Foto: Kai Wiedenhöfer

    Reisende Kulturen

    Der Weg nach Kangaba

    © Photo: Guy HelmingerEin Reisebericht aus Mali.

    In Bamako stellte ich mich an die dicht befahrene Straße hinter die Brücke der Märtyrer und winkte nach einem Taxi. Um elf Uhr morgens waren es bereits 32 Grad. Die Luft stand. Nur die Abgase der verbeulten Wagen atmeten sich schwerfällig in meine Lungen und hinterließen einen Geschmack aus Rost und Benzin auf der Zunge. Ich schwenkte meinen Arm, versuchte hüpfend auf mich aufmerksam zu machen, aber alle Autos hupten an mir vorbei. Also fragte ich einen Polizisten, in welche Richtung ich eigentlich müsste, um nach Djigorony Para zu gelangen. Von dort aus wollte ich mit dem Buschtaxi ins neunzig Kilometer südlich gelegene Kangaba. Der Polizist musterte mich, antwortete aber nicht, blies energisch in seine Trillerpfeife, während er ruckartig den Arm hob. Sofort bremste ein Taxi.
    Auf dem Rücksitz hielt sich eine Frau, die auf den Fahrer einredete. Sie hatte eine Wunde am rechten Auge und schimpfte. Der Fahrer zuckte ununterbrochen mit den Achseln, verteilte die gelangweilten Züge immer wieder neu in seinem Gesicht, während wir über die Brücke in die Stadt hinein rumpelten und die Frau zu einem Arzt brachten.
    Anschließend wendete der Fahrer den Wagen und wir fuhren zurück, überquerten erneut den Niger, in dem die Frauen die Wäsche wuschen, und an Wellblechhütten vorbei ging es eine halbe Stunde stadtauswärts. Ein nicht enden wollender Markt säumte linkerhand den Straßenrand. Ich hatte eine Flasche Wasser und ein in zwei Teile gebrochenes Baguette in meinem kleinen Rucksack, für alle Fälle – neunzig Kilometer waren ja keine Weltreise – und so schloß ich kurz die Augen und überließ meinen Kopf dem Warmluftgebläse, das an den offenen Fenstern des Wagens angebracht schien. Eine unsinnige Freude war in mir: Afrika! Afrika!
    Ich weiß nicht, ob ich eingeschlafen war, jedenfalls spürte ich plötzlich die Hand des Fahrers an meiner Schulter. Der Wagen hielt. Wir standen auf einem Platz, der voll von Jeeps, Buschtaxis und anderen Autos war.
    Der Fahrer zeigte auf ein kleines Häuschen, eine Art Schalter und sagte: "Billet", Fahrkarte.
    Etwas schwerfällig stieg ich aus dem Auto; im gleichen Moment riß das Licht an meinen Augen, griff nach meiner Stirn, meinen Ohren, drückte sich an mein Hemd. Ich begann sofort zu schwitzen, kaufte wie in Trance meine Fahrkarte und fragte, wann es denn losginge.
    "Dans pas beaucoup de temps", sagte der Mann am Schalter und zeigte lächelnd seine übrig gebliebenen Zahnstummel. 
    Es war elf Uhr dreißig.
    Verkäufer liefen über den Platz, handelten mit Wasser in Plastiktüten, mit dunklen limonadenartigen Flüssigkeiten, deren Farbe mich an die Nigerströmung erinnerte, trugen kleine Spiegel vor sich her, Spielzeugpistolen, Handtücher oder Haushaltswaren wie Besteck, Töpfe oder Käsereiben. Viele jonglierten Plastikbottiche auf dem Kopf und wanderten unruhig zwischen den Wagen hin und her.
    Unter den beiden einzigen Bäumen saßen alte Männer auf Stühlen im Schatten der blühenden Äste und redeten miteinander. Einer von ihnen bot mir einen Sitzplatz an, und ich war froh, aus der Sonne zu treten und meinen Kopf unter den Schutz der Blätter zu stellen.
    Die Männer sprachen Bambara, ich verstand kein Wort, lauschte den brummenden Klängen und wartete auf die Abfahrt.
    Links neben dem Fahrkartenschalter war Sand auf einer Länge von drei mal drei Metern auf die festgetretene Erde gestreut worden, und ein kniehohes Mäuerchen grenzte die Stelle vom Rest des Warteplatzes ab. Darüber verlief ein Strohdach, gestützt von zwei Stämmen. Es war eine Moschee, in der die Männer ihre Matten ausrollten, niederknieten und beteten. Ein ähnliches Gotteshaus befand sich in zwanzig Meter Entfernung. Mit weißer Farbe hatte man auf das Mäuerchen geschrieben, daß, wer diesen Ort mit Schuhen betrete, tausend CFA Strafe zu bezahlen habe, nicht wenig, denn tausend CFA entsprachen ungefähr dem Tageslohn eines Arbeiters.
    Nach einer Stunde wurde mein Mund trocken und meine Lippen klebten zusammen. Die Sonne brannte den Platz nieder. Aber ich war noch immer der einzige Gast, der nach Kangaba wollte. Ich trank und aß etwas von meinem Baguette. Wenn sich am Himmel eine dunkle Wolke zeigte, freute ich mich, aber sie löste sich jedes Mal so schnell auf, wie sie entstanden war.
    Nach drei Stunden fühlte ich mich schwer wie ein Elefant. Ich hing apathisch über meinem Stuhl, schwitzte in meine Schuhe, hatte einen hochroten Kopf und fühlte erste Aggressionen in mir hoch kochen. Aber die Männer um mich herum waren die Ruhe selbst, lächelten und nickten mir freundlich zu. Nach vier Stunden dachte ich, du kannst nicht mehr sitzen, du kannst nicht mehr stehen, an diesem Ort wirst du beerdigt werden. Mein Wasser ging zur Neige, das Baguette war so trocken, daß ich fast daran erstickte. Natürlich hatte ich Kohletabletten gegen den Durchfall geschluckt und traute mich nicht, die mit hiesigem Wasser gereinigten Fruchtstücke anzunehmen, die man mir anbot. Das Jahr davor in Ägypten hatte ich durch meine Gier gute neun Kilo verloren.

    Nach fünf Stunden standen plötzlich Menschen um das Buschtaxi nach Kangaba. Ihr Gepäck wurde auf das Dach gehievt und festgezurrt. Alle gerieten in Aufregung. Der Fahrer wies uns an, hinten aufzusteigen. Plötzlich ging nichts schnell genug. Ich konnte es gar nicht fassen und setzte mich mit zwölf anderen Männern und Frauen auf die beiden sich gegenüberliegenden Sitzbänke. Alles vibrierte. Die Fahrt ging los, ein gehetzter Aufbruch, ähnlich einer Flucht.
    Es war eng, denn dieser nach hinten und zu beiden Seiten offene Jeep war nicht für den Transport so vieler Menschen gedacht. Aber wir fuhren! Ungefähr fünfhundert Meter. Dann kam der erste Halt, weil getankt werden musste. Der Fahrer bediente die Pumpe per Hand, riß den Hebel rauf und runter, bis schließlich Benzin aus dem Tank auf die Erde schwappte. Dann fuhren wir weiter. Glühende Winde schlugen uns in die Nacken. Nach fünf Kilometern verlor das Buschtaxi seinen rechten Scheinwerfer. Wir stoppten und der Schaden wurde repariert, was mich freute, denn ich war gewarnt worden, nicht nachts zu fahren.
    Alle rasen, hieß es, und die Straße ist eine festgefahrene Sandpiste voller tiefer Löcher!
    Wenigstens würde der Fahrer sehen, wohin er fuhr, denn mir war jetzt bereits klar, dass, wenn es so weiter gehen sollte, ich es nie vor Einbruch der Dunkelheit nach Kangaba schaffen würde. Aber noch war es hell und die Fahrgäste guter Dinge. Ich ließ die Savanne vorbei huschen, sah kleine Dörfer auftauchen, ihre Lehmhütten trotzten rissig dem bissigen Licht.
    Die Tuaregmänner im Wagen banden sich ihre Kopftücher vor die Gesichter, ließen nur die wässerigen Augen frei, auch die Frauen banden sich Schals vor Mund und Nase. Nur ich atmete auf dieser meiner ersten Reise mit dem Buschtaxi ungeschützt den Staub der Steppe ein und bekam bald heftiges Nasenbluten.

    © Photo: Guy HelmingerAnderthalb Stunden später hatten wir die erste Panne. Der Keilriemen war gerissen, und ich stieg aus, um in meinem Rucksack nach einem T-Shirt zu suchen, das ich mir ums Gesicht binden konnte und um mir etwas die Beine zu vertreten. Trockene Gräser hingen im Staub. Die Landschaft war in Ocker getaucht und flirrte. Am Horizont waren Bäume zu erkennen, zitterten im Licht, bogen und verkrümmten sich merkwürdig.
    Der Fahrer startete den Motor und wir sprangen wieder auf. Kaum einer sprach noch, nur der Fahrer schrie ab und an einen Satz nach hinten und lachte. Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Die Flächen und Hügel draußen blieben in all ihren Variationen immer gleich: heiß, gelb und trocken. Ich wusste nicht, ob wir im Kreis fuhren, westwärts oder südwärts.
    Irgendwann schlugen Flammen unterhalb des Lenkrades hoch. Der Fahrer machte eine Vollbremsung, die uns durcheinander warf. Dann stürmten alle panikartig von der überdeckten Ladefläche. Geschrei wirbelte einzelne Sandkörner auf. Der Fahrer kippte den Inhalt seiner Trinkflasche über das Feuer, wartete einen Moment und bat alle wieder einzusteigen. Es ging weiter.

    Spitze Strohdächer glitzerten abseits der Piste. Der Motor röchelte. Unsere Köpfe wackelten heiß und müde. Dann war es Nacht.
    Ich sah kleine Lichter in der Steppe aufflackern, jedes Mal wenn wir ein Dorf passierten. Schließlich wurde die Dunkelheit so dicht, dass man sein Gegenüber nur noch vermuten konnte.
    Ich dachte, können neunzig Kilometer wirklich so weit sein?
    Der Fahrer raste. Und es wurde kalt. Der Fahrtwind schnitt in unsere Rücken, hinterließ Streifen voll Gänsehaut. Wir froren, wickelten unsere Arme um die Leiber, bis wir erneut hielten.
    Ich hatte bereits aufgehört, die freiwilligen und unbeabsichtigten Stopps zu zählen.
    Am Wagen tauchten Kinder auf, die Fleischspieße verkauften. Hinter ihnen flimmerten Lichter, dicht gedrängt, als habe der Wagen einen Schwarm Glühwürmchen aufgeschreckt. Wir aßen lustlos einen Happen Fleisch, dann wischte die Kälte wieder klappernd um unsere Nieren.

    Irgendwann stieg der Erste aus. Wir fuhren wieder an, und ich sprach mechanisch in die Runde, wohl wissend, dass mich niemand verstehen konnte: "Wie weit ist es denn noch bis Kangaba?"
    "Kangaba?", fragte ein Tuareg zurück und aus der Ecke, in der eine Frau, in einem gelb geblümten traditionellen Kleid saß, wie ich vom Nachmittag wußte, als es noch hell gewesen war, echote es: "Kangaba?"
    "Ja", sagte ich überrascht, "Kangaba."
    Der Tuareg schrie etwas zum Fahrer hin. Es gab eine kurze Diskussion. Dann bremste das Buschtaxi schnaubend.
    "Kangaba?", fragte der Fahrer.
    "Hier?", fragte ich.
    "Kangaba", wiederholte der Fahrer.
    Ich sprang von der Ladefläche. Der Wagen heulte auf und war schon nach dreißig Sekunden nicht mehr zu sehen, da die Rücklichter nicht funktionierten und die Scheinwerfer ein extrem schwaches Licht vor die Räder warfen.
    Ich tastete nach meiner Taschenlampe in einer der Seitentaschen des Rucksackes, ließ die Batterien hineingleiten und leuchtete in die Gegend. Der Schein verlor sich im dunklen Nichts über den Gräsern, strahlte in eine Stille hinein, die bis tief in die Ohren reichte. Nur das Knirschen einiger Steinchen war kurz zu hören, als ich mich drehte, um in die entgegengesetzte Richtung zu leuchten. Ich überlegte, was zu tun sei. Zu dicht an der Piste wollte ich nicht bleiben, auch wenn die Chance, dass ein Wagen in den nächsten Stunden vorbeikommen und mich überfahren könnte, gering war, aber einfach drauf losmarschieren, nicht wissend wohin, erschien mir ebenfalls unangebracht. Ich löschte die Taschenlampe und schaute in diese endlose Schwärze, die alles bestrich, als dicht hinter mir eine Stimme fragte: "Hotel?"
    Ich zuckte zusammen, wie eine Ratte, die vom Schlangenbiß erwischt wurde, schleuderte herum und sah zwei Paar Augen vor mir. Die Umrisse der Köpfe, in denen sie steckten, gingen nahtlos über in die uns umgebende Nacht.
    Ich nickte unsinnigerweise und bestätigte: "Hotel."
    Die beiden jungen Männer stapften los. Ich schulterte meinen kleinen Rucksack und lief hinterher.
    Was denkt man in so einem Moment?
    Ich dachte, du bist allein, du siehst nichts, du hast keine Ahnung, wo du bist, auch sonst weiß niemand, wo du dich gerade aufhältst, du hast keine Ahnung, wo die beiden Männer dich hinbringen werden, aber wenn du das hier überlebst, dann kannst du später einen tollen Reisebericht darüber schreiben.

    Wir gingen etwa eine gute Viertelstunde durch die Dunkelheit, stumm, nur die Schritte und der Atem setzten feine akustische Farbtupfer. Dann stand ich vor einer Anlage, die sich Hotel Mandé nannte. Ich bezog ein Zimmer, das einer Klosterzelle ähnelte und in dem allein ein schmales Bett unter dem kleinen, hochgelegenen Fenster an der kahlen Wand stand. Ich war müde, sehr müde, bestellte ein Bier und fragte, was ich zu essen haben könnte. Es war mittlerweile 23.10 Uhr.
    "Spaghetti Bolognese", sagte der Angestellte an der Rezeption ernst, "Spaghetti Bolognese".
    Ich aß mit Appetit, stieß mir beim Kauen einen spitzen Hähnchenknochen in den Gaumen und spülte das Blut mit einem zweiten Bier hinunter.
    Ich war in Kangaba.

    Guy Helminger, geboren 1963 in Luxemburg, lebt als freier Schriftsteller in Köln. 2007 erschien von ihm im Suhrkamp Verlag der Roman: „Morgen war schon“.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    September 2008

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