Foto: Kai Wiedenhöfer

    Reisende Kulturen

    Richtig reisen?

    Ilija Trojanow in Allahabad, Indien. © Photo: Thomas Dorn„Wer sein Heimatland liebt, ist noch ein zarter Anfänger; derjenige, dem jeder Fleck Erde soviel gilt wie der, auf dem er selbst geboren wurde, hat es schon weit gebracht; reif ist aber erst der, dem die ganze Welt zu einem fremden Ort geworden ist.“ Hugo von St. Viktor, christlicher Theologe (um 1097-1141)

    Noch nie zuvor sind so viele Menschen freiwillig gereist wie heute. Kaum ein Fleck der Erde ist vor unserer postmodernen Mobilität sicher. Nicht nur überfallen wir wie die Heuschrecken jeden zugänglichen Sonnenort, wir tauchen zur Titanic, wir schweben im Heißluftballon über die Savanne, wir brechen uns einen Weg durch das ewige Eis. Kein Erdenwinkel ist mehr vor uns sicher.

    Unsere Reisen beginnen auf Landkarten und in Prospekten. Da ist die ganze Welt übersichtlich und verführerisch dargestellt, geschrumpft zu einem kleinen Maßstab. Auf jedem Quadratzentimeter Informationen über Informationen, so verdichtet, wir können gar nicht durch das gespannte Netz fallen — wir können uns nicht verirren. Die ultimative Garantie aber geben uns GPS-Gerät und Navigationssystem. Bevor wir aufbrechen, wissen wir schon, wie die Fremde heißt, wo sie sich erhebt und welche Ausfahrt zu ihr führt. Unsere Reise hat feste Konturen, ist schraffiert mit den Farben des Sonderangebots, des Geheimtipps, der Dreisternesehenswürdigkeit. Ehe wir uns tief in die Fremde hineintauchen, ziehen wir einen Neoprenanzug an und laden reichlich Sauerstoff auf. Wir reisen heutzutage in jede Fremde, weil uns dort nichts passieren kann.

    Die exotische Erregung speist sich aus einer zunehmend willkürlichen Grenzziehung zwischen dem Vertrauten und dem Andersartigen. Für einen Bayern ist das Oktoberfest in München eine rechte Gaudi, für den Australier eine einmalige Ekstase — dabei kommen lediglich viele Menschen zusammen, saufen übermäßig und schunkeln zu schlechter Musik, etwas, das fast überall auf der Welt geschieht. Ähnlich gelingt es dem europäischen Besucher bei der Kumbh Mela, dem alle zwölf Jahre in Nordindien stattfindenden Fest, ein Gefühl der abenteuerlichen Begegnung mit dem Einmaligen zu empfinden, obwohl sich etwa dreißig Millionen Menschen am Zusammenfluß von Ganges und Jamuna versammeln, und das Fest somit eine Massenveranstaltung par excellence darstellt.

    Wenn wir ankommen, überprüfen wir, ob die Fremde den Fernsehbildern entspricht. Oft sind wir enttäuscht angesichts einer rücksichtslosen Reisegruppe, eines aufdringlichen Straßenverkäufers, eines jegliche Gotik verdeckenden Gerüsts. Der Stau nervt, ebenso die kalten Füße oder der obligate Durchfall. Aber auch diese Enttäuschungen entsprechen meist unseren Erwartungen — schließlich sind wir von Reiseführern und Internetportalen gewarnt worden. Also ziehen wir uns in jene Höhle zurück, die uns die Sicherheit der Gewohnheit bietet: den klimatisierten Bus, das renommierte Hotel, das erfrischende Schwimmbecken.

    Wir fahren durch die Welt, aber wie viel erfahren wir von ihr? Fast jeder ist unterwegs, aber wer ist wirklich auf Reisen? Denn Reisen ist keine Produktlinie des nationalen Automobilklubs, Reisen geht über die Veränderung der Lokalität hinaus — Reisen kann ein metaphysischer Akt des Erkennens und Erfahrens sein. Nur der Reisende, sagt ein maurisches Sprichwort, kennt den wahren Wert des Menschen.

    In den meisten Religionen gilt das Reisen als richtige Lebensführung, als Instrument der Katharsis, als Mittel zur Erleuchtung. In dem hinduistischen Lehrbuch Aitareya Brahmana steht: „Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist. In Gesellschaft von Menschen wird auch der Beste zum Sünder … also brich auf. Des Wanderers Füße sind wie eine Blume: seine Seele wächst, erntet Früchte; seine Mühen verbrennen seine Sünden. Also brich auf! Wenn du rastest, rasten auch deine Segnungen; sie stehen auf, wenn du aufstehst, sie schlafen, wenn du schläfst, sie regen sich, wenn du dich regst. Gott ist der Freund der Reisenden. Also brich auf.“ Ähnlich den christlichen Wandermönchen von einst ziehen noch heute die indischen Asketen, Sadhus genannt, durch das Land. Die orthodoxeren unter ihnen verbringen keine zwei Nächte am selben Lagerplatz. Denn die Seßhaftigkeit trägt potentiell alle Sünden in sich, sei es Gier, Egoismus, Materialismus oder Gewalt.

    Ähnliche Traditionen und Überzeugungen finden sich auch im Islam. Das Reisen gehörte zu der vorbildlichen Lebensweise der Gelehrten, Ulama genannt. Al-Ghazali, einer der bedeutendsten islamischen Theologen, der den Sufismus in den Islam integrierte, verließ seine persische Heimat, um nach Bagdad, Damaskus, Jerusalem zu reisen, von der obligatorischen Pilgerreise nach Mekka und Medina ganz zu schweigen. Ibn Al-Arabi reiste von Cordoba über Sevilla-Fez-Tlemeen-Tunis-Kairo-Jerusalem-Mekka-Bagdad-Mosul und Konya nach Damaskus, wo er als Ketzer hingerichtet wurde. Ibn Khaldun legte eine ähnliche Wegstrecke zurück.

    Aber wie könnte man in einer globalisierten Welt zum richtigen Reisen zurückfinden? Was unterscheidet unsere unergiebige Rastlosigkeit von einer Reise, bei der jener, der aufbrach, die Fremde kennenzulernen, verändert nach Hause zurückkehrt? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erscheinen mir drei Elemente von entscheidender Bedeutung, drei Ratschläge, die geradezu banal wirken und doch sehr selten von Reisenden beherzigt werden. In einem Satz: Reise alleine, reise ohne Gepäck und reise zu Fuß. Wer so reist, begibt sich auf die Suche nach den Schatten des Offensichtlichen.

    Wenn dein Gepäck in Gefahr ist, schrieb V.S. Naipaul, hast du einen Hinweis erhalten, dass du in Indien angekommen bist. Abgesehen von dem berüchtigten Ressentiment dieses Autors, der hier zutage tritt, muss man sich bei dieser Sentenz fragen, ob nicht gerade die Gefährdung des Gepäcks die große Stärke einer Begegnung mit der Fremde ist. Denn damit ist ja auch der Inhalt der Koffer und Taschen gemeint, ein Inhalt, der im übertragenen Sinne voller Vorurteile und Besserwissereien des zeitgenössischen westlichen Geistes steckt, und der in Gefahr gebracht werden soll, je heftiger desto besser. Aber auch die Kleidungsstücke, die man mitschleppt, stören in der Fremde. Sie stellen alle möglichen Behauptungen auf, gegen die man sich nicht wehren kann, da man selten die Gelegenheit hat, der allgemeinen oberflächlichen Einordnung etwas Persönlicheres, Differenzierteres entgegenzuhalten. Reise also mit leichtem Gepäck — das verringert das Maß der Sorgen, der Vorurteile, der Erwartungen.

    Mindestens ebenso gefährlich ist auch das Reisen in der Gruppe. Ich erinnere mich, wie ich in Mopti am Niger stundenlang durch die Gassen wanderte und die vielen Flüchtigkeiten aufsaugte, die sich mir boten, und vor allem den vielen eigenartigen, mir gänzlich unbekannten Geräuschen lauschte. Da bog ich um die Ecke und geriet ohne Vorwarnung mitten in eine Reisegruppe hinein, die aufgrund ihrer Größe Probleme hatte, durch die engen Gassen zu schlüpfen. Diese Gruppe erzeugte so viel Lärm — unvermeidbar wohl: die Vielzahl der Fotoapparate, die Rufe des Führers, die Erregung verschiedener Stimmen —, dass diese Reisenden unmöglich hören konnten, wie der Schmuck an den Ohren und Armen der Pheul-Frauen klirrte. Da und dort empfand ich dies für sie als herben Verlust. Ich musste an Mungo Park denken, jenen jungen Schotten, der von mehr als zweihundert Jahre alle Geheimnisse des Niger lüften wollte. Bei seiner ersten Expedition war er fast alleine, es begleiteten ihn nur ein Dolmetscher und ein Diener. Es war eine erlebnis- und erfolgreiche Reise, über die er einen aufregenden Bericht verfasste. Bei seiner zweiten Expedition führte er dreißig britische Soldaten ins westafrikanische Inland. Von dieser Reise kehrte er nicht zurück.

    Am wichtigsten erscheint mir aber inzwischen, und das ist eine Erkenntnis, die sich erst nach ausgiebigen eigenen Erfahrungen einstellte, das Reisen zu Fuß. Der Fußmarsch ermöglicht eine Wachheit, die einen wie eine Bogensehne spannt.

    Man ist einer Wirklichkeit ausgesetzt, die sich mit kleinen spitzen Steinen durch die Sohlen drückt, die schwer an den Riemen des Rucksacks hängt, die sich durch schmerzende Glieder, Schweiß und Dreck bei jedem Schritt aufdrängt. Wer mit dem Auto, dem Bus, dem Zug oder dem Motorrad durch die Landschaft fährt, sieht mit den Augen, mehr oder weniger. Wer sie aber zu Fuß durchstreift, der sieht mit dem ganzen Körper. Und er ist den Einheimischen gleichgestellt, er fällt in die tradierte Kategorie des müden Wanderers, dem Menschen weltweit mit den Mitteln der vertrauten Gastfreundschaft begegnen können. Aus dem Auto hingegen schaut die Fremde immer so aus, als sei sie schlecht in die eigene Sprache übersetzt.

    Und noch etwas: Reise nicht von der Heimat in die Fremde und wieder zurück, sondern verwandele die Fremde in Heimat. Stelle dir vor, Wurzeln wachsen in die Zukunft. „Unternimm eine Reise, mein Freund“, sagt der großartige Sufi-Dichter Rumi, „vom Ich zum Selbst“. Solch eine Reise verwandelt die Welt in eine Fremde, die so ergiebig ist wie eine Goldmine.

    Ilija Trojanow, geboren 1965 in Bulgarien, zählt zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern seiner Generation. Sein Roman „Der Weltensammler“ über Sir Richard Burton wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    September 2008

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