Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Karl Marx oder Die proletarische Wirklichkeit von Soho

Karl Marx und Engels mit ihren Familien; Copyright: picture-alliance / KPA/TopFotoMarx-Denkmal in London; Copyright: picture-alliance/ dpaDie Philosophie steckt voller Behauptungen. Als griffige Verschlagwortungen überdauern sie bisweilen Jahrhunderte, tauchen ab, werden in ihr Gegenteil verkehrt und gewinnen immer wieder neue Aussagekraft. Und irgendwann werden sie zu philosophischen Allgemeinplätzen. Fast unbemerkt. So geschehen mit folgender Behauptung: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Zu diesem Begriffspaar haben sie alle eine Meinung. Platon und Hegel sehen es genau andersherum. Sartre und Heidegger formulieren nur anders, meinen aber dasselbe, dass nämlich die Existenz des Menschen seiner Essenz vorangeht. Bei allen ist eines gleich: Die Annahme bleibt, so oder so, von theoretischem Belang. Im Falle des deutschen Philosophen Karl Marx aber hat die harmlos klingende Behauptung, das Sein bestimme das Bewusstsein, weltgeschichtliche Bedeutung erlangt.

Marx ist nicht etwa der „Erfinder des Sozialismus“, er gab vielmehr dem Sozialismus ein philosophisches Fundament, genannt „dialektischer Materialismus“. Gemeint ist hiermit eine Form des Verständnisses von Geschichte, die ihr Augenmerk auf die Analyse der ökonomischen Verhältnisse des Menschen richtet. Und der zentrale Gegenstand dieser Analyse ist die europäische Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts. Marx wusste ganz genau, wen er meinte, wenn er von den „Proletariern“ sprach, denn er lebte mitten unter ihnen. Und hier hat die große Philosophie von Karl Marx ihren ganz konkreten Ort: in den ärmlichen Arbeitervierteln rund um den Londoner Regent’s Park.

Das Exil als Normalzustand

Karl Marx und Engels mit ihren Familien; Copyright: picture-alliance / KPA/TopFotoKarl Marx wird 1818 in Trier geboren, er studiert in Bonn und Berlin Rechtswissenschaften und Philosophie, 1841 promoviert er in Jena. Im Herbst 1843 verbietet die preußische Zensur eine von ihm geleitete linksliberale Zeitschrift. Marx geht daraufhin nach Paris, wo er Friedrich Engels kennen lernt und in seinen Beiträgen zu den Deutsch-Französischen Jahrbüchern schon jetzt die „welthistorische Bedeutung“ des Proletariats in den Mittelpunkt seiner ökonomisch-philosophischen Betrachtungen rückt. Die Pariser Regierung weist den streitbaren Publizisten aus, Marx geht nach Brüssel, wo er 1847 gemeinsam mit Friedrich Engels das Manifest der Kommunistischen Partei verfasst. Ein Jahr später wird er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet und muss Belgien verlassen. In Köln gibt er dann die Neue Rheinische Zeitung heraus und mischt sich – mit publizistischen Mitteln – beherzt in die deutschen Revolutionswirren 1848/49 ein. Doch nach dem Scheitern der jungen demokratischen Kräfte wird Marx abermals des Landes verwiesen. Er geht ins Exil nach London. Hier lebt und arbeitet er bis zu seinem Tod 1883.

Die Armut als Notwendigkeit

Fünfmal also wurde der umtriebige Publizist Karl Marx wegen seiner öffentlichen politischen Haltung von europäischen Regierungen – direkt oder indirekt – vertrieben. Dass es in sich haben musste, was der Mann geschrieben hat, das hatten also schon seine Zeitgenossen erkannt. Wenngleich der politische Sprengstoff der Schriften Karl Marx‘ erst viel später und zudem von ganz anderen Hauptdarstellern der Geschichte gezündet wurde. Marx selbst hat, bei aller Komplexität seiner Themen, ein relativ einfaches Anliegen, das vor allem dort zutage tritt, wo er die zweite Hälfte seines Lebens verbringt: in London.

Im Jahr 1850 bezieht die Familie Marx die Adresse 28, Dean Street im Stadtteil Soho. Ein befreundeter Agent aus Preußen, der die Familie besucht, schildert die Umstände: „Marx lebt in einem der schäbigsten und billigsten Viertel von London. Er hat zwei Räume, [...] in denen es nicht ein einziges solides Möbel gibt. Alles ist zerbrochen, ramponiert und zerfetzt. [...] Überall liegen Manuskripte, Bücher und Zeitschriften herum, dazwischen Kinderspielsachen und Nähzeug.“ Marx kämpft in diesen Jahren ums Überleben. Von sechs Kindern, die seine Frau Jenny zur Welt bringt, sterben drei bereits im Kindesalter an Bronchitis oder Tuberkulose. 1856 zieht die Familie in die Regent’s Park Road, später in die Maitland Road im Bezirk Kentish Town. Die Probleme bleiben dieselben. Es scheint paradox: Als Publizist schreibt sich Marx an die internationale Spitze der Sozialismustheoretiker, als Familienvater steckt er bis zum Hals in den Sorgen der Besitzlosen.

Das Proletariat als Geschichtsmotor

Handschriftliche Seite aus dem `Kommunistischen Manifest´; Copyright: picture-alliance / dpaIn Marx‘ Analyse der ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit meint Gerechtigkeit nicht nur eine gerechte Verteilung von Besitztümern, sondern vor allem eine gerechte Beteiligung des Arbeiters an den Produktionsmitteln und Erzeugnissen seiner Arbeit. Die Arbeitsverhältnisse im aufkommenden Industriezeitalter aber seien gekennzeichnet von einer „Entfremdung“ des Arbeiters von seiner Arbeit. Und hierhin liegt, so Marx, der historisch notwendige Grund für die sozialistische Revolution; der Arbeiter erringt mit der Enteignung der Besitzenden dasjenige, was ihm unbedingt zusteht: den Besitz an seiner eigenen Arbeit. Marx sieht hierin einen Kampf von gesellschaftlichen Klassen gegeneinander. Und dies ist der Kern des „dialektischen Materialismus“, den Marx als historischen Determinismus verstanden wissen will. Er sieht es als geschichtlich notwendig an, dass es in der bürgerlichen Gesellschaft eine besitzende Klasse (Bourgeoisie) und eine besitzlose Klasse (Proletariat) gibt, die sich vermittels eines dialektischen Ereignisses (Revolution) hin zu einer klassenlosen Gesellschaft (Kommunismus) weiterentwickeln. Marx‘ Nachbarn in Soho und Kentish Town werden damit zu einem Motor der Weltgeschichte. Denn es ist die Wirklichkeit ihres proletarischen Seins, die ihnen das Bewusstsein, einer revolutionären Klasse anzugehören, eingibt.

Karl Marx liegt auf dem Highgate Cemetery im Norden Londons begraben. Der berühmte Appell auf seinem Grabstein lautet wie die Summe seines zielgerichteten Denkens: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Volker Maria Neumann
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte

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September 2008

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