Vergangenheit ohne Tabus - Die Stiftung Aufarbeitung
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Rainer Eppelmann |
"Das hat's bei uns nicht gegeben!" So eine Standardantwort, die achtzig Schüler aus acht Städten Ostdeutschlands bei ihren Recherchen über den Antisemitismus in der 1990 untergegangenen kommunistischen DDR erhielten – krass beschönigende Auskünfte von Eltern und Großeltern, Nachbarn und Lehrern. Dass der Judenhass in der "antifaschistischen" DDR keineswegs überwunden war, zeigen die Schüler jetzt in einer Wanderausstellung, die in Berlin eröffnet wurde. Die Dokumentation umfasst schlimme Beispiele Israel feindlicher Fernsehpropaganda oder auch Nachweise für die Schändung jüdischer Friedhöfe.
Die Ausstellung wird von der Stiftung Aufarbeitung gefördert, eines vom deutschen Parlament errichteten Forschungs- und Bildungsträgers, der die DDR-Diktatur aus der Perspektive der Opfer aufzuarbeiten versucht. Anne Kaminsky, die Geschäftsführerin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sieht in dem latenten Antisemitismus der DDR die "historische Ursache" für einen rechtsradikalen Nährboden in den neuen Bundesländern seit der deutschen Vereinigung 1990. Dass die böse Vergangenheit nicht einfach mit der Zeit von selbst vergeht, sondern in der Nachwelt durchgeackert werden muss, das ist ein Grundmotiv der Stiftung.
Bunte Vielfalt von Projekten
"Insgesamt fördern wir Jahr für Jahr rund 150 Projekte zur Geschichte der DDR und des Kommunismus in Europa", erklärt Kaminsky. Dafür stehen 2007 knapp drei Millionen Euro zur Verfügung. Zur Vielfalt der Fördervorhaben zählen Dokumentarfilme wie Der Mythos des Antifaschismus in der früheren DDR und Ausstellungen wie 50 Jahre Sputnik, zur Geschichte der sowjetische Raumfahrt. Eine DVD behandelt Wirtschaft und Alltag in der DDR. Ein Radwanderbuch führt längs des ehemaligen "Eisernen Vorhangs" von der Barentssee nahe dem Nordpol bis zum Schwarzen Meer im Süden Europas. Autoren oder gemeinnützige Veranstalter können sich bei der Stiftung Förderhilfen beantragen.
Prominente Zeitzeugen als Treuhänder
Die Stiftung besteht seit 1998. An ihrer Spitze steht ein auf fünf Jahre gewählter Rat, dessen ehrenamtliche Mitglieder vom Deutschen Bundestag, also dem Parlament, der Bundesregierung und dem Bundesland Berlin bestimmt werden. Dazu zählen charakteristischerweise Politiker, die 1989 in der "friedlichen Revolution" in der DDR hervorgetreten sind wie Markus Meckel, Vera Lengsfeld oder Marianne Birthler, die heutige "Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR". Zum ebenso ehrenamtlichen Vorstand, der die laufenden Vorhaben organisiert und begleitet, gehören beispielsweise Rainer Eppelmann und Gerd Poppe, gleichfalls Initiatoren des DDR-Widerstands. Fachbeiräte für die archivarische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufarbeitung unterstützen die Stiftung. Der Aufbau eines Archivs und einer Bibliothek über die politische Verfolgung und Repression, Opposition und Widerstand in der DDR gehören ausdrücklich zum gesetzlichen Auftrag.International vernetzt
Die staatliche Stiftung Aufarbeitung hat in Mittel- und Osteuropa keine Schwesterinstitutionen von derselben Art, trotzdem aber in vielen Ländern Kooperationspartner mit gleichem Erkenntnisinteresse. So entstanden etwa zusammen mit ungarischen, tschechischen, rumänischen und polnische Fachleuten unter dem Titel Vademecum (auch elektronisch zugängliche) Führer zu den einschlägigen Archiven und Bibliotheken, Forschungsstätten und Museen im jeweiligen Land. Mit Hilfe der Stiftung veröffentlicht die polnische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny in diesem Jahr zehn Sonderbeilagen über die Aufarbeitung kommunistischer Vergangenheit in zehn Ländern Mittel- und Osteuropas. Auch das laufende Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung ist international ausgerichtet und ein Forum für in- wie ausländische Autoren. In einem weiträumig angelegten Projekt "Erinnerungsorte an die kommunistischen Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts" schafft die Stiftung eine Online-Datenbank über Gedenkstätten, einzelne Denkmäler oder ganze Museen im ehemaligen "Ostblock". Ein erstes Beispiel wurde zum fünfzigsten Jahrestag den "Gedenkorten zur Erinnerung an die ungarische Revolution 1956 in Budapest" gewidmet.
Auch das Goethe-Institut zählt zu den Partnern der Stiftung. So veranstaltete sie zusammen mit dem GI Istanbul und der örtlichen Bilgi Universität Ende März 2007 ein Symposium mit dem Titel "Einheit und Vereinigung. Wie aus zwei Deutschlands ein Staat wurde."
Der Autor ist Historiker an der Technischen Universität Aachen.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
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Mai 2007













