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    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Vom Slum zum Wohnviertel - Kairo als Beispiel

    Kristina Bergmann

    Wohngegend in Kairo; Foto: Kristina BergmannAuf rund der Hälfe der Fläche der ägyptischen Hauptstadt stehen sogenannte informale Viertel, also Slums. Diesen Begriff haben ihnen westliche Organisationen für Entwicklungshilfe gegeben, weil arme Zuwanderer dort Häuser ohne die Bewilligung des Staates errichtet haben. In den informalen Quartieren lebt die grosse Mehrheit der Kairoer Bürger. Sowohl die Entwicklungsgesellschaften, als auch die ägyptische Regierung setzen sich dafür ein, die Wohnverhältnisse der Slums zu verbessern.

    Von der Spitze des Kairoer Hausbergs Mokattam am Ostrand de Niltals hat man einen ausgezeichneten Blick auf die ägyptische Hauptstadt und ihre Entwicklung. Noch weiter östlich entsteht gerade das Viertel "Uptown Cairo". Der Name suggeriert ganz richtig, dass es sich um eine gediegene Gegend für reiche oder neureiche Kairoer handelt. Bis anhin sind auf dem planierten Gelände erst ausgewachsene Palmen aufgerichtet; sie sollen später als Sichtschutz des schicken Quartiers dienen. Westlich davon, also in der Nähe des Stadtzentrums, liegt das Kairoer Armenviertel Manshiet Nasr. Vom Mokattam-Berg aus lässt sich deutlich die kontinuierliche Bebauung der Abhänge des Hochplateaus verfolgen. Die ältesten Häuser sind niedrig, krumm und aus ungebrannten Ziegeln errichtet. Sie befinden sich in den "Wadis", den Rinnen, die Sturzregen über Jahrtausende in den Berg gegraben haben. Weiter oben an den Hängen steht die zweite Generation Häuser aus Eisenbetonskeletten und Backsteinen. Eins haben alle Häuser gemeinsam: Auf ihren Dächern liegt Abfall. "In das illegal erstellte Viertel kommt keine Müllabfuhr", sagt Khalil Shaath, ein Mitarbeiter des Programms "Beteiligungsorientierte Stadtentwicklung". Es wurde von der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) initiiert und wird heute gemeinsam von der GTZ und der ägyptischen Regierung betrieben. Die Bewohner entsorgen deshalb ihren Abfall selbst; was nicht wiederverwendet, verfüttert oder verbrannt werden kann, landet auf dem Dach. Und von den noch unbebauten Hängen steigt entsetzlicher Gestank auf; in Manshiet Nasr gibt es praktisch keine Kanalisation und freie Plätze dienen als Toilette.

    Der Berg als Lieblingsort

    Shaath arbeitet seit 2004 am Projekt der GTZ für die Entwicklung Manshiet Nasrs, geleitet wird es von der Deutschen Marion Fischer. Der Ägypter Shaath kennt die Gegend und ihre Bewohner gut: "Slums sind nichts Neues in Kairo, seit Urzeiten siedeln Zuwanderer auf den großen Stadtfriedhöfen." Doch seit 40 Jahren bereiteten die illegal errichteten Viertel der Stadtverwaltung Kopfzerbrechen. Damals, also 1967, hatte Ägypten im Krieg gegen Israel eine schlimme Niederlage erlitten, und im ganzen Land brachen Verzweiflung und Chaos aus. Zehntausende Menschen verließen ihre Heimatdörfer in Oberägypten auf der Suche nach einem besseren Leben in die Hauptstadt. Wer nicht bei Verwandten unterkam, fand Unterschlupf auf den weitläufigen Friedhöfen auf dem Stadtgelände. Doch die Zuwanderer aus Oberägyptern wurden immer zahlreicher. Irgendwann begannen sie wilde Siedlungen am östlichen Stadtrand, gegenüber einem der größten Friedhöfe, zu bauen.

    Der Mokattam-Berg wurde zum Lieblingsort der Siedler. "Den Ausschlag bei der Wahl gab, dass er praktisch unbewohnt und gleichzeitig nahe beim Stadtzentrum war", erklärt Shaath. Das bedeutete, dass Baumaterial günstig herbeigeschafft werden konnte, und die Siedler ihre Arbeitsstelle, falls sie eine gefunden hatten, leicht erreichten. Im Andenken an den Staatspräsidenten Nasser, den gerade die armen Ägypter trotz des verlorenen Krieges 1967 tief verehrten, nannten die Siedler das illegal erstellte Viertel "Manshiet Nasr", nämlich "die Gründung Nassers". Nachdem die Pioniere Fuss gefasst hätten, hätten sie Frau und Kinder nachgeholt, fährt Shaath fort.

    Das eigentliche Ziel sei damals wie heute die Umsiedlung der gesamten Großfamilie. "Erst sie gibt dem Siedler vom Lande ein Gefühl von Heimat", meint Shaath. Die Zurückgebliebenen seien jedoch weniger risikofreudig als die Pioniere und machten für einen Umzug nach Kairo zumeist einen sicheren Arbeitsplatz zur Bedingung. Die Pioniere fänden relativ leicht Stellen für ihre Brüder und Cousins, weil Oberägypter für geringen Lohn harte Arbeit leisteten. Auf diese Weise sei die Einwohnerschaft Manshiet Nasrs auf 800 000 Menschen angeschwollen, sagt Shaath. Heute bestehe über 50 Prozent der Fläche Kairos aus informalen Vierteln, und in ihnen lebten über drei Viertel der 12 Millionen Einwohner der ägyptischen Hauptstadt.

    "Bis vor zehn Jahren ließ der Staat die Siedler gewähren", fährt Shaath fort. Die Verwalter seien vermutlich froh gewesen, dass die Bürger den Bau ihrer Häuser selbst organisiert hätten, und niemand die im Westen übliche Infrastruktur forderte. Doch die zunehmende Kriminalität in Kairo und einige Attentate, deren Urheber aus Slums stammten, habe den Staat aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. "In den Ministerien begann man zu verstehen, dass Gewalt und mangelhafte Wohnverhältnisse einen Zusammenhang haben müssen", sagt Shaath...

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    Kristina Bergmann
    lebt als Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung in Kairo

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann

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