Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Zwischen Nationalsozialismus und der Wiederkehr der Religion – Jürgen Habermas zum 80. Geburtstag

Jürgen Habermas; © Lorenz ViereckeJürgen Habermas; © Lorenz ViereckeIn den Sechzigerjahren erschien Jürgen Habermas dem Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Max Horkheimer, einem der Hauptvertreter der als neomarxistisch geltenden Frankfurter Schule, als zu „links“. Den rebellierenden Studenten indes war er 1968 längst nicht links genug. Heute darf man ihn als staatstragenden Philosophen bezeichnen, der die deutsche Demokratie aus der Perspektive eines Verfassungspatriotismus vertritt.

Zu Habermas’ 80. Geburtstag am 18. Juni 2009 hat der Suhrkamp Verlag eine bemerkenswerte fünfbändige Studienausgabe mit philosophischen Texten vorgelegt. Die etwa 2.000 Seiten enthalten einen Teil seiner Aufsätze seit den Achtzigerjahren. Sie spannen dabei den Bogen seines Denkens von dessen Anfängen bis zu seinen aktuellen Entwicklungslinien.

Ausgangspunkt seines politischen Denkens bleibt unweigerlich die Erfahrung des Nationalsozialismus. So schreibt er in der Einleitung zum Band IV, der unter dem Titel Politische Theorie firmiert: „Für uns ist die politische Auseinandersetzung mit dem Faktum der breiten Zustimmung unserer Bevölkerung zum NS-Regime bis heute mehr als nur ein Thema unter anderen geblieben. (...) Die frühe Bundesrepublik war durch eine Kluft zwischen zerbrechlichen demokratischen Institutionen und kaum erschütterten autoritären Mentalitäten geprägt. (...) Die personellen und geistigen Kontinuitäten, die sich unter der Decke eines Verdrängungsantikommunismus unbehelligt fortsetzten, haben auf der anderen Seite die Furcht vor einem Rückfall in die autoritären Verhaltensmuster und elitären Denkgewohnheiten des vordemokratischen Deutschlands wach gehalten – bei mir sogar bis in die frühen 80er Jahre hinein.“

Ethische Begründung des Handelns

Trotzdem verweigert sich Habermas dem in der Frankfurter Schule verbreiteten Pessimismus bezüglich der Politik und der Kulturentwicklung. Stattdessen greift er auf deren ursprüngliche Intention in der Weimarer Republik zurück. So beschäftigt er sich wieder mit der Frage, wie kritische Sozialwissenschaft dazu beitragen kann, gerechtere, demokratischere, insgesamt humanere Verhältnisse zu befördern. Dabei distanziert er sich vom an Hegel und Marx orientierten geschichtsphilosophischen Ansatz der Frankfurter Schule. Diese an großen Ideen und sozialen Klassen orientierte Sichtweise erschien ihm für die modernen Gesellschaften unangemessen. Stattdessen fragt er nach ethischen Begründungen des Handelns – eine Perspektive, die sein Denken von den Anfängen bis zur Gegenwart durchzieht.

Vernunft, so Habermas, birgt nicht notwendig eine Neigung zur Gewalt, wenn man ihre kommunikative Struktur beachtet. Denn Vernunft fordert zum gegenseitigen Austausch von Argumenten auf, was Gewalt ja gerade vermeidet. Daraus ergibt sich nicht nur der zwanglose Zwang des besseren Arguments, sondern eine Perspektive, die die Vernunft in den Dienst einer Humanisierung der Lebenswelt stellt, um deren Beherrschung durch soziale Mächte wie Ökonomie, Bürokratie oder Militär zu verhindern, wie sie sich beispielsweise in Nazideutschland durchsetzte, wo eine militante totalitäre Bewegung praktisch alle Bereiche der Lebenswelt infiltrierte.

Die Studienausgabe des Suhrkamp Verlages zum 80. Geburtstag des Autors; © Suhrkamp VerlagSo verwundert nicht, dass der aktuelle Pol seines Denkens die Rückkehr der Religionen auf die politische Bühne darstellt, was in manchen Fällen für die Lebenswelt in eine sehr bedrohliche Angelegenheit ausartet und damit die Frage nach der Ethik aufwirft: Inwiefern dürfen oder müssen ethische Normen im säkularen Staat religiös begründet sein. Dieses Thema spielt in der neuen Edition eine herausragende Rolle.

„In der Periode seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges“, schreibt Habermas in einem Aufsatz über Religion in der Öffentlichkeit, „sind, mit Ausnahme Irlands und Polens, alle europäischen Länder von einer Säkularisierungswelle erfasst worden, die mit gesellschaftlicher Modernisierung einhergeht. Für die Vereinigten Staaten belegen hingegen alle Umfragedaten, dass der ohnehin vergleichsweise hohe Anteil an gläubigen und religiös aktiven Bürgern während der letzten sechs Jahrzehnte konstant geblieben ist. (...) Welthistorisch betrachtet, erscheint Max Webers ‚okzidentaler Rationalismus‘ nun als der eigentliche Sonderweg.“

Habermas erkennt an, dass die Philosophie in der Tradition der Aufklärung viele, vor allem ethische Orientierungen der religiösen Tradition verdankt. Das ändert jedoch nichts daran, dass religiöses und philosophisches Denken sich dort unterscheiden, wo es um die Begründung von Wahrheit und um die Anerkennung von Autoritäten geht. Auf der Differenz von Glaubensgewissheiten und wissenschaftlicher Erkenntnis wird die Philosophie weiterhin bestehen und somit weder im Recht noch in der Ethik religiöse Gründe akzeptieren.

Methodischer Atheismus

So bemerkt Habermas: „In unserem Zusammenhang ist der (...) Umstand relevant, dass die praktische Philosophie auf der Grundlage eines methodischen Atheismus aus erlösungsreligiösen Offenbarungswahrheiten kognitive Gehalte geborgen und in eigene Argumentationen einbezogen hat. (...) In diesem Diskurs zählen nur ‚öffentliche’ Gründe, also solche, die grundsätzlich auch jenseits einer partikularen Glaubensgemeinschaft überzeugen können.“

Doch die Philosophie sollte die Religion nicht als unvernünftig disqualifizieren, ihr vielmehr die Türe zum gemeinsamen vernünftigen Diskurs öffnen. Denn für Habermas stellt die Wiederkehr der Religion in der Konfrontation mit großen säkularen Teilen der Gesellschaft die Herausforderung an den liberalen Staat dar, unter welchen Bedingungen man sich gegenseitig achten und auf welche gemeinsamen rechtlichen und ethischen Grundnormen man sich einigen kann. So hat Habermas durch seinen Dialog mit Benedikt XVI., als dieser noch Kardinal Joseph Ratzinger hieß, die Türe für den Dialog zwischen säkularen und religiösen Standpunkten geöffnet.

Jürgen Habermas: Philosophische Texte: Studienausgabe in fünf Bänden. Suhrkamp Verlag 2009, ISBN 978-3518585153.

Hans-Martin Schönherr-Mann
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009

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