Autonomie, Kooperation und soziale Gerechtigkeit – Axel Honneth

Menschen erweitern ihre Möglichkeiten zu handeln dadurch, dass sie mit anderen kooperieren, lautet eine der Einsichten, die wir Axel Honneth verdanken. Im Sommer 2009 ist er 60 Jahre alt geworden.„Nicht nur die erschütternden Berichte aus den Konzentrationslagern der totalitären Regime, sondern auch die Zeugnisse der Bürgerrechtsbewegungen und des Feminismus haben uns darüber belehrt, in welchem Maße Menschen zur Sicherung ihrer individuellen Autonomie auf die unterstützende Erfahrung wechselseitiger Anerkennung angewiesen sind.“ Individuelle Freiheit – so der Sozialphilosoph Axel Honneth – braucht nicht nur die rechtliche Absicherung eines individuellen Handlungsspielraums, zu dem der Liberalismus vor allem die Sicherheit des Eigentums zählt. Vielmehr erweitern Menschen ihre Möglichkeiten zu handeln dadurch, dass sie mit anderen kooperieren.
Die soziale Dimension von Freiheit und Gerechtigkeit
Das setzt eine gegenseitige Anerkennung voraus, die der Einzelne dadurch erfährt, dass er mit anderen kommuniziert, nicht dadurch, dass er sich allein ökonomische Vorteile verschafft. Zur Anerkennung gehören einerseits Liebe und Freundschaft, die das Selbstvertrauen des einzelnen stärken. Andererseits müssen seine Arbeitsleistungen Anerkennung finden, sonst entwickelt sich kein Gefühl der sozialen Zugehörigkeit und der Wertschätzung.
Daher fragt Honneth nach der sozialen Dimension von Freiheit und Gerechtigkeit, also nach der sozialen Gerechtigkeit, die es für strenge Liberale wie den politischen Philosophen Robert Nozick gar nicht geben kann: Wenn soziale Gerechtigkeit allein durch steuerliche Progression auf Umverteilung des Reichtums von Oben nach Unten abzielt, dann ist sie für Nozick Diebstahl, also Ungerechtigkeit. Dagegen kann für Honneth das Individuum als bloßer Eigentümer seine Freiheit gar nicht hinlänglich entfalten – eine linke Kritik am Liberalismus in einer Zeit, in der sich der Kapitalismus ohne Alternative präsentiert.
Die Tradition des Instituts für Sozialforschung
Nicht zufällig leitet Honneth denn auch seit 2001 das Frankfurter Institut für Sozialforschung, das bis in die siebziger Jahre hinein einen marxistischen Ruf genoss, der in den letzten Jahrzehnten nur langsam verblasst. In den Zwanzigerjahren gegründet, beschäftigte es sich zunächst mit der Frage, wie eine kritische Sozialwissenschaft mit einem emanzipatorischen und sozialen Anspruch möglich ist, wie also fundierte Sozialkritik die Lebensbedingungen in der Gesellschaft zu besseren vermag. Diese Frage stellte sich vor dem Hintergrund, dass in der wenige Jahre alten Sowjetunion derart beseelte Experimente gerade zu scheitern drohten.
Die beiden herausragenden Vertreter des Instituts, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, geben dann in den vierziger Jahren im Angesicht von Auschwitz und Hiroshima diesen Anspruch zunehmend auf und konzentrieren sich auf eine eher pessimistische Gesellschaftskritik, von der sie im Grunde nicht mehr erwarten, als dass sie dazu beiträgt, die gesellschaftliche Wirklichkeit humaner zu gestalten. Trotzdem beeinflussen beide in den Sechzigerjahren die rebellierende Jugend.
Jürgen Habermas – seit den Achtzigerjahren der Hauptvertreter des Instituts, das unter dem Namen „Frankfurter Schule“ bekannt wurde und eine „Kritische Theorie“ der Gesellschaft entwickelt – kehrt mit seiner zweibändigen Theorie des kommunikativen Handelns (1981) dagegen zu den anfänglichen Intentionen aus den Zwanzigerjahren zurück und verabschiedet sich weitgehend von Adornos kulturkritischem Pessimismus. Sein bekanntester Schüler Axel Honneth schließt daran an. 1983 promoviert er mit einer Arbeit über den französischen Abweichler von neomarxistischen Pfaden, Michel Foucault und die Kritische Theorie, die unter dem Titel Kritik der Macht erscheint. Im selben Jahr wird er Assistent von Habermas in Frankfurt und habilitiert sich 1990 mit einer Arbeit über Kampf um Anerkennung, in der er sein zentrales Thema entfaltet. Professuren führen ihn daraufhin nach Konstanz, Berlin, New York, Amsterdam und zurück nach Frankfurt.
Interesse am Anderen: wider die Verdinglichung des Lebens
Honneth schließt zunächst an den frühen Hegel an, greift damit vor Marx zurück, um letztlich eine neue Perspektive auf die Frage der sozialen Gerechtigkeit zu werfen, die ja Marx originär formulierte. Die Gesellschaft muss den Benachteiligten nicht nur materiell unter die Arme greifen, damit sie ihre Rechte und liberalen Freiheiten nutzen können. Auch eine solche Argumentation bleibt noch im Rahmen eines sozialen Liberalismus, wie ihn der vielleicht bedeutendste politische Philosoph des 20. Jahrhunderts, John Rawls, konzipiert.
Die rein rechtliche Absicherung von Freiheiten sowie deren soziale Abfederung muss dadurch nachhaltig ergänzt werden, dass sich die Bürger gegenseitig als Freie und Gleiche anerkennen. Damit erweitert Honneth den Begriff der sozialen Gerechtigkeit nicht nur. Er führt auch vor, wie sich ein Mangel an Anerkennung auswirkt, nämlich als ein Leben im Zustand der Verdinglichung.
Angesichts von gewaltigen destruktiven Tendenzen des modernen Kapitalismus einerseits und andererseits einer gewissen Sprachlosigkeit der Kritik daran, der keine treffenden Worte mehr einfallen wollen, greift Honneth auf einen beinahe klassischen marxistischen Begriff zurück: Wenn zwischenmenschliche Beziehungen zu Waren werden, wenn zwischen Menschen und ihren Produkten kaum mehr ein Unterschied besteht, dann herrscht Verdinglichung.
Doch Honneth lädt diesen Begriff unter Bezug auf Martin Heideggers Kategorie der Sorge emotional auf: Wenn sich Menschen nicht füreinander interessieren, am Leben der anderen keinen Anteil nehmen, dann herrscht soziale Unaufmerksamkeit, kommunikative Inkompetenz, sozusagen Anerkennungsvergessenheit. Sich statt Sorglosigkeit zu erinnern, sich um andere Menschen zu sorgen, das ist die soziale Aufgabe längst nicht nur der Philosophie.
Axel Honneth: Verdinglichung – Eine anerkennungstheoretische Studie, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2005
Axel Honneth: Kampf um Anerkennung, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009
Jan Phillipp Reemtsma, Mauro Basaure, Rasmus Willig (Hrsg.): Erneuerung der Kritik: Axel Honneth im Gespräch, Campus Verlag 2009
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
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Oktober 2009
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