„Was ist der Mensch?“ – Max Scheler

Heute zählt Max Scheler, im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts einer der einflussreichsten Philosophen, zu den großen Vergessenen. Und doch hat er die Grundsteine gelegt für eine Ethik der Werte, eine Philosophie der Gefühle, eine Phänomenologie der Religion, die Wissenssoziologie und die Philosophische Anthropologie.
In seinem Nachruf auf den am 19. Mai 1928 mit knapp 54 Jahren Verstorbenen würdigt Martin Heidegger ihn als „die stärkste philosophische Kraft in der gegenwärtigen Philosophie“. Die Liste der Denker, die ihm wesentliche Impulse verdanken, ist lang und imponierend.
Zerrissenheiten
Max Scheler wurde am 22. August 1874 in München als Sohn einer streng orthodoxen jüdischen Mutter und eines wohlhabenden Gutsverwalters geboren, der für die Ehe widerwillig zum jüdischen Glauben übergetreten war. Diese Dissonanzen im Elternhaus haben Max Scheler früh geprägt. Teilweise bedingen sie die tiefe innere Zerrissenheit des ständig und wie besessen Suchenden, der eine irritierende Wandlungsfähigkeit zeigte. Einem Grundzug seiner Existenz sei Scheler allerdings treu geblieben, urteilte ein langjähriger Freund: „Er hat immer das gelebt, was er dachte.“
Zeitlebens hat Scheler kraft seiner faszinierenden Persönlichkeit und seines Gedankenreichtums die Elite des deutschen Kulturlebens angezogen und um sich geschart. Eine Schule hat er indes nicht hinterlassen. Seine akademische Karriere verlief alles andere als kontinuierlich: Zweimal verlor er durch privat verursachte Skandale seine Dozentenstellen, beim zweiten Mal sogar seine universitäre Lehrbefugnis. So kam es, dass Scheler den größten Teil seines Werkes als freier Autor publizierte. Gleichwohl verschaffte er sich eine wachsende Öffentlichkeit. Mehr noch als seine Schriften schlugen seine feurigen Reden und Vorträge in den Bann – in Cafés ebenso wie auf Kongressen.
Vitale und geistige Werte
Schelers publikumswirksames Auftreten missfiel seinem einstigen Mentor Edmund Husserl. Er hatte Scheler seit ihrer ersten Begegnung im Jahr 1901 entscheidend darin bestärkt, sich der phänomenologischen Wesensschau und -analyse zuzuwenden. Doch Scheler entwickelte seine eigene Phänomenologie des „Erlebens“, die eine Vielzahl geistiger „Akte“ umfasste, etwa Sympathie und Mitgefühl. Der formalen Ethik Immanuel Kants hielt er eine „materiale Ethik“ entgegen. Diese geht von einer Rangordnung der Werte aus, die absolut gültig sind und sich jeder Person gefühlsmäßig intuitiv erschließen. Am unteren Ende der Wertehierarchie befinden sich die Werte des Nützlichen, weiter oben die vitalen Werte des Edlen, darüber die geistigen Werte und an der Spitze die Werte des Heiligen.
Damit ist schon vorgezeichnet, was bei Scheler in den kommenden Jahren Gestalt annehmen wird: Die Kritik am maximalen Nützlichkeitsdenken der kapitalistischen Gesellschaft, die zwiespältige Natur des Menschen als vitales und geistiges Wesen sowie die Teilhabe an der göttlichen Liebe zur Welt. Werte können die Menschen erkennen, weil die in jeder geistigen Person verankerte „Ordnung der Liebe“ die Fülle des Seins erleben lässt. Scheler erneuerte die von Augustinus und Pascal überlieferte „Logik des Herzens“.
Hin zum Katholizismus und wieder weg von ihm
Scheler war 1916 in die Gemeinschaft der katholischen Kirche zurückgekehrt. Er avancierte innerhalb kürzester Zeit zum fruchtbarsten Denker des deutschen Katholizismus, der durch ihn Anschluss an die zeitgenössischen philosophischen Debatten fand. Seine nach 1922 vollzogene Abkehr von der katholischen Glaubenslehre wurde als wankelmütig gebrandmarkt und mit Schelers zweiter Ehescheidung vermengt.
Er selbst lieferte philosophische Gründe dafür, den Glauben an einen von Anfang an allmächtigen Gott aufzugeben. Für Scheler muss Gott in sich Geist und Drang vereinen, doch im Weltprozess ist der Geist dem Drang gegenüber ohnmächtig, und so bleibt nur die Hoffnung auf eine zunehmende Vergeistigung der Welt. Deshalb bedarf ein „werdender Gott“ des Menschen, um sich selbst verwirklichen zu können. In seinem bekanntesten, posthum erschienenen Werk Die Stellung des Menschen im Kosmos beantwortet Scheler die alte Frage „Was ist der Mensch?“.
Seine philosophische Anthropologie, laut Scheler sein primäres und wichtigstes Anliegen, gelangt nach einer Synthese vielfältiger Ergebnisse von Einzelwissenschaften zu dem Fazit, der Mensch sei „der Ort der Gottwerdung“. Zum Panentheisten geworden, für den Gott der Welt innewohnt, starb Scheler am 19. Mai 1928. Zuvor hatte er die Vision eines kommenden „Weltalters des Ausgleichs“ verkündet, in dem alle Gegensätze der Rassen, Klassen, Religionen und Mentalitäten überbrückt sein werden, zugunsten einer weltweiten Kooperation. Diese Perspektive könnte das in den letzten Jahren wieder erwachte Interesse an Max Scheler beflügeln.
Scheler, Max: Gesammelte Werke in 15 Bänden, Bouvier Verlag, Bonn 1998.
Scheler, Max: Die Stellung des Menschen im Kosmos, Bouvier Verlag, Bonn, 17. Auflage 2007. ISBN 978-3-416-02592-8
Mader, Wilhelm: Max Scheler. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlts Monographien, Band 290), Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2. Auflage 1995. ISBN 978-3-499-50290-9
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Mai 2009
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