Foto: Kai Wiedenhöfer

    Reisende Kulturen

    Migranten und Touristen

    Holiday apartments, Altea Costa Blanca, Spain. © Photo: Holert/TerkessidisDie Ähnlichkeiten des Reisens aus Vergnügen und aus Not.

    In den letzten Jahren ist es an den Stränden der Kanaren und an anderen Orten zu seltsamen Begegnungen gekommen. Sonnenbadende, gut erholte Touristen wurden plötzlich mit Flüchtlingen konfrontiert, mit überanstrengten, salzverkrusteten Gestalten in Lumpen, die teilweise bis zu 1000 Seemeilen auf kleinen Holzbooten zurückgelegt hatten. Aus diesen Zusammentreffen würde wohl niemand schließen, dass diese beiden Gruppen etwas gemeinsam haben. Was sollte einen Urlauber, der über genügend Geld verfügt, um sich einige Wochen Urlaub in einem anderen Land zu kaufen, was sollte ihn wohl verbinden mit Auswanderern, die aufgrund von Perspektivlosigkeit ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen haben?

    In der Tourismusforschung der 1960er Jahre allerdings hat es den Hinweis gegeben, dass Touristen und Migranten möglicherweise doch etwas teilen, das Motiv der Flucht nämlich, wenn auch unter spiegelverkehrten Vorzeichen – die einen fliehen vor den Zwängen eines allzu berechenbaren Alltagsleben, die anderen fliehen, weil sie genau so ein berechenbares Alltagsleben gerne hätten.

    Möglichweise ist die Begegnung an den Stränden der Ferieninseln also doch nicht so unbedeutend und zufällig, wie es zunächst scheint. In den Zeiten der Globalisierung zeigen sich eine ganze Reihe von Überschneidungen zwischen Tourismus und Migration. Bei näherem Hinschauen sind beide Typen ziemlich paradoxe Erscheinungen. In gewissem Sinne Reisende, stellen sie die Idee der Reise zugleich in Frage. Sind Touristen Reisende? Sicher besteigen sie ein Verkehrsmittel und befinden sich einige Stunden später an einem anderen Ort. Aber dieser Ort ist ihnen nicht fremd. Sie haben Geschichten über diesen Ort gehört, möglicherweise einen Reiseführer studiert. Sie kennen den Ort aus den stets lichtdurchfluteten Bildern der Reisekataloge. Und an jenem Ort werden sie erwartet; dort sind immer schon die Betten für die Touristen gemacht, die Reiseprogramme vorbereitet und die Einheimischen bereit, vor den Besuchern die Schätze ihrer Kultur auszubreiten. Doch trotz der langen Geschichte des organisierten Reisens erwarten die Touristen immer noch eine gewisse „Authentizität“ – etwas besonders Spanisches oder besonders Marokkanisches beispielsweise. Da es dieses „Authentische“ gerade wegen des Tourismus immer weniger gibt, wird es eben als Performance dargeboten – zur Befriedigung eines verallgemeinerten touristischen Blicks.

    Die Touristen sind also schon da, bevor sie überhaupt ankommen – sie sind bereits anwesend, auch wenn sie eigentlich abwesend sind. Deswegen wird der Tourist auch oft emphatisch vom Reisenden unterschieden. Die Reise gilt durchaus als etwas Positives: sie öffnet den Horizont. Touristen allerdings haben keineswegs ein positives Image. Der gebildete Reisende grenzt sich gern von den „Touristenhorden“ ab – Touristen, das sind bekanntlich immer nur die anderen. In den 1960er Jahren, nachdem die ersten Wellen des Massentourismus durch Europa gerollt waren, da galten die Touristen bei vielen Kritikern als Flut von Barbaren. Heute ist dieses Image auf die Einwanderer übergegangen. Migranten allerdings werden selten als Reisende betrachtet, sondern immer nur als Leute, die aktuell oder potentiell präsent sind. Dabei speist sich die Auswanderung niemals nur aus der schieren Notwendigkeit, sondern auch aus dem Wunsch nach mehr Perspektive gepaart mit einer Reihe von Phantasien über das Land der Zukunft, jenem Land, wo alles besser sein wird.

    Ebenso wie bei den Touristen speist sich das Bild des anderen Ortes oft aus den Geschichten jener, die schon einmal dort waren. Und das Auswanderungsprojekt teilt mit dem touristischen Aufenthalt den immensen Erfolgsdruck: Die Reise muss gelingen. Niemand gibt am Ende eines Urlaubs gerne zu, dass der Service mäßig war, die Landschaft langweilig und dass man sich zu allem Überfluss auch noch ständig mit dem Partner gestritten hat. So erzählen alle Auswanderer, wenn sie in ihr Herkunftsland zurückkehren, grundsätzlich Geschichten vom Erfolg. Miese Jobs, schlechte Unterkunft und Rassismus lassen sich übertünchen, weil das oft geringe Einkommen immer noch genug hergibt, um in der „Heimat“ einen gewissen Wohlstand zur Schau zu stellen. Das nährt die Phantasie der Dagebliebenen. Dazu kommen heute die allgegenwärtigen Medienbilder, die jeden Haushalt erreichen, und die etwa Europa als Paradies der erreichbaren Konsumgüter präsentieren.

    In den Tagen der Anwerbung von „Gastarbeitern“ gab es für die Abenteuerlustigen immerhin die legale Möglichkeit, sich selbst ein Bild von ihrem Traumland zu machen. Innerhalb von Europa herrscht heute fast durchweg Freizügigkeit, doch aus der Welt außerhalb der Schengen-Grenzen wollen die Europäer zumindest offiziell keine Einwanderer mehr haben. Europa umgibt sich mit hohen Mauern und scheut beim Kampf gegen die Migration auch nicht vor der Zusammenarbeit mit Diktaturen zurück. Je höher die Mauer wird, desto weltfremder werden die Phantasien der Auswanderungswilligen. Man fühlt sich abgeschnitten vom richtigen Leben; alles scheint armselig und langweilig. Aber in Europa, da haben die Menschen ein Leben...

    So betreibt Europa heute einen regen „Handel mit Illusionen“ – so hat es der marokkanische Migrationsforscher Mohamed Khatchani treffend ausgedrückt. Nicht nur befördern die Mauern die Phantasien, auch sind die Mauern ziemlich durchlässig. Zum einen lässt sich die Migration ohnehin niemals vollständig kontrollieren. Zum anderen gibt es eine ganze Reihe von Hintertüren, die von den einzelnen Nationen offen gehalten werden, denn die Wirtschaft verlangt nach Einwanderern. Insofern kann man mit Fug und Recht davon sprechen, dass in den Zeiten des Neoliberalismus eine klandestine Einwanderungspolitik betrieben wird, die dafür sorgt, dass die Auswanderungswilligen quasi in Warteschlangen vor den Toren Europas ausharren und in Europa angekommen, zumeist einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben.

    Eine solche Organisationsform der Einwanderung sorgt dafür, dass die Migration sich auf eine perverse Weise dem Tourismus annähert. Wer nach Europa will, aus einem Staat im Osten der EU oder einem arabischen Land, der muss zumeist Expertise in Anspruch nehmen – er braucht einen „Schlepper“, oder wie es im Jargon der Auswanderungswilligen durchaus nicht unrealistisch heißt, einen „Reiseveranstalter“. Dieser Veranstalter besorgt in den meisten Fällen ein Touristenvisum – heute das Hauptscharnier für die Migration nach Europa. Während der sogenannten Visum-Affäre in Deutschland 2004 stellte sich heraus, dass es in Köln Schein-Reisebüros gab, die virtuelle Besuchsprogramme für Ukrainer anboten – so konnten Visa beschafft werden. Wer allerdings das Geld für ein solches Visum nicht aufbringen kann, wie viele Personen etwa aus dem südlichen Afrika, der muss sich auf dem äußerst gefährlichen Landweg aufmachen – durch viele Länder, mit vielen Zwischenaufenthalten. Daher hat sich entlang der Routen der Migranten durch den afrikanischen Kontinent unterdessen eine paratouristische Infrastruktur entwickelt – an den Knotenpunkten wie Agadez in Niger oder Tamanrasset in Algerien gibt es jeweils Unterkünfte und Beratung aller Art.

    Asylum centre, Bari, Italy. © Photo: Holert/TerkessidisWenn solche „illegalen“ Einwanderer schließlich in den Ländern der EU oder bei bestimmten vorgelagerten Kooperationspartnern angekommen sind und dort bei Kontrollen aufgegriffen werden, dann folgt gewöhnlich eine zeitweilige Internierung. Nun ist es eine böse Ironie, dass in und rund um Europa wiederum ehemals touristische Infrastrukturen zur Internierung von Flüchtlingen genutzt werden. In Kroatien etwa ist das geschlossene Aufnahmelager für „Illegale“ im ausrangierten Flachbau des Motels Jesevo untergebracht, in der Nähe einer Tankstelle an der Autobahn von Zagreb nach Belgrad. Eine der wichtigsten Einrichtungen für den „temporären Aufenthalt“ von Flüchtlingen in Italien, das Lager in Bari, besteht aus Wohnwagen, die auf der Landebahn eines ehemaligen Militärflughafens geparkt wurden. In Düsseldorf findet man die sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge auf dem ehemaligen Hotelschiff „Siesta“, vertäut im Industriehafen der Stadt. Solche Formen der Unterbringung (Hotels, Wohnwagen, Zelte oder in Deutschland oft auch Container) an Orten des Transits (Flüsse, Küsten, Flughäfen) sollen den Bewohnern verdeutlichen, dass sie trotz ihrer aktuellen Immobilität noch unterwegs sind, dass sie nicht ankommen sollen und eigentlich woanders hin gehören. Bei solchen Wohnprovisorien handelt es sich um eine Infrastruktur der Mobilisierung bzw. der erwähnten „anwesenden Abwesenheit“.

    Während die Touristen also trotz Abwesenheit bereits anwesend sind, scheinen Migranten – selbst wenn sie sich angesiedelt haben - trotz ihrer Gegenwart auch abwesend zu sein: Sie gehören angeblich ja woanders hin. Dieser Zustand der „anwesenden Abwesenheit“ zeigt sich auch, wenn man unter dem Aspekt der seltsamen Übergänge zwischen Tourismus und Migration einen Blick auf die Auswanderungsländer wirft. Die Migration wird gewöhnlich aus der Sicht des Einwanderungslandes betrachtet. Doch Auswanderer spielen auch in ihren jeweiligen Herkunftsländern eine immense Rolle. Viele haben in ihrer ehemaligen Heimat investiert – die finanziellen Rückflüsse der Migranten sind enorm und betragen derzeit etwa in Marokko geschätzte zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Viele Emigranten der „ersten Generation“ in den 1950er und 1960er Jahren haben „zuhause“ Häuser gebaut oder Wohneigentum erworben. Denn zunächst wollten sie ja nur für ein, zwei Jahre ins Ausland und mit den Taschen voller Geld zurückkehren.

    Doch daraus wurde aus vielen Gründen zumeist nichts. Die in der neuen Heimat geborenen Kinder nutzen die elterlichen Domizile nur noch für einen verlängerten Urlaub. Noch einmal das Beispiel Marokko. Im Juli und August findet ein regelrechter Exodus statt: Aus ganz Westeuropa setzen sich die voll bepackten Autos der Marocains résident a l´étranger, der MRE, wie die Auswanderer in Marokko offiziell heißen, in Gang und rollen entlang der spanischen Mittelmeerküste nach Algeciras, wo die Fähren ablegen. In diesen Monaten beleben sich drei Viertel an den Rändern der Hafenstadt Tanger – Idrissia, Mabrouka und Hammet Belgique. Die wirken über zehn Monate im Jahr so leer wie Touristenorte im Winter.

    Diese Viertel liegen letztlich nicht mehr in Tanger, sondern irgendwo in Europa – es handelt sich um so etwas wie nicht anerkannte Außenbezirke von Amsterdam, Brüssel oder Madrid. Zwar pflegen die Menschen hier Beziehungen zu Familienmitgliedern und Bekannten vor Ort, aber am Alltagsleben nehmen sie fast überhaupt nicht teil. Das Raumgefühl der Bewohner könnte man als „touristische Intimität“ bezeichnen. Man ist „intim“ mit der direkten Umgebung in dem Sinne, dass man eine gemeinsame Herkunft teilt, zumeist die Sprache beherrscht und in einem gewissen Maße an einem familiären Leben teilnimmt. Doch gleichzeitig ist man wie ein Urlauber nur vorübergehend anwesend und wird von den Einheimischen auch wie ein Besucher aus dem Westen betrachtet – als jemand, der Geld und lockere Sitten mitbringt.

    So verwischen sich die Koordinaten von Nähe und Ferne im paradoxen Zustand der anwesenden Abwesenheit – ein Zustand, der offenbar durchaus typisch ist für die Lebensverhältnisse in der globalisierten Welt. Eine solche Verschiebung der scheinbar klaren Grenzen zwischen Touristen und Migranten lässt sich komplementär auch auf der Seite der Touristen beobachten – wiederum unweit von Tanger. An der spanischen Costa del Sol, zweifellos einem der größten touristischen Siedlungsgebiete überhaupt, surfen, essen und sonnen sich die Urlauber in großer Zahl. Früher einmal war Tourismus dort eine Sache der „großen Ferien“ – der Aufenthalt dauerte im Durchschnitt zwei oder drei Wochen im Sommer. Doch die touristische Anwesenheit hat sich flexibilisiert. „Billigflieger“ sorgen dafür, dass viele Städte in und rund um Europa an den Wochenenden merklich anschwellen. Zugleich zeigt ein Blick in ein beliebiges Immobiliengeschäft, dass dort nicht nur Häuser in der regionalen Umgebung angeboten werden, sondern auch etwa solche an der Costa del Sol. Viele Briten, Deutsche, Skandinavier oder Österreicher besitzen Wohnungen in Spanien, die sie mehrfach im Jahr ansteuern oder die sie den ganzen Winter hindurch bewohnen oder in denen sie gar ihren ganzen Lebensabend verbringen. In Großbritannien wird die Zahl jener, die in Spanien einen Alterswohnsitz erworben haben, auf mindestens 700.000 geschätzt – es handelt sich also um eine veritable Auswanderergruppe.

    An der spanischen Küste ist daher die verdichtete „Hotelburg“ als Modell abgelöst worden durch eine großflächige Ansammlung von sogenannten Urbanisationen – Siedlungen eben für jene Residenten aus Westeuropa, die hier Wohneigentum besitzen. Solche Urbanisationen werden aus einem Guss von Developern geplant und gebaut. Angeordnet sind die Häuser stets in einer Art dörflichen Struktur, nach außen verschlossen, ohne Verbindung zu anderen Urbanisationen, aber angebunden an die nächste Schnellstraße. Obwohl die Developer versuchen, die Form von Dörfern nachzuahmen, gibt es kaum öffentlichen Raum – keine Plätze, Kirchen, Denkmäler und oft nicht einmal Kneipen. Die Störgeräusche der sozialen Realität wie Klassenkonflikte, Kriminalität oder Obdachlosigkeit bleiben ohnehin draußen. Daher kommen diese Orte ohne Gedächtnis aus. Hier herrscht die komplette Abwesenheit von Erinnerung. Die Fassaden sind immer neu, die Existenzform gänzlich privat und das Leben ohne Höhepunkte und Schwierigkeiten.

    Das bedeutet nicht, dass es an solchen Orten keine Gemeinschaft gibt. Zumeist bleiben die Briten, Niederländer oder Deutsche unter sich – in den europäischen Touristengebieten existieren veritable „Parallelgesellschaften“. Dabei wird gern ein Lebensstil konserviert, der sich in den Heimatländern schon längst in Auflösung befindet – so „englisch“ wie in manchen spanischen Küstenorten ist kein Pub in England mehr. Trotz dieses Zusammenhalts bleibt zwischen den Bewohnern eine gewisse Fremdheit bestehen, denn sie wissen persönlich so gut wie nichts über die Vergangenheit ihrer Nachbarn – tatsächlich erfinden viele Leute hier ihre eigene Geschichte einfach ganz neu.

    Zur näheren Umgebung haben die Residenten ein eher distanziertes Verhältnis. Die meisten haben zwar den Versuch unternommen, Spanisch zu lernen, doch zumeist sind sie gescheitert. Für die lokalpolitischen Angelegenheiten der Gemeinde interessieren sie sich selten – viele sind nicht einmal offiziell gemeldet. Oft fliegen jene Residenten „nach Hause“ – so oft, dass mancher Forscher sich angesichts von soviel Mobilität gezwungen sah, vom Konzept des permanenten Wohnsitzes Abschied zu nehmen. Tatsächlich haben jene Urbanisationen kaum Bindung an das nahe gelegene Malaga, sondern vielmehr an Orte irgendwo in Österreich oder Norwegen.

    Auch die Residenten sind anwesende Abwesende. Wie Karen O´Reilly in einer Untersuchung über die Briten in der Stadt Fuengirola an der Costa del Sol herausgefunden hat, sprechen diese Residenten ihre Umgebung kaum einmal mit dem Namen des Ortes oder einem anderen konkreten Städtenamen an, sondern es ist stets die Rede von „Spanien“. Im Grunde wollen sie auch nicht an einem konkreten Ort leben, sondern in den Kulissen ihres eigenen Bildes von einem perfekten sonnendurchfluteten Freizeit-Utopia. Im Gegensatz zu den Sehnsüchtigen an den Promenaden von Tanger waren sie in der Lage, sich den Traum von einem besseren Leben in einem anderen Land sogar zu erfüllen. Doch da dieses Land real nicht so ist wie ihre Vorstellung von diesem Land, wird die Ignoranz zum Elixier der gelungen Existenz.

    Europa handelt mit Illusionen, sagt wie erwähnt der marokkanische Migrationsforscher Khatchani. Tatsächlich sind es Illusionen, die Migranten und Touristen, die Mobilitäten allgemein im Prozess der Globalisierung antreiben. Viele Menschen sind nicht mehr sesshaft, aber auch keine Nomaden. Sie leben an mehreren Orten zugleich – in dem seltsamen und paradoxen Zustand der anwesenden Abwesenheit. So entstehen ganz neue Verhältnisse von Nähe und Ferne – die Psychogeographie hat sich von der Topographie emanzipiert. Ein Blick auf eine Karte kann kein adäquates Bild mehr von tatsächlichen Distanzen gewährleisten. Kurze Entfernungen – man werfe nur einen Blick auf die Meerenge von Gibraltar - sind manchmal nahezu unüberwindbar. Weit auseinander liegende Orte dagegen sind nahe beieinander und überlappen sich. Eine Gemengelage aus Mauern und Verkehrsbindungen, Phantasien und Fluchten, Verortungen und Nicht-Orten, Erinnerungen und Amnesien – das ist heute die soziale „Erdkunde“ des europäischen Kontinents.

    Am Ende stellt sich die Frage, wie sich Demokratie gestalten lässt in einem Gemeinwesen, in dem immer mehr flüchtige Subjekte leben. Heute trifft man allerorten Personen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen keine Möglichkeit zur Partizipation haben – sei es, weil sie sich als „Urlauber“ oder „Gäste“ fühlen oder weiter fühlen wollen; oder, weil ihnen wie vielen Migranten die Mitgliedschaft in einer nationalen Gemeinschaft vorenthalten wird und sie daher an dem Ort aktuell nicht leben, an dem sie ihre Bürgerrechte ausüben könnten. Der volle Status des Bürgers, ausgestattet mit allen Rechten, basiert eben traditionell auf Sesshaftigkeit. In diesem Sinne bilden Touristen und Migranten Fliehkräfte des Gesellschaftlichen. Freilich wäre es vermessen, in den Zeiten der Globalisierung noch für die Integration dieser Fliehkräfte sorgen zu wollen. Die Aufgabe der Zukunft ist die Entwicklung von Ideen für eine neue Form der Demokratie, die eine Teilhabe in Bewegung ermöglicht.

    Mark Terkessides ist Psychologe und arbeitet als freier Autor in Köln und Berlin. Zusammen mit Tom Holert hat er das Buch „Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung – von Migranten und Touristen“ publiziert (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2006).

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    September 2008

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