Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Arthur Schopenhauer oder Die letzte Adresse der Philosophie

Schopenhauer-Haus in Frankfurt/Main; Copyright: picture-alliance / akg-imagesSchopenhauer-Haus in Frankfurt/Main; Copyright: picture-alliance / akg-imagesEs mag verwundern, aber die Philosophie hat eine Adresse. So zumindest, wenn es nach einem ihrer schillerndsten Adepten geht. Arthur Schopenhauer hat finale Antworten auf die letzen Fragen gefunden, er bescheinigt der Philosophie eine Vollendung in seinem eigenen Werk. Wo er ist, ist die Philosophie zu Hause, am „eigentlichen Mittelpunkt von Europa“. Die letzte Adresse der Philosophie lautet: Frankfurt/Main, Schöne Aussicht 16.

Arthur Schopenhauer ist unter den deutschen Denkern der Neuzeit gewiss eine tragische Figur. Von sich selbst heillos überzeugt versucht er zu einer Zeit als philosophischer Autor Fuß zu fassen, da eine Lichtgestalt das geistige Klima in Deutschland bestimmt, gegen die er von vorne herein chancenlos ist: Hegel. Gegen dessen „Philosophie des absoluten Unsinns“ meint er eine Denkungsart zu setzen, die den Menschen die Augen öffnen und ihm als Urheber die Heerscharen zutreiben müsste. Doch das Gegenteil ist der Fall. Schopenhauers Philosophie entspricht so gar nicht dem Zeitgeist. Seine betont pessimistische Grundhaltung und sein Bild vom Menschen und der Welt, das in vielem schon den späten Nietzsche vorwegnimmt, passen einfach nicht in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gewissermaßen ist Schopenhauer seiner Zeit voraus, und tatsächlich wird er erst gegen Ende seines Lebens langsam von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Doch da hockt er schon lange – zurückgezogen und verbittert – in seiner Frankfurter Wohnung, betrachtet das Leben als „jammervoll und keineswegs wünschenswert“ und die Welt schlicht als etwas, das „nicht sein sollte“. Was war dem Manne geschehen?

Der Ungehörte

Arthur Schopenhauer; Copyright: BundesbildstelleArthur Schopenhauer wird 1788 als Sohn eines Großhandelskaufmanns in Danzig geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre beginnt er in Göttingen ein Medizin-Studium, wechselt aber schnell zur Philosophie und nach Berlin. Dort lernt er u. a. bei Fichte und Schleiermacher. In Jena promoviert er mit der Schrift Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Der junge Gelehrte veröffentlicht bereits als Dreißigjähriger sein philosophisches Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung – weitgehend ohne öffentliche Resonanz. Schopenhauer nimmt 1820 eine Lehrtätigkeit in Berlin auf, wird aber in der akademischen Philosophie nie heimisch. Er setzte seine Vorlesungen absichtlich zur gleichen Zeit wie Hegel an, und wundert sich darüber, dass sein Hörsaal leer bleibt. Von seiner Zunft fühlt er sich unverstanden. Mit seiner Familie überwirft er sich ebenso wie mit seinen Kollegen. 1833 lässt er sich in Frankfurt nieder. Nach einigen Wohnungswechseln bezieht er die Adresse Schöne Aussicht 17 direkt am Mainufer in der Innenstadt, und zieht sechzehn Jahre später – nach einem Streit mit dem Vermieter – ein Haus weiter. Die Schöne Aussicht 16 ist nun der Ort seiner Philosophie, den er bis zu seinem Tod 1860 nicht mehr verlässt.

Der Vedanta-Kantianer

In seiner Jenaer Zeit befasst sich der junge Schopenhauer eingehend mit fernöstlichen Geistestraditionen, vor allem mit der alt-indischen Vedanta-Philosophie sowie dem Buddhismus. Hierbei erfährt das Denken Schopenhauers Prägungen, die es bis zum Schluss beibehält. Der Mensch erfährt sich selbst in dieser Welt vermittels seiner nie ruhenden Bedürfnisse. Leben ist die ständige Erfahrung des Unvollkommenen, Leben ist Leiden. Ein ur-buddhistischer Gedanke, den Schopenhauer zusammen mit der zweiten großen Beeinflussungen seines Denkens, dem Kantischen Idealismus, zu einer „Metaphysik des Willens“ weiterentwickelt. Diese besagt, kurz gefasst, Folgendes: Die Welt ist dem Menschen vermittels seiner Vorstellung von der Welt gegeben. Wir haben immer nur ein „Bewusstsein von“ etwas, das wir wahrnehmen. Soweit der Kantianer. Aber Schopenhauer geht einen qualitativ entscheidenden Schritt weiter. Am buchstäblich „eigenen Leib“ erfährt der Mensch noch mehr. Dieser nämlich, der Körper, ist zweierlei: als äußerer Gegenstand Teil unserer Vorstellungen, „von innen her“ aber gleichzeitig unmittelbarer Ausdruck von Willensakten. Die Welt ist also Vorstellung und Wille gleichzeitig. Der Unterschied zu Kant ist enorm, denn Schopenhauer verlässt damit die erkenntnistheoretischen Subjekt-Objekt-Gefilde hin zu einer buchstäblich weltumfassenden Metaphysik, die ihrerseits dann auch wieder der Ethik ihren Rahmen gibt: Die konkurrierenden Willensakte der Welt bringen es mit sich, dass das Dasein ganz notwendig Kampf und Leiden ist. Bestenfalls also kann uns ein „Mitleiden“ mit anderen zu einem sittsamen Umgang bewegen. Erst wo das Wollen zu Ruhe kommt, so Schopenhauer, ist das Leid überwunden.

Der Misanthrop

Schopenhauer selbst kam zeitlebens nicht zur Ruhe. Sein philosophisch begründeter Pessimismus findet in seinem Leben passgenaue Entsprechungen, die ihn bis ans Ende bei Zorn und lebhafter Verbitterung halten. Der Wahlfrankfurter wettert gegen alles und jeden, er bezeichnet sich jetzt selbst als „Misanthrop“ und seine Lebensweise als „systematisch ungesellig“. Seine Adresse, die Schöne Aussicht 16, ist so gut wieder jeder andere Ort der Welt, an dem die Philosophie zu ihrer finalen, traurigen Einsicht gelangt: „Man kann unser Leben auffassen als eine unnützerweise störende Episode in der seligen Ruhe des Nichts.“
Volker Maria Neumann
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte

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August 2008

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