Karl Jaspers – Philosophie als Existenzerhellung

Die Wahrheit der Philosophie ist das Philosophieren als eine radikale Weise der Existenz und Existenzerhellung. Kaum einer hat diese Überzeugung tiefer empfunden und aufrichtiger gelebt als Karl Jaspers. Sein ganzes Denken galt der suchend-fragenden Orientierung in einer zutiefst fragwürdig gewordenen Welt. Darüber ist er zum Mitbegründer der Existenzphilosophie geworden – und zu einem der prominentesten Kritiker der deutschen Nachkriegspolitik.Geboren wurde Jaspers 1883 in Oldenburg. Nach einem Studium der Medizin arbeitete er seit 1909 als Assistent an der psychiatrischen Klinik in Heidelberg. Seine 1913 unter dem Titel Allgemeine Psychopathologie veröffentlichte Habilitationsschrift zählt noch heute zu den klassischen Texten des Faches. Zur Philosophie wechselte Jaspers 1922. In diesem Jahr wurde der philosophische Autodidakt aufgrund seiner 1919 erschienenen Psychologie der Weltanschauungen – dem ersten Buch der modernen Existenzphilosophie – von der Heidelberger Universität auf einen Lehrstuhl für Philosophie berufen.
1932 erschien Jaspers’ dreibändiges Hauptwerk mit dem ebenso schönen wie kurzen Titel Philosophie. Fünf Jahre später versetzten die Nationalsozialisten Jaspers in den vorzeitigen Ruhestand, weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau trennen wollte. Beide blieben in Deutschland, obwohl sie jederzeit mit ihrer Verhaftung und der Deportation in ein Konzentrationslager rechnen mussten und obwohl Jaspers selbst ab 1938 mit einem Publikationsverbot belegt wurde.
Verlassen haben die Eheleute Jaspers Deutschland schließlich doch, in erster Linie, weil sie von der Art und Weise, wie in der Bundesrepublik nach Kriegsende mit der jüngsten Vergangenheit umgegangen wurde, zutiefst enttäuscht waren. 1948 übersiedelten beide nach Basel, wo Jaspers bis 1961 eine Professur für Philosophie bekleidete und wo er 1969, zwei Jahre nach Aufgabe der deutschen und Annahme der schweizerischen Staatsbürgerschaft, auch starb.
Die Existenz zum Sprechen bringen
Jaspers ist ein zutiefst radikaler Denker – radikal nicht in politischer Hinsicht, sondern in seinem Willen zur Redlichkeit. Von der Philosophie will er – wie sein Vorbild Sören Kierkegaard und wie der frühe Martin Heidegger, mit dem Jaspers eine veritable Männerfreundschaft verband, die erst zerbrach, als Heidegger sich zum ersten NS-Rektor der Freiburger Universität wählen ließ – Antworten auf existentielle Lebensfragen. Die Philosophie soll aufs Ganze gehen, sie soll sich dem faktischen Leben zuwenden, die (individuelle) Existenz auslegen und zum Sprechen bringen, mit einem Wort: „erhellen“.
Die Philosophie muss sich zur Existenzphilosophie läutern. Sie muss die Frage nach dem Sein stellen, das menschliche Dasein analysieren, ohne dieses Dasein, wie es die (Natur-)Wissenschaften tun, in falscher Konkretheit zu objektivieren. Sie muss um der existentiellen Wahrhaftigkeit willen auf die objektive oder gar absolute Wahrheit Verzicht leisten. Sie zeitigt, streng genommen, daher auch kein sachliches Resultat, ist gleichwohl nur als existentielles Räsonnement überhaupt noch möglich und bedeutsam. Nur so kann sie zeigen, was Jaspers zufolge im wissenschaftlich-technischen Zeitalter allein noch sich zeigen lässt: „die Wahrheit, den Sinn und das Ziel unseres Lebens“.
Die Wahrheit des menschlichen Daseins offenbart sich Jaspers zufolge vornehmlich in „Grenzsituationen“ wie Krankheit, Tod, Kampf oder Schuld. In diesen Situationen, die der Einzelne nicht zu ändern vermag und deren gemeinsames Kennzeichen das Leiden ist, stößt der Mensch an seine Grenzen, werden Sinnlosigkeit und Einsamkeit des Daseins unmittelbar erfahren, geht jede Gewissheit verloren bis auf eine, die Gewissheit der (eigenen) Existenz. Gleichzeitig ermöglichen diese Situationen – und nur sie – eine einzigartige Einsicht: dass es vor allem auf den Einzelnen, „das Sichverhalten, das Leben, das Sichentscheiden des Existierenden“ ankommt.
Das Scheitern als Chance
In Grenzsituationen zeigt sich, wer einer ist und was einer vermag. Sie konfrontieren den Menschen mit den Möglichkeiten „eigentlichen Selbstseins“ – und dadurch auch mit seiner Freiheit und seiner Verantwortung. Noch im Scheitern wird sich der Mensch dieser Freiheit bewusst. Das Scheitern zählt zu den Möglichkeiten menschlicher Existenz, ja zu dessen Voraussetzungen: Wer das Scheitern fürchtet, fürchtet das Leben, denn eben darin besteht nach Jaspers die zentrale Herausforderung des Daseins: die faktische Existenz nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen und mögliche Existenz als wirkliche zu leben!
Die Grenzsituationen sind für Jaspers, nach dem Staunen und dem Zweifel, der eigentliche Ursprung der Philosophie. Auch weil sie auf das Engste mit der Erfahrung der Transzendenz verbunden sind. Diese Erfahrung ist freilich nur als verrätselte möglich, in Form von nie vollständig entzifferbaren Zeichen – Jaspers nennt sie „Chiffren“ (Geheimzeichen) –, in denen sich etwas Jenseitiges, etwas ganz Anderes andeutet, erahnen lässt, nie jedoch vollständig begreifen. Das Scheitern ist eine solche Chiffre, Gott eine andere.
Alle großen Philosophen haben Jaspers zufolge in Chiffren gedacht und gesprochen, weil anders sich das Absolute, die Wahrheit gar nicht darstellen, gar nicht kommunizieren lässt. Und alle haben sie in irgendeiner Art und Weise von einem „Umgreifenden“ gesprochen. Jaspers’ vor allem nach dem Krieg ausgebaute Lehre vom Umgreifenden thematisiert die auch im Scheitern sich mitteilende Erfahrung transzendentaler Geborgenheit, ohne sie in eine Theologie der Fülle bzw. Vollendung aufzulösen. Auch, ja gerade im Scheitern, so Jaspers, wird das Sein, das eigentliche Sein, recht eigentlich erst erfahrbar, erfährt der Mensch sich als Teil eines Ganzen, das ursprünglicher ist als er selbst und ihn trägt, ohne ihn zu erhalten.
Philosophie, die nicht politisch wird ...
Für Jaspers stellt eine Weise dieses Umgreifenden auch die Gemeinschaft dar. Tatsächlich ist Existenz seiner Ansicht nach stets auf den beziehungsweise die Anderen gerichtet und nur als kollektive Praxis möglich. Nur in Gemeinschaft gibt es so etwas wie Freiheit, und nur in Gemeinschaft sind Vernunft, Wahrheit und Philosophie möglich. Frei ist der Mensch in dem Maße, wie es auch die anderen sind.
Vielleicht liegt in dieser engen Verknüpfung von Kommunikation, Freiheit und Philosophie der eigentliche, der philosophische Grund für Jaspers’ nach 1945 einsetzendes und sich bis zu seinem Tode kontinuierlich verstärkendes politisches Engagement als Schriftsteller. Für ihn stand fest, was in Deutschland immer höchst umstritten war und von Heidegger zeit seines Lebens verweigert wurde, dass die Philosophie „politisch“ werden, der Philosoph zu politischen Fragen Stellung nehmen muss.
Als Repräsentant des „anderen Deutschland“ wurde Jaspers schnell zu einer moralischen Autorität. Seine größte Sorge galt der Wahrung der Freiheit. Bedroht sah er sie durch die totalitären Systeme, die atomare Aufrüstung der beiden Weltmächte und deren Blockpolitik, aber auch durch bedenkliche Entwicklungen im eigenen Land wie die Verdrängung der Nazi-Verbrechen oder die von ihm beobachtete und kritisch kommentierte Entwicklung oligarchischer Regierungsstrukturen. Die Demokratie betrachtete er als einen „Weg zur Freiheit“, nicht jedoch als einen Zustand bereits erreichter Freiheit, den es nur noch zu verwalten gelte. Wer die Demokratie erhalten und verbessern wolle – so seine Überzeugung –, der müsse sie kontrollieren und kritisieren. Beides tat Jaspers wie kaum ein anderer.
lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München.
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Februar 2010
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