Gesellschaft ohne Zentrum – Niklas Luhmanns soziologische Aufklärung
Niklas Luhmann (1927–1998) gilt zweifellos zu Recht als einer der bedeutendsten Soziologen – nicht nur in Deutschland. Mit seiner über Jahrzehnte entwickelten Systemtheorie hat er eine der wenigen umfassenden gesellschaftstheoretischen Analysen der modernen Gesellschaft vorgelegt. Sein Ansatz ist gleichwohl bis heute heftig umstritten – und das hat nicht zuletzt mit seiner Betrachtung des Politischen zu tun, die mit tradierten Deutungen und verbreiteten normativen Erwartungen radikal bricht. Luhmanns Werk ist in der Summe eine kritische Ernüchterung über die Grenzen des Politischen.Soziale Systeme bestehen aus und reproduzieren sich über Kommunikation. Das gilt für Interaktionen, für Organisationen und für das Gesellschaftssystem als das „umfassende Sozialsystem“. Kommunikation setzt natürlich mitwirkende Bewusstseinssysteme (Menschen) voraus, löst sich von diesen aber in ihrer Operationsweise ab. Wer die Selbstkonstitution und Reproduktion sozialer Systeme verstehen will, muss deren Funktionslogik entschlüsseln, nicht die Motive oder Handlungen einzelner Akteure.
Moderne Gesellschaft: funktionale Differenzierung ohne Zentrum
Die moderne Gesellschaft ist in weitgehend voneinander unabhängige Teilsysteme ausdifferenziert. Funktionale Differenzierung in Subsysteme mit je eigener Rationalität gilt als das universale Strukturprinzip moderner Gesellschaften. Diese Teilsysteme – zum Beispiel Wirtschaft, Politik, Recht, Religion – grenzen sich in ihren Kommunikationen von der sozialen Umwelt ab, sie entstehen und reproduzieren sich durch operative Geschlossenheit (Autopoiesis). Jedes gesellschaftliche Subsystem verfügt über einen eigenen Code, ein eigenes Medium, eine eigene Sprache. So funktioniert zum Beispiel die Wirtschaft nach ihren ökonomischen Prinzipien: Kommuniziert wird hier über das Medium Geld, orientiert an der Unterscheidung von Zahlen und Nichtzahlen. Diese Funktionslogik ist eine ganz andere als etwa die des Wissenschaftssystems, das sich an der Unterscheidung von wahr und falsch orientiert. Das ökonomische System, wie jedes andere, folgt seiner Codierung und reproduziert sich immer fort. „Jenseits aller Ziele, aller Gewinne, aller Befriedigung geht es immer weiter.“ Eine politische oder moralische Umprogrammierung oder die Ausrichtung an übergeordneten Kriterien ist nicht möglich: das Ökonomische unter nicht-ökonomische Kriterien zu zwingen, wäre bestenfalls kontraproduktiv.
Das bedeutet zweierlei: Zum einen gibt es kein über den Teilsystemen angesiedeltes und diese steuerndes Metasystem oder Zentrum der Gesellschaft mehr. Als ein solches hat man lange Zeit Politik verstanden. Zum anderen gibt es, wie oben angedeutet, keine handelnden Akteure, die in der Lage wären, die etablierten Formen systemischer Kommunikation zu durchbrechen. Mit beidem widerspricht Luhmann verbreiteten Vorstellungen, die zum Beispiel eine Verpflichtung der Gesellschaft auf bestimmte Werte oder einen entsprechenden umfassenden Konsens fordern. Vielmehr funktionieren die Subsysteme ohne einen sie legitimierenden Konsens der Bürger, ohne die Idee einer gemeinschaftlichen Sittlichkeit oder ein demokratisches Ethos einander zugehörig fühlender Bürger. System- und Lebenswelten sind voneinander getrennt. In der heutigen „Weltgesellschaft“ ist die „Kluft zwischen Interaktion und Gesellschaft [...] unüberbrückbar breit und tief geworden [...]. Die Gesellschaft ist, obwohl weitgehend aus Interaktionen bestehend, für Interaktion unzugänglich geworden. [...] Es gibt infolgedessen keine ‚gute Gesellschaft‘ mehr.“
Abkehr vom „alteuropäischen“ Humanismus
Luhmann verabschiedet eine lange europäische Tradition des Nachdenkens über das Verhältnis von Mensch und sozialer Ordnung. Dort hatte man dieses Verhältnis nicht selten als ein symbiotisches gesehen: Die politische Gemeinschaft galt als Ort der substanziellen Einbindung des Menschen und der Verwirklichung seiner Natur als politisches Wesen. Für Luhmann lassen sich funktional differenzierte Gesellschaften nicht mehr als solche Gemeinschaften denken: „Der Differenzpunkt ist: dass für die humanistische Tradition der Mensch innerhalb und nicht außerhalb der sozialen Ordnung stand.“ Nun aber ist der Mensch Teil der gesellschaftlichen Umwelt. Er ist „nicht mehr Maß der Gesellschaft“.
Die alte Einheit von gutem Leben und politischer Ordnung zerbricht. System- und Sozialintegration treten auseinander: „An die Stelle eines Mechanismus treten zwei; und das bedeutet, dass auch die Sozialintegration, die jetzt von Aufgaben der Fernsteuerung entlastet ist, ein eigenes Kolorit annehmen kann. Sie gewinnt mit den modernen Erwartungen an Freundschaft, Liebe, Intimität und Sympathie eine andere, intensivere Färbung; aber gerade deshalb wäre es unsinnig, von hier aus Erwartungen an die Gesamtgesellschaft zu adressieren [...], so als ob durch Sozialintegration Systemintegration nach wie vor mitgeleistet werden könnte.“
Soziologische Aufklärung muss vor diesem Hintergrund nicht zuletzt im Abbau von Illusionen bezüglich einiger normativer Selbstbeschreibungen der Moderne bestehen. Insbesondere sind „die Assoziation des Begriffs der Moderne mit der Vorstellungswelt der Vernunftaufklärung“ und „die Bedeutung, die sie dem sich selbst bestimmenden Individuum“ beimaß, zu verabschieden. Vor allem hier liegt einer der zentralen Streitpunkte mit Jürgen Habermas.
Die Politik der Gesellschaft
Mit Blick auf diese Strukturprinzipien moderner Gesellschaft sind bereits eine ganze Reihe traditioneller Annahmen über Politik, ihre Bedeutung und ihre Möglichkeiten korrigiert. Was nun ist und leistet Politik als gesellschaftliches Teilsystem neben anderen? Politik hält die „Kapazität zu kollektiv bindendem Entscheiden“ vor. Ihr Medium ist Macht. Kontakt zu anderen Teilsystemen entsteht über „strukturelle Kopplung“ – so sind das politische System und das Rechtssystem über die Institution der Verfassung miteinander gekoppelt. Politik ist jedoch nicht in der Lage, die anderen Teilsysteme in ihrer Autopoiesis zu steuern. Das macht vor allem eine Korrektur des traditionellen und noch immer weit verbreiteten Staatsverständnisses nötig: Der Staat steht nicht über der Gesellschaft, ist nicht ihr Zentrum oder ihre Steuerungszentrale. Der Staat ist lediglich eine organisatorische Form des Politischen, Teil des politischen Systems.
Politik und Staat haben weit bescheidenere Gestaltungsmöglichkeiten, als es das Publikum gerade in demokratischen Systemen unterstellt. Und das führt regelmäßig zu Enttäuschungen wie auch zu Überforderungen des politischen Systems. Was viele Bürger in die Politikverdrossenheit treibt, kommentiert Luhmann lakonisch im Stile eines nüchternen Realisten: „Die Reflexion dieser Rahmenbedingungen könnte dazu führen, die Fähigkeit zum prinzipienlosen Lavieren, zum Verhüten des jeweils Schlimmsten, zu einem eher reaktiven als kognitiv-rationalen Taktieren positiv einzuschätzen. Sie ist auf jeden Fall ‚zeitgemäß‘.“
Dr. phil. habil., ist Lecturer für Politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
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August 2012
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