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    Sprache

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Reinheit oder Realismus?
    Der Streit der Sprachpfleger und Sprachwissenschaftler in Iran

    Bärtiger Schreiber, Isfahan 1626 Auch im Iran erfreut sich das sprachkritische Schrifttum, dem es um die Reinheit und Reinhaltung der persischen Sprache zu tun ist, großer Beliebtheit.

    Die Sprachkritik durchlief mehrere Phasen mit unterschiedlichen Themen, über die heute noch diskutiert und gestritten wird, mit einem Unterschied, dass den Hütern der Sprache die Vertreter der neueren Sprachwissenschaft entgegentreten und der Diskussion eine neue Wendung verleihen.

    Die erste Phase der Sprachpflege beschränkte sich fast ausschließlich auf die Bekämpfung der arabischen Lehnwörter in der persischen Sprache und auf ihre Reinhaltung von fremden Elementen. Man ging davon aus, dass die Ersetzung der arabischen Lehnwörter die Probleme der persischen Sprache lösen wird.

    Einer der ersten Vertreter dieser Denkweise war Prinz Dschalaloddin Mirza, Sohn des Fathali Shah (1243 – 1289 n. H.), der mit dem berühmten aserbaidschanischen Dramatiker und Denker Fathali Akhundzadeh, ebenfalls ein strenger Gegner arabischer Wörter im Persischen und der arabischen Schrift, in Gedankenaustausch trat und ein Buch über die iranische Geschichte im puristischen Stil schrieb, in dem er seine patriotischen Ideale darlegte. Er nannte sein Geschichtsbuch in Anlehnung an Ferdowsi „Das Buch der Könige“.

    Die programmatische Arbeit, die er mit dieser Schrift begonnen hatte und die wegen seines frühen Todes unvollendet blieb, wurde nicht vergessen und fand einen großen Widerhall. Andere wie Ebrahim Pourdavud, Ahmad Kasravi, Zabih Behruz, Mohammad Moghaddam und Sadegh Kia, die sich mit nichts anderem als mit einer von allen Lehnwörtern gereinigten Sprache zufrieden gaben, setzen seine Arbeit fort. Die Aktivitäten der beiden Sprachakademien der Pahlavizeit mit etwas konservativer und bedächtigerer Haltung waren mehr oder weniger die Fortsetzung dieser Arbeit.

    Die gefühlsmäßige und übertriebene Tendenz zur Reinigung der persischen Sprache von Fremdwörtern insbesondere Wörtern arabischen Ursprungs, ist bis in den letzten Jahrzehnten weiter gegangen. Dies ist nicht nur in den Arbeiten besonderer Gruppen zu beobachten, sondern auch bis zu einem gewissen Grad in den Veröffentlichungen der Verwaltungs-, Hochschul- und Kulturinstituten.

    Persisch ist keine Wissenschaftssprache

    Die puristische Haltung in der Sprachkritik stößt nach wie vor auch auf harte Kritik. In der Vergangenheit auf die Kritik der Dichter und Denker, die in einer von arabischen Lehnwörtern nicht freien Sprache schrieben, und heute auf die Kritik der Sprachwissenschaftler, die diese Methode als unwissenschaftlich und gegen die natürliche Entwicklung der Sprache ablehnen. Die Sprachwissenschaftler weisen des Öfteren auf die englische Sprache hin, weil die heutige Sprache fast ausschließlich englische und nicht arabische Lehn-wörter aufnimmt. Sie stellen fest, dass die englische Sprache im Laufe ihrer Geschichte mehr als jede andere Sprache Fremdwörter aus dem Französischen, Lateinischen und Griechischen und sogar aus dem Persischen und Arabischen aufgenommen habe und nun selbst zu einer Gebersprache ge-worden sei, weil die meisten wissenschaftlichen Themen in dieser Sprache gedacht werden. Es handele sich also nicht um die Unfähigkeit der persischen Sprache, sondern um die Unfähigkeit, in dieser Sprache zu denken. Die historische Tatsache sei, dass die persische Sprache bis zur Neuzeit keine Sprache der Wissenschaft war. Die iranischen Wissenschaftler der ersten Jahrhunderte der islamischen Zeit schrieben in Arabisch und die späteren, die allmählich anfingen, in persischer Sprache zu schreiben, benutzten dieselben arabischen Fachwörter. Die ausgereifte Sprache der Mystik und die Bilder-sprache der persischen Dichtung beweisen, dass die Sprache an sich die Fähigkeit besitze, die in ihr entwickelten Gedanken auszudrücken.

    Was die Sprachwissenschaftler in dieser Diskussion besonders stört, ist die ahistorische Betrachtungsweise der Puristen. Sie werfen diesen vor, die geschichtliche Entwicklung der Wörter mit allen ihren Konnotationen außer Acht zu lassen, sie aus der Sprache zu verbannen und für die Menschen eine andere Sprache kreieren zu wollen. Nicht jede Entlehnung schade der Nehmersprache wie sie auch den europäischen Sprachen nicht geschadet habe. Sie haben lediglich Wörter entlehnt, die mit der Sprachoberfläche zu tun haben. Auch im Persischen handele es sich, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, um solche Lehnwörter. Die Situation ändere sich allerdings wenn die systemimmanenten Elemente wie Grammatik oder Sprachstruktur übernommen werden. Dies würde auf Dauer die Struktur der Sprache zerstören. Die Sprache leiste aber glücklicherweise gegen solcherlei Entlehnungen Widerstand. Obwohl seit mehreren hundert Jahren ein Geben und Nehmen zwischen der arabischen und persischen Sprache existiert, habe weder das Persische noch das Arabische die fehlenden Laute aus der anderen Sprache übernommen. Der ständige Sprachkontakt mit den europäischen Sprachen habe nicht dazu geführt, dass das Persische eine Konsonantenhäufung am Silbenanlaut zulässt, was im Arabischen und Türkischen ebenfalls nicht der Fall sei. Auch der Jahrhunderte lange Sprachkontakt zum Arabischen habe nicht zur Folge gehabt, dass eine Genusdetermination bei den Substantiven und Verben eingeführt wurde. Was die Ausnahmen wie die arabischen Plurale betrifft, so sind sowohl die Literaten als auch die Sprachwissenschaftler der Meinung, dass diese vermieden werden sollen, wo es nur möglich ist. Die persische Sprache zeige diese Tendenzen auch ohne solche Empfehlungen. Zum Beispiel im Falle der Kongruenz zwischen Adjektiv und Substantiv. Auch dies werde - abgesehen von einigen Redewendungen - weitgehend vermieden.

    Die Gründung der Sprachakademien und Propagierung einer Sprachpolitik, die den Gebrauch von Fremdwörtern ablehnte, gehörte zu den „Reformen“, die Reza Schah in Anlehnung an Atatürk einleitete. Mit dem Unterschied, dass der Sprachpurismus in der Türkei extreme Formen annahm und die türkische Sprache von arabischen und persischen Lehnwörtern weitgehend „gereinigt“ wurde. Die Türkei hat sogar ein zweites Projekt, nämlich die Einführung des lateinischen Alphabets, die auch in Iran eine zeitlang diskutiert wurde, in die Tat umgesetzt. Die türkische Erfahrung mit diesen Reformen ist nicht immer positiv gewesen. Nach zwei Generationen konnten die Türken weder das Schrifttum der Vergangenheit lesen (als ob das Jahrhunderte lange osmanische Reich nicht existiert hätte) noch waren sie imstande, die Publikationen anderer Turkvölker zu verstehen, denn Stalin hatte auch in dieser Richtung die Schrift „reformiert“ und das kyrillische Alphabet für diese Völker eingeführt. Da die neu eingeführten Schriften fast phonetisch konstruiert waren, und die Aussprache der Hauptstadt eines jeden Volkes zur Grundlage dieser phonetischen Schrift gemacht wurde, unterbrach sie die schriftliche Verbindung der Turkvölker. Wenn vor diesen Reformen in Konstantinopel eine Zeitung in arabischer Schrift herausgegeben wurde, konnten die lesekundigen Türken vom Balkan bis Kirgisistan sie lesen und verstehen. Denn die arabische Schrift zeigte die kurzen Vokale und den Unterschied mancher Konsonanten nicht, die nun in der phonetischen Schrift hervortraten. Iran hatte einst mit der Einführung der arabischen Schrift auch mit seiner sehr langen Vergangenheit gebrochen, so dass er diese Erfahrung nicht mehr wiederholen wollte.
    Doch die türkische Erfahrung war nicht durchgehend negativ. Einer der Erfolge der Sprachpolitik in der Türkei war die Aktivierung der türkischen Wortbildungselemente, wodurch die Sprache für das Zeitalter der Wissenschaft und der Technologie vorbereitet wurde. Ein kühnes Unterfangen, das auch von machen iranischen Sprachwissenschaftlern empfohlen wird.

    Der Kampf gegen die Lehnübersetzungen

    Die zweite Phase der Sprachkritik betrifft die Wörter und Wendungen, die durch die Übersetzung in die persische Sprache Eingang gefunden haben. Das sind keine Lehnwörter sondern Lehnprägungen, bei der ein fremdsprachiger Ausdruck Bestandteil für Bestandteil in die Nehmersprache übersetzt wird. Die Traditionalisten halten diese Sprachhandlung verantwortlich für den Verfall der Sprache und kritisieren die Übersetzer bei jeder Gelegenheit. Die Übersetzungskritik ist nicht Gegenstand dieser Arbeit, und den Hütern der Sprache geht es auch nicht darum. Was sie gegen die Übersetzer aufbringt, sind andere Probleme:

    1. Wenn ein Übersetzer anstelle eines bekannten Fachwortes ein neues einführt. Darin sind sie sich sogar mit den Sprachwissenschaftlern einig. Die letzteren sind jedoch der Meinung: Wenn sich der Gegenstand der Wissenschaft ändert, können die alten für andere Inhalte besetzten Fachwörter nicht für die neuen Begriffe verwendet werden. Die Existenzphilosophie und generative Transformationsgrammatik beispielsweise bedürfen ihrer eigenen Fachwörter.

    2. Wenn die Übersetzer durch eine Lehnübersetzung eine neue Wendung einführen, setzen sich die Traditionalisten zur Wehr mit der Begründung, dass die tausendjährige iranische Literatur solche Begriffe nicht kennt. Auch dieser Einwand lässt sich nach Ansicht der Sprachwissenschaftler nicht verallgemeinern. Khosrow Farshidvar, ein Teheraner Hochschulprofessor, hat eine umfangreiche Liste von Lehnübersetzungen aus dem Arabischen, Englischen und Französischen in der persischen Sprache veröffentlicht und sie zur Diskussion gestellt. Es scheint, dass die Kritiker keinen Einwand gegen die Lehnübersetzungen aus dem Arabischen haben, denn diese sind in der Sprache dermaßen aufgegangen, dass außer Spezialisten keiner imstande ist, deren Ursprung zu erkennen. Die Einwände betreffen hauptsächlich die „Euromanie“ der Übersetzer. Auch in diesem Falle hängt die Aversion gegen die Neologismen davon ab, inwieweit sie in der Alltagssprache aufgegangen sind. Die persischen Übersetzungen für Ausdrücke wie „Geburtstag“, „Gute Reise“, „Ich freue mich, Sie zu sehen“, „Familienname“, „grünes Licht“, „Eisenbahn“, die es in der Sprache früher auch nicht gegeben hat, werden nicht beanstandet. Doch die Lehnübersetzungen der Ausdrücke „mit jemandem rechnen“, „Mein Gott“, „Feuer eröffnen“, „beträchtlich“, werden als erfunden bezeichnet. Der Vertreter dieser Gruppe ist der bekannte Literat und Übersetzer Abolhassan Nadschafi, dessen sprachkritische Glossen in einem Buch unter dem Titel „Lasst uns nicht falsch schreiben“ als eine Art Wörterbuch der persischen Zweifelsfälle erschienen und großen Anklang gefunden hat. Die Sprachhüter waren des Lobes voll über sein Buch, und Sprachwissenschaftler wie Mohammad Reza Bateni und Ali Mohammad Haghshenas völlig gegenteiliger Meinung. Bateni unterzog das Buch in einer Serie von Artikeln unter dem Titel „Erlauben Sie, dass wir falsch schreiben“ und „Viel Lärm um nichts“ (selbst eine Lehnübersetzung von „Much ado about nothing“, Titel einer Komödie von Shakespeare) einer kritischen Analyse und kam zu dem Ergebnis, dass dieses Buch nicht die Arbeit eines Sprachwissenschaftlers sei, und man möge nicht glauben, dass sich ein Sprachwissenschaftler dermaßen blamieren würde. Bateni fügt hinzu: „In diesem Buch wird von der falschen Annahme aus-gegangen, dass die Sprache sich nicht wandelt und nicht wandeln darf… Aus der Sicht von Herrn Nadschafi ist die edle und reine Sprache die Sprache der Vergangenheit, und alle Erneuerungen und Veränderungen, die in unserer Zeit in der Sprache geschehen, sind klare Zeichen des Sprachwirrwarrs, wodurch die reine Sprache unserer Ahnen verdorben wird. Es ist deutlich, dass dies das Wesen und die Funktion der Sprache leugnet. Gerade durch diesen Wandel ist aus dem Altpersischen das Mittelpersische und aus dem Mittelpersischen das Neupersische entstanden. Aus dem Lateinischen sind die romanischen Sprachen wie Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch usw. hervorgegangen… Das alles hat mit solchen kleinen Veränderungen angefangen, die von den Puristen als Neuerung, Sprachwirrwarr und Sprachverfall bezeichnet werden.“ Nach Ansicht von Bateni führe die Vermeidung der Neubildungen „zum Austrocknen der Sprache“. Eine der wichtigsten Verfahren zur sprachlichen Bewältigung neuerer wissenschaftlicher Herausforderungen sei die Aktivierung der Wortbildungselemente der Sprache. Er kommt zu der Schlussfolgerung, dass im Gegensatz zu der Behauptung der Sprachhüter der persischen Sprache keine Gefahr drohe und sie sich entsprechend den Erfordernissen der Zeit entwickelt habe.

    Was die Sprachwissenschaftler in dieser Hinsicht schreiben, wird von einem relativ kleineren Kreis rezipiert, während die Sprachkritiker ein breiteres Publikum ansprechen können. Die wissenschaftliche Kritik von Nadschafis Buch konnte nicht verhindern, dass dieses Buch in mehreren Auflagen begeisterte Leserschaft und Nachahmer fand. Einer von ihnen war Yussef Aali Abbas Abad, dessen „Wörterbuch des richtigen Schreibens“ Abolhassan Nadschafi gewidmet ist mit den Worten: „Er ist mit Recht einer der Avantgarden der Renaissance des richtigen Schreibens, der Reinigung der persischen Sprache und der Erhaltung dieser tragenden Säule der nationalen Identität der Iraner. Dieses Buch stützt sich hauptsächlich auf seine Ideen.“ Doch die Reaktion der Sprachwissenschaftler blieb auf Dauer nicht ganz ohne Wirkung, denn Aali Abbas Abad legt im Gegensatz zu seinem Vorbild die Sprache der Gegenwartsliteratur als Standardsprache zugrunde und akzeptiert damit zumindest die Entwicklung der Sprache bis zur Gegenwart.

    Persisch als nationale Identität der Iraner?

    Während die Diskussion über die Reinigung der Sprache in Iran weitergeht, und die Hüter der Sprache die nationale Identität der Iraner und gar die Solidarität der persischsprachigen Länder davon abhängig machen, taucht das Sprachproblem unter den nichtpersischen Völkern Irans und Afghanistans in einer anderen brisanten Form auf. Diese Völker halten ihre nichtpersische Muttersprache für ein Zeichen ihrer Identität und setzen sich in Iran für das Recht ein, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden, wie dies in der Verfassung der Islamischen Republik Iran garantiert und nach drei Jahrzehnten immer noch nicht umgesetzt worden ist. In Grundsatz 15 der Verfassung der Islamischen Republik Iran heißt es: „Die gemeinsame Sprache und Schrift des iranischen Volkes ist Persisch. Offizielle Urkunden, Schriftwechsel und Texte sowie die Lehrbücher müssen in dieser Sprache und Schrift abgefasst sein. Der Gebrauch der einheimischen Sprachen und Dialekte in der Presse und anderen Medien wie auch der Unterricht der entsprechenden Literatur in den Schulen ist jedoch neben der persischen Sprache frei.“ Die Proteste gegen die Nichtgewährung dieses verfassungsmäßigen Rechts haben sich seit dem Jahre 1999 intensiviert als UNESCO den 21. Februar zum Tag der Muttersprache erklärte.

    Auch in diesem Punkt gibt es Meinungsunterschiede zwischen den Sprachwissenschaftlern und Sprachhütern. Der bekannte Sprachwissenschaftler und Lexikograph Ali Mohammad Haghshenas sagt, die Behauptung, eine Sprache sei besser als die andere, sei nichts als Rassismus. Mohammad Reza Bateni ist der Meinung, dass die nationale Identität sich nicht durch Einsprachigkeit definieren lasse, denn „die Mehrsprachigkeit in der Welt ist eher die Regel als die Ausnahme“. Das Erlernen der Muttersprache führe nicht zum Zerfall eines Vielvölkerstaates, sondern die Vernachlässigung des Wohlstandes dieser Völker.

    Angesichts der Tatsache, dass die nichtpersischen Völker Irans mehr als die Hälfte der iranischen Bevölkerung bilden, und einige dieser Völker, insbesondere die Aseris, im Laufe der Geschichte die polische und militärische Führung des Landes innehatten, ist es verwunderlich, dass ihre Sprache nicht neben der Nationalsprache zum Unterrichtsfach wurde. Hat es – wie mache extremistische Vertreter dieser Völker behaupten – allein mit dem Chauvinis-mus der Perser zu tun? Historische Zeugnisse stützen diese Behauptung nicht. Sowohl die Aseri-Türken als auch die anderen türkischen Stämme haben Jahrhunderte lang in diesem Land regiert. Die Pahlavizeit ist im Vergleich mit dieser langen Geschichte nur eine kurze Episode. Nicht einmal alle Mitglieder der Pahlavifamilie waren Perser. Der religiöse Führer der Islamischen Republik Iran ist ein Aseri. Wie kann der vermeintliche persische Chauvinismus sie dermaßen unterdrückt haben? Am Hof von Mahmoud Ghaznavi, des ersten türkischen Herrschers über Iran, wimmelte nur von persischsprachigen Dichtern. Hatte jemand Nizami, Khaghani, Saeb-e Tabrizi gezwungen, in Per-sisch zu dichten statt in ihrer Muttersprache? Hat man Moulana Rumi, der in der türkischsprachigen Umgebung des Seldschukenreiches lebte und den Iran lediglich durchquert hatte, um nach Konya zu gelangen, gezwungen, in Persisch zu dichten? Warum hat Shahriar, der solch ein Meisterwerk wie Heydar Baba in Aseritürkisch dichten konnte, das von allen Aseris diesseits und jenseits der Grenze bejubelt wurde, trotzdem seine meisten Gedichte in Persisch geschrieben? Dieser Umstand scheint doch zumindest im Falle der Aseris eher mit der Vernachlässigung der eigenen Muttersprache zu tun zu haben als mit der Unterdrückung durch die Perser, denn als sie es konnten, und sie konnten es während ihrer achthundertjährigen Herrschaft im islamischen Iran, haben sie sich eher um Persisch gekümmert wie die mongolischen Herrscher in Indien.

    Die andere Seite der Medaille

    Die Hüter der reinen Sprache in Afghanistan verhalten sich ähnlich wie die Iraner. Der afghanische Minister für Information und Kultur hat im Januar 2008 einen Reporter des afghanischen Fernsehens gerügt, weil er persische Neologismen für Fakultät und Universität anstelle der üblichen aus dem Paschtu entlehnten Wörter benutzt hatte. Er nannte sie Fremdwörter und das Verhalten des Reporters „gegen die kulturellen und islamischen Grundsätze“. Die Bezeichnung der persischen Wörter in Dari als Fremdwörter erregte den Unmut der persischsprachigen Afghanen, Tadjiken und Iraner. Diese Neologismen sind aus den lebendigen Elementen der persischen Sprache gebildet worden, deren Bezeichneten in der gemeinsamen Vergangenheit dieser Völker naturgemäß nicht existierten. Wegen der Erfordernisse der Zeit sind sie jedoch jenseits der iranischen Staatsgrenze ebenfalls akzeptiert worden. Nun spielen die iranischen Sprachhüter die Rolle der Sprachwissenschaftler für ein afghanisches Problem, während die afghanische Regierung die Rolle der Sprachnormierer übernommen hat. Sie wird auf die Dauer genauso erfolglos bleiben wie ihre iranischen Gegenspieler und es nicht schaffen, die Übernahme der in Iran gebildeten persischen Wörter zu verhindern, denn die afghanische Variante des Persischen und dessen Sprecher sind nicht produktiv genug, um die sprachlichen Herausforderungen der Neuzeit zu bewältigen.
    Manutschehr Amirpur,
    geboren in Iran, lebt heute in Deutschland und hat viele Jahre als Dolmetscher Persisch-Deutsch gearbeitet. Heute ist er in Art&Thought verantwortlich für die persische Ausgabe.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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