Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Edith Stein – deutsche Philosophin, christliche Märtyrerin, jüdisches Opfer

Edith Stein; © Lorenz Vierecke
Edith Stein; © Lorenz Vierecke
Edith Stein ist den meisten heute vor allem durch ihr Schicksal bekannt: Im August 1942 wird sie, katholische Ordensschwester jüdischer Herkunft, in Auschwitz ermordet. In ihrer Biografie und ihrem Martyrium werden die moralischen Abgründe deutscher Geschichte und das unermessliche Leid so vieler Menschen in beklemmender Weise greifbar.

Blinder rassistischer Hass zerstörte das Leben einer Deutschen, die mit ihren Talenten und Werken das Beste verkörperte, was deutsche und abendländische Traditionen ausmachte. Mit der Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 1998 wird insofern auch die besondere Tragik dieses Schicksals gewürdigt. Der Papst nannte sie eine „herausragende Tochter Israels“ und zugleich eine „treue Tochter der Kirche“. Dagegen tritt oft ein wenig in den Hintergrund, dass Edith Stein auch eine bedeutende Philosophin war.

Lange vor ihrer Taufe und dem Eintritt ins Kloster scheint sich auf ihrem Lebensweg zunächst eher eine wissenschaftliche Karriere abzuzeichnen. Geboren am 12. Oktober 1891 als elftes Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Breslau wird früh ihre herausragende intellektuelle Begabung sichtbar. Ab 1911 studiert sie Germanistik, Geschichte und Philosophie in Breslau und Göttingen. 1916 wird sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Edmund Husserl, dem berühmten Phänomenologen. Sie leistet dabei Husserl nicht nur sehr wertvolle Dienste; schnell erfährt sie Anerkennung für ihre eigenen philosophischen Beiträge, unter anderem durch ihre Dissertation Zum Problem der Einfühlung. Diese Anerkennung stößt freilich an Grenzen: Mehrere Habilitationsversuche scheitern. Das universitäre Deutschland ist noch längst nicht so weit, einer (noch dazu jüdischen) Frau die höchsten akademischen Weihen zu verleihen.

Endliches und ewiges Sein

Für Edith Stein bedeutet dies eine große Kränkung, die umso schmerzlicher ist, als sie mit gutem Recht von der Qualität ihrer philosophischen Arbeit überzeugt sein darf. Zum einen entwickelt sie die Phänomenologie Husserl entscheidend weiter, insbesondere auf dem Gebiet des „Einfühlens“ in fremdes Bewusstsein und Erleben. Darüber hinaus, unter anderem durch den Einfluss Max Schelers, weitet sie den phänomenologischen Blick für jene Dimensionen und Fragen des Seins, die aller Spezialwissenschaft entzogen sind – ein Weg, der nun insbesondere durch ihre intensive Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin geprägt wird. Bedeutsamste Frucht dieser geistigen Entwicklung ist Steins philosophisches Hauptwerk: Endliches und ewiges Sein, das sie 1936 abschließt.

Diese Hinwendung der Philosophin zu den großen Autoren der christlichen Tradition (und generell zu christlichem Glauben und Theologie) ist nicht nur eine akademische. Sie ist nicht zu trennen von der persönlichen Hinwendung zu Gott und ihrer Bekehrung, ausgelöst durch ein wachsendes Empfinden der Leere und letztlichen Sinnlosigkeit all ihres Tuns. Nach eigenem Bekunden ist es ein Lektüreerlebnis, das 1921 den letzten Ausschlag gibt für die Entscheidung sich taufen zu lassen: In einer einzigen Nacht liest Edith Stein die Autobiographie der Mystikerin und Ordensreformerin Teresa von Ávila (1515-1582), und dies hat „meinem langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende gemacht“. Nur wenige Monate später wird sie durch ihre Taufe in Bad Bergzabern in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. Jahre später schreibt Edith Stein in einem Brief über ihr Konversionserlebnis: „Es ist eine unendliche Welt, die sich ganz neu auftut, wenn man einmal anfängt, statt nach außen nach innen zu leben. Alle Realitäten, mit denen man vorher zu tun hatte, werden transparent, und die eigentlich tragenden und bewegenden Kräfte werden spürbar.“

Erkenntnis und Glaube

Edith Steins Lebensweg ist von da an durch eine schrittweise Annäherung an die Institution der Kirche gekennzeichnet. Das betrifft auch ihre berufliche Entwicklung. Weil ihr eine universitäre Karriere verschlossen bleibt, arbeitet sie ab 1922 als Lehrerin am Mädchenlyzeum und am Lehrerinnenseminar der Dominikanerinnen in Speyer, eine Arbeit, die sie sehr erfüllt und die ihr zugleich die Basis verschafft, philosophisch weiter zu arbeiten. Sie übersetzt in dieser Zeit unter anderem die Untersuchungen über die Wahrheit des Thomas von Aquin. Dessen christliche Wahrheitslehre bringt sie in Erkenntnis und Glaube in origineller Art und Weise in einen fiktiven Dialog mit der Philosophie Edmund Husserls bezehungsweise einer modernen philosophischen Position. Alle bloß innerweltliche Vernunft, so der Grundtenor verschiedener Schriften Steins, bleibt bruchstückhaft und begrenzt: „Wenn der Glaube Wahrheiten erschließt, die auf anderem Wege nicht zu erreichen sind, so kann die Philosophie auf diese Glaubenswahrheiten nicht verzichten, ohne einmal ihren universellen Wahrheitsanspruch preiszugeben …“

Auf dieser Linie entwickelt sich Edith Steins Philosophie weiter, vor allem ihr Bemühen, die philosophischen Grundgedanken des Thomas von Aquin mit phänomenologischen Mitteln neu zu erschließen. Ihre Arbeiten kreisen insbesondere um die Frage nach dem Wesen des Menschen und dem Kern der (christlichen) „Person“. Daneben beschäftigt sie sich intensiv mit Fragen der Pädagogik wie auch mit Fragen der Anerkennung der Frau, ihrer Rechte und gesellschaftlichen Benachteiligung. Sie hält zahlreiche Vorträge, mit denen sie öffentlich einige Wirkung erzielt.

„Vom Kreuz Gesegnete“

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten macht der Konvertitin Stein eine Fortsetzung ihres bisherigen Lebens unmöglich. Zugleich ist dieses Ereignis letzter Anstoß, einen schon lange gehegten Wunsch nun umzusetzen: Im Oktober 1933 tritt Edith Stein als Postulantin in den Kölner Karmeliterorden Maria vom Frieden ein. Ein halbes Jahr später erhält sie mit ihrer Einkleidung den Ordensnamen Schwester Teresia Benedicta a Cruce: „die vom Kreuz Gesegnete“.

Schon im April 1933 wendet sich Edith Stein mit einem Brief an Papst Pius XI. und bittet darum, die Kirche möge gegen die einsetzende Verfolgung der Juden in Deutschland protestieren. Diese Hoffnung wird erst Jahre später und auch nur bedingt mit der Enzyklika Mit brennender Sorge erfüllt. 1938, wenige Wochen nach der sogenannten „Reichskristallnacht“, siedelt Edith Stein ins Karmeliterkloster im holländischen Echt um. Der deutschen Wehrmacht entkommt sie aber auch dort nicht. 1942 werden alle katholischen Juden der Niederlande verhaftet und deportiert. Zeitlebens stolz auf ihre jüdische Herkunft und ungebrochen in ihrem Glauben an Christus, sagt sie bei ihrer Festnahme zur ebenfalls verhafteten Schwester: „Komm, wir gehen für unser Volk.“

Christian Schwaabe
ist seit seiner Habilitation Lecturer für Politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Februar 2012

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