Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Forum am Freitag
    Muslime in deutschen Medien

    Abdul-Ahmad Rashid. Foto: ZDF Der Anruf erreichte mich Anfang 2007 im Taxi in Berlin: „Mein Name ist Reinold Hartmann, ZDF in Mainz“, stellte sich die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung vor. „Wir planen eine neue Sendung über den Islam in Deutschland und suchen dafür Redakteure. Aus diesem Grund würden wir Sie gerne kennenlernen.“ Viele Jahre hatte ich bis dahin als freier Hörfunkjournalist für die ARD gearbeitet; als Islamwissenschaftler lag der Schwerpunkt meiner Arbeit auf der Berichterstattung über das muslimische Leben in Deutschland sowie über die Region des Nahen Ostens. Eine neue Sendung über Muslime in Deutschland mitzuentwickeln, erschien mir daher äußerst reizvoll. Von der neuen Sendung Wort zum Freitag, wie der Name damals noch angedacht war, hatte ich bereits gehört. Aber eine Mitarbeit wäre mir damals nicht im Traum eingefallen. Denn ein solcher Anruf ist wohl der Traum jedes Journalisten!

    Seit Juni 2007 bin ich nun Mitglied der Redaktion Kirche und Leben im ZDF. Und ich finde es außerordentlich spannend, an einem neuen Format mitzuwirken und eine neue Sendung mitzugestalten. Eine Sendung, die ihresgleichen in der Medienlandschaft in Deutschland sucht. Das Forum am Freitag – so der endgültige Name – ist einmalig, denn es gibt Muslimen in Deutschland die Gelegenheit, aus erster Hand Informationen über ihren Glauben, ihre Kultur und Traditionen sowie ihren Alltag in Deutschland zu vermitteln. Viele Menschen reden über Muslime, doch niemand weiß genau, wie Muslime denken, wie sie fühlen, wie ihr Leben in Deutschland aussieht. Die Literatur über Muslime in Deutschland besteht aus einer Handvoll Bücher. Auch die Islamwissenschaft beschäftigt sich in abgehobener Weise lieber mit Themen wie der Mode im Bagdad des Mittelalters, anstatt über diese enorm wichtige Gruppe in der deutschen Gesellschaft zu forschen. Das Forum am Freitag schließt hier eine wichtige Lücke.

    Was ist das Forum am Freitag? Es ist die erste Sendung eines öffentlich-rechtlichen Senders in Deutschland, in der Muslime sich selbst in das Programm einbringen, selbst Programm machen. Sie gehört zum Online-Angebot des ZDF, ist also im Internet zu sehen, und läuft auch im ZDF-Infokanal, dem Satellitenfernsehen des Senders. Jeden Freitag wird ein Thema behandelt mit einem Gespräch, das als Abrufvideo auf die Internetseite gestellt wird. Mein Kollege Kamran Safiarian und ich betreuen als Redakteure die Sendung und führen als Moderatoren die Gespräche mit den Gästen, alles muslimische Persönlichkeiten aus Deutschland. Das Angebot wird abgerundet durch ein so genanntes Wissensmodul und Diskussionsmöglichkeiten in einem moderierten Internetforum. So entsteht im Internet ein lebendiger Dialog, und die Chancen des Internets werden auf diese Weise bestmöglich genutzt. Die Videos werden bis zu 10.000 Mal in der Woche angeschaut. Die Diskussionsplattform wird monatlich über 100.000 Mal angeklickt. Im Infokanal läuft die Sendung jeden Freitag um 16.15 Uhr.

    Für die Macher des Forums stellt sich immer wieder eine ganz grundsätzliche Frage. Wer sind die Muslime? Gibt es überhaupt die Muslime? Und wer spricht für die Muslime? So haben wir als Gesprächsgäste Vertreter der großen Verbände ebenso wie nichtorganisierte Persönlichkeiten. Sunniten, Schiiten, Aleviten sind vertreten, Frauen, die ein Kopftuch tragen, und solche, die dies nicht tun. Gesprächspartner, für die Religion ein öffentliches Anliegen darstellt, und solche, die beispielsweise sagen: „Das ist Privatsache, ich definiere mich zunächst einmal als Frau und Mutter, dann als Geschäftsfrau, und erst dann kommt die Religion“. Auf diese Weise ergibt sich ein differenziertes Bild von Muslimen, die unterschiedliche Mentalitäten und Identitäten haben: in der Religion, aber auch im alltäglichen Leben. Diese Pluralität darzustellen und vor allem zu Wort kommen zu lassen, ist ein wichtiges journalistisches Ziel, welches sich das Forum am Freitag vorgenommen hat. Denn: Die Muslime gibt es nicht.

    Das spiegelt sich auch im Themenspektrum wider. Es reicht von „Moscheebau in Deutschland“ oder „Fasten im Ramadan“ über unterschiedliche Koranauslegungen  bis hin zu Themen wie „Muslimische Jugendliche und Gewalt“ oder „Muslimisches Seniorenheim“. Viele dieser Themen strahlen in das ZDF-Hauptprogramm aus und immer öfter werden wir gebeten, Beiträge für die verschiedenen Sendungen zu realisieren. Die Erfahrungswelt des ZDF-Programms wird durch unsere Redaktion bereichert und diese besondere Kompetenz ist ganz konkret im Programm wieder auffindbar. So zum Beispiel in einer halbstündigen Dokumentation über die Hadsch, die wir im Dezember 2008 gemacht haben: Als pilgernde Journalisten durften wir an den nur für Muslime zugänglichen heiligen Orten des Islam die dazugehörigen Rituale miterleben und filmen.

    Übrigens: Zum Start des Forums gab es kaum eine Zeitung, die über dieses Vorhaben nicht berichtet hätte. Das Forum hat Furore gemacht. Heute passiert dies kaum noch. Das Forum am Freitag ist in der Normalität angekommen. Eigentlich eine gute Nachricht. Wer hätte das zum Start im Sommer 2007 gedacht?

    Dennoch bleibt dieses wichtige und auch gut angenommene Angebot ein Programm am Rande – für die speziell Interessierten. Während der Arbeit werde ich oft gefragt, an wen sich die Sendung denn eigentlich richte? Und die Fragesteller geben gleich die Antwort mit: „An Euch Muslime wohl nicht, ihr kennt ja Eure Religion.“ Ein verbreiteter Irrtum. Es wird vorausgesetzt, dass Muslime ihren Glauben mit der Muttermilch aufgenommen hätten. Und dass alle Muslime religiös seien und ihren Glauben praktizierten. Dem ist nicht so. Viele Muslime haben rudimentäre Kenntnisse über den Islam und kennen bisweilen nur die Eckdaten ihrer Religion. Auch für sie ist eine Sendung wie das Forum interessant. Und für diejenigen Muslime, die ihren Glauben besser kennen, ist das Forum ebenfalls eine Bereicherung, denn wir beleuchten unsere Themen oft von einem anderen Standpunkt. Und für die große Zahl der am christlich-islamischen Dialog interessierten Nicht-Muslime stellt das Forum am Freitag mittlerweile eine wichtige Informationsquelle dar. Sie können Woche für Woche die Meinungen und Ansichten zu Themen hören, die sie schon seit langem interessieren, nach dem Motto: „Was Sie schon immer über den Islam wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten.“ Die große Zahl der Einträge in unserem Diskussionsforum spiegelt das große Interesse bei den Usern wider. Die kontroversen Einträge und Diskussionsbeiträge zeigen aber auch, wie sehr sich die Menschen an dieser Thematik reiben.

    Eine andere Frage, die häufig an uns herangetragen wird, lautet: „Warum läuft das Forum am Freitag nur im Internet und im Info-Kanal und nicht im Hauptprogramm?“ Da die Muslime in Deutschland keine anerkannte Religionsgemeinschaft sind, haben sie auch keinen Vertreter im Fernsehrat des ZDF. Sie können somit auch nicht die Inhalte der Sendungen mit verantworten. Doch das genau wäre die Voraussetzung für eine eigene Sendung. Das Forum liegt somit in der redaktionellen Verantwortung der Redaktion Kirche und Leben. Um Vertrauen in der muslimischen Gemeinschaft zu schaffen, haben die Verantwortlichen beim ZDF sich entschieden, zwei Redakteure muslimischen Glaubens für die Sendung einzustellen. Und das Internet bietet für den User viele Vorteile: Es ist überall auf der Welt rund um die Uhr abrufbar, man kann so viele Bits und Bytes einstellen, wie man will und Beiträge archivieren. Die Ausstrahlung des Forums im Info-Kanal unterstützt dies und macht die Sendung einem größeren Fernsehpublikum bekannt.

    Die positive Resonanz auf das Forum seit dem Start im Sommer 2007 zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ein Kompliment war die Äußerung von Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, dass das Forum „ein wichtiger Markstein auf dem Weg einer Normalität des Islam in Deutschland“ sei. Diese und andere positive Äußerungen sind die Motivation und der Ansporn für unsere Arbeit, die hoffentlich noch viele Früchte trägt.
    Abdul-Ahmad Rashid
    ist Redakteur des Forums am Freitag im Zweiten Deutschen Fernsehen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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