Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Ludwig Wittgenstein oder Die Philosophie der strengen Linienführung.

Ludwig Wittgenstein / Foto Portraitaufnahme, 1930 (Moritz Naehr, Wien), spätere Kolorierung. Copyright: picture-alliance / akg-images
Ludwig Wittgenstein / Foto Portraitaufnahme, 1930 (Moritz Naehr, Wien), spätere Kolorierung. Copyright: picture-alliance / akg-images
Ludwig Wittgenstein


Manchmal können große Philosophien sehr einfach wiedergegeben werden: Die Welt ist wie ein Haus, das wir uns bauen. Der Baustoff ist die Sprache. Und: "Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt." In diesem Kernsatz kommt das Denken Ludwig Wittgensteins zum Ausdruck.

Seine gestrenge Philosophie, die eine schnörkellose und auf reine Funktionalität reduzierte Sprache zu ihrem Gegenstand hat, hat eine sinnbildliche Entsprechung – und eine Adresse: Wien, Kundmanngasse 19.

Titelseite zu Ludwig Wittgensteins `Tractatus Logico-Philosophicus´, verlegt bei Routledge & Kegan in London, 1955; Copyright: picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives
Tractatus logico-
   philosophicus

"Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst. An der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht." Das sagt einer, der sich in beidem umgetan hat, in der Philosophie und in der Architektur. Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1989-1951) hat zwei Häuser gebaut. Das eine ist das Wohnhaus seiner Schwester Margarete Stonborough-Wittgenstein in Wien, ersonnen im Stile des Kubismus, gehalten in schnörkellos strengen Linien. Das andere heißt Tractatus logico-philosophicus, es ist das einzige von Wittgenstein zu Lebzeiten publizierte Buch – und eines der wichtigsten Werke der Philosophie des 20. Jahrhunderts.

Ein verschenktes Vermögen

Ludwig Wittgenstein entstammt einer Großindustriellenfamilie, die zu den wohlhabendsten der Donaumonarchie gehört. Er studiert zunächst Ingenieurswissenschaften in Berlin und Manchester, später dann Philosophie in Cambridge, wo er auf seinen geistigen Mentor Bertrand Russel trifft. Als 1913 der Vater stirbt und Ludwig ein beträchtliches Vermögen erbt, ist sein Interesse an den wesentlichen Fragen von Logik und Wissenschaft schon so weit fortgeschritten, dass er sich problemlos den Genüssen des Reichtums entzieht: Er spendet enorme Summen für die Förderung unbemittelter Künstler. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Freiwilliger auf österreichisch-ungarischer Seite kämpft, verschenkt er dann sein gesamtes Vermögen an seine Geschwister und zieht sich, von Depressionen geplagt, nach Niederösterreich zurück, wo er als einfacher Volksschullehrer arbeitet. 1926 gibt er sogar diese Stelle noch auf und verdingt sich zeitweise als Gärtner in einem Kloster. Im gleichen Jahr erhält er dann von seiner Schwester Margarete das Angebot, für sie an einem repräsentativen Wohnhaus mitzuarbeiten. Die Baupläne wecken Ludwigs Interesse, er kehrt zurück nach Wien.

Das Wittgenstein-Haus

Das Wittgenstein-Haus in Wien. Photographie von Dagmar Landova. Um 1990. Copyright: picture-alliance/IMAGNO/Dagmar Landova
Wittgenstein-Haus
"Ludwig zeichnete jedes Fenster, jede Tür, jeden Riegel der Fenster, jeden Heizkörper mit einer Genauigkeit, als wären es Präzisionsinstrumente und in den edelsten Maßen, und er setzte dann mit seiner kompromisslosen Energie durch, dass die Dinge auch mit der gleichen Genauigkeit ausgeführt wurden", beschreibt Ludwigs Schwester Hermine seine Arbeitsweise. Wittgenstein übernimmt die Bauleitung und die gesamte Detailplanung. Das Haus in der Wiener Kundmanngasse ist geprägt von sachlicher Modernität. Wittgensteins Handschrift ist überdeutlich: Nirgendwo ein schmückendes Beiwerk, die gesamte Ausstattung ist reduziert aufs Essentielle. Sein Selbstverständnis als Architekt ist eindeutig: "Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Architekten besteht heute darin, dass dieser jeder Versuchung erliegt, während der rechte ihr standhält." Es ist eben diese Handschrift des Architekten, die auch den Philosophen auszeichnet.

Die Logisch-philosophische Abhandlung

"Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache", sagt Wittgenstein und unternimmt den konsequent sprachanalytischen Versuch, die Grundbegriffe einer allgemeinen Weltbeschreibung zu erläutern. Wie können wahre Sätze zur Beschreibung der Welt formuliert werden? Die Gegenstände, so Wittgenstein, sind Substanz der Welt und finden mit den Namen, die wir ihnen geben, in unserer Sprache ihre Entsprechung. Aber erst die Bezüge dieser Namen zueinander geben den Gegenständen ihre Bedeutung. Diese Bedeutung nennt Wittgenstein das Bestehen von Sachverhalten. Die Sachverhalte haben ihrerseits in den Satzformen eine Wahrheitsbedingung. Hieraus folgt sowohl der Gegenstand als auch die Herausforderung der Philosophie: Die Analyse der Syntax hat frei von allen "Verhexungen" und irreführenden Schnörkeln zu sein. Man muss, so Wittgenstein, die Wörter "von ihrer metaphysischen wieder auf ihre alltägliche Verwendung" zurückführen. Das Unaussprechliche indes, das jenseits der Sprache, also auch jenseits dieser Welt liegt, leugnet Wittgenstein keineswegs. Er nennt es lediglich das "Mystische" und verbannt es in Bereiche außerhalb der Wissenschaft. Das Ergebnis ist der berühmte letzte Satz des Tractatus: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Spätere Zweifel

Mit dem Tractatus logico-philosophicus wird Wittgenstein zum Begründer des Logischen Empirismus, dessen Vertreter sich eine Zeitlang auch im Wittgenstein-Haus treffen und als "Wiener Kreis" bekannt werden. Doch findet Wittgensteins Denken mit dem bereits 1922 publizierten Tractatus keinesfalls ein Ende. Besonders auf Drängen Bertrand Russels kehrt er 1929 nach Cambridge zurück, wird Fellow am Trinitiy College und später Professor für Philosophie. Fortwährend arbeitet er an seinem zweiten Hauptwerk, den Philosophischen Untersuchungen, die erst postum erscheinen. Er bezweifelt nun viele seiner frühen Auffassungen. Das vormals postulierte Ideal der Exaktheit verwirft er komplett, die Logik selbst wird ihm suspekt. Wer weiß, ein Wittgenstein-Haus späterer Jahre hätte womöglich doch einen Südbalkon und ein gemütliches Kaminzimmer gehabt.

Ludwig Wittgenstein stirbt 1951 in Cambridge. Allen Tiefen und Depressionen seines Lebens zum Trotz, sind von ihm die letzten Worte überliefert: "Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe."

Volker Maria Neuman
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte

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Mai 2007

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