Vom Alltag in der Diktatur: Die DDR im Geschichtsunterricht

Im deutschen Geschichts-unterricht ist die Bedeutung der DDR-Vergangenheit in den letzten Jahren stark gewachsen. Dabei hat sich der Schwerpunkt auf die Geschichte des Alltags verlagert. Diese Perspektive integriert die Erfahrungen der meisten ehemaligen DDR-Bürger besser als eine reine Politikgeschichte. Zudem kann sie Mythenbildungen über die "gute alte Zeit" entgegenwirken.
Nie war die ehemalige DDR lebendiger. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich die Fülle an Filmen, Fernsehsendungen und Erinnerungsbüchern ansieht, die sich mit dem sozialistischen deutschen Teilstaat beschäftigen. Auch in den Schulen bekommt das Thema DDR immer mehr Gewicht. Das Interesse wecken oft Filme wie Good bye, Lenin! oder der Oscar-Sieger Das Leben der Anderen, der einen tragischen Fall aus der Praxis des DDR-Geheimdienstes Stasi erzählt. "Seit Das Leben der Anderen in die Kinos gekommen ist, sind unsere Besucherzahlen merkbar gestiegen", erklärt Karten Harfst, Mitarbeiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, die im ehemaligen Berliner Untersuchungsgefängnis der Stasi eingerichtet wurde. "Wenn man nachfragt, sagen viele Schulklassen, dass der Film sie motiviert hat, zu uns zu kommen. Sie wollen die Realität sehen, die im Kino ansatzweise dargestellt ist". Aber die Filme sind nicht der alleinige Auslöser, der die Welle an DDR-Erinnerungen losgetreten hat. Sie sind vielmehr Teil eines breiten Interesses an der DDR, das die deutsche Gesellschaft, und damit auch Wissenschaft und Schule ergriffen hat.
Erzählungen der Eltern wichen von dem ab, was die Schüler im Geschichtsunterricht erfuhren
In den Jahren unmittelbar nach der Wende dominierten im Geschichtsunterricht die Ost-West-Bilder aus der Zeit des Kalten Krieges. Die ostdeutschen Schulen übernahmen Schulbücher und damit Geschichtsbilder aus den alten Bundesländern. In diesen Büchern stand auf der einen Seite die demokratische und ökonomisch erfolgreiche Bundesrepublik. Die DDR wurde auf der anderen Seite als repressive Diktatur und als Geschichte eines ökonomischen Misserfolgs geschildert.Die alltäglichen Erfahrungen der DDR-Bürger fanden keinen Platz im Geschichtsunterricht, obwohl sie für viele Bürger den wichtigsten Teil ihrer DDR-Vergangenheit ausmachten. Die Erzählungen der Eltern wichen somit stark von dem ab, was die Schüler im Geschichsunterricht über die DDR lernten, erläutert Saskia Handro, Professorin für Geschichtsdidaktik an der Universität Münster: "Dadurch wurde das Geschichtsbild, das die Schule vermittelte, in Frage gestellt."
Auch die Lehrer aus der ehemaligen DDR seien mit den Büchern aus dem Westen unzufrieden gewesen, erinnert sich Brigitte Bayer, die seit 30 Jahren ununterbrochen an der Humboldt Universität im Ostteil von Berlin Geschichtsdidaktik lehrt und am Lehrbuch Geschichte plus mitarbeitete. Dieses Werk war neben Expedition Geschichte das erste Geschichtsbuch, das nach der Wende von Didaktikern mit DDR-Biographie geschrieben wurde. Das Buch, das am Ende der neunziger Jahre erschien, gab DDR-Themen deutlich mehr Raum als die westdeutsch geprägten Bücher. Neben der politischen Geschichte behandelte es ausführlich das alltägliche Leben in der ehemaligen DDR.
Das Thema DDR-Alltag ist heute in Ost und West präsent
Heute enthalten fast alle Schulbücher Kapitel über den DDR-Alltag, so dass auch die Schüler in Bayern und Hamburg etwas von der Jugendkultur oder vom Hochleistungssport in der ehemaligen DDR erfahren. Die Lehrpläne der Bundesländer haben sich inzwischen angepasst und die Alltagsgeschichte der DDR integriert. Sie sind der Entwicklung aber mehr gefolgt, als dass sie ihr vorangegangen wären.
Große Unterschiede gibt es noch bei den Lehrern. Die meisten Pädagogen im Osten Deutschlands haben die DDR persönlich miterlebt und können eigene Erfahrungen in den Geschichtsunterricht einbringen. Allerdings fürchten sich viele vor kritischen Rückfragen der Schüler und behandeln die DDR daher zurückhaltend.
"Bei den Schülern gibt es fast keine Unterschiede mehr zwischen Ost und West", meint Bernhard Wagner, der als Führungsreferent im DDR-Museum Berlin mit ost- und westdeutschen Schulklassen arbeitet. Allerdings sei das Interesse an der DDR-Vergangenheit in den neuen Ländern größer, da dort fast alle Schüler in ihren Familien Geschichten von "früher" hören: "Selbst die Schüler aus dem Ostteil Deutschlands, die nach 1989 geboren wurden, identifizieren sich noch mit der ehemaligen DDR."
Berliner Schüler meinen, den Menschen im Osten ging es vor der Wende besser
Es ist hingegen erstaunlich, wie positiv das DDR-Bild der heutigen Schüler ist, und zwar in Ost und West. Nach einer Untersuchung des Forschungsverbundes SED-Staat glauben Berliner Schüler mehrheitlich, dass es den Menschen in Ostdeutschland vor der Wende besser ging. Sie verbinden mit der DDR vor allem die Arbeitsplatzgarantie und glauben, dass das Gesundheits- und Schulsystem im Vergleich zur Gegenwart überlegen waren.Sollte der Geschichtsunterricht angesichts dieser Ergebnisse nicht stärker die repressiven Elemente des DDR-Regimes unterstreichen, die Todesopfer an der Mauer und die Methoden des Geheimdienstes Stasi? Auch wenn das konsequent klingt, spricht vieles dafür, dem Trend zur Alltagsgeschichte weiterhin zu folgen. Denn wahrscheinlich ist gerade deren Vernachlässigung für die Mythen über das Leben in der DDR verantwortlich. Denn nur ein Geschichtsunterricht, der neben der Politikgeschichte die alltäglichen Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger thematisiert, kann Erzählungen von der "guten alten Zeit" relativieren.
Der Autor promoviert an der Humboldt-Universität Berlin über Erzählstrukturen in Geschichtsbüchern und arbeitet als Lehrbeauftragter im Bereich Fachdidaktik Geschichte
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Mai 2007











