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    Sprache

    Machtdiskurs und Machtlosigkeit: Das kolonialistische Spracherbe am Beispiel Senegal

    Somewhere… Boys. Photo: Alaoui Moulay YoussefWer an der Macht teilhaben will, muß die Sprache der Herrschaft reden. Doch mit dem Ende des Kolonialismus änderte dies sich keineswegs, sondern in vielen ehemals kolonisierten Ländern blieb die europäische Sprache die Sprache der einheimischen Machthaber.

    Im Senegal, einer ehemaligen französischen Kolonie in Westafrika, können weniger als 30 % der Bevölkerung die französische Sprache sprechen und lesen, auch wenn diese Sprache seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahre 1960 als die offizielle Sprache gilt und im Unterricht verwendet wird. Dass vor allem nur diejenigen Senegalesen, die Französisch können, im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich als Hoffnungsträger angesehen werden, lässt sich durch den privilegierten Status erklären, den die senegalesische Machtelite seit der Regierung von Léopold Sédar Senghor, dem ersten Präsidenten des jungen Staates, der französischen Sprache auf Kosten der afrikanischen Kommunikationssprachen, und vor allem der Wolof-Sprache, beimisst.

    Am „Sprachbaum der Menschen“, der nach der Auffassung einer Gruppe von Sprachforschern um Vitaly Scheworoschkin sieben Hauptäste hat, gehört Wolof zu dem Ast der Kongo-Sahara-Sprachen. Obwohl die Wolof nur 36 % der Bevölkerung des Senegal ausmachen, wird ihre Sprache im Senegal und in Gambia von mehr als 90 % der Bevölkerung gesprochen. Nach einer Umfrage von Maurice Jean Calvet sprachen im Senegal 1965 sogar 96,62 % der Schüler Wolof (Calvet 1965). Unter den etwa zwanzig Sprachen, die im Senegal gesprochen werden, gehört die Wolof-Sprache zu den sechs wichtigsten, die zu „nationalen Sprachen“ erklärt wurden und deren Orthografie nach langen Auseinandersetzungen zwischen dem ehemaligen Staatspräsidenten Senghor und senegalesischen Linguisten 1968 offiziell anerkannt wurde. Der erste Entwurf einer Grammatik der Wolof-Sprache wurde bereits 1826 von dem französischen Kolonialbeamten Jean Dard verfasst (Dard 1876). Zwei Arbeiten zur Grammatik der modernen Wolof-Sprache, auf die man sich gegenwärtig stützen kann, erschienen 1971.

    Der privilegierte Status und die ‚Macht‘ der französischen Sprache im Senegal kann durch unterschiedliche Formen politischen Drucks erklärt werden, den sowohl die damaligen Kolonialmächte als auch Léopold Sédar Senghor – in den Jahrzehnten unmittelbar vor und nach der Unabhängigkeit einer der Wortführer der afrikanischen Intellektuellen – auf die Senegalesen und die kolonisierten Afrikaner ausübten. Die sprachpolitische Strategie der Kolonialmacht Frankreich bestand darin, zum einen den senegalesischen Eltern kein Kindergeld zu bezahlen, falls sie sich weigerten, ihre Kinder in die koloniale Schule zu schicken, und zum anderen die Schüler selbst zu bestrafen, falls sie sich in ihren afrikanischen lokalen Sprachen unterhielten. Auf der anderen Seite schien Senghor diesen Druck der Kolonialmächte als das wirkungsvollste Mittel zu betrachten, um den kolonisierten Afrikanern die vermeintlich beste Erziehung zukommen zu lassen.

    Mit seinem Bildungsbegriff stützte Senghor sich einseitig auf eines der beiden gegensätzlichen Momente im Grundverständnis von Bildung und Erziehung, wie es sowohl international als auch in der deutschen pädagogischen Tradition in dem Spannungsverhältnis „Führen oder Wachsen lassen“ zum Ausdruck kommt. Dem Prinzip „Führen“ zufolge handelt es sich bei der Erziehung um einen von auβen gestalteten Prozess, der den Lernenden durch äuβerlichen Druck neue Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt. Dem Prinzip „Wachsen lassen“ zufolge geht es hingegen um einen von innen heraus wirkenden Prozess, der die persönliche Veranlagung der Lernenden im Kontext lokaler Gegebenheiten und Werte – also auch lokaler Sprachen und Kulturen – zur Entfaltung bringt.

    Senghors Entscheidung für den Gebrauch der französischen Sprache in Bildung und Erziehung hatte weitreichende Folgen für das heutige gesellschaftliche, politische und kulturelle Leben der Senegalesen. Die Dominanz der fremden französischen Sprache im Unterricht und im offiziellen Leben hat die senegalesische Gesellschaft gespalten, und sie hat aus der nicht alphabetisierten Mehrheit und aus einem großen Teil der Absolventen der formalen Schule und der Universitäten Akteure gemacht, die auf das Verständnis der auf Französisch geführten Diskurse widerstandslos zu verzichten scheinen oder aber sich halsbrecherisch für den Exodus in die Industrieländer entscheiden, wo sie neue Wege der ökonomischen Entfaltung zu finden hoffen.

    1. Die ‚ungebildete‘ Mehrheit und ihr Verhältnis zu den republikanischen Institutionen und zur regierenden Elite

    Im Senegal, der ersten französischen Kolonie Frankreichs in Afrika südlich der Sahara, investiert die Regierung 40 % des nationalen Budgets in die Bildung und Erziehung. Bei jeder Krise des Schulsystems, wie zum Beispiel den häufig auftretenden Streikbewegungen in den Schulen und an den Universitäten, werden die Behörden nicht müde, von jenen 40 % des Nationalbudgets zu sprechen, als sei diese Menge Geld allein ein Garant dafür, die der Grundorientierung des Bildungssystems innewohnenden Probleme zu lösen.

    In Wirklichkeit müssen ca. 70 % der Bevölkerung des Senegal als ungebildet gelten. Von ihr erwartet die regierende Elite ein „republikanisches“ Verhalten, auch wenn sie keine Chance hatten, sich den Sinn von republikanischen Begriffen wie „Staat“, „Bürger“, „Bürgerschaft“, „republikanische Gesetze“ anzueignen. Aus diesem Grunde stöβt die regierende Elite auf den oft lautlosen Widerstand von Menschen, die von sich annehmen, sie hätten mehr Lebenserfahrung als die dünkelhaften Nachfolger Senghors, von denen sie, ihrer Meinung nach, sich keine Vorschriften darüber gefallen lassen müssten, wie sie ihr Leben zu führen hätten. Die auf das Leben in einem modernen Staat ausgerichteten Vorschriften, so glauben sie, würden sie von ihrem Glauben und ihren Sitten entfernen, denen ihre Vorfahren ihr Überleben in den unterschiedlichsten Gefahren und vor allem bei Überfällen fremder Aggressoren verdankt hätten.

    Der kulturelle Widerstand dieses wichtigen Bevölkerungsteils gegenüber den republikanischen Gesetzen, mit deren Hilfe sie regiert werden, drückt sich unterschiedlich aus. Da sie die offizielle „Sprache der Macht“ weder sprechen noch verstehen können und auch keine in die lokalen afrikanischen Sprachen übersetzten Texte zu lesen vermögen, haben sie in der Regel kein Wort mitzureden, wenn es darum geht, eine in ihrem Sinne positive Änderung des Systems zu bewirken, dem sie ausgeliefert sind. Sie befinden sich in einer Situation, die ihnen keine Gelegenheit bietet, die Gesetze ihrer jungen Staaten mit den Redlichkeitsregeln und jener fast ehrfurchtvollen Zurückhaltung zu vergleichen und in Einklang zu bringen, die ein traditionales soziales Leben auf dem Lande bestimmt haben.

    Der stille oder laute Widerstand und die oft sehr bewusste Weigerung des größten Teils der Senegalesen, sich im Sinne der ‚westlichen Welt‘ als ‚freie Bürger‘ zu verhalten, die sich den Gesetzen aus freien Stücken unterwerfen und ohne Misstrauen am Leben eines demokratischen Staatswesens partizipieren, indem sie z. B. ohne Furcht vor Korruption an den verschiedenen Wahlen teilnehmen, lassen sich aber nicht nur durch das nicht funktionierende Erziehungssystem erklären. Eine weitere Ursache für diesen Widerstand besteht in einer, freilich durch dieses System ermöglichten, listigen Ausnutzung von Gesetzen einer lokalen Selbstverwaltung seitens der Regierenden. Denn das herrschende formale Erziehungssystem schlieβt die Widerspenstigen aus, ohne zu versuchen, ihr Interesse für die Geschicke ihres Landes zu wecken.

    Dass der Gebrauch der französischen Sprache als Instrument der Machtausübung sich über das Ende der Kolonialzeit hinaus verlängert hat, lässt sich durch die Interessenlage erklären, die seit Senghor zwischen der jetzigen Hegemonialmacht Frankreich und den regierenden afrikanischen Eliten besteht. Darunter leiden nicht nur die nicht alphabetisierten Erwachsenen, die sich im wirtschaftlichen und im politischen Bereich nicht zu helfen wissen, sondern auch die senegalesischen Jugendlichen, unabhängig davon, ob sie zur Schule gehen oder studieren, oder ob sie die Schule nie besucht oder frühzeitig verlassen haben.

    2. Die Sprache der Macht und die Ratlosigkeit einer afrikanischen Jugend

    Fernsehbilder einer afrikanischen Jugend, die sich fast jeden Tag halsbrecherisch bemüht, die spanischen Küsten zu erreichen, um eine Chance zu erhalten, irgendeine einträgliche Tätigkeit in Spanien oder in einem anderen Land der Europäischen Union auszuüben, sind der ganzen Welt bekannt. Im Senegal ist seit dem Beginn dieser Art einer massenhaften Auswanderung der makabre Ausdruck „Barça oder Barzaq“ geläufig geworden. Dabei handelt es sich um ein von den Kandidaten des selbst gewählten Exils aufgebrachtes Schlagwort, das seither auch von den senegalesischen Journalisten benutzt wird, um den fast unwiderstehlichen Auswanderungssog zu kennzeichnen. „Barça“ steht für „Barcelona“, „Barzaq“, ein aus dem Arabischen entlehntes Wort, bedeutet „Tod“. Der Ausdruck kann wie folgt übersetzt werden: „Barcelona erreichen oder sterben!“. Inzwischen kann niemand genau sagen, wie viele zwischen fünfzehn und etwa dreiβig Jahre alte Senegalesen und westafrikanische Jugendliche, die mit behelfsmäßigen Kähnen die Reise nach Spanien unternommen haben, auf dem atlantischen Ozean ums Leben gekommen sind.

    Es handelt sich meist um halbgebildete oder analphabetische Jugendliche, die mit handwerklichen Tätigkeiten oder im Kleinhandel dahinvegetieren. Sie warten auf die nächste sich bietende Gelegenheit, um ihr mühsam zusammengespartes Geld senegalesischen oder ausländischen Schwindlern anzuvertrauen, die sie in nicht hochseetüchtigen Kähnen aufs weite Meer verschleppen, wo sie sich oft unbemerkt verlieren.

    Angesichts dieser katastrophalen Situation wird jedoch immer wieder nur auf die schwierige Wirtschaftslage im Senegal und in vergleichbaren afrikanischen Ländern hingewiesen, wenn die Behörden in Afrika und in Europa eine plausible Erklärung für die verzweifelte Entscheidung jener völlig hilflosen Jugend geben wollen. Dass das herrschende Bildungssystem im Senegal – ebenso wie in den meisten ehemaligen afrikanischen Kolonien Frankreichs – diesen Jugendlichen der Möglichkeit beraubt hat, eine Schulbildung in den lokalen Kommuni-kationssprachen zu genieβen, damit sie sich in ihrer Welt zurechtfinden, auch hinsichtlich einer ökonomischen Perspektive, kommt als Grund für die aussichtslose Lage der Emigranten nie zur Sprache. Dass diese Jugendlichen auch daran verzweifeln, dass ihre afrikanischen Sprachen nicht in die Lage sind, sie bei der Erarbeitung einer Lebensperspektive zu fördern, ist eine Konsequenz der Entscheidung der senegalesischen Behörden für die Sprache der Macht.

    Die senegalesischen Jugendlichen erleben im formalen Kenntniserwerb insofern ein besonderes Annäherungsverfahren, als sie sich oft mit einem nur annähernden Verständnis der in der Fremdsprache gebrauchten Wörter und Begriffe begnügen müssen. Die Orientierungslosigkeit der Lernenden verwandelt sich dann mit der Zeit in eine dauerhafte Blasiertheit vor den unbekümmerten französischen oder senegalesischen Lehrkräften, die ihrerseits die Situation fast als schicksalsgegeben betrachten. So kam der Grund für das unbeholfene Schweigen von Studenten der Wirtschaftswissenschaft an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar erstmals ans Tageslicht, als ein senegalesischer Professor für Mathematik, Sakhir Thiam, dazu überging, diesen Studenten die Mathematik auf Wolof beizubringen, und ihnen dadurch erstmals den Sinn des von ihnen seit Jahren gebrauchten aber nicht verstandenen Begriffes „exponentiell“ (im Wolof: „jéggi dayo“) vermitteln konnte.

    Die Verblüffung und die darauf folgende Zufriedenheit, die die Entdeckung der Bedeutung von jahrelang unverstanden gebrauchten Ausdrücken der wissenschaftlichen Sprache verursachte, zeigen den esoterischen Charakter der meisten Lernfächer für die senegalesischen und afrikanischen Lernenden, die Vorlesungen durchweg in der französischen Fremdsprache folgen müssen. Auch wenn Cheikh Anta Diops Übersetzungen von Werken aus dem Gebiet der Physik und Mathematik in das Wolof hinreichende Beweise für die Abstraktionsfähigkeit einer afrikanischen Sprache erbringen, sind diese Übersetzungen folgenlos, solange das Bildungssystem die afrikanischen Sprachen aus den Schulen ausschließt.

    Schlussfolgerung

    Ich habe zu zeigen versucht , wie die „Macht der Sprache“ sich als Widerstand manifestiert, den die Schriftsteller und Sprecher kolonisierter Sprachgemeinschaften selbst dann leisten, wenn sie sich scheinbar bedingungslos der Sprache des Kolonialherrn bedienen. Dieser Widerstand führt dazu, dass sich – grammatikalisch, semantisch, kulturell, ästhetisch – ‚Spuren‘ unterlegener Sprachen in die „Sprache der Macht“ einschleichen. Auf welche Weise und mit welchen Folgen die „Sprache der Macht“, die Sprache der ehemaligen Kolonial- und jetzigen Hegemonialmacht Frankreich, im ‚frankofonen‘ Afrika bzw. speziell im Senegal die „Macht“ der einheimischen Sprachen beeinträchtigt, wie sie ihr Leben, ihr Vermögen zur Selbstentfaltung, ihr gesellschaftliches und kulturelles Potenzial untergräbt, lässt sich im alltäglichen Verhalten großer Teile der Bevölkerung und insbesondere der zur illegalen Aus-wanderung entschlossenen jungen Generation beobachten.

    Als der senegalesische Professor für Linguistik, Physik und Geschichte Cheikh Anta Diop die Unentbehrlichkeit der afrikanischen Kommunikationssprachen für eine autozentrierte Bildung und Erziehung der Senegalesen nachwies, bekam er von dem damaligen Präsidenten des Landes, Léopold Sédar Senghor, ein Lehrverbot. Damit wurde der Einfluss unterbunden, den seine Auffassungen auf seine Studenten hatten. Dass eine – insbesondere in ökonomischer Hinsicht – hegemoniale Position ein Land dazu verleitet, mithilfe seiner Sprache und Kultur die ökonomischen, politischen und kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten anderer Länder zu behindern, führt im ‚frankofonen‘ Afrika und speziell im Senegal zu vielfältigen Problemen und Konflikten, ohne dass diese auch auf die Ausgrenzung der „Macht“ der afrikanischen Kommunikationssprachen aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben und im besonderen aus dem Bildungswesen zurückgeführt würden.

    Wie alle Bürger unserer globalisierten Welt brauchen auch die Afrikaner neben ihren afrikanischen Kommunikationssprachen Französisch, Englisch, Arabisch, Spanisch, Deutsch und andere Weltsprachen, um die kulturellen Vorteile einer Mehrsprachigkeit zu genießen, die zu einer wirtschaftlichen Entfaltung führen können. Fruchtbare sprachliche und kulturelle Wechselbeziehungen setzen jedoch voraus, dass man auch zu verstehen versucht, warum für einen Senegalesen sich manches anders darstellt.
    Khadi Fall
    stammt aus Senegal ist habilitierte Germanistin und war bis 2000 Leiterin der Deutschabteilung der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar. Heute arbeitet sie im senegalesischen Erziehungsministerium und ist stellvertretende Generalsekretärin der Vereinigung afrikanischer Germanisten. Der Beitrag entstand im Zusammenhang mit dem Goethe-Instituts Projekt „Die Macht der Sprache“ und ist auf deutsch in dem gleichnamigen, von Jutta Limbach und Katharina von Ruckteschell herausgegebenen Buch „Die Macht der Sprache“ (Berlin, Langenscheidt 2008) erschienen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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