Foto: Kai Wiedenhöfer

    Sharia, Recht und Gesetz

    Will ya ever go jihad again?

    Arash Hanaei: From the series Abu Ghraib: How to Engage in Dialogue, 2007.
From the book Iranian Photography Now, Verlag Hatje Cantz 2008So sehr man sich über die USA aufregen kann: Sie dürften der einzige Staat sein, der seine ärgsten Gegner aus dem Gefangenenlager heraus mit offizieller Genehmigung Gedichte veröffentlichen lässt.

    Zugegeben, mit der Genehmigung haben sie sich schwer getan, und sie ist ziemlich restriktiv ausgefallen. Von mehreren Tausend Gedichten, die in Guantánamo entstanden sind, haben nur zweiundzwanzig die Sicherheitsbestimmungen, das heißt die Zensur, passieren dürfen. Doch was darin zu lesen steht, ist explosiv genug.

    Wut, Sehnsucht nach der Heimat, Verzweiflung, Ermutigung, Trost, Racheschwüre, die Anrufung Gottes, aber auch Realistisches wie die poetische Verarbeitung von Befragungssituationen machen den schmalen Band zu einem gewichtigen Dokument. Dass die Gefangenen überhaupt Gedichte verfasst haben, wundert nicht. In fast allen ihren Herkunftsländern bestehen noch orale Dichtungstraditionen, etwa in Pakistan und Afghanistan, oder genießt die Lyrik wie unter den Arabern eine Popularität, die in unseren Breiten unbekannt ist: Sie ist Tagebuch oder politisches Manifest, Medium zur Beschimpfung wie zur Lobhudelei, kann ein Beichtstuhl sein oder ein Richterstuhl.

    In Geschirr geritzt

    Aller sonstigen Mitteilungsformen, sogar des Briefeschreibens, beraubt, oft selbst von den Mitgefangenen isoliert, sahen sich viele der Häftlinge zum Ausdruck ihrer Nöte auf die alte orientalische Kulturtechnik der Lyrik zurückgeworfen. Die ersten Gedichte in Guantánamo kursierten mündlich unter den Gefangenen oder wurden in das Schaumstoffgeschirr geritzt. Eines dieser Kürzestgedichte, sogenannte „cup poems“, lautet so: „Armreifen sind für schöne junge Mädchen und Alte, mutigen jungen Männern ziemen die Handschellen.“ Später erhielten die Gefangenen Schreibmaterialien, aber die Texte, die sie verfassten, wurden ihnen in aller Regel abgenommen, kontrolliert, und lagern heute in einem Hochsicherheitstrakt irgendwo in Virginia. Es war eine Gruppe amerikanischer Rechtsanwälte des Center for Constitutional Rights, die im Zuge ihrer Bemühungen um Grundrechte für die Guantánamo -Häftlinge von den Gedichten erfuhren und sich um einen Zugang zu den Texten bemühten. Die Auflagen dabei muten paranoid an, unter anderem mussten die Texte darauf geprüft werden, ob sie versteckte Botschaften und Anweisungen an Al-Qaida enthielten. Aus diesem Grund waren den Rechtsanwälten und Herausgebern die fremdsprachigen Texte nur in der Übersetzung durch regierungsamtliche Dolmetscher zugänglich, die in Virginia und in Guantánamo unter hohem Zeitdruck und ohne ausreichende Wörterbücher die Gedichte ins Englische bringen mussten.

    Marc Falkhoff (Ed.): Poems from Guantanamo: The Detainees Speak.
University of Iowa Press, Iowa City 2007, 72 pp.Die Texte haben überraschende Qualitäten, sind zumeist gradlinige, zeitgenössische Poesie. Die Gefühlswelt der Gefangenen nimmt einen großen Platz ein, althergebrachter Topoi der orientalisch-islamischen Dichtkunst bedienen sie sich eher selten. Sollte es das Ziel von Guantánamo gewesen sein, die Gefangenen zu brechen, scheint dies eklatant gescheitert. Angesichts der zahlreichen Filme und Bücher über Guantánamo ist dem Pakistani Ustad Badruzzaman Badr wohl oder übel Recht zu geben: „We live in the stories now,/we live in the epics/we live in the publics heart“. Militärisch sinnlos, erweist sich Guantánamo zunehmend als PR-Debakel für die USA. „Peace, they say“, schreibt Shaker Abdurraheem Aamer aus Saudi-Arabien, „Peace of mind?/Peace on earth?/Peace of what kind? (…) They talk, they argue, they kill: / They fight for peace.” Das hätte selbst Brecht nicht besser und knapper sagen können.

    MTV-tauglicher Rap

    Nach der Lektüre dieses Bandes ist jedenfalls klar, dass auch die Islamisten in der dichterischen Moderne angekommen sind. Das einzige Gedicht, das in der Originalsprache abgedruckt ist, ist ein MTV-tauglicher Rap des in England lebenden Sambiers Martin Mubanga, worin offen die Verhörsituation thematisiert wird:
    „Now them ask me, what will ya do if ya leave the prison? / Will ya be able to slip back into d’system? / What ya gonna do with ya new-found fame? / An’ will ya ever, ever go jihad again?“

    Erfreulich ist, dass die Restriktionen bei der Auswahl dieses Bandes offenbar wirklich nur durch Sicherheitserwägungen bestimmt waren; unter propagandistischen Gesichtspunkten hätte keines dieser Gedichte erscheinen dürfen. Das PR-Desaster Guantánamo wird abgerundet durch die beigegebenen Kurzbiographien der dichtenden Gefangenen. Zwar sind diese Lebensläufe aus der Sicht der Rechtsanwälte verfasst; doch scheint es unter den hier zu Wort kommenden Häftlingen keinen zu geben, dessen Verbindungen zu Al-Qaida schlüssig nachweisbar sind. Und dass die pakistanischen Behörden, wie es in den Lebensläufen öfter heißt, für ein gutes Kopfgeld gerne auch einmal den Falschen ausgeliefert haben, glaubt man leicht.

    Die offensichtliche Unrechtspraxis in Guantánamo untergräbt nicht die Moral der Islamisten, sondern die des Westens. Indem aber die amerikanischen Rechtsanwälte um den Herausgeber Marc Falkoff die Gefangenen zu Wort kommen lassen, geht es nicht nur darum, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch um die Rettung unseres eigenen Seelenheils. Das vorliegende Buch ist ein Phänomen, nicht weil selbst in Guantánamo Poesie entstanden ist, sondern weil uns kaum etwas anderes möglich bleibt, als uns für diese Gedichte zu interessieren, wenn wir den Zivilisationsbruch, den ein solches Lager darstellt, nicht billigend in Kauf nehmen wollen.

    Marc Falkoff (Hg.): Poems from Guantánamo. The Detainees Speak. University of Iowa Press, Iowa City 2007. 72 S., geb., 11,50 EUR (bei Amazon lieferbar).
    Stefan Weidner
    ist Chefredakteur von Fikrun wa Fann.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    Januar 2009

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