Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Wissenschaftler im „Garten des Menschlichen“ – Carl Friedrich von Weizsäcker

Carl Friedrich von Weizsäcker; © Lorenz ViereckeCarl Friedrich von Weizsäcker; © Lorenz ViereckeAls junger Physiker an der Entwicklung einer Atombombe beteiligt, später Gründer eines Friedensforschungs-Instituts. Erst Physiker, dann Philosoph, schließlich politischer Intellektueller: Carl Friedrich von Weizsäcker hat einen weiten Weg durch das 20. Jahrhundert zurückgelegt. Im Juni 2012 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Er hat eine theoretische Deutung der Quantenphysik vorgelegt und eine Theorie zur Entstehung von Planeten aus Gaswolken. Er hat Philosophie gelehrt und fühlte sich nach eigenen Worten bei Platon „zu Hause“. Er besuchte die Yogaschule Sir Aurobindo in Pondicherry, bewunderte den Buddhismus und meditierte regelmäßig. Seine Bücher handeln von der Einheit der Natur oder vom Aufbau der Physik, aber auch von Friedenspolitik, ein anderer Titel lautet Der Mensch in seiner Geschichte.

Carl Friedrich von Weizsäcker, am 28. Juni 1912 in Kiel geboren und am 28. April 2007 am Starnberger See gestorben, wirkt ein wenig wie ein postmodernes Universalgenie. Er selbst begründete sein breit gestreutes Werk allerdings bescheidener damit, für einen erfolgreichen reinen Physiker sei er „mathematisch zu dumm“.

Eine deutsche Elitefamilie

Cover von „Zum Weltbild der Physik“; © Hirzel VerlagCarl Friedrich von Weizsäcker kokettierte in einem Fernsehinterview einmal mit der Vergangenheit seiner Familie als Müller. Der Name leite sich ja von Leuten ab, die Weizensäcke schleppten. Das allerdings liegt viele Generationen zurück. Die Weizsäckers waren schon im 19. Jahrhundert eine deutsche Elitefamilie, geprägt durch Wissenschaft und Politik. Ein Urgroßvater war Theologieprofessor in Tübingen. Großvater Carl wurde als königlich-württembergischer Ministerpräsident in den erblichen Adelsstand erhoben.

Der Vater Ernst Heinrich stand seit 1925 im diplomatischen Dienst: Sein Weg vom Völkerbundreferenten der Weimarer Republik zum Staatssekretär unter Hitler und in den letzten Kriegsjahren zum Botschafter beim Vatikan ist bis heute umstritten. Zuletzt kam durch den Historikerbericht zur Rolle des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus seine aktive Rolle bei der Ausbürgerung Thomas Manns an die Öffentlichkeit. Sein Sohn hat den Vater, der nach dem Krieg verurteilt wurde und ein Jahr in Haft saß, stets als einen Anti-Nazi im Apparat verteidigt, dessen Hoffnung es gewesen sei, „Schlimmeres zu verhüten“.

Carl Friedrich von Weizsäcker; © Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Kurt Hilberath, Wikipidia.de, Lizenz: CC-BY-SA

Carl Friedrichs Onkel war Neurologe und gilt als Mitbegründer der Psychosomatik. Sein Bruder Richard wurde CDU-Politiker und schließlich Bundespräsident. Auch sein Sohn setzte die Familientradition fort: Der Physiker und Biologe war bis 2000 Präsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie.

Ein Diplomatenkind wird Forscher

Cover von „Zeit und Wissen“; © Hanser VerlagCarl Friedrich von Weizsäckers Lebensweg erhielt seinen entscheidenden Anstoß schon 1927, als der 14-Jährige als Diplomatenkind in Kopenhagen Werner Heisenberg kennenlernte, einen Mitbegründer der Quantentheorie. Der riet dem zehn Jahre jüngeren zum Physikstudium und machte ihn wenige Jahre später zu seinem Schüler. So gelangte Weizsäcker in die Welt der physikalischen Avantgarde um Niels Bohr und Otto Hahn, an dessen Berliner Institut er ab 1937 arbeitete – zunächst unter der Chefin Lise Meitner, die als österreichische Jüdin 1938 ins Exil gehen musste.

Weizsäcker wandte sich der Kernphysik zu, die er zunächst für reine Grundlagenforschung hielt: „Technik interessierte mich nicht sehr.“ Anfang 1939, wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, stieß Otto Hahn auf die Kernspaltung. Ein kleiner Kreis von Experten erkannte sofort, was das praktisch bedeutete.

Vom Bombenpatent zum Bombenprotest

Cover von „Bewusstseinswandel“; © Hanser VerlagWeizsäckers Rolle bei der Entwicklung einer deutschen Atombombe blieb bis heute unklar. Einerseits sprach Weizäcker in der Nachkriegszeit davon, Heisenberg und er hätten das Projekt absichtlich nicht energisch vorangetrieben, andererseits gestand er ein, es sei „göttliche Gnade“ gewesen, dass der Bau nicht gelang. Heisenbergs und Weizsäckers Darstellung, man habe während des Krieges Niels Bohr in Kopenhagen und damit das Ausland vor dem Atombombenprojekt warnen wollen, wurde durch später veröffentlichte Aufzeichnungen Bohrs in Frage gestellt. Und erst 2010 veröffentlichte Briefe Heisenbergs zeigen, dass selbst er dem Eifer seines Schülers nicht traute – hatte der doch im Alleingang im Sommer 1942 ein Patent für das „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen zum Beispiel in einer Bombe“ angemeldet. Als ihn 1945 amerikanische und britische Militärs festnahmen, arbeitete Weizsäcker noch für den sogenannten Uranverein an einem Versuchsreaktor in Haigerloch. Mit Heisenberg und anderen Physikern wurde er bis 1946 in England interniert.

Weizsäcker hat seine Haltung im Nationalsozialismus später – in seinen Erinnerungen Der Garten des Menschlichen – als „widerstrebenden Konformismus“ bezeichnet und eingestanden, er sei mit einem „unverdient sauberen Fragebogen“ aus der Entnazifizierung herausgekommen. Er reagierte auf diese Verstrickung mit deutlichem Nonkonformismus in der Nachkriegsära: Als Bundeskanzler Konrad Adenauer mit der Bewaffnung der Bundeswehr mit sogenannten „taktischen Nuklearwaffen“ liebäugelte, organisierte Weizsäcker 1957 die „Göttinger Erklärung“ von achtzehn Atomwissenschaftlern, die gegen die atomare Bewaffnung protestierten und sich jeglicher militärischer Kernforschung verweigerten.

1970 gründete Weizsäcker in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, in dem er vor allem die Friedensforschung, sein Mitdirektor Jürgen Habermas die Soziologie und Klaus Michael Meyer-Abich die ökologische Thematik bearbeitete. Das Institut bestand in dieser Form nur bis zu Weizsäckers Emeritierung 1980.

Der glückliche Philosoph

Cover von „Der bedrohte Friede“; © Hanser VerlagBis zu seinem 45. Lebensjahr blieb Weizsäcker Physikprofessor in Göttingen, dann aber, 1957, wechselte er für zwölf Jahre auf einen Philosophie-Lehrstuhl in Hamburg. „Es waren die schönsten Jahre meines Lebens“, sagte Weizsäcker im Rückblick. Der Philosoph Weizsäcker befasste sich bevorzugt mit antiker griechischer Philosophie und konnte Platon scheinbar mühelos in die Welt der Quantenmechanik übersetzen: „Was wir Materie nennen, das sind die ins Dreidimensionale entlassenen Ideen.“ Platonismus und moderne Physik haben für Weizsäcker die Überschreitung eines vordergründigen Substanzdenkens gemeinsam: Bewusstsein und Materie, Subjekt und Objekt sind keine Gegensätze, sondern Erscheinungsformen der einen Wirklichkeit.

Andererseits suchte Weizsäcker in der Philosophie nicht nur die Bestätigung und Reflexion von Wissenschaft, sondern auch deren Überschreitung. Die Naturwissenschaft sei falsch, wenn sie sich absolut setze, meinte er. Die Menschheitskrise, die der Friedensforscher Weizsäcker im Kalten Krieg untersuchte, fand der Philosoph Weizsäcker im abendländischen Denken begründet, dessen Programm die Beherrschung der Menschen und der Natur sei. „Der Umgang des Menschen mit der Macht ist immer eines der größten Probleme“, sagte Weizsäcker, der wusste, wovon er hier sprach.

Gregor Taxacher
ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.

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Juni 2012

Porträtfoto Carl Friderich von Weizsäcker:
Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Kurt Hilberath, Wikipidia.de, Lizenz: CC-BY-SA

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