Foto: Kai Wiedenhöfer

    Sprache

    Ohne Purismus zeigen, was der Fall ist: Zwei Ausstellungen zur deutschen Sprache

    Verkaufsautomat für Reclam-Bücher, 1912 Deutsche Sprache, schwere Sprache. Der Satz gilt als gesicherte Wahrheit; gern auch zieht man zum Vergleich das Englische heran, dessen Grammatik unkomplizierter sei.

    Tatsächlich stellen Sprachen an den Lernenden unterschiedliche Anforderungen: Zum Beispiel ist das Kasussystem des Deutschen komplizierter als das des Türkischen, hingegen wiederum einfacher als das russische. Doch trotz strukturellen Differenzen gilt, dass die durchschnittliche Zeit, die vergeht, bis ein Kind seine Muttersprache beherrscht, überall auf der Welt etwa die gleiche ist. Soziales Umfeld, Status und Bildung der Eltern, emotionale Bindungen an die Lehrenden, auch das Geschlecht des Kindes scheinen die massgeblichen Faktoren zu sein, die für individuelle Variabilität beim Spracherwerb sorgen – nicht so sehr das Idiom selber. Insofern wäre die Rede von der schweren deutschen Sprache zu relativieren.

    Hier Lutherbibel, dort Schreibroboter

    Verkaufsautomat für Reclam-Bücher, 1912 Historisch spät ist das Hoch- und Schriftdeutsche entstanden, zudem ohne zentrales Regelwerk und ohne eine lenkende Institution wie etwa die Académie française. Weder Luthers Bibel, so bedeutsam sie als Volksbuch auch war, noch das Wirken der barocken Sprachgesellschaften, die patriotisch für Einheit und Reinheit der Muttersprache eintraten, besassen die Kraft eines obrigkeitlichen Regulativs. Ist das nun ein Vorzug, weil der Weg vom Althochdeutschen über das Mittelhochdeutsche zum Neuhochdeutschen ein Weg der Liebe statt des Hasses war – der Liebe nämlich zu den Dialekten, die nie fürchten mussten, ausgemerzt zu werden wie andernorts? Oder ist es ein Nachteil und macht das Deutsche anfälliger für Fremdwörterei und Verwahrlosung?

    Gleich zwei Ausstellungen widmen sich zurzeit der deutschen Sprache. In Bonn hat sich das Haus für Geschichte unter dem Titel „Man spricht Deutsch“ markante Aspekte der Gegenwartssprache vorgenommen, und in Berlin eröffnete soeben das Deutsche Historische Museum seine Schau „Die Sprache Deutsch“, die bis ins 8. Jahrhundert zurückgreift. Beide Ausstellungen zusammen sollen ein Ganzes bilden, sie wurden gemeinschaftlich entwickelt. Das Goethe-Institut zeichnet als Dritter verantwortlich und wird im Herbst eine Auslandsversion exportieren. Der Strauss aus Exponaten ist bunt, kunterbunt, und so wie vielen historischen Ausstellungen fehlt es auch diesen an Strenge. Man darf aber den Bonner und Berliner Ausstellungsmachern zugestehen, dass ihre Präsentation reizvoll und instruktiv genug ist, um die eine oder andere konzeptionelle Schwäche zu überdecken.

    In Bonn erregt ein schreibender Roboter Aufsehen. Gefüttert mit Grammatik und Wörtern, bringt die Maschine Sätze zu Papier, an denen Unsinn und Tiefsinn schwer zu unterscheiden sind. Sentenzen wie „Alle Geschichte strebt zur Satire“ wirken grandios, verdanken sich indessen allein dem Zufallsprinzip. Produkte nicht des Zufalls, sondern von Zorn, Wut und kalkulierter Distanznahme sind die Zeugnisse aus Slang und Jugendsprache, die an Stellwänden zu lesen sind, Flapsigkeiten, Schmähungen, derbe Beschimpfungen. Freundlicher geht es in der Kommunikation via SMS zu: „HaSe“ steht für „habe Sehnsucht“, „akla“ für „alles klar“, „BSE“ für „bin so einsam“. Liebe in Zeiten des Handys.

    Wie Sprache Menschen trennt und verbindet, ist im Bonner Haus der Geschichte das Hauptthema. Ein solches lässt der Berliner Streifzug durch die Geschichte weniger erkennen. Mittelalterliche Handschriften führen zurück zu den Anfängen des Schriftdeutschen; die Bedeutung von Gutenbergs Druckkunst für die Verbreitung von Reformation und Lutherbibel und damit das Zurückdrängen des Lateinischen scheint kurz auf; der Bund von Propaganda und Technik wird im Nebeneinander von Volksempfänger und „Völkischem Beobachter“ (die ausgestellte Doppelseite vom 19. 2. 1943 kündet vom „Volksentscheid für den totalen Krieg“) demonstriert. Die gelben Hefte von Reclams Universalbibliothek teilen sich mit Kurt Schwitters Lautpoesie ein kleines Pantheon. Hohe farbige Vitrinen, die wie Inseln im Raum verteilt sind, zeigen hier anatomische Modelle unserer Artikulationswerkzeuge in Mund und Rachen, dort Videos von Kleinkindern beim Spracherwerb, hier Technikgeschichte in Gestalt von Phonograph und frühem Telefon (Bells Modell von 1878), dort Jugendkultur mit Fanzines aus der Punk-Szene.

    Wanderwörter

    Sehr hübsch ist eine Weltkarte mit „ausgewanderten Wörtern“. Ihr entnehmen wir, dass „Weltschmerz“ und „Gemütlichkeit“ in Nordamerika, „Baggersee“ und „Dobermann“ in Italien heimisch geworden sind. „Lecker“ sagt man sogar in Zentralafrika. Ob diese Wanderwörter eine reelle Kompensation für die Anglizismen bieten, die das Deutsche heimsuchen, muss der Besucher der Ausstellung selbst entscheiden. Die Macher, die keine Sprachpuristen sind, präsentieren die Fülle ohne gängelndes kulturkritisches Urteil.
    Joachim Güntner
    ist der Deutschland-Korrespondent des Feuilletons der Neuen Zürcher Zeitung. Erstmals erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 16.1.2009

    Übersetzung: Charlotte Collins
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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