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    Sprache

    Was ist Sprache?
    Eine Zusammenfassung der aktuellen Diskussion

    Der Stein von Rosetta
    Obwohl nahezu allen Menschen ständig die Sprache benutzen und die Sprachforscher zahlreiche Fragen erklären konnten, sind viele sprachliche Phänomene nach wie vor rätselhaft und umstritten.


    1.1. Noch nie wußten wir so viel über die Sprache wie heute: Die Sprachen der Menschheit sind weitgehend erfaßt, auch wenn noch Hunderte der genauen Beschreibung harren. Sie sind hinsichtlich ihrer Abstammungsverhältnisse einigermaßen plausibel zu Sprachfamilien zusammengefaßt, ihre strukturellen Eigenschaften werden quer zu diesen genealogischen Zusammenhängen verglichen, und die sogenannten Kultursprachen sind gleichsam bis in die letzten Winkel ihrer historischen und aktuellen Erscheinungsformen ausgeleuchtet. Wie Kinder ihre Muttersprache erwerben, ist gut erforscht. Was sich im Gehirn beim Sprechen abspielt, erfassen immer raffiniertere Untersuchungsmethoden. Aufgrund paläoanthropologischer Funde, evolutionsbiologischer und neurologischer Einsichten läßt sich sogar einiges zur Entstehung der Sprache sagen. Natürlich gibt es in jedem der angesprochenen Bereiche noch unendlich viel zu tun, aber zweifellos hat sich das Wissen über die Sprache vervielfacht, seitdem es professionelle Sprachforschung gibt.

    Dennoch: Je mehr wir über die Sprache wissen, desto schwieriger scheint es zu sein, die einfache Frage zu beantworten, was Sprache ist. Dies ist nicht nur so, weil das große Wissen die Sache unüberschaubar und kompliziert macht, sondern auch weil genauere Kenntnisse gute alte Sicherheiten ins Schwanken bringen. Bestimmte Selbstverständlichkeiten sind auf einmal umstritten: etwa ob Sprache kommunikativ ist, ob Sprache lautlich ist, ob sie etwas Kulturelles ist oder etwas Natürliches, ein „Organ“ oder „Instinkt“ etwa. Wie steht es um das Verhältnis von Denken und Sprechen? Ist es eigentlich gut oder schlecht, daß es so viele verschiedene Sprachen gibt? Diese Diskussionen bringen Bewegung m die Frage nach den Beziehungen der Sprache zur Literatur, also zu den „hohen“ schriftlichen Diskursen einer sich ihrerseits dramatisch wandelnden Sprach-Kultur. Die folgende kurze einführende Antwort auf die Frage, was Sprache ist, ist daher ein Versuch, viele Fragen offenzuhalten, bzw. ein Plädoyer für mehrere Sowohl-als-auch. Einzelnen Sprach-Fragen gehen dann die weiteren Kapitel des Buches ausführlicher nach.

    1.2.1. Daß Sprache die spezifisch menschliche Produktion von artikulierten Lauten ist, die Menschen von sich geben, wenn sie etwas - einen Gedanken, ein Gefühl, einen „Inhalt“ - anderen Menschen mitteilen, die diese Laute mit den Ohren vernehmen und dann das Mitgeteilte „verstehen“ (und ihrerseits zu solchen Lautproduktionen angeregt werden), scheint eine Feststellung zu sein, die kaum jemand in Frage stellen wird. Und doch geschieht derzeit genau dies. Natürlich wird nicht bezweifelt, daß es dieses beobachtbare lautliche und kommunikative Verhalten gibt. Es wird aber gesagt, Kommunikation sei bestenfalls eine sekundäre Funktion von Sprache - und außerdem nichts besonders Menschliches, jedes Tier, ja das Leben überhaupt kommuniziere. Und daß Sprache als lautliche auftrete, sei ebenfalls eine eher kontingente Eigenschaft, sie könne sich genausogut auch in anderen Medien, etwa m Gebärden manifestieren. „Äußere Sprache“ oder speech sei daher scharf von language oder „innerer Sprache“ zu unterscheiden, beide seien übrigens auch in der Evolution des Menschen getrennte Dinge. Language, das worauf es ankommt, liegt demnach tiefer, sozusagen hinter jenen beobachtbaren Vorgängen, als etwas Geistiges, als kognitives System: „Sprache“ ist eine genetisch gegebene Fähigkeit des Menschen, im Gehirn mentale Einheiten auf eine Art und Weise zu kombinieren, wie dies kein anderes Lebewesen kann. Die Grundzüge dieser Kombinationstechnik, eine Universelle Grammatik, seien dem Menschen angeboren, und nur dieser Kern - verbunden mit einem mentalen Wörterbuch - sei im wahren Sinne des Wortes „Sprache“. Zentrales Argument für die Isolierung einer solchen angeborenen inneren Sprache ist, daß der Spracherwerb des Kindes sich nicht aus dem unvollständigen und chaotischen sprachlichen Input durch die kommunikative Umwelt erklären lasse, sondern nur durch die Annahme angeborener grammatischer Prinzipien.

    Nun, es ist durchaus möglich, daß dieser angeborene kognitive Kern das eigentlich Menschliche der Sprache ausmacht, also dasjenige, was uns von unseren Primaten-Verwandten trennt (hinsichtlich der Evolution hätten dann die bisher angenommenen biologischen Bedingungen für die Ausbildung der Sprache wie der aufrechte Gang, die Vergrößerung des Gehirnvolumens, die Lateralisierung der Gehirnhälften, die Absenkung des Kehlkopfes etc. nur noch sekundäre Bedeutung). Nur ist diese scharfsinnige Hypothese alles andere als gesichertes Wissen. Die Bemühungen, ein auf diesen kognitiven Kern reduziertes „Sprachorgan“ von der allgemeinen Intelligenz zu isolieren oder gar „Sprachgene“ für dieses Organ zu rinden, haben sich bisher als Irrtümer oder bewußte Irreführungen erwiesen. Aber selbst wenn dies möglich wäre, so sprechen doch nach wie vor viele Untersuchungen - gerade im Bereich des Spracherwerbs - dafür, Sprache als kognitive Technik mit Kommunikation und mit der Stimme und dem Hören zu verbinden, also language durchaus nicht von speech zu trennen: Schon Embryonen hören im Schoß ihrer Mutter die Sprache ihrer Mutter, sie „baden“ gleichsam in ihrem Klang und ihrem Rhythmus. Die Menschen leben von der ersten Stunde ihrer Existenz in der An-Sprache ihrer Umwelt, auf die sie von Anfang an Ant-Wort geben. Wort und Ant-Wort können, wie die Sprache der Gehörlosen zeigt, auch visuell gegeben werden; die Existenz materiell wahrnehmbarer Zeichen ist aber unerläßlich für den Erwerb - oder falls „Erwerb“ schon der falsche Terminus sein sollte: die „Ausbildung“ - von Sprache. Denn nur in der Interaktion mit den Menschen, die sie aufziehen, erwerben Kinder - nach einem biologisch vorgegebenen Zeitplan - die Sprache oder Sprachen ihrer Umwelt. Die „Arbeit des Geistes“, als die Wilhelm von Humboldt die Sprache bezeichnete, vollzieht sich wohl immer angesichts des Anderen, auf ein Du hörend. Es scheint daher durchaus vernünftig, beim Sprechen über die Sprache näher am alltäglichen Sprachgebrauch zu bleiben, der die „äußere“ Sprache hinzunimmt zu dem, was man unter „Sprache“ versteht: nämlich Denken und Kommunikation. Sowohl als auch.

    1.2.2. „Kommunikation“ ist nun allerdings ein außerordentlich allgemeiner Begriff für die verschiedenen Handlungen, die Menschen mit Sprache ausführen. Wir teilen ja nicht nur Sachverhalte mit („Die Sonne scheint“), sondern wir fordern auf, wir versprechen, wir grüßen, wir taufen, wir erzählen und spielen und machen Gedichte. Auch wenn die Tiere kommunizieren, so hat man doch die Unterschiede zwischen menschlichem und tierischem kommunikativem Verhalten noch längst nicht ausgelotet: Sicher fordern Tiere andere Tiere auf, warnen sie, teilen ihnen etwas mit. Aber versprechen Tiere anderen etwas? Taufen sie andere auf den Namen „Emma“? Erzählen sie Geschichten und schaffen sie Kunstwerke mit ihren Zeichen? Vor allem ist bei aller brüderlichen Nähe zu den anderen Lebewesen doch auf die tiefe Differenz hinzuweisen, die darin besteht, daß das kommunikative Verhalten der Menschen in-tentional ist, eben Handeln im engen Sinn (obwohl natürlich auch die Existenz intentionalen Handelns in der schon wieder etwas abgeklungenen Diskussion um die Willensfreiheit in Frage gestellt worden ist). Daher sind wir auch frei, zu kommunizieren oder nicht, unsere kommunikativen Handlungen können absichtlich unaufrichtig sein, und wir müssen unser kommunikatives Handeln verantworten: ein Versprechen ist einklagbar, eine falsche Behauptung kann erhebliche Sanktionen nach sich ziehen, eine Beleidigung führt zum Prozeß. Der exklusive Blick auf die angeborene Universalgrammatik verpaßt ganz offensichtlich einen fundamental menschlichen Aspekt von Sprache.

    1.3. Wer die Sprache als eine mit artikulierten Lauten vollzogene kognitiv-kommunikative Technik bezeichnet, wird hinzufügen, daß die Menschen dies aber auf jeweils ganz verschiedene Arten und Weisen tun. Ihr Vorkommen in vielen verschiedenen lautlichen Formen gehört (noch) zu den evidentesten und verwirrendsten Erfahrungen von Sprache. Damit ist nicht die natürliche Verschiedenheiten der Stimmen gemeint, also die Tatsache, daß sich jedes Individuum anders anhört, daß dieselben Wörter bei Männern anders klingen als bei Frauen, bei Jungen anders als bei Alten. Gemeint ist die Verschiedenheit der Wörter selbst, ihre kulturelle Diversität. Die Menschen produzieren verschiedene Lautfolgen ja nicht aufgrund natürlicher Differenzen, sondern weil sie verschiedenen Gemeinschaften angehören und in diesen sprechen gelernt haben. Sprache erscheint in der Mehrzahl, als Pluralität verschiedener historischer Sprachen.

    Die Feststellung der Verschiedenheit beziehen viele Menschen darüber hinaus nicht nur auf die Laute, sondern sie sagen auch, daß die anderssprachigen Menschen anders denken. Es wird oft schwer sein, eine genauere Antwort auf die Frage bekommen, wo sich denn dieses andere „Denken“ zeigt. Man wird solche Meinungen hören, wie daß die Franzosen doch im Wort esprit etwas ganz besonders Französisches ausdrückten. Vermutlich werden aber auch die Eskimos angeführt, die doch so viele Wörter für den Gegenstandbereich hätten, den wir nur mit dem einen Wort Schnee abdecken. Diese berühmten Beispiele müßten sicher im einzelnen genauer betrachtet werden, aber sie deuten doch an, was gemeint ist: Mit dem in den Sprachen sedimentierten partikularen „Denken“ wird die Einsicht bezeichnet, daß die Sprachen die Welt geistig (semantisch) jeweils unterschiedlich gestalten.

    1.3.1. Die Entdeckung des von Sprache zu Sprache verschiedenen „Denkens“ ist eine der großen Entdeckungen der Neuzeit. Der Vater moderner Wissenschaft, der englische Philosoph Francis Bacon, bemerkt in höchst kritischer Absicht, daß die Wörter „Denken“ enthalten (allerdings schlechtes, nämlich volkstümliches und unwissenschaftliches), daß Gedanken an den Wörtern „kleben“, wie Herder das ausdrücken wird. John Locke sieht wenig später, daß die Wörter in den verschiedenen Sprachen mit verschiedenen „Ideen“ verbunden sind, sogar dann, wenn sie Gleiches zu bezeichnen scheinen wie englisch foot und hour gegenüber lateinisch pes und hora. Auch Locke fand das der Wissenschaft und der Aufklärung nicht besonders zuträglich. Aber sein wichtigster Kommentator, Leibniz, sah in den verschiedenen Semantiken der Sprachen eine „wunderbare Vielfalt der Operationen des menschlichen Geistes“ und hat daher zur Beschreibung aller Sprachen der Welt aufgefordert. Diese Ermunterung ist das Geburtsdokument der modernen Sprachwissenschaft.

    Die Sprachwissenschaft hat die wunderbare Vielfalt der Operationen des menschlichen Geistes dann allerdings nicht nur im Wortschatz der Sprachen gesucht, sondern auch in der Grammatik, für die dasselbe gilt: Die Menschen gestalten die geistigen Operationen von Sprache zu Sprache verschieden. Ein Sprecher des Französischen, der beim Erzählen einer Geschichte zwei verschiedene Tempora verwenden muß, „denkt“ ja nicht dasselbe wie ein Deutschsprachiger, der dabei nur ein Tempus, das Präteritum, einsetzt. Wer auf französisch erzählt, unterscheidet zwischen dem Vordergrund und dem Hintergrund des Geschehens: Beschreibungen der Szenerie werden mit dem imparfait wiedergegeben, die eigentliche Handlung mit dem passe simple.

    Niemand hat diese geistige Verschiedenheit der Sprachen emphatischer gepriesen als Wilhelm von Humboldt, nämlich als einen Reichtum der menschlichen Denkkraft:

    Mehrere Sprachen sind nicht ebensoviele Bezeichnungen einer Sache; es sind verschiedene Ansichten derselben [...]. Durch die Mannigfaltigkeit der Sprachen wächst unmittelbar für uns der Reichthum der Welt und die Mannigfaltigkeit dessen, was wir in ihr erkennen; es erweitert sich zugleich dadurch für uns der Umfang des Menschendaseyns, und neue Arten zu denken und empfinden stehen m bestimmten und wirklichen Charakteren vor uns da. (VII: 602)'

    1.3.2. Aber auch gegen diese inzwischen in das Alltagswissen über Sprache eingegangene Entdeckung protestieren die Vertreter des angeborenen universellen kognitiven Kombinationsmechanismus. Die semantischen Unterschiede zwischen den Sprachen seien keine Differenzen des Denkens. Man fragt erstaunt zurück: Was ist es denn dann, wenn nicht ein Unterschied des „Denkens“, wenn die Franzosen den Vordergrund und den Hintergrund des Erzählens markieren oder wenn die Engländer zwischen dem Schwein in der Pfanne (pork) und dem lebendigen Schwein auf dem Bauernhof (pig) unterscheiden, wo die Deutschen keinen Unterschied machen? Natürlich sind diese - kulturellen - Differenzen unerheblich bei der Erforschung universeller biologischer kognitiver Strukturen. Und der universalistische Protest ist eine berechtigte Warnung davor, diese Differenzen über Gebühr zu strapazieren und zu allerlei ideologischen Behauptungen (etwa über die „Mentalität“ der Sprecher bestimmter Sprachen) zu mißbrauchen. Berühmt und berüchtigt.

    1.3.4. Weitgehend dachte das abendländische Europa und denkt die westliche Welt immer noch so wie die französischen Revolutionäre: Die Verschiedenheit der Sprachen ist eine Strafe, wie es der biblische Mythos von Babel erzählt. Um die Anmaßung der mit „einerlei Sprache“ miteinander kommunizierenden Menschen zu bestrafen, fuhr Gott hernieder und verwirrte die gemeinsame Sprache, die die Menschen noch aus dem Paradies mitgebracht hatten. Die Verschiedenheit der Sprachen sollte die universelle Kommunikation aller mit allen unmöglich machen. Aufhebung dieser alttestamentarischen Strafe, Herstellung der sprachlichen Einheit - und sei es auch nur auf dem Territorium eines Staates - ist daher Wiederherstellung des Paradieses.

    Angesichts dieses in unserer Kultur so tief verwurzelten Mythos, der die Sehnsucht der Menschen nach der einen, überall verständlichen Sprache artikuliert, haben es die Liebhaber vieler Sprachen wie der König Istvän schwer. Leibniz war, wie wir gesagt haben, einer von ihnen. Gegenüber dem aufgeklärten (und christlich traditionellen) Lamento über die Verschiedenheit der Sprachen plädiert er dafür, sich auf diese Vielfalt einzulassen, die den Reichtum des menschlichen Geistes bezeuge. Babel als Glück und Chance!

    Wie denn nun? Reichtum oder Plage? Glück oder Strafe? Gerade eben beides. Die Vielzahl der Sprachen ist ein Reichtum des Denkens, ein kultureller Reichtum der Menschheit, und ein kommunikatives Hindernis. Sowohl als auch.

    1.3.5. Leibniz zeigt auch, wie man diesen Widerspruch aushaken kann. Bei aller Begeisterung für die babelische Vielheit war Leibniz nämlich auch ein Liebhaber des Paradieses: Für bestimmte Zwecke, zum Beispiel für die Wissenschaft und den internationalen Austausch, hielt er durchaus eine universelle Sprache für denkbar und wünschenswert. Und auch in Richtung Vergangenheit interessierte sich Leibniz für das Paradies. Er nahm nämlich an - wie die historische Sprachwissenschaft auf ihrer Suche nach der Ursprache (bis hin zu Proto-World) und wie die Paläoanthropologen, die uns alle von einer einheitlichen Homo-sapiens-Population aus Afrika abstammen lassen-, daß die Sprache ursprünglich einheitlich war, daß alle Sprachen der Welt von einer Sprache abstammen: von einer lingua adamica. Das heißt, er war zutiefst davon überzeugt, daß bei aller geschichtlichen Vielfalt Sprache und Geist bei allen Menschen letztlich identisch ist. Sowohl als auch. Der dritte biblische Sprach-Mythos, Pfingsten, stellt dieses So-wohl-als-auch in einer schönen Geschichte dar: Zu Pfingsten wird die babelische Vielfalt der Sprachen nicht aufgegeben, es wird nicht das Paradies wiederhergestellt, sondern das kommunikative Hindernis der Sprachverschiedenheit wird dadurch überwunden, daß man die anderen Sprachen spricht (zugegeben: bei den Aposteln geht das mit Hilfe des Heiligen Geistes einigermaßen mühelos). Die Menschheit braucht nicht „einerlei Sprache“, um desselben Geistes zu sein. Der eine und universelle (heilige) Geist manifestiert sich in allen partikularen Stimmen und Geistern der Völker. Pfingsten lehrt, daß beides zusammengehört: die Einheit und die Verschiedenheit der menschlichen Sprachen.

    1.3.6. Derzeit schlägt das Pendel allerdings wieder stark zugunsten der Einheit aus, sowohl in wissenschaftlicher als auch in politischer Hinsicht, vielleicht auch weil in beiden Hinsichten die auf Verschiedenheit bezogenen - babelischen - Projekte an ein Ende gelangt sind: Nach der Beschreibung der Verschiedenheit der Sprachen fragt man in der Sprachwissenschaft, ob dieser geradezu tropischen Üppigkeit etwas Gemeinsames zugrunde liegt. Und der auf Sprache bezogene nationale Partikularismus ist ein politisch problematisches Konzept geworden, vor dem uns transnationale oder universelle Perspektiven Rettung versprechen. Der sprachtheoretische Universalismus, der die Differenzen herunterspielt und die Einheit betont, paßt daher ganz ausgezeichnet zur sprachlichen und kulturellen Globalisierung. Er begünstigt auch das derzeit sehr intensive Interesse an der Frage nach dem Ursprung der Sprache, die strukurell immer eine Frage nach dem Paradies ist.

    1.4. Die Verschiedenheit der Sprachen, Babel - ob Glück oder Strafe -, ist natürlich noch nicht überwunden: Man schätzt im allgemeinen, daß es heute noch 6000 Sprachen gibt. Bei dieser Zahl muß man in Rechnung stellen, daß es oft schwer zu sagen ist, wo die eine Sprache endet und wo die andere beginnt, was als „Sprache“ und was als „Dialekt“, also als Variante einer Sprache, angesehen werden soll. Wie groß auch immer die Zahl noch sei, es läßt sich absehen, daß viele dieser Sprachen schon in der nächsten Zukunft verschwinden werden. Die Organisation der modernen Welt läßt kleine Gruppen zunehmend in größeren politischen Verbänden aufgehen, wobei sie auch ihre Sprachen aufgeben. Man hat dieses Aussterben der Sprachen mit dem Rückgang der Biodiversität verglichen. In der Tat schwindet der Reichtum des menschlichen Geistes, der Leibniz und später Wilhelm von Humboldt so am Herzen lag. Mit jeder Sprache, die verstummt, stürzt eine Kathedrale menschlichen Denkens ein, verschwindet eine Möglichkeit, die Welt zu denken. Wie beim Bau eines Staudamms das Wasser des Flusses das alte Dorf, die kostbaren Tempel, die alte römische Stadt überflutet, so begraben die größeren Sprachen die kleinen Sprachgemeinschaften unter sich. Aber kann man ernsthaft dem bretonischen Bauern raten, nicht zum Französischen überzugehen, seine Kinder auf bretonisch zu sozialisieren? Offenbar schätzten die Bretonen bei der Aufgabe ihrer Sprache den Gewinn höher ein als den Verlust. Sie haben mit dem Übergang zum Französischen die Teilhabe an einer prestigereichen Kultursprache, die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, die Zugehörigkeit zur größeren Nation gewonnen. Sie haben umgekehrt natürlich ein Stück „Heimat“ verloren, ihre Geschichte, ihre Geschichten und ihre Lieder, und das alternative „Denken“, welches ihnen ihre Sprache darbot (genau dies -oldspeak, d. h. oldthink - sollte nach dem Willen der revolutionären Vereinheitlicher von 1789 ja auch verschwinden). Die „großen“ Sprachen werden aber von dieser Dynamik nicht verschont, auch sie werden, in bestimmten Bereichen schon ganz massiv, von der großen globalen Sprachflut überspült. Wie Inseln ragen sie noch aus dem globalen See hervor. Aber können wir uns ernsthaft der Teilnahme an weltweiter Kommunikation verweigern? Wohl nicht. Dennoch verlieren wir mit dem Umzug ins Offene, in die große weite Welt, mit dem Umzug ins Paradies - wie der bretonische Bauer - die engere Heimat und schließlich wohl auch eine Möglichkeit, „anders“ zu denken und anders zu leben.

    Nun, es ist ja das Paradies, da braucht man nicht mehr anders zu denken oder zu leben, Alternativen erübrigen sich. Ende des Sowohl-als-auch. Aber: Bevor es soweit ist, möchte das vorliegende Buch das Sowohl-als-auch doch noch ein bißchen offenhalten.
    Jürgen Trabant
    ist Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Freien Universtität Berlin. Sein Aufsatz stammt aus seinem Buch „Was ist Sprache“, das 2008 im C.H Beck Verlag München erschienen ist. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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