehrwürdige Tageszeitung erlebt einen Generationenwechsel. Die junge Naila Tueni, Enkelin von Ghassan und Tochter von Gibran Tueni, führt nun die Geschicke des Blattes. Auf Anraten von Wirtschaftsprüfern, wie es offiziell heißt, sollen Personalkosten eingespart werden. Ähnliches ist von LBC zu hören. Wobei bei beiden Medien der saudi-arabische Medienmogul Prinz Walid ibn Talal als Anteilseigner beteiligt ist. Die Beschreibung Krise trifft nicht nur auf diese beiden Medien zu. Wenn Zeitungen, Fernseh- oder Radiostationen nicht aus eigener Kraft existieren können, kein wirklicher Wettbewerb stattfindet und keine Transparenz bei der Finanzierung besteht, dann ist die Situation dieser Medien nicht zum Besten bestellt. Liberale Pressegesetze vermögen gegen Selbstzensur und „Dienstleistungsjournalismus“ nicht viel auszurichten.
    Mona Naggar
    lebt als deutsche Journalistin in Libanon.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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