Die DDR im Großen und im Kleinen
David Ensikats Buch erinnert an die DDR – ganz ohne Nostalgie

Was war die DDR? Warum gab es sie, wie lebte man dort? David Ensikat berichtet in einem gut geschriebenen Buch von Geschichte und Alltag des verschwundenen Staates.
Vierzig Jahre lang existierten zwei deutsche Staaten feindlich friedlich nebeneinander her. Systemvergleiche waren an der Tagesordnung. Der sozialistische Staat trat als Konkurrent des kapitalistischen Westens auf. Außerdem stand man sich in verschiedenen Militärbündnissen hochgerüstet gegenüber. Die Grenze verlief über mehr als 1.000 Kilometer schwer bewacht und war nur unter Lebensgefahr zu überwinden. Niemand hat vorausgesehen, dass innerhalb weniger Jahre dieser Staat bis zur Unerinnerbarkeit vergessen werden würde.
Da kommt ein Buch, wie das von David Ensikat Kleines Land, große Mauer gerade zur rechten Zeit. Ensikat berichtet sowohl von den großen geschichtlichen Bögen, die zur Existenz der DDR führten, aber er beschreibt auch den Alltag des Lebens der Menschen in diesem nahen und doch so fernen Land. Kleines Land, große Mauer ist ein Erinnerungsbuch, das den geschichtlichen Fakten genauso Rechnung trägt, wie dem privaten Erleben. Entlang einer lockeren Folge von kurzen, sehr einfach und klar argumentierenden Kapiteln rekonstruiert er ein Land und ein Gesellschaftssystem, das sich aufgelöst hat.
Es ist die Stärke des Buches, dass es außergewöhnlich gut und lebendig von seinem Gegenstand erzählt. Es wirkt gerade so, als wäre es für die nächste Generation Erstwähler geschrieben, die 2009 bei der Bundestagswahl zur Urne gehen werden, ohne die DDR selbst erlebt zu haben.
Eine Welt voller Lügen
David Ensikat ist noch in der DDR aufgewachsen. Zum Zeitpunkt der "Wende" war er gerade zwanzig Jahre und träumte von einem Job beim Staatsfernsehen, wenn das nicht so viele Verbiegungen vor einer Welt voller offizieller Lügen verlangt hätte, von denen jeder wusste, dass es Lügen waren und keiner es zugab. Das ganze Land sah Westfernsehen und war gut über den Zustand der Massenflucht via Ungarn und Prag informiert, während im Ostfernsehen diese Bewegungen gar nicht vorkamen. Sehr gut wird das Dilemma der DDR-Bürger beschrieben, einigermaßen gut leben zu können, wenn man sich arrangierte. In eine Welt von Schikanen geriet man erst, wenn man es wagte, die Mängel des Systems anzusprechen.Ensikat formuliert knappe Thesen und füllt deren Abstraktheit dann mit Beispielen aus dem Alltag. Gekonnt nimmt er die Ost-Presse und deren Parteitagsberichterstattung ins Visier, wenn er die verschiedenen Beifallsarten, mit denen die Reden der Parteimitglieder unterbrochen werden aufzählt. Da wird zwischen "starken", "anhaltend starkem" und "lange anhaltend stürmischem Beifall" unterschieden und zwar für Sätze, die gedruckt schon unlesbar sind vor bürokratischer Langeweile.
Gesamtbild aus Fragmenten zusammengesetzt
Aus vielen Erinnerungsfragmenten setzt der Autor sein Bild zusammen: "Das Land, in dem ich groß geworden bin, trug den irre führenden Namen Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR. Deutsch war sie, diese DDR, das ganz bestimmt. Eine demokratische Republik war sie auf gar keinen Fall. Aber so schlimm fand ich das damals gar nicht." Das Ertragen eines undemokratischen Systems war leichter als das Ertragen seiner Alltagsmängel und Versorgungslücken. Die DDR war eben auch ein Staat in dem es vieles nicht gab. Das galt für Waren wie für Freiheiten, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit fehlten. Sie definierte sich qua Geschichtsbild als die bessere Hälfte des Landes, als "Arbeiter- und Bauernstaat" und antifaschistisch und war doch die Hälfte, in der die Menschen ganz real schlechter lebten und zwar Tag für Tag."Mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Wer die DDR erlebt hat und sich heute an sein Leben damals erinnert, der denkt zunächst nicht an Diktatur, SED-Herrschaft und Schießbefehl. Eher schon an Schlangestehen, erste Liebe und Ostsee-Urlaub…. Muß man in einem schlecht geführten Land ein schlechtes Leben führen?" fragt Ensikat und verneint seine Frage: "Die Erinnerung an die DDR spricht oft eine ganz andere Sprache als die Politikerreden oder die Geschichtsbücher, in denen es um Diktatur und Einheitspartei geht".
Aber Ensikat unterliegt nicht dem Fehler ein nostalgisches Bild der DDR zu zeichnen. Er will nichts schön reden. Er will nur erklären, wieso ein Staat voller so vieler Mängel so lange bestehen konnte, wie er bestand, um dann sang- und klanglos unterzugehen. Er beschreibt den gigantischen Apparat der Staatssicherheit mit seinen tausenden Mitarbeitern und zehntausenden inoffiziellen Mitarbeitern. Aber er unterschlägt nicht, dass für die Mehrheit der Bewohner der DDR diese Gesellschaft fast vier Jahrzehnte auch ein System war, in dem man leben konnte, wenn man bereit war sich mit dem System zu arrangieren.
Es gelingt ihm, neben den politischen Grundzügen viel typisches Verhalten aus dem DDR- Alltag in seinem Buch einzufangen. Neben dem System der Macht stehen Skizzen der Machthaber. Aber auch der "typische Oppositionelle" wird beschrieben. Auch die Rolle der Kirche im Zwiespalt zwischen Staatsferne und Systemstütze fehlt nicht. David Ensikat formuliert pointiert, lebendig und nachvollziehbar einfach – ohne bei seinen Vereinfachungen zu weit zu gehen. Und weil die Vergangenheit so schnell vergeht, hat der Autor seinem Buch eine Chronik der wichtigsten Ereignisse hinzugefügt. Auch eine Liste mit weiterführenden Büchern, von denen er meint, dass sie das System der DDR gut vermitteln, fehlt ebenfalls nicht. Alles in allem ist es ein sehr gut lesbares Buch über ein nicht ganz leichtes Thema.
| David Ensikat, Kleines Land, große Mauer - Die DDR für alle, die (nicht) dabei waren, Piper Verlag München 2007, ISBN 978-3-492-04976-4 |
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Juni 2007











