Foto: Kai Wiedenhöfer

    Städte

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Urbane Revolution - Städte sind Generatoren für Veränderung

    'Khartoum'; Photo: AlmogranDie Stadt ist kein mit Mauern umzingelter Ort mehr, der Zuwanderer außen vor lassen kann, vagabundierend vor den Toren. Die Stadt hat Land und Mensch und Welt in sich aufgenommen. Ob in Los Angeles, Kairo oder Johannesburg: In dem Maße, in dem die Stadt sich öffnet und selbst Welt wird, erweist sie sich als ein ökonomisches, politisches und kulturelles Rezept der Menschheit zum Überleben. Sie ist so etwas wie eine weltweite "Gebrauchsanweisung" zur Organisation menschlichen Zusammenlebens geworden. Im Gegensatz zur Französischen Revolution oder der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist die urbane Revolution jedoch ein lange währender Prozess, der Gestaltung verlangt.

    Und ein Geist dieser Städte ist nicht vorhanden. Sie sind Land in steinerner Form." Mit diesen Worten beschrieb Oswald Spengler den Charakter von Weltstädten am Beginn des 20. Jahrhunderts. In seinem Endzeit-Szenario vom "Untergang des Abendlandes" spielen die Städte eine besonders tragische Rolle. Sie sind die Orte, in denen das Leben erstarrt, weil die Menschen in ihnen unfruchtbar werden an Körper, Geist und Seele. Der Aufstieg der Städte ist für den Geschichtsphilosophen der Beginn des Untergangs - nicht nur des Abendlandes, sondern jeder Zivilisation.

    Zwei Gründe führt Spengler an, warum in seinem Weltbild die Ausbreitung und das Wachstum der Städte den gesellschaftlichen Niedergang einleiten. Erstens glaubte Spengler, dass Gesellschaften sich durch das Siedeln in Städten geistig und kulturell selbst entkräften würden. Städte hielt er für versteinerte, statische Gebilde, in denen weder gesellschaftliches Leben pulsieren noch kulturelle Erneuerung stattfinden könne, geschweige denn, dass geistige Größe aus ihnen strömen könnte. In der Stadt finde die Erstarrung des Menschseins statt. Die "Todessymbolik" einer Kultur sei die Geburt der Weltstadt. Zum Zweiten vertrat der Münchener Privatgelehrte die Ansicht, dass mit der Herausbildung des Städtewesens Zivilisationen quasi zwangsläufig imperialistisch würden. Weltstädte seien Zweck und Mittel von Weltmachtgebaren. Der Begriff Provinz würde zum Beispiel wie im Falle der Römer überhaupt erst dort entstehen, wo ein Reich die Vorherrschaft über andere Regionen (etwa des Mittelmeerraumes) gewinne und diese - von der eigenen Hauptstadt aus - zur Provinz erkläre.

    Erst ein Weltstadtwesen schaffe im imperialen Gestus die Provinz. Ein hoch entwickeltes Stadtwesen gehe quasi automatisch mit der Kolonialisierung und Unterdrückung ökonomisch, politisch oder militärisch schwächerer regionaler Kulturen einher. Hätte Oswald Spengler mit seinen stadt-und geschichtsphilosophischen Thesen auch nur im Geringsten Recht, dann stünde es um das Schicksal der Menschheit gegenwärtig unermesslich schlecht. Wir dürften eigentlich nur noch als Zombies existieren, als jene unappetitlich halb verwesten Wesen, die im Tageslicht sich zeigen können, weil sie zuvor bei Nacht ihren eigenen Gräbern entstiegen sind. Dieses Schicksal träfe uns nach Spengler nicht nur, weil er den Untergang des Abendlandes schon für das Jahr 2000 voraussagte. Vor allem wären wir eigentlich Überfällige, weil "wir", die Bewohner aller Kontinente, seit mehr als einem halben Jahrhundert schon die Spenglersche Warnung von der Verursachung des Untergangs durch die Ausbreitung des Stadtwesens in den Wind schlagen...

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    Ilse Helbrecht, Dr. phil.,
    lehrt als Privatdozentin am Geographischen Institut der TU München.
    Erstmals veröffentlich in: Zeitschrift für Kulturaustausch, 3/02

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann

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