Friedrich Nietzsche oder Die ewige Wiederkehr des Bergsees

Man stelle sich vor: Jeder Augenblick des Lebens ist eine Wiederholung. Jeden Augenblick hat es schon unendliche Male gegeben. Und es wird jeden Augenblick auch in Zukunft noch unendliche Male geben. Der Moment als regressus ad infinitum. – Niemand integrierte diesen „ungeheuerlichen Gedanken“ so radikal in seine Philosophie wie Friedrich Nietzsche.
In seiner letzten autobiographischen Schrift Ecce homo schreibt Friedrich Nietzsche: „Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundkonzeption des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Form der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann, gehört in den August des Jahres 1881. [...] Ich ging an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen, pyramidal aufgetürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke.“ Nietzsche steht zu diesem Zeitpunkt am Anfang seines letzten, enorm produktiven Schaffensjahrzehnts. Gegenüber Freunden zeigt er sich tief bewegt von der Kraft der Idee: „An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, dergleichen ich noch nicht gesehen habe“, schreibt er an Paul Gast. Nietzsche ist befasst mit den Arbeiten an seinem bekanntesten Werk Also sprach Zarathustra – ein Text, dessen Sprachgewalt in jeder Zeile mit der imposanten Bergwelt der Alpen zu korrespondieren scheint. Die Sommermonate der Achtzigerjahre verbringt der chronisch kranke Philosoph in dem kleinen Luftkurort Sils Maria im Oberengadin. Nur noch wenige Jahre trennen den Philosophen von seinem geistigen Zusammenbruch, ein langer Denkens- und Leidensweg liegt bereits hinter ihm.
Weg in den Wahnsinn


Nietzsche wird 1844 bei Leipzig geboren. Der frühe Tod des Vaters, darin zumindest sind sich heutige Nietzsche-Forscher ungewöhnlich einig, hat für die Entwicklung seiner Persönlichkeit eine ebenso folgenschwere Bedeutung wie der Umstand, dass das junge Genie in einem reinen Frauenhaushalt von einer herrischen großen Schwester, einer überforderten Mutter und lieblosen Tanten erzogen wird. Nach der Schule studiert der scheue Eigenbrödler Altphilologie in Bonn und Leipzig. 1869 wird der gerade Fünfundzwanzigjährige auf den Lehrstuhl für griechische Sprache und Literatur nach Basel berufen – noch vor dem Abschluss seines Studiums! Aber mit Erscheinen seines ersten Buches Die Geburt der Tragödie (1872) fällt der junge Professor bei seiner Zunft in Ungnade. Nietzsche fühlt sich unverstanden und in vielem schon jetzt „seiner Zeit voraus“. Er bricht mit Basel und der akademischen Philologie und wendet sich autodidaktisch der Philosophie zu. 1876 überwirft er sich auch mit seinem langjährigen Freund und geistigen Vater Richard Wagner und führt mehr und mehr das Leben eines vereinsamten Nomaden. Er pendelt zwischen Venedig, Rapallo, Genua und Sils Maria, auf der ständigen Suche nach Ärzten, die sein Nervenleiden heilen, und nach Lesern, die seine Schriften erfassen und würdigen können. Beiderlei Suche bleibt weitgehend erfolglos. 1889 bricht Nietzsche zusammen, die letzten elf Jahre seines Leben verbringt er in geistiger Umnachtung unter der Vormundschaft und Pflege von Mutter und Schwester.
„So wollte ich es! So werde ich’s wollen!“

Schon dieser kurze biographische Abriss verdeutlicht einen wesentlichen Zug der Philosophie Nietzsches: Er war ein unbequemer und rastloser Geist, er kämpfte gegen zahlreiche Widerstände, er war hart gegen sich und andere. Seine Schriften sind Pamphlete sind zornige Aphorismen, keine akribischen Ausarbeitungen. Nietzsche scheute keine Widersprüche, und er suchte bewusst die Provokation: „Gott ist tot“, verkündet er und will dahinter doch einen ernsthaften Gedanken verstanden wissen: Mit dem Abschied von jeder Metaphysik und Religion, von jeder Vorhersehung oder dem Konzept eines schützenden und mildtätigen Gottes, ist der Mensch gefordert, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Für Nietzsche ist es eine Schwäche, eine „Sklavenmoral“, sich ängstlich einer überirdischen Macht zuzuwenden. Die „Herrenmoral“ erkennt schonungslos, was die Welt ist: „ein Wille zur Macht, und nichts außerdem“. Nietzsche vertritt damit das Konzept einer radikal innerweltlichen Lebensphilosophie, in der dem Menschen ein geschichtlicher Zweck zugewiesen ist: „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.“ Der Mensch soll aus sich selbst heraus den „Übermenschen“ entwickeln. Kaum ein Begriff in der Philosophiegeschichte wurde derart fehlgedeutet wie dieser. Dabei erschließt sich der Sinn ganz notwendig aus dem „System“ der Nietzsche’schen Philosophie: Der Übermensch ist der, der den Tod des schützenden Gottes bejaht. Der Übermensch überwindet den Nihilismus und ist stark genug, die Sinnlosigkeit der Welt zu begrüßen. Der Übermensch ist der, der „das größte Schwergewicht“, den Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen, aushält. „Die Frage bei allem was du tun willst: ist es so, dass ich es unzählige Male tun will?“ Was also in den Begrifflichkeiten so martialisch, so kalt und bisweilen unmenschlich daherkommt, entpuppt sich als optimistische und extrem lebensbejahende Philosophie. Inmitten der gewaltigen Alpen, am Seeufer von Silvaplana, auf dem Wanderweg, den der einsame und kranke Mann wieder und wieder entlang schritt, mag man nachspüren, wie Nietzsche empfunden haben muss, als ihn sein „abgründiger Gedanke“ ereilte.
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte
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September 2007









