Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Max Horkheimer – Sehnsucht nach dem ganz Anderen

Max Horkheimer; © Lorenz ViereckeMax Horkheimer; © Lorenz ViereckeMax Horkheimer gehört gemeinsam mit Theodor W. Adorno (1903–69) zu den Gründungsvätern der „Kritischen Theorie“. Als Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und Herausgeber der „Zeitschrift für Sozialforschung“ (1932–41) war er maßgeblich an der Entstehung jener interdisziplinär arbeitenden Forschergruppe beteiligt, die heute als (ältere) „Frankfurter Schule“ bezeichnet wird. Von der Philosophie verlangte er nicht Erbaulichkeit, sondern Engagement: Sie solle alle Verhältnisse kritisieren, in denen der Mensch unterdrückt wird, und derart zu dessen Emanzipation beitragen.

Geboren wurde Max Horkheimer 1895 in Stuttgart als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten. Gegen den Willen seines Vaters, der ihn für die Nachfolge in der Unternehmensleitung vorgesehen hatte, entschloss er sich im Frühjahr 1919 zur Aufnahme eines Studiums der Psychologie, Philosophie und Nationalökonomie. Was folgte war eine klassische akademische Karriere: 1925 wurde er an der Frankfurter Goethe-Universität habilitiert, bereits ein Jahr später ebendort Privatdozent, 1930 schließlich in Personalunion ordentlicher Professor für Sozialphilosophie und Direktor des der Universität angegliederten „Instituts für Sozialforschung“, das sich unter seiner Leitung in kürzester Zeit aus einer orthodox-marxistischen Forschungsstätte in ein Zentrum zeitgenössischer Gesellschaftstheorie verwandelte.

Emigration und Rückkehr

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Institut geschlossen, Horkheimer aus dem Lehrkörper der Frankfurter Universität ausgeschlossen. Der Flucht in die Schweiz folgten die Emigration nach Amerika und die Neuerrichtung des Instituts an der Columbia University in New York. Im amerikanischen Exil entstand auch der Schlüsseltext der Kritischen Theorie: die gemeinsam mit Theodor W. Adorno verfasste und 1947 erstmals ins Deutsche übersetzte Dialektik der Aufklärung.

1949 kehrte Horkheimer nach Deutschland zurück. Er erhielt seinen alten Lehrstuhl wieder zurück und konnte nur zwei Jahre später auch das Institut für Sozialforschung am ursprünglichen Ort wieder eröffnen. Von 1951 bis 1953 amtierte er sogar als Rektor der Universität, die ihn einst verstoßen hatte. Von 1954 bis 1959 war er Gastprofessor in Chicago. Nach seiner Emeritierung lebte er mit seiner Frau in der Schweiz. Horkheimer starb 1973 in Nürnberg.

Kritische Theorie der Gesellschaft

Den Begriff der Kritischen Theorie hat Horkheimer erstmals in einem programmatischen Aufsatz aus dem Jahr 1937 (Traditionelle und Kritische Theorie) verwendet, das Konzept selbst ist freilich einige Jahre älter. Im Unterschied zur sogenannten traditionellen Theorie (Positivismus, Szientismus) soll Kritische Theorie nicht bei der Feststellung von Tatsachen oder der Erkenntnis von Teilaspekten stehen bleiben, da dies nur die Verdoppelung der schlechten Realität, nicht aber ihre Aufhebung bedeuten würde. Sie müsse vielmehr als eine materialistische, Ökonomie, Soziologie und Psychologie integrierende Gesellschaftstheorie verstanden werden, die philosophische Fragestellung und wissenschaftliche Einzelforschung dialektisch miteinander vermittelt, um sie für die kritische Analyse des Kapitalismus fruchtbar zu machen.

Allgemeine Kriterien für die Kritische Theorie als Ganzes gibt es Horkheimer zufolge nicht. Kritische Theorie bezeichnet daher in erster Linie ein „kritisches Verhalten“, das das Bestehende mit seinen eigenen „objektiven“ Möglichkeiten konfrontiert und jedem Versuch einer Verschleierung ideologiekritisch entgegentritt. Die Gesellschaft wird als „Totalität“ begriffen, die von den Menschen produziert wird und daher auch von ihnen verändert werden kann. Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, diesen Veränderungsprozess zu unterstützen, ohne die eigene Unabhängigkeit preiszugeben.

Kritik der instrumentellen Vernunft

Während des amerikanischen Exils tritt an die Stelle der verhalten optimistischen Gesellschaftstheorie eine pessimistische Kultur- beziehungsweise Vernunftkritik, die den – an Faschismus, Stalinismus und amerikanischer Massenkultur abgelesenen – Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation auf den selbstzerstörerischen Fortschritt der Aufklärung zurückführt. Im Laufe dieses von Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung suggestiv beschriebenen Prozesses verwandle sich die Herrschaft des Menschen über die Natur in die Herrschaft von Technik und Industrie über den Menschen. Aufklärung, einst Medium der Emanzipation, erliege vollständig dem Zwang der Selbsterhaltung, schlage um in Mythologie und werde „totalitär“.

In seinem 1947 veröffentlichten Hauptwerk Eclipse of Reason (deutsche Ausgabe Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967) rechnet Horkheimer, in Form einer philosophischen Selbstkritik und in enger Anlehnung an die Dialektik der Aufklärung, mit der instrumentellen Vernunft ab, die im Fortgang des okzidentalen Zivilisationsprozesses alle konkurrierenden Rationalitätsformen verdrängt und sich als einzig „objektive“ Form der Erkenntnis durchgesetzt habe. Da sie ausschließlich an der Beherrschung der Mittel, mithin also an technischer Effizienz interessiert sei, bleibe sie gleichgültig gegen die Inhalte, auf die sie sich bezieht, und lasse daher auch alles Fragen nach Sinn, Zweck und Verantwortung als sinnlos erscheinen. „Im Augenblick ihrer Vollendung“, so Horkheimer, sei Vernunft zu einem bloßen Werkzeug der Naturbeherrschung und damit selber irrational, dumm und blind geworden.

Sehnsucht nach dem ganz Anderen

Was in der Dialektik der Aufklärung als Möglichkeit noch präsent war, die Versöhnung von Subjekt und Objekt, Mensch und Natur weist der späte Horkheimer entschieden zurück. Die Hoffnung auf Befreiung weicht endgültig einem ernüchterten, Schopenhauers Ethik des Mitleids verpflichteten Pessimismus. Allein in der religiösen „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“, nach einem Zustand universaler Gerechtigkeit und Güte, vermag er noch eine angemessene Reaktion auf die massenhaften Erfahrungen sinnlosen Leids und die unaufhaltsame Entwicklung der Moderne zur total verwalteten Welt zu erkennen.

Der Studentenbewegung begegnete Horkheimer bei aller Sympathie für deren Impulse weitgehend mit Unverständnis. Ihre „dogmatische Anwendung kritischer Theorie auf die Praxis“ provozierte seinen Widerspruch, ebenso ihre pauschale Kritik der parlamentarischen Demokratie und ihr ungeklärtes Verhältnis zur Gewalt.

Bernd Mayerhofer
lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München.

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August 2010

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