Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Georg Simmel – Ambivalenzen moderner Individualität

Georg-Simmel; © Lorenz ViereckeGeorg Simmel; © Lorenz ViereckeUnsere Epoche ist ein zutiefst ambivalentes Zeitalter. Diese heute gängige Einsicht wurde von kaum einem Klassiker der Moderne prägnanter analysiert als von Georg Simmel. Der Philosoph und Mitbegründer der Soziologe wurde 1858 in Berlin geboren und verstarb 1918 in Straßburg.

Als protestantisch getaufter Sohn eines zum Katholizismus übergetretenen jüdischen Kaufmanns bekam Simmel den schon im Kaiserreich weit verbreiteten Antisemitismus zu spüren: Nach seiner außerordentlichen Professur in Berlin (seit 1900) erhielt er erst 1914 einen Ruf an die Universität Straßburg. Neben philosophischen Arbeiten (insbesondere über Kant, Schopenhauer und Nietzsche) beschäftigte sich Simmel vor allem mit den Konsequenzen, die die Moderne für die Gesellschaft und das Individuum hat.

Soziale Differenzierung und Individualismus

Die Entwicklung der modernen Gesellschaft befördert eine enorme Erweiterung der sozialen Kreise, in denen sich ein Mensch bewegt. Gegenüber den engen sozialen Beziehungen vormoderner Gesellschaften hat sich dadurch der Spielraum individueller Existenz enorm vergrößert. Als Mitglied unterschiedlicher Gruppen und als Träger sehr unterschiedlicher Rollen verfügt das Individuum so über ein Vielfaches an Freiheiten und Differenzierungsmöglichkeiten der Lebensführung. Auch kann sich der Mensch seine Beziehungen zusehends selber wählen. Individualität erwächst aus der „Kombination der Kreise“, in denen der Einzelne sich bewegt.

Die Vielfalt solcher Beziehungen ist für Simmel ein „Gradmesser der Kultur“. Anders als viele Kulturpessimisten seiner Zeit begrüßt Simmel diese Befreiung aus den „verrosteten Ketten der Zunft, des Geburtsstandes, der Kirche“. Dennoch übersieht Simmel nicht die Schattenseiten dieser Entwicklung: Individualisierung und Differenzierung bedeuten zugleich einen Verlust an Sicherheit, Beständigkeit und Ganzheitlichkeit. Die komplexen Organisationsformen der modernen Gesellschaft entledigen sich der „Färbung durch Einzelpersönlichkeiten“.

Philosophie des Geldes

Cover des Buches Georg Simmels Philosophie des Geldes, herausgegeben von otthein Rammstedt; © Suhrkamp (2003)In seinem bekanntesten Werk, der Philosophie des Geldes, betrachtet Simmel die Auswirkungen der Geldwirtschaft auf die moderne Gesellschaft. Simmel will damit Marx’ ökonomischen Materialismus um eine kulturphilosophische Perspektive ergänzen. Materielle und ideelle Faktoren befinden sich historisch in einem Wechselspiel, „in dem keiner der erste und keiner der letzte ist“.

Besonderes Augenmerk legt Simmel dabei auf die Zusammenhänge zwischen Geldwirtschaft und der Entwicklung individueller Freiheit. Ein grundlegendes Charakteristikum der Geldwirtschaft besteht darin, die Verbindung von Person und Sache zu trennen. Zwischen beide schiebt sie „die völlig objektive, an sich qualitätslose Instanz des Geldes und des Geldwertes“. Die „Unpersönlichkeit“, „Farblosigkeit“ und „Charakterlosigkeit“ des Geldes hilft, mannigfaltige Beziehungen zwischen einander gänzlich fremden Menschen zu stiften – Beziehungen, bei denen es auf die Person der Beteiligten gar nicht mehr ankommt. Damit fungiert Geld als zentrales Medium der beschriebenen Differenzierung und Individualisierung. Sachlichkeit, Anonymität und höhere Flexibilität der gesellschaftlichen Beziehungen sind die Folge.

Gerade weil die Menschen sich gegenseitig nur noch als Funktionsträger beanspruchen, ist die so beförderte Unpersönlichkeit Grundlage der spezifisch modernen Freiheit. Freilich ist damit auch eine wachsende „Vergleichgültigung und Veräußerlichung“ in Kauf zu nehmen. Als neuen Typus Mensch sieht Simmel den „Zyniker“ und den „Blasierten“ aufkommen und beschreibt sie eindringlich als wenig sympathische Erscheinungen. Simmel meldet durchaus Zweifel an, ob der moderne Mensch sich als fähig erweist, die hier gebotenen Chancen der „Verfeinerung“ seiner Individualität auch zu nutzen. Unsicherheit und ein Gefühl der Ungeborgenheit sind unvermeidliche Begleiter der modernen Freiheit. Geld stiftet vielfältige neue Verbindungen zwischen Menschen; es ist aber ebenso eine zersetzende, isolierende Kraft. Ebenfalls kritisch beurteilt Simmel die Tatsache, dass Geld in der Moderne immer mehr zum Selbstzweck wird. Über diese Folgen und manche daraus erwachsende gesellschaftliche Pathologie wird bis heute kritisch diskutiert. Unverändert wertvoll sind Simmels differenzierte Analysen in diesem Zusammenhang vor allem deshalb, weil er auf einseitige Schwarzmalereien verzichtet.

Die Großstadt als Labor moderner Individualität

Cover einer aktuellen Ausgabe des Buches „Die Großstädte und das Geistesleben; © Suhrkamp (2006)Das Leben in der modernen Großstadt zeigt diese Entwicklungen wie im Brennglas. Simmel, der fast sein ganzes Leben in Berlin zubrachte und den Flair des Urbanen durchaus genoss, gilt mit seiner Schrift Die Großstädte und das Geistesleben als Begründer der Stadtsoziologie und als ein wichtiger Klassiker der Urbanistik. Die Großstadt erzwingt und ermöglicht einen sehr distanzierten Umgang der Menschen miteinander, ja eine „Gleichgültigkeit gegen den räumlichen Nahen“.

Anders könnte man in der Großstadt auch nicht überleben. Distanz, Reserviertheit und Gleichgültigkeit sind für den Großstadtbewohner unverzichtbare Schutzmechanismen. Die Großstadt ermöglicht ungeheuer viele und bunte Eindrücke, eine Vielzahl an Optionen, die die Kleinstadt oder das Land nicht zu bieten haben – aber sie birgt auch Gefahren: neben all dem, was meist als „Entfremdung“ beklagt wird, auch die Schwierigkeit, als Einzelner inmitten der Massen nicht in Bedeutungslosigkeit zu versinken (dies thematisiert Simmel sehr schön in seinen Studien zum Thema „Mode“). Das Individuum muss immer wieder von Neuem dagegen ankämpfen, nicht „zu einem Staubkorn gegenüber einer ungeheuren Organisation von Dingen und Mächten“ zerrieben zu werden. Wie die Moderne im Allgemeinen, so ist auch die Großstadt vor allem eines: ambivalent.

Postmoderne Aktualität

Simmels großartige kulturphilosophische und -soziologische Leistung wurde lange Jahrzehnte nicht recht gewürdigt. Das 20. Jahrhundert wurde zunächst von den großen Entwürfen, Theorien und auch Ideologien beherrscht. Mit dem postmodernen Ende dieser Metaerzählungen hat man Simmel wiederentdeckt. Was er über seine Moderne sagt, ist aktueller denn je: „Wollte man den Charakter und die Größe des neuzeitlichen Lebens in eine Formel zusammenzufassen wagen, so könnte es diese sein: daß die Gehalte der Erkenntnis, des Handelns, der Idealbildung aus ihrer festen substantiellen und stabilen Form in den Zustand der Entwicklung, der Bewegung, der Labilität übergeführt werden. […] Wir verzichten auf die unbedingten Wahrheiten, die aller Entwicklung entgegen wären, und geben unser Erkennen gerne fortwährender Umgestaltung, Vermehrung, Korrektur preis.“

Christian Schwaabe
ist seit seiner Habilitation Lecturer für Politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autor unter anderem des zweibändigen Studienbuchs „Politische Theorie“ (UTB, 2. Aufl. 2010).

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August 2011

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