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    Sprache

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann ist eine Kultur-
    zeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und islamisch geprägten Kultur-
    kreisen fördert und mitgestaltet. Autoren aus Deutschland, Europa und der islamischen Welt kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Fikrun wa Fann bietet neben Information und Dialog mit den und innerhalb der islamisch geprägten Kulturkreise ein literarisches Forum für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten.

    Mehrsprachigkeit und kulturelle Diversität. Europa und Indien als Beispiel

    Manuskript in Sanskrit, India 1849 So unterschiedlich Europa und Indien auf den ersten Blick wirken, im Zuge der europäischen Vereinigung fallen immer mehr Gemeinsamkeiten auf. Das betrifft besonders die Sprachen.

    Die gegenwärtige Entwicklung Europas kann als Prozess betrachtet werden, worin Nationalstaaten mit einem relativ hohen Grad an kultureller Kohärenz sich zu einer komplexeren multikulturellen und mehrsprachigen Organisationsform entwickeln. Dieser Entwicklungsprozess wird durch intellektuelle Reflektionen über die europäische „Idee“ begleitet, welche wiederum auf den seit der Romantik vorhandenen Europadiskurs zurückgehen und so eine Tradition bilden. Die europäischen Entwicklungen sind ihrerseits Teil eines weltweiten Transformationsprozesses, welcher durch die Probleme der Migration, religiöse und ethnische Positionierung, Strategien der Inklusion und Exklusion und den Umgang mit Diversität gekennzeichnet ist. Im internationalen Zusammenhang wird der Diversifikationsprozess relativ monolingualer, monokultureller Staaten in Europa begleitet von den Spannungen, in denen sich bereits bestehende multilinguale, multireligiöse, plurikulturelle Staaten wie Indien befinden. Diese Spannungen führen in Indien zum Homogenisierungsdruck im religiös-kulturellen Bereich und zur Schrumpfung des säkularen Raums. In beiden Fällen geht es um das dialektische Verhältnis zwischen dem Abbau von Grenzen und der Förderung von Diversität.

    Plurikulturelle Staaten waren stets gefährdete Staaten. In Europa haben historische Formationen, die mit Indien hätten verglichen werden können, nämlich das Habsburger Reich oder Jugoslawien, gegen die „romantische“, von Herder beeinflusste Vorstellung vom möglichst kongruenten Verhältnis zwischen Sprache, Volk und Nation verloren. Das Grundproblem, das dahintersteckt ist der demokratische Umgang mit Diversität und ihre Haltbarkeit. Dies gilt auch für Sprachprobleme, wie wir aus der Geschichte der Sprachenkonflikte wissen (King 1998; Rahman 2003; Shukla 1993). Die Ideologie der Homogenität hat auch dazu geführt, dass die älteren Traditionen der Diversität und Mehrsprachigkeit in Europa, wie etwa in der Renaissance und der Barockzeit, abgewertet und erst jetzt wieder aufgearbeitet werden (Maass/Volmer 2005; Battafarano 2000).

    Wie wird das mehrsprachige Europa aussehen? Wird das zukünftige Europa nur eine Art expandierte Schweiz ohne wirkliche Mehrsprachigkeit sein? Haben wir auch im zukünftigen Europa mit einer Sammlung von Sprachmonaden, die sozusagen jeweils unmittelbar zum Rest der Welt in Konkurrenz und bilaterale Verhandlung treten, zu tun? Oder kann man sich ein zukünftiges Europa vorstellen, dessen durchdringende, lebensweltlich praktizierte Mehrsprachigkeit sich mit der Praxis in der Lebenswelt Indiens vergleichen ließe?

    II
    Aus der Sicht monolingual erzogener Gesprächspartner ist die in der Lebenswelt verankerte Mehrsprachigkeit Indiens manchmal schwer zu begreifen. Nach der Unabhängigkeit Indiens (1947) wurden sechzehn indische Sprachen durch die Verfassung offiziell anerkannt. Die Zahl ist jetzt auf zweiundzwanzig Sprachen gestiegen. Hindi gilt als offizielle Nationalsprache, aber Englisch gilt als offizielle Nebensprache. Und dann gibt es mehrere Schriftsysteme. Was eine Sprache ist, und was ein Dialekt ist, sind wissenschaftlich umstrittene Fragen, aber wie es zu einer verfassungsmäßigen Anerkennung einer Sprache kommt, hängt mit der Politik zusammen und die Auflistung in der indischen Verfassung ist wohl immer noch eher konservativ. Der Anthropological Survey of India listet 25 Schriftsysteme und 325 Sprachen in Indien auf (Singh/Manoharan 1993). Alle sind gewissermaßen staatlich anerkennungsfähig. Der für uns wichtigste Nachweis in dem Survey ist jedoch die Tatsache, dass über 65 % der „communities“ Indiens zweisprachig, sehr viele gar dreisprachig sind. Mehrsprachigkeit in Indien ist keine isolierte Erscheinung, sondern muss als etwas betrachtet werden, das nicht überrascht. Sie ist normal.

    III
    In einsprachigen Traditionen kann es leicht dazu kommen, dass die Einsprachigkeit als quasi anthropologische Grundkonstante postuliert wird. Alles andere sind dann Einzelfälle oder Abweichungen von der einsprachigen Norm. Die Fähigkeit etwas zur Norm zu erklären hängt natürlich mit Herrschaftsverhältnissen zusammen. Ich erinnere mich daran, dass Mehrsprachigkeit in der deutschen Germanistik früher mit einer gewissen Reserve betrachtet wurde. Noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts galt sie als Zeichen der Flachheit (Lämmert 2003) (Bhatti 2005). Der mehrsprachige Mensch galt als „clever“ und wendig aber nicht als „tief“. Seine Fähigkeiten konnten sogar verdächtig sein. So schrieb Gregor von Rezzori, der aus der Bukowina in die Oststeiermark zur Schule geschickt wurde, über seine Schulkameraden: „Ich war und blieb für sie ein Zugereister, ein ‚Tschusche‘ aus einem Balkanland. Meine Sprachkenntnisse – nicht nur Rumänisch und Ukrainisch, sondern auch Englisch und Französisch, um die sie sich bemühten – waren verdächtig.“ (Rezzori 1999)

    Solche Haltungen spiegeln einflussreiche Lehrmeinungen wider. Der Sprachwissenschaftler Leo Weisgerber vertrat die Meinung, dass „der Mensch im Grunde einsprachig angelegt ist (...), daß die geistige Anverwandlung der Welt die Geschlossenheit einer Muttersprache erfordert (so wie man auch nicht erwartet, daß jemand in zwei Religionen lebt) und daß mit dem Zusammentreffen der für erfüllte Zweisprachigkeit nötigen Vorbedingungen nie in dichter Häufigkeit zu rechnen ist.“ Zweisprachigkeit und Mehrsprachigkeit sollen Sonderfälle sein, und sie werden aus einer puristischen Sichtweise betrachtet, die dem kulturellen Synkretismus entgegengesetzt ist. Weisgerber betont die Gefahren der Zweisprachigkeit und referiert warnend aus einer Schweizer Untersuchung, in der die Sorge herrscht, dass „aus dem Nebeneinander der Sprachen ein Durcheinander“ wird. In dieser Untersuchung ist die Rede davon, dass „corruption du langage und corruption des moeurs Hand in Hand gehen.“ (Weisgerber 1966)

    IV
    Gegenpositionen zur einsprachigen Ideologie (oft aus der Schweiz und Österreich, wo Mehrsprachigkeit schon immer ein Thema war) rücken jetzt häufiger ins öffentliche Bewusstsein. Mario Wandruszka erinnert uns: „Unsere heutigen Sprachen sind das Ergebnis vieler Jahrhunderte immer neuer Mehrsprachigkeiten und Sprachmischungen. Man braucht nur an das Englische zu denken, dieses angelsächsisch-skandinavisch-normannenfranzösich-griechisch-lateinische Konglomerat.“ Der Schweizer Autor Hugo Loetscher erinnert daran, dass die Erfahrung des Sprachwechsels dazu beiträgt, „dass man das Blut-und-Bodige vom Echten und Wahren aufgibt. Wahr und echt ist nicht die Sprache, die man benutzt, sondern was man mit dieser Sprache anfängt und erreicht.“ (Loetscher 2000) Da ist das Spielerische und Ironische durchaus willkommen. In einer Formulierung von Heimito von Doderer wird die flexible Sprachdisposition des Wiens der Jahrhundertwende durchaus ironisch und vielleicht auch doppeldeutig als „polyglotte Bereitwilligkeit der Stadt“ charakterisiert (Bhatti 2005). Der Ausdruck erfasst aber das Sprachverhalten in der plurikulturellen Situation der großen urbanen Zentren der postkolonialen Welt sehr exakt. Ein amüsantes Beispiel dafür gibt es in der satirischen Erzählung „Das ewige Österreich“ des Tirolers Carl Techet (1877–1920). In den Erhebungsbögen der Volkszählung muss der k. u. k. Beamte Schneider seine „Umgangssprache“ eintragen. Er ist „fassungslos“. Herr Schneider schreibt „Neutral! Ist sich nicht gleich, wechselt“ (Stachel 2001).

    Bei Loetscher ist die Auseinandersetzung mit der Mehrsprachigkeit mit einem demokratischen Gestus verbunden, denn Mehrsprachigkeit trägt dazu bei, den Begriff der Muttersprache zu entmythisieren. Vielleicht ist die Ersetzung der „metaphorisch und ideologisch beladene(n) Muttersprache durch die sachlichere Rubrik‚ Hauptsprache manchen zu nüchtern.“ (Loetscher 1999) Aber sie erinnert uns daran, dass das Primat der Muttersprache ein machtbezogener „displacement process“ ist.

    Aus der Sicht der indischen Schriftstellerin und Journalistin Mrinal Pande sieht das ähnlich aus:
    „Actually, the conversational Hindi that millions use has never been a monoglot’s country with sealed borders. It has always been a delightful melting pot. A vast number of languages and dialects have flown into it and have fermented and released their aromas in Hindi for centuries. In fact, ceaseless language acquisition has been one of the greatest adventures of the last century of Hindi (…). Speaking more than two languages not only constantly extends the boundaries of one’s vocabulary, but it also sharpens the mind and unlocks children’s latent creativity in no small measure.“ (Pande 2006)

    Mrinal Pandes Erfahrung hat auch Implikationen für das Verhältnis zur Muttersprache: „ (…) just as children don’t see the lines between themselves and the world, Hindi speakers (and writers) do not distinguish between different languages or harbour hostility towards other vernaculars. They are all mother tongues and worthy of our utmost love and respect.“ (Pande 2006)

    Der Schriftsteller U. R. Ananthamurthy, der aus der kannadasprechenden Region Karanataka in Indien kommt, geht noch weiter und erklärt unmissverständlich: „I do not use the term‚ mother tongue as it is understood by Europeans. For instance, some of the best Kannada writers speak Tamil or Marathi at home (…). In India, however, many writers do not speak the same language in which they may be writing.“ (Chandra/Mahajan 2007)

    Der Schriftsteller Ilija Trojanow, der Indien kennt, sagt in einem Interview:
    „Jeder muss zweisprachig sein. Zweisprachigkeit ist ein Geschenk. Kinder haben damit kein Problem. Schon Vierjährige beherrschen beide Sprachen perfekt. Das muss unser Ziel sein. In afrikanischen Ländern oder in Teilen Indiens ist es normal, dass Menschen sogar fünf, sechs Sprachen sprechen.“

    Die Entscheidung für Deutsch als seine literarische Schreibsprache war für ihn „eine bewusste Entscheidung. Deutsch hat für mich eine größere Flexibilität als Englisch. Es ist prall, sinnlich, mystisch, andererseits trocken und genau.“ (Tagesspiegel Online 18. 1. 07)

    Puristen haben stets Schwierigkeit mit dem kreativen Potenzial von plurikulturellen Situationen und dies ist auch der Grund, weshalb sprachliche und kulturelle Grenzen errichtet werden. Der Schweizer Schriftsteller Iso Camartin distanziert sich von Grenzziehungen in diesem Bereich mit einem treffenden Bild:
    „Sogar von einer Sprache läßt sich behaupten, daß sie keine Grenzen kennt. Das gilt nicht nur für das Englische. Auch eine kleine Sprache wie das Rätoromanische kümmert sich nicht um Grenzen. Gebiete haben Grenzen. Sprachen haben eher einen Horizont. Grenzen sind gegeben und festgelegt. Ein Horizont wandert. Sprachen, die leben, sind in Bewegung. Sie weiten sich und verengen sich. Gewinnen und verlieren. Machen ihre Referenz vergangenen Sprachen gegenüber, bilden Allianzen mit neuen Nachbarn, tauschen, stehlen und erfinden je nach Bedarf. Entsprechend der Phantasie und der Sehnsucht derjenigen, die eine Sprache benutzen.“ (Camartin 2006)

    Mir geht es hauptsächlich darum, dass viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Indien und jetzt zunehmend aus Europa Mehrsprachigkeit als eine Bereicherung und nicht als eine Identitätsgefährdung sehen. Die dominante Ideologie des Monolingualismus in Europa hat aber stets versucht, in der aktiven kreativen Nutzung der urbanen Mehrsprachigkeit einen Substanzverlust an Authentizität zu suggerieren.

    In diesem Zusammenhang bleibt Goethes Einsicht seltsam aktuell. In Epochen geselliger Bildung spricht er von vier Entwicklungsstadien der Bildung. Nur in der ersten hält man sich mit „Vorliebe auf die Muttersprache“. Danach „verweigert man die Einwirkung“ der „fremden Sprachen“ nicht und gelangt zur „Überzeugung, wie nothwendig es sei, sich von den Zuständen des augenblicklichen Weltlaufs im realen und idealen Sinne zu unterrichten. Alle fremde Literaturen setzen sich mit der einheimischen ins Gleiche, und wir bleiben im Weltumlaufe nicht zurück.“ (Goethe 1977)

    V
    Dass die funktionierende Mehrsprachigkeit in Indien schwer zu definieren ist, dürfte niemanden überraschen. Der europäische Beobachter ist manchmal verwirrt durch die gleichzeitige Präsenz mehrerer Sprachen in einem Diskurs. Er begreift die Struktur dieser Flexibilität (und die Rolle des Englischen) nicht sofort.

    Die funktionierende Mehrsprachigkeit in Indien muss kreativ aufgefasst werden. Es ist eher so, als ob eine multilinguale Kompetenz eine Referenzebene schafft, welche die Kommunikation hinreichend ermöglicht. Ich betone ‚hinreichend‘, denn gelungene mehrsprachige Konstellationen zielen nicht auf Sprachperfektion ab. Vereinfachende behavioristische Modelle von ‚Code switching‘ können die mehrsprachige Disposition kaum erfassen. Mehrsprachigkeit ist vielleicht eher mit performativen Begriffen wie Sprachhabitus und Sprachrepertoire zu erfassen. Man wächst auf in einer mehrsprachigen Welt, mit dem Klang vieler Sprachen im Ohr. Die Andersheit der Sprachen ist nicht Fremdheit. Man lernt früh mit Sprachen zu spielen. Mehrsprachigkeit wäre mit einer musikalischen Metapher zu umschreiben: Die Fähigkeit, mit dem musikalischen Material umzugehen (die musikalische Kompetenz) erlaubt dem Musiker so etwas wie ein freies Spiel. Er kann variieren, Stillagen wechseln, sich in verschiedenen Tonarten ausdrücken. Mehrsprachigkeit ist etwas Vergleichbares. Man geht mit einem Sprachrepertoire um, wie man mit einem Musikrepertoire umgeht, und zwar in einem gesellschaftlichen Umfeld, wo dies akzeptiert wird und nicht als Verstoß gegen ein Reinheitsgebot (die reine Muttersprache) gilt. Das Verhältnis zwischen den Sprachen im mehrsprachigen Repertoire ist nicht das Verhältnis zwischen Muttersprache und Fremdsprache. Sämtliche Versuche, natürliche mehrsprachige Situationen zu sabotieren (Purismus, Sprachreinigungsprogramme) wollen durch Homogenisierungsvorgänge einen Zustand herbeiführen, in dem es um bilaterale Verhandlungen zwischen der ,eigenen‘ und der ,fremden‘ Lebenswelt geht. Aber das Verhältnis zwischen Hindi, Englisch, Tamil, Urdu, Punjabi usw. in einer polyglotten Stadt wie New Delhi kann nicht als ein Verhältnis zwischen Mutter- und Fremdsprachen charakterisiert werden. Es sind nur andere Sprachen, die in einem Regenbogenverhältnis zueinander stehen. Deutsch dürfte für viele ihre vierte, wenn nicht gar fünfte Sprache sein.

    VI
    Mehrsprachige, kulturell vielfältige Gesellschaften können mit Kulturtheorien, die sprachlich, ethnisch und religiös möglichst kompakte Volksgemeinschaften bevorzugen, nicht erfasst werden. Als Gegenmodell zu solchen Vorstellungen fungiert die lose, lockere mehrsprachige, plurikulturelle Gesellschaft, deren Kulturvorstellung im Bild des Palimpsests zu suchen ist. Aus dieser Sicht werden Kulturen als Resultat von immer neuen Schichtungen wie in einem Palimpsest, das immer neu übermalt oder beschriftet wird, begriffen. Diese Schichtungen sind selbst Ergebnisse des historischen Wandels. Dieses Bild des Palimpsests negiert sowohl den Authentizitätsdiskurs als auch die Homogenisierungsthese. Interessanterweise wurde dieses Bild sowohl von Victor Hugo für Europa und von Jawaharlal Nehru (dem ersten indischen Premierminister) für Indien verwendet. Hugo begriff die große europäische Zivilisation, die griechisch-römische, als einen Zusammenhang, wo Etrusker, Iberer, Slawen und Kelten zu finden sind. Indien ist für Nehru das Resultat arischer, dravidischer, mongolischer, türkischer und arabischer zivilisatorischer Beiträge. Die kulturelle Bedeutung des Palimpsests liegt allerdings darin, dass nur die Ganzheit der Schichtungsprozesse Gültigkeit besitzt. Keine Einzelschichtung, zu der man durch einen Akt der Reinigung oder Wegradierung vorstößt, kann den Authentizitätsanspruch usurpieren. Bei dem Prozess der Schichtung kommt es nämlich auf die Pluralität an. Sie bedeutet Fülle und Reichtum im historischen Prozess. Dies wird ins Gegenteilige transformiert, wenn die fortschreitende Schichtung als zunehmender Verlust an Authentizität aufgefasst wird. Im Gegenteil, das sogenannte wirkliche Indien, wenn man es wirklich will, liegt nicht in der Urschicht oder in irgendeiner Wurzel, sondern in der Ganzheit und Gleichzeitigkeit des mehrschichtigen Prozesses, und dies ist ein Gedanke, der durchaus mit Ernst Blochs philosophischer These von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ in Europa verglichen werden kann. Homogenisierungsversuche wollen solche Gesamtheiten negieren, um nur eine bestimmte Schicht als authentisch zu akzeptieren. Aber genau genommen wäre die Urschicht eines solchen Palimpsests ein leeres Blatt. Metaphorisch gesprochen führt der Gang zu den Wurzeln und zur Authentizität in einer plurikulturellen Gesellschaft ins Leere.

    VII
    Während der indischen Freiheitsbewegung hat man das Problem des Purismus früh thematisiert (Nehru 1989). Im Zusammenhang mit dem Problem der Selektion und der bewusst geplanten Entwicklung einer Kommunikationssprache in einem mehrsprachigen Subkontinent wie Indien schrieb Rabindranath Tagore, dessen dichterisches Medium Bengali war, bereits 1918 an Mahatma Gandhi: „Of course Hindi is the only possible national language for inter-provincial intercourse in India.“ Aber er wusste, dass dies zu Spannungen in anderen Teilen Indiens führen könnte und er setzte sein Vertrauen in eine neue Generation, die zur freiwilligen Annahme von Hindi in ganz Indien bereit sei. Es ging ihm um „ (…) a voluntary acceptance of a national obligation.“ (Tagore 1996)

    Für Tagore, wie auch später für Nehru sollte Hindi nach der Befreiung Indiens vom Kolonialismus eine breite Kommunikationssprache werden. Das wäre eine Fortsetzung der plurikulturellen Tradition Indiens. Die Sprachentwicklung sollte ohne religiöse Engstirnigkeit vonstattengehen. Wichtig dafür wäre, dass Hindi, so Tagore, den Doppelstrom von Sanskrit und Persisch in Indien aufbewahren sollte und „boldly enfranchise all the words that have been naturalized by long use“ (Tagore 1996). Tagores Forderung nach einer grundsätzlichen ‚Einbürgerung‘ sogenannter Fremdwörter dürfte jedem einleuchten, der die Mehrsprachigkeit als Bereicherung auffasst. Sanskrit signalisiert in Indien die Hindutradition; Persisch wird mit der islamischen Tradition in Indien assoziiert. Das säkulare Erbe eines freien, utopischen Indiens hätte sowohl die Hindutradition als auch den Islam in Indien als kreativ geformte ‚Einheit in der Vielfalt‘ begreifen müssen. Bekanntlich hat die politische Geschichte Indiens einen anderen Weg eingeschlagen. Die Spaltung des Subkontinents hat auch die Sprachentwicklung beeinflusst. Der breite sprachliche, plurikulturelle Kommunikationsraum Nordindiens wurde politisch-religiös parzelliert. Lange vor dem heutigen Fundamentalismus haben dann indische und pakistanische Sprachplaner ihrer jeweiligen offiziellen Schriftsprache (Hindi bzw. Urdu) eine Sanskrit- bzw. Persisch-Orientierung gegeben.

    Es ist wichtig zu betonen, dass solche mehrsprachigen und plurikulturellen Räume nicht unbedingt befriedete Utopien waren. Aber sie waren Gegenentwürfe zu unseren heutigen Modellen von Parallelgesellschaften oder Schmelztiegeln. Hugo von Hofmannsthal hat einen schönen Ausdruck für die österreichische Umgangssprache in Wien gefunden: „Es war sicherlich unter allen deutschen Sprachen die gemengteste; denn es war die Sprache der kulturell reichsten und vermischtesten aller Welten“ (Hofmannsthal 1979). Solche Welten gab es in anderen Teilen der Welt, und sie entstehen jetzt erneut in Europa.

    Das ungesteuerte, sich selbst organisierende Ziel einer plurikulturellen Gesellschaft wäre ein Prozess der durchgehenden Interaktion, welche zu immer neueren Varianten von Mischkulturen führt, in denen wir zu mehrsprachigen Bewohnern von polyglotten Metropolen in plurikulturellen Staaten werden.

    VIII
    In Erörterungen über die Entwicklung eines mehrsprachigen Europas wird man durch Diskussionen über die Rolle des Englischen eher abgelenkt. Das Problem ist nicht die Präsenz von Englisch. Das Problem ist die Verengung der großen Diversität Europas auf einen reduktiven Bilingualismus (Trabant 2005). Aber Englisch reicht nicht aus, um große Teile der Welt in Afrika, Asien und Lateinamerika adäquat zu erfassen. Und es reicht auch nicht aus, wenn man sich die europäische Vielfalt aneignen möchte. Als Anglophone ist mir dies sehr klar.

    Eine kreative Bildungspolitik müsste zur aktiven, reziproken Förderung der europäischen Sprachenvielfalt übergehen und mehrsprachige Konstellationen unterstützen. Für Deutschland wäre es wichtig, die Nachbarsprachen zu fördern und sich im benachbarten Ausland um das Erlernen der deutschen Sprache zu kümmern. Gleichzeitig sollten die Anreize für Migranten, Deutsch zu sprechen, erhöht werden. Investitionen im Bereich der deutschen Sprachenpolitik und Deutsch als Fremdsprache wären hier wichtig. Das Erlernen von Fremdsprachen sollte als Erweiterung des individuellen Horizonts betrachtet werden. In den Großstädten Europas entstehen langsam mehrsprachige Lebenswelten, die mit der Situation in Indiens Megastädten vergleichbar sind. Man müsste sich in der Sprachvermittlung nur von der Ideologie der perfekten Sprachbeherrschung befreien. In mehrsprachigen Situationen kommt es, wie schon gesagt, auf eine hinreichende Sprachkompetenz an. Alles Weitere liegt in der individuellen Entscheidung.

    IX
    Migrationsschübe und Globalisierung sorgen dafür, dass Deutschland wie alle anderen Staaten Europas sich der Plurikulturalität stellen muss; Europa entwickelt sich tendenziell zu einem mehrsprachigen und multikulturellen Gebilde. Aufgrund der Vorherrschaft einer substanziellen Privilegierung von Einsprachigkeit, etwa in Deutschland, bedarf es besonderer Öffentlichkeitsarbeit: damit akzeptiert wird, dass das historische Privileg von einsprachiger und monokultureller Nationalität und Staatlichkeit jetzt zunehmend international mit konkurrierenden Gegenmodellen von Pluralität und Diversität konfrontiert wird. Dies ist ein Normalisierungsvorgang. Wenn Europa bewusst auf das Potenzial an Mehrsprachigkeit setzen würde, könnte jede Sprachtradition in der Europäischen Gemeinschaft gewinnen. Damit auch das Deutsche. Somit hätte Deutsch als europäische Sprache im Repertoire der Sprachen, die im Ausland zur Verfügung stehen, eine distinktive Rolle, nicht zuletzt wegen des „symbolischen Kapitals“ in ihrer geisteswissenschaftlichen Tradition. Dies meine ich durchaus im Sinne Wilhelm von Humboldts, dessen Worte sehr aktuell klingen: „Je mehr sich der gleichzeitige Gebrauch verschiedener Sprachen erweitert, je lebendiger die Gemeinschaft unter vielen wird, desto reicher ist der Gewinn für die Sprachen selbst, desto fruchtbarer ihr Einfluss auf das Denken und die Sprachfertigkeit.“ (Humboldt 1963)
    Anil Bhatti
    ist Professor für Germanistik an der Nehru Universtität in New Delhi und Präsident der indi-schen Goethe-Gesellschaft. Der Beitrag entstand im Zusammenhang mit dem Goethe-Instituts Projekt „Die Macht der Sprache“ und ist auf deutsch in dem gleichnamigen, von Jutta Limbach und Katharina von Ruckteschell herausgegebenen Buch „Die Macht der Sprache“ (Berlin, Langenscheidt 2008) erschienen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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