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    Wissenschaft

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    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Jahr der Geisteswissenschaften: "Forschen und antworten auf Fragen der Zivilgesellschaft"

    Professor Dr. Christoph Markschies; Copyright: Humboldt-UniversitätProfessor Dr. Christoph Markschies; Copyright: Humboldt-UniversitätSeit 2000 ruft das Bundesbildungsministerium alle zwölf Monate ein "Jahr der Wissenschaften" aus. Bislang kamen stets Natur- und Technik-Disziplinen zum Zuge. 2007 sind die Geisteswissenschaften dran. Wir sprachen darüber mit dem Präsidenten der Humboldt Universität zu Berlin, Christoph Markschies.

    Deutschland feiert das Jahr der Geisteswissenschaften. Feiern Sie, Herr Professor Markschies, guten Gewissens mit?

    Ja, ich feiere fröhlich mit. Denn das gehört zu den Gesetzen einer Mediengesellschaft: Will man für etwas – beispielsweise Geisteswissenschaften – mehr Aufmerksamkeit und auch mehr Geld bekommen, muss man sich auf die Gesetze eben dieser Mediengesellschaft einlassen. Damit korrumpiert sich niemand – schließlich ist es ja kein Schade, wenn die Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Forschung ein Jahr lang etwas fröhlicher und pfiffiger an die Öffentlichkeit gebracht werden. Im Gegenteil: Das ist ein Ausdruck der Verantwortung der Geisteswissenschaften für die Zivilgesellschaft, die den Gründervätern meiner Universität im neunzehnten Jahrhundert so wichtig war. Außerdem steht in diesem Jahr glücklicherweise nicht nur zusätzliches Geld für Medienauftritte zur Verfügung, sondern tatsächlich auch zusätzliches Geld für die Geisteswissenschaften. Schon das wäre ein Grund zum Feiern!

    Was sind das überhaupt: Geisteswissenschaften, etwa das Gleiche wie die "weichen" angelsächsischen Arts oder Humanities im Gegensatz zu den "harten" und innovativen Sciences?

    Die Lebendigkeit der Geisteswissenschaften hierzulande dokumentiert sich auch darin, dass es seit dem 19. Jahrhundert, in dem der Begriff aufgekommen ist, viele Versuche ihrer Definition gibt. Ich persönlich würde nicht so weit gehen wie einige meiner Kollegen aus der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die im Jahre 2005 in einem "Manifest Geisteswissenschaften" versucht haben, Theorien von Hegel und Dilthey zu erneuern. Im Unterschied zu den geschätzten Kollegen glaube ich nicht, dass man heute wie Hegel und Dilthey im 19. Jahrhundert Gegenstände der Geisteswissenschaften wie Sprache, Recht, Staat oder Wirtschaftsleben beispielsweise aufgrund ihrer überpersönlichen Dimension als Äußerungen eines "objektiven Geistes" begreifen sollte. Ich selbst versuche – wie sollte ich als Theologe auch anders? – die bleibende Orientierung der geisteswissenschaftlichen Fächer an der Wahrheitsfrage zu betonen, aber ohne die durchgreifende Historisierung aller Fragestellungen in den letzten dreihundert Jahren zurückzudrehen zu wollen.

    Der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, zugleich Germanistik-Professor in Heidelberg, klagt: "Geisteswissenschaften zählen nicht mehr zum Kanon der elitebestimmenden Fächer." Waren sie in der deutschen Geschichte oder auch nur der Universitätsgeschichte jemals Leitwissenschaften?

    Ich glaube nicht, dass der von Borchmeyer in den Blick genommene Exzellenzwettbewerb unter den deutschen Universitäten tatsächlich belegt, was der kluge Heidelberger Kollege befürchtet. Gewiss: Im neunzehnten Jahrhundert zählten Ergebnisse der Geisteswissenschaften noch stärker zum Kanon des Bildungswissens und waren Geisteswissenschaftler wie Theodor Mommsen noch in ganz anderer Weise Medienstars. Aber die negative Kehrseite war die aggressive Verachtung der Naturwissenschaften durch manche Geisteswissenschaftler. Vielleicht, so scheint mir gelegentlich, spüren wir heute hier und da noch eine gewisse Gegenreaktion von Naturwissenschaftlern (und Restbestände der alten Haltung finden sich auch bei manchen Geisteswissenschaftlern). Geistlose Verachtung von Reflexion gab es zu allen Zeiten – und ich bin vollständig davon überzeugt, dass Geisteswissenschaften bis auf den heutigen Tag zum Kanon der elitebestimmenden Fächer gehören. Mindestens an der Universität, der ich vorstehe.

    Einer der großen Anwälte der Geisteswissenschaften, Wolf Lepenies, hat diese einmal als "Experiment im Verstehen" charakterisiert, offenbar in bewusster Anspielung auf die heute hoch angesehenen experimentellen Sciences. Das provoziert die Frage: Was hat die Gesellschaft von Experimenten der Versteher?

    Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin, Denkmal Wilhelm von Humboldt; Copyright: Humboldt-Universität/Foto: Heike ZappeZunächst einmal ist es eine schlichte Frage der Verantwortung vor der Wahrheit, wenn wenigstens die Geisteswissenschaftler bei den großen Fragen dieser Gesellschaft nicht so tun, als ob die Antwort bereits gefunden wäre: Wann beginnt Leben? Wann genau hört es auf? Hierzu wird gestritten und jeder halbwegs vernünftige Geisteswissenschaftler weiß, dass unsere Positionen hier "Experimente im Verstehen" sind. Zugleich aber auszuweisen, wie ungeachtet des Experimentalcharakters verbindliche moralische und juristische Standards festgelegt werden können und worin diese bestehen: Dafür braucht es (unter anderem) Geisteswissenschaften. Indem die Geisteswissenschaften also gleichzeitig vergewissern und verunsichern, helfen sie im Idealfall dabei, dass eine Gesellschaft sich nicht den Ideologien ausliefert.

    Wie sind die deutschen Geisteswissenschaften im internationalen Vergleich aufgestellt?

    Kann man das als deutscher Geisteswissenschaftler wirklich objektiv beurteilen? Manchmal, beispielsweise dann, wenn ich wieder ein gelehrtes Buch eines Kollegen gelesen habe, scheint mir, hierzulande werde ganz vorzüglich geforscht – bei einem so dynamischen Forschungsfeld möchte man dann auch nicht von einer "Aufstellung" reden, schließlich ist ja niemand zur Schlacht angetreten. Aber manchmal, wenn ich wieder irgendeine geistlose Mode auf Biegen und Brechen an einem armen Gegenstand exekutiert finde, klage ich über die mangelnde Modenresistenz deutscher Geisteswissenschaften. Wie auch immer: Will man Bach oder Mozart dirigieren, die griechischen Kirchenväter oder Nikolaus von Kues in kritischen Ausgaben lesen, greift man überall auf der Welt zu Produkten deutscher Geisteswissenschaftler. Ganz so schlimm kann es also um uns nicht stehen.

    Was halten Sie von dem Vorschlag, jetzt innerhalb der universitären Forschung mit speziellen "Kollegs für Spitzenforschung" eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu schaffen, von denen die drin und denen die draußen sind?

    Immer diese Angst vor der Zwei-Klassen-Gesellschaft! Bei Bahn und Lufthansa hat ja auch noch niemand den Zusammenbruch der demokratischen Grundordnung an die Wand gemalt, weil es nicht nur Holzklasse gibt. Zumal der Zugang in die feinere Klasse im Bereich der Spitzenforschung ja nicht vom eigenen Portemonnaie abhängt. Ohne ein entschiedenes, fröhliches und nicht ängstlich verdrücktes Bekenntnis zur Elite und ihrer Förderung gibt es schließlich keine Ergebnisse von Spitzenforschung, die man dann allerorten weitervermitteln kann. Ich war gern Fellow am Wissenschaftskolleg, verdanke dem Jahr entscheidende Einsichten und wünsche das jedem Kollegen. Es spricht also nichts dagegen, solche Inseln der Erholung auch in den Universitäten einzurichten. Ganz im Gegenteil!

    Sind Geisteswissenschaften heute oder immer schon eine fast brotlose Kunst?

    Wir werden uns, ähnlich wie in England längst üblich, vielleicht auch hierzulande mal dran gewöhnen müssen, dass ein kluger Absolvent der Byzantinistik keine Beschäftigung bei der mittelbyzantinischen Prosopographie finden kann, sondern hinter dem Schalter der British Midland Bank steht und dort gut aufgehoben ist. Wenn ein Theologe keine Pfarrstelle findet, sondern in der Personalabteilung einer großen Firma arbeitet, würde ich das für keine Katastrophe halten, sondern für einen Beitrag zu einem besseren Betriebsklima. Und wenn ich solche Beschäftigungsverhältnisse anerkenne, werde ich auch die Geisteswissenschaften für keine brotlose Kunst halten.

    Christoph Markschies ist seit 2006 Präsident der traditionsreichen Humboldt-Universität (HU) zu Berlin. Der protestantische Theologe wurde zunächst 1994, im Alter von 32 Jahren, Professor für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, dann 2000 Professor für Historische Theologie an der Universität Heidelberg, 2004 Professor für Ältere Kirchengeschichte an der HU. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten über die Entwicklung des Christentums in der Antike verlieh ihm die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Jahr 2001 den Leibniz-Preis, die höchste akademische Auszeichnung in Deutschland.

    Was – wann – wo? Höhepunkte im Jahr der Geisteswissenschaften

    • 25. Januar 2007: Eröffnung des Wissenschaftsjahres durch Bundesministerin Annette Schavan in Berlin
    • Mai: "Internationalität und Sprachen", Symposium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin
    • 6. bis 10. Juni: Konferenz "The Spirit of Europe – Europäische Identität" in Leipzig
    • 14. bis 16. Juni: "Die Macht der Sprache", Festival des Goethe Instituts in Berlin
    • 20. Juni: Symposium "Die Entstehung des Politischen im Alten Orient" in Berlin
    • September: Podiumsgespräch "Imagined Europeans: Wie die Wissenschaft den Europäer konstruiert" im Deutschen Museum in München September bis November: "Die Lesbarkeit der Welt", Veranstaltungsreihe in Berlin über kulturabhängige Weltbilder rund um den Globus
    • Oktober: Münchner Wissenschaftstage "Leben und Kultur. Von der biologischen zur kulturellen Evolution"

    Die Fragen stellte Hermann Horstkotte.
    Er ist freier Journalist in Bonn.

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    Mai 2007

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