Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Günther Anders – existenzielle „Gelegenheitsphilosophie“ mit kritischem Anspruch

Günther Anders; © Lorenz ViereckeGünther Anders; © Lorenz ViereckeGünther Anders war vieles: Kultur- und Medientheoretiker, Zivilisationskritiker, Essayist und Geschichtenerzähler, Pessimist, Moralist, Pazifist und Aktivist. Vor allem war er ein engagiert streitender Schriftsteller, der für sein Werk zahlreiche Preise erhielt. Als Mitbegründer und führende Persönlichkeit der Anti-Atomkriegs- und Friedensbewegung sowie als Mitglied des Vietnam-Kriegsverbrechen-Tribunals erlangte Anders internationale Berühmtheit.

Geboren wurde Günther Anders als Günther Stern am 12. Juli 1902 in Breslau. Der vielseitig begabte Sohn eines bekannten jüdischen Akademikerpaares studierte Philosophie bei Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Edmund Husserl, bei dem er 1924 promovierte. Ein anschließender Habilitationsversuch bei dem in Frankfurt am Main lehrenden Theologen Paul Tillich scheiterte am Widerstand von Tillichs damaligen Assistenten Theodor W. Adorno. Zusammen mit Hannah Arendt, die er 1925 während einer Heidegger-Vorlesung in Marburg kennengelernt und vier Jahre später geheiratet hatte, zog Anders nach Berlin, wo er auf Empfehlung Bertolt Brechts eine Anstellung als fester Redakteur im Feuilleton des Börsen-Couriers erhielt. Hier nahm er auch sein Pseudonym an, das er nie wieder ablegen sollte. Die Ehe mit Arendt wurde 1937 geschieden. Zu diesem Zeitpunkt lebte Anders bereits in den USA, wohin er 1936, nach einem dreijährigen Zwischenaufenthalt in Paris, emigriert war. In den USA hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten, etwa als Hauslehrer und Fabrikarbeiter, über Wasser; daneben schrieb er Tagebücher und verfasste Beiträge für Exilzeitschriften.

1950 nach Europa zurückgekehrt, ließ sich Anders in Wien nieder; ein Jahr später nahm er die österreichische Staatbürgerschaft an. In Wien entstand seine bekannteste Arbeit, die zweibändige Essay-Sammlung Die Antiquiertheit des Menschen (1956/1980). Für sein schriftstellerisches Werk, das neben kultur- und zeitkritischen Texten auch Lyrik und Romane umfasst, erhielt Anders zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (1979) und – ausgerechnet – den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt (1983). Am 17. Dezember 1992 starb Günters Anders, neunzigjährig, in Wien.

„Gelegenheitsphilosophie“

Cover des Buches „Die Antiquiertheit des Menschen“; © C. H. BeckDrei große Zäsuren zeichnen sich in Anders’ Leben ab, alle sind sie verbunden mit gewissen Grundentscheidungen: Das Erlebnis des Ersten Weltkrieges und frühe Antisemitismus-Erfahrungen ließen Anders bereits in jungen Jahren zum Pazifisten und Moralisten werden. Die Machtergreifung der Nazis, verbunden mit den Erkenntnissen über das Grauen der Konzentrationslager, machte aus ihm einen politischen Intellektuellen und engagierten Schriftsteller – beides ist er bis zu seinem Tod geblieben. Den dritten großen Wendepunkt markiert der Abwurf der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945. Der Bewältigung dieses traumatischen Ereignisses galt fortan Anders’ theoretisches und praktisch-politisches Engagement.

Auch seine akademischen Erfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen: Von Haus aus Philosoph, konnte Anders mit der akademischen Philosophie nicht viel anfangen. Lehrstuhlangebote schlug er aus. Sein eigenes Denken nannte er selbst „Gelegenheitsphilosophie“ – weil es sich an Gelegenheiten, Anlässen also, orientierte und weil es Gelegenheiten beziehungsweise Chancen zum praktischen Eingreifen eröffnen wollte. Im Anschluss an den Kultursoziologen Georg Simmel ging Anders davon aus, dass sich aus einzelnen Phänomenen, sofern sie nur sorgfältig genug beobachtet und mutig genug gedeutet werden, weitreichende Rückschlüsse auf Politik, Gesellschaft und Geschichte ziehen lassen. Im Übrigen war er der Ansicht, dass nicht brave Universitätsempirie, sondern nur polemische Zuspitzung die Wahrheit ans Licht bringt.

Das „prometheische Gefälle“

© Colourbox.comBekannt wurde Anders vor allem durch seine Technikkritik. Ihre Kernbotschaft lautet: Der Mensch ist nicht Herr seiner eigenen technischen Erfindungen. Aus einem Mittel zu vom Menschen bestimmten Zwecken ist die Technik zum Selbstzweck und eigentlichen Subjekt der Geschichte geworden. Sie kann vom Menschen nicht mehr beherrscht werden, sondern beherrscht im Gegenteil den Menschen – auch, weil dieser aufgrund der Komplexität des technischen Universums die Konsequenzen seines eigenen Handelns nicht mehr überschauen und schon gar nicht vorhersehen kann.

Anders nannte diese Kluft zwischen objektiver Her- und subjektiver Vorstellung das „prometheische Gefälle“, sein eigenes, diesen Riss thematisierendes Denken folgerichtig „Diskrepanzphilosophie“: Der Mensch kann mehr herstellen und bewirken, als er sich vorzustellen und zu verantworten vermag; vor allem kann er sich die vielen Leichen nicht vorstellen, die das exponentielle Anwachsen der Destruktivkräfte fordert. Sein Vorstellungsvermögen ist mit seinen technischen Fähigkeiten nicht mitgewachsen, diesen Fähigkeiten daher in keiner Weise gewachsen, weder intellektuell noch emotional oder ethisch – dies vor allem ist mit der Rede von der „Antiquiertheit des Menschen“ gemeint.

„Endzeit“ und „Apokalypse-Blindheit“

Anlass und Auslöser für Anders’ Technikkritik war der Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Anders ist darüber nicht nur zum einflussreichsten Theoretiker, sondern, gemeinsam mit Robert Jungk, auch zu einem der Initiatoren und wichtigsten Protagonisten der internationalen Bewegung gegen Kernwaffen geworden. Er nahm an internationalen Konferenzen teil und veröffentlichte zahllose Bücher zum Thema, unter anderem Anfang der 1960er-Jahre einen aufsehenerregenden Briefwechsel mit einem der am Bombenabwurf beteiligten US-amerikanischen Bomberpiloten.

Die Atombombe war für Anders freilich mehr als nur eine x-beliebige Massenvernichtungswaffe, sie war ein Symbol, der Beginn einer neuen Zeitrechnung: Von nun an, so Anders, stünde alles Dasein unter dem Zeichen der atomaren Selbstauslöschung. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte müsse der Untergang der Menschheit als reale Möglichkeit ins Auge gefasst werden. Damit sei eine „Endzeit“ angebrochen, sprich; eine Epoche, die mit der Möglichkeit des „Zeitendes“ beziehungsweise einer „Welt ohne Menschen“ rechne – ein Umstand, der letztlich auch der Philosophie nicht gleichgültig sein könne.

Die größte Gefahr für die Zukunft des Planeten sah Anders nicht in der Atombombe selbst, sondern in der „Apokalypse-Blindheit“ der Menschen, in ihrer Unfähigkeit also, sich die schlimmen Folgen ihres Tuns vorzustellen. Nur weil ihnen die Phantasie fehlt, glauben die Menschen, dass sie tun dürfen, was sie tun können, vertrauen sie auf einen technischen Fortschritt, der sie nicht nur an ihre Apparate ausliefert, sondern zu allem Überfluss auch noch zu verschlingen droht. Dagegen, so Anders, helfe nur eine Erweiterung der Phantasie beziehungsweise des Vorstellungsvermögens, mit anderen Worten der Mut zur Angst und der Mut, Angst zu machen. Genau diesen Mut hat sich Anders bis zu seinem Lebensende bewahrt!

Bernd Mayerhofer,
Dr. phil., lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München.

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Mai 2012

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