Immanuel Kant oder Die Philosophie äußerster Disziplin

Nach den täglichen Spaziergängen des Herrn Professor stellten seine Nachbarn ihre Uhren. Die Interpreten seiner Philosophie sind traditionell zerstritten, seine Biographen sind sich allesamt einig: Dieser Mann war ein Pedant vor dem Herrn. Das historische Königsberg ist der Schauplatz der Philosophie von Immanuel Kant, dessen Pedanterie sich in seinem Denken in einer beispiellosen Stringenz der Beweisführung niederschlägt.
Immanuel Kant ist in der Philosophie in etwa das, was Isaac Newton in der Physik ist oder Sigmund Freud in der Psychologie: ein Meilenstein, auf den alle weitere Entwicklung immer Bezug nimmt, ob sie will oder nicht. Angesichts der enormen Leistung seines Denkens sollte man meinen, dieser Mann sei ein weltgewandter Kosmopolit gewesen, der viele Länder bereist und verschiedene Kulturen kennen gelernt hat. Doch das Gegenteil ist der Fall. Kant hat seine Heimatstadt, außer für einige Auslüge, die ihm auch noch reichlich missfielen, zeitlebens nicht verlassen. Leidenschaftslos erklärt er: "Eine solche Stadt, wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zur Erweiterung der Menschenkenntnis genommen werden."


Leben im Gleichklang
Im ostpreußischen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, wird Immanuel Kant im Jahr 1724 geboren, hier lebt und arbeitet er, hier stirbt er im hohen Alter von achtzig Jahren. Er besucht ein streng pietistisches Gymnasium, studiert und arbeitet danach einige Jahre als Hauslehrer. Im Anschluss an seine Promotion in Philosophie und seine Habilitation über Grundsätze des metaphysischen Erkennens nimmt Kant eine umfangreiche Lehrtätigkeit an der Universität auf. Er unterrichtet u.a. in Logik, Anthropologie, Theologie, Mathematik, Pädagogik und Naturrecht. Rufe an die Universitäten von Erlangen und Jena lehnt er ab und bleibt in Königsberg, wo ihm 1770 die Professur für Logik und Metaphysik übertragen wird. Von nun an, bis zu seinem Rückzug aus allen akademischen Ämtern drei Jahre vor seinem Tod, verläuft sein Leben noch "ereignisloser" als bisher: Kant lehrt, forscht, schreibt. Er disputiert mit Kollegen und hält regen Kontakt zu Handelsreisenden, die die damalige Ostseemetropole Königsberg besuchen. Sein immer gleicher Tagesablauf ist strikt auf seine Forschungen ausgerichtet und durchstrukturiert. Gelegentliche Störungen des Ablaufs, wie etwa unangemeldete Besuche von Bekannten, empfindet er als "zutiefst unwillkommen".Und innerhalb all dieser unauffälligen Gleichmäßigkeit entsteht etwas, das als eine der größten Leistungen der abendländischen Philosophie in die Geschichte eingeht.
Wegweiser im Irrgarten
Immanuel Kant hat ein Hauptwerk, die Kritik der reinen Vernunft, mit dem er 1781 die philosophische Weltbühne betritt. Es dürfte eines der schwierigsten Bücher der Philosophie überhaupt sein, aber dies hat einen ganz einfach Grund: Kant ist gewissenhaft. Er will herausbekommen, zu welcher gesicherten Erkenntnis die menschliche Vernunft in der Lage ist. Worauf können wir uns verlassen, welche Aussagen treffen bei all den Fragen nach den letzten Dingen, den metaphysischen Fragen nämlich? Der tägliche Spaziergang des Professors Kant auf der Pregel-Insel im Herzen Königsbergs, auf der sich die Alte Universität und der Dom befinden, kann wie ein Sinnbild für die Methode der Kantischen Philosophie verwendet werden: Mit der immer gleichen Haltung gilt es, jede noch so kleine Gasse zu erkunden, durch jede Straße wandert der Gelehrte mit denselben gemessenen Schritten, dass die Nachbar bald amüsiert die Köpfe schütteln über diesen sonderbaren Mann. Kant erlaubt sich selbst keinerlei Nachlässigkeit, beim Spaziergang, der jeden Tag um Punkt halb vier beginnt, wie beim Philosophieren, das sich auf der Suche nach einer verlässlichen Erkenntnistheorie befindet. Mit welchem Ergebnis? Die Insel ist klein. Wir können uns nicht sicher sein in den Fragen nach den letzen Dingen, ob es einen Gott gibt und ein Leben nach dem Tod. Noch nicht mal die "Welt an sich" kann als verlässlich gelten, da sie uns ganz notwendig immer nur vermittels des subjektiven Eindrucks, den wir von ihr haben, gegeben ist.
Diesseits der Grenzen
Was also bleibt uns zu wissen? Nach der doch etwas entmutigenden Analyse der Grenzen menschlichen Erkennens beackert der emsige Denker das Diesseits: die Ethik – 1788 erscheint die Kritik der praktischen Vernunft. Denn wir können nicht nur denken, sondern auch handeln, und die "Maxime", also die Leitsätze unseres Handelns sollten "jederzeit, gleichzeitig auch als gesetzgebende Maßnahmen gehandhabt werden können". Mit diesem berühmten Satz, dem so genannten "kategorischen Imperativ", ist keine Kleinigkeit vollbracht, denn es ist ein verbindliches Sittengesetz entwickelt, das seine Gültigkeit nicht aus einem "religiösen Apriori", also aus Gott oder einer sonstigen außer-menschlichen Instanz bezieht, sondern rein aus dem Menschen selbst.
Die Kantische Philosophie ist wie ein Appell an den Menschen, im Diesseits besonnene Schritte zu tun, eingedenk des Umstands, dass wir immer auch einen Hang zur Metaphysik, eine "Sehnsucht nach dem Jenseits" haben werden.
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte
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April 2008









