Foto: Kai Wiedenhöfer

    Migration

    Nie mehr Migrations-Ali

    Hier zu Hause, hier erfolgreich: Die neue türkischstämmige Mittelschicht. Vier Porträts.

    Rebell. Verrottender Altbau, blätternde Farbe, die Wohnung eine Sperrmüllhöhle. Das Chaos ist allerdings liebevoll zusammengestellt: Bilder in unterschiedlichen Stadien der Vollendung, Manuskripte, Abwasch, baumelnder Ethno-Kitsch. Roter Plüschbezug auf dem Klo, offenkundige Verachtung für verbürgerlichte Putzstandards. Künstlerbehausung!, schreit diese Wohnung.

    Hier lebt Feridun Zaimoglu, Bestsellerautor, 38. Eine bestechende Idee machte ihn vor Jahren bekannt: Im Stadtteil Gaarden seiner Heimatstadt Kiel sprach er mit Rappern, Zuhältern, Kleinkriminellen, Arbeitslosen – den „randständigen“, aber gleichzeitig, wie Zaimoglu sagt, „virilen“ und „vitalen“ Jungmännern der türkischen Gemeinschaft. Er ließ sie reden über Gott und ihre Weltsicht und suchte nach einer adäquaten Übertragung ihres wilden Sprachgemischs ins Deutsche. Genial (und extrem marktgängig) war der Name, den Zaimoglu für das Idiom erfand: Kanak Sprak. So lautete auch der Titel seines 1995 erschienenen Erfolgsbuchs. Kanak? So kann der aufgeklärte deutsche Gutmensch seine ausländischen Mitbürger doch nicht nennen. Aber wenn sie selbst es tun?

    Damit hatte Zaimoglu einen effektiven Weg gefunden, sich in den deutschen Feuilleton-Diskurs hineinzuboxen: Tabubruch, Rebellentum. Andere wählen konventionellere, wenngleich nicht weniger wirksame Strategien. Die Zahl der türkischstämmigen Selbstständigen in Deutschland wächst stetig, ebenso die der Akademiker. Wenn sich im Pisa-gebeutelten Deutschland irgendwo eine Bildungsreserve vermuten lässt, dann unter den deutschtürkischen Jugendlichen. Die Biografien der Erfolgreichen zeigen aber auch, welche Entschlossenheit, welcher Fleiß, nicht selten welcher Mut nötig sind, um sich einen Platz in dieser Gesellschaft zu erkämpfen. Diesen Willen, sich das Leben in Deutschland zu Eigen zu machen, kann kein staatliches Förderprogramm ersetzen. Feridun Zaimoglu ist ein sehr lebendiges Beispiel dafür, dass Integration nicht Anpassung bedeuten muss – auch nicht an die Erwartungen der Mediengesellschaft. „Seit Kanak Sprak könnte ich jede Woche als Fremdvölkerkundler in einer Talk-show auftreten und den Veranstaltern eine Freude machen, die an Verständigung durch Petting glauben“, sagt Zaimoglu. „Aber ich habe keine Lust.“

    Lauwarme Gefühle liegen ihm nicht, aber der Mann hasst differenziert, zum Beispiel die gut gemeinte Tendenz deutscher Bildungsbürger, problematische Verhaltensweisen der eingewanderten türkischen Unterschicht mit „Mittelschichtsbegriffen“ schönzureden. „Diese Leute müssen mal kapieren, wie weit die Landnahme durch die Ethnos in manchen Gegenden Deutschlands fortgeschritten ist.“ Fast ebenso sehr verabscheut er die Selbstbespiegelung der deutschen Generation Golf. „Diese Mittelstandsneurosen, diese Playmobil-Leben, das ist doch auch nicht zum Aushalten.“

    Was ist ihm noch zuwider? Podiums- und Schriftstellerkolleginnen, die auf „Exoten-Weibchen“ machen. „Ach, was sind wir heute authentisch, so besonders authentisch, so temperamentvoll.“ Und allgemeines Einwanderergejammer über die Ausgrenzung in der deutschen Gesellschaft. „Solchen Leuten sag ich: ,Du Blödmann, lern erst mal, deutsche Nachnamen richtig auszusprechen und beschwer dich dann darüber, dass deiner falsch ausgesprochen wird.‘“

    Doch auch für diesen toughen Intellektuellen-Macker gibt es Grenzen. Er habe den Ehrgeiz, sagt Zaimoglu, es als deutscher Autor weit zu bringen. Und da hört der Spaß auf. Sein 2002 erschienener Roman German Amok ist von der Kritik ebenso gnadenlos verrissen worden, wie Kanak Sprak bejubelt wurde. Es hagelte Beschimpfungen wie „Kultursöldner“, es gab widerliche Anspielungen auf das Sexualleben des Autors. Zaimoglu weiß, dass er an den Aggressionen, die er auf sich zieht, nicht vollkommen unschuldig ist, schließlich teilt er auch aus – in German Amok gegen die dekadente Berliner Kunstszene. „Die Botschaft der Rezensionen war aber ganz klar“, sagt er. „Migrations-Ali versucht, einen auf Kultur zu machen. Das soll er mal lieber lassen.“ Über das deutsche Feuilleton sagen diese Kritiken mehr als über Zaimoglus Buch. Der hat sich allerdings schon wieder berappelt – spätestens, seit er Anfang Juli den Preis der Jury des Klagenfurter Literaturwettbewerbs erhielt. (...)

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    Susanne Gaschke
    ist Journalistin und schreibt u.a. für die Wochenzeitung Die Zeit, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.

    Juni 2006

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