Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Gottfried Wilhelm Leibniz oder Die Entscheidung im Rosental

Leibniz-Denkmal; Copyright: LTS-SchmidtBlick vom Rosental zur Kiwara Lodge im Zoo Leipzig; Copyright: LTS-Schmidt

Teenager können von einer erstaunlichen Weitsicht sein - so die Anwendung dieses Begriffs auf ein 15-jähriges Genie des 17. Jahrhunderts statthaft ist. Als Student der Jurisprudenz spaziert der junge Gottfried Wilhelm Leibniz durch einen Park in seiner Geburtsstadt Leipzig und sinniert über die Geschicke der Welt. Und ihm wird klar, dass es, will man sich ernsthaft der Philosophie zuwenden, einer Entscheidung zwischen den beiden damals vorherrschenden und widerstreitenden Positionen bedarf. Und er trifft eine Entscheidung, die das geistige Klima eines ganzen Jahrhunderts vorwegnimmt.

Im nordwestlichen Stadtzentrum von Leipzig befindet sich ein Stadtpark mit Namen Rosental. Quer durch ihn hindurch, am Zoologischen Garten vorbei, führt ein etwa einen Kilometer langer Weg, der 1914 den offiziellen Namen "Leibnizweg" erhielt. Man spaziert hier über eine weite Wiese, von Bäumen eingefasst, die den Eindruck vermittelt, man wandele auf einer Waldlichtung mitten in der Stadt. Hier pflegte Leibniz während seiner Studienjahre ab 1661 ausgedehnte Spaziergänge zu machen. Der 15-Jährige greift hier ein Thema auf, das ihn sein ganzes Forscherleben begleiten soll.

Augustusplatz; Copyright: LTS-MaiRosental; Copyright: LTS-Schmidt

Die Suche nach der Versöhnung

Die Philosophie der damaligen Zeit wird dominiert von zwei "Lichtgestalten". Zum einen – traditionell – von Aristoteles, dessen Weltbild die Wissenschaften seit der Antike beherrscht. Aristoteles betont, kurz gesagt, die Einheit von Leib und Seele im Menschen. Die andere Lichtgestalt ist erheblich jüngeren Datums: Descartes schlägt zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit seinem Leib-Seele-Dualismus insbesondere in der Philosophie ein wie eine Bombe. Er betont den Unterschied zwischen "res cogitans" und "res extensa", zwischen Seele und Leib. Der junge Leibniz erkennt das Unversöhnliche der Positionen und sucht von Anfang an, was er Zeit seines Lebens auf den verschiedensten Gebieten suchen wird: eine Versöhnung.

Die Monadologie

Leibniz' harmonisierendes Denken unternimmt den Versuch, das Problem zu beheben. Der Ansatz: Leib und Seele können in einer Harmonie (einer Synthese) gedacht werden, wenn es gelingt, eine geeignete Vorstellung von der Einheit von Leib uns Seele zu entwickeln. Diese Vorstellung findet Leibniz in dem Begriff "Monade". Die Monaden sind, so Leibniz, die "wahren Atome der Natur und die Elemente der Dinge". Mit diesem Gedanken erinnert er an Demokrit und den antiken Atomismus, der die "Atome" als Grundbausteine alles Seienden ausgemacht hatte. Doch will Leibniz über diese Auffassung hinaus, indem er letzten Endes keine mechanistische Begründung für das Sein (die Welt) annimmt, sondern eine Begründung in Gott. Die Monaden sind wie Kräfte, die zwar Wandel bewirken, in sich selbst aber unwandelbar sind. Gott ist in dieser Theorie die oberste Monade. Alle in ihm begründeten Monaden verfügen über deutlich weniger Wahrnehmungen, denn nur Gott nimmt das ganze Universum wahr. Alle Monaden sind, in Abstufungen ihrer Wahrnehmungen oder Bewusstheiten, geistig, mathematisch und körperlich zugleich. Die Monadenlehre erklärt die Welt demnach gezielt aus ihren dynamischen Prozessen heraus und ist so ein klarer Versuch der Überwindung des cartesianischen Leib-Seele-Dualismus.

Neues Rathaus und Stadthaus; Copyright: LTS-SchmidtBibliotheca Albertina; Copyright: LTS-Schmidt

Vom Wunderkind zum Universalgelehrten

Die "Monadologie" ist Leibniz' zentrale Lehre. Aber sie ist bei Weitem nicht sein einziger Beitrag zur Entwicklung der menschlichen Geistesgeschichte. Gottfried Wilhelm Leibniz wird 1646 in Leipzig geboren. Mit acht Jahren bringt er sich selbst das Lateinische bei, mit fünfzehn geht auf die Universität. Da man ihm wegen seines zu geringen Alters in Leipzig die Promotion verweigert, wechselt er kurzerhand nach Altdorf, wo er ein glänzendes Examen ablegt. Man bietet dem Hochbegabten sofort eine Professur an, doch Leibniz lehnt ab. Stattdessen wird er politischer Berater beim Kurfürsten von Mainz. 1676 nimmt er dann eine Stelle als Hofrat und Bibliothekar beim Herzog von Hannover an. Diplomatische Missionen lassen ihn weit herumkommen. 1673 wird er Mitglied der Royal Society in London. In Paris knüpft er Kontakte zur Académie des sciences. Im Jahr 1700 gründet er die spätere Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, deren erster Präsident er wird. 1713 wird er zum Geheimen Justizrat in Wien ernannt. Seine Studien auf den verschiedensten Wissensgebieten behält er sein Leben lang bei. Leibniz stirbt 1716 in Hannover.

"Eine ganze Akademie"

Leibniz schrieb über sich selbst: "Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben." Schaut man auf sein Lebenswerk, will man dies gerne glauben. Als Mathematiker erfindet er, unabhängig von Newton, die Infinitesimalrechnung. Als Ingenieur konstruiert er eine rein mechanische Rechenmaschine und beobachtet als erster Physiker den elektrischen Funken. Er erforscht die Geschichte des Welfenhauses, seine politischen und theologischen Studien werden zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Aufklärung.

Leibniz gilt als letzter großer Universalgelehrter. Mit seiner ungeheuren Sachkompetenz ist er um die Überbrückung politischer Gegensätze ebenso bemüht wie um die Aussöhnung der gespaltenen Kirchen. Doch mit den meisten seiner Bemühungen ist er seiner Zeit, dem 17. Jahrhundert, weit voraus. Seine frühe Entscheidung im Rosental, die Versöhnung von Gegensätzen anzustreben, hätte besser in die Aufklärung des 18. Jahrhunderts gepasst.

Friedrich der Große von Preußen sagte über Leibniz: "Er versammelte in seinem Kopf eine ganze Akademie der Wissenschaften."

Volker Maria Neumann
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte

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Juni 2007

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