Deutsch-deutsche Geschichte

Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit

Cover: Roger Melis – In einem stillen Land, Fotografien 1965-1989, Lehmstedt Verlag Cover: Roger Melis – In einem stillen Land, Fotografien 1965-1989, Lehmstedt VerlagDer Fotograf Roger Melis zeigt In einem stillen Land nüchtern und kritisch den Alltag in der DDR.

Fast zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR stellt der Leipziger Lehmstedt Verlag mit einem gut gedruckten, gut gestalteten, erstaunlich preiswerten Fotobuch den ostdeutschen Fotografen Roger Melis vor. Er hat 169 Aufnahmen seiner Arbeit von 1965 – 1989 ausgewählt, die alle auf dem Territorium der DDR entstanden und vom Leben dort berichten. Seine Bilder zeichnen ein atmosphärisch dichtes Bild dieser Gesellschaft. Sie beleuchten nüchtern und kritisch den Alltag der DRR, die Arbeits- und Lebensbedingungen aber auch die politischen Rituale. Sie entstanden "nebenbei", während der Fotograf im offiziellen Auftrag für DDR-Zeitschriften mit Reportagen über Planerfüllung und technischer Neuerungen beschäftigt war. So, wie das Buch sie zusammenstellt, wurden sie damals nie publiziert und hätten so auch nie publiziert werden können, weil dieses Bild den offiziellen Beschönigungen nicht entsprach. "Müllkastenfotografie" wurde diese Art zu fotografieren damals abwertend genannt.

Aus: Roger Melis – In einem stillen Land, Zementwerk Deuna (Eichsfeld), 1976
Zementwerk Deuna
Es sind Fotografien, bei denen man instinktiv sogleich nach dem Aufnahmedatum sucht, weil sie aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheinen. Man meint in die unmittelbare Nachkriegszeit der frühen 50er Jahre zurückzuschauen, fühlt sich versetzt in die Phase des Wiederaufbaus und muss doch überrascht erkennen, dass die Aufnahmen aus den 70er und 80er Jahren stammen, als sich die DDR offiziell längst als erfolgreiche, sozialistische Industriegesellschaft sah.

Auffallend ist die Vielzahl gut gestalteter Porträts unter den Aufnahmen. Die meisten der fotografierten Personen scheinen den Moment der Aufnahme bemerkt zu haben und trotzdem wirken die Aufnahmen nicht gestellt oder gekünstelt. Roger Melis muss sich unaufdringlich verhalten und als Teil der Situation bewegt haben, damit ihm solche "direkten" Porträts gelingen konnten.

Direkte Fotografie

Aus: Roger Melis – In einem stillen Land, Ansprache einer Parteitagsdelegierten im Kraftwerk Vetschau, 1981
Kraftwerk Vetschau
"Je präziser die Aufnahmen die tatsächlichen Verhältnisse ins Bild setzten, desto unwahrscheinlicher war es, dass sie gedruckt wurden" schreibt Roger Melis. "Bilder von schwerer körperliche Arbeit, unwürdigen Arbeitsverhältnissen, zersiedelte und verdreckte Landschaften, verfallene Städte und verbitterte Menschen wollte man weder sehen noch drucken." Von heute aus erkennen wir, dass diese ungeschönten Fotografien des DDR-Alltags viel mehr als die offizielle Fotografie dazu beitragen können, das Bild eines zurückgebliebenen Systems zu zeigen, das an seiner geleugneten Zurückgebliebenheit zerbrach.

Das Buch besteht nur aus Schwarzweiß-Fotografien. Es ist undenkbar sich diese Bilder in Farbe vorzustellen. Die nuancierte Vielfalt der Grautöne passt zur nuancierten Zeichnung der abgebildeten Situationen. Sie führt zu einer Konzentration auf die Menschen und die Bedingungen, von denen Farbe nur ablenken würde. Sie wäre ein Effekt in einer im Ansatz schon nicht an Effekten interessierten Fotografie. Ähnlich wie Arno Fischer, Sibylle Bergeman, Evelyn Richter, Ulrich Wüst oder Frank Gaudlitz sind die Bilder von Roger Melis zu einer künstlerischen Dokumentarfotografie zu rechnen. Sie sind politisch nur in ihrer Präzision. In der Direktheit des genauen Zuschauens – ansonsten halten sie sich von politischen Aussagen fern. Sie versuchen, präzise aus dem Alltag der Gesellschaft zu berichten. Weil sie an der sozialen Realität interessiert sind, meiden sie deren ideologische Überhöhung.

Manche Aufnahmen haben eine Tendenz zur symbolhaften Darstellung. Ein idyllisch hinter Obstbäumen liegendes Dorf wird zur Kulisse, wenn im nebligen Hintergrund die gigantische Silhouette eines Zementwerks mit fotografiert wird. Das Dorf verliert seinen Halt in der Zeit.

Aus: Roger Melis – In einem stillen Land, Landstraße in Brandenburg, um 1976
Landstraße in
   Brandenburg

Es ist auffallend wie gut Roger Melis Landschaftsaufnahmen aus der Uckermark oder dem Harzgebirge gelungen sind. Ein Bildtypus, den der Fotograf eigentlich – laut eigener Aussage – gemieden hat. Eine sich im Regen nass in eine Kurve biegende Landstraße, die dicht von Bäumen gesäumt wird, sagt in ihrer altertümlichen Erscheinung viel über den Stand der gesellschaftlichen Entwicklung. Aber die Aussage ist nur durch das Bild entwickelt und wirkt nicht aufgesetzt. Man sieht, dass hier eine andere Zeit herrscht als die Gegenwart oder der "Aufbau des Sozialismus".

Menschen bei der Arbeit machen einen großen Teil des Buches aus. Oft ist es schwere körperliche Arbeit, bei der Roger Melis die Menschen beobachtet. Der Fotograf zeigt ein Bild, das unheroisch ist, aber dafür umso wirklichkeitsnäher. Da wo er den Parteisekretär unter einem Lenin-Bild zeigt, klafft eine Lücke zwischen der Energie des russischen Revolutionsführers und der Zigarette des deutschen Parteifunktionärs. Wenn eine Parteidelegierte auf dem Podium redet, lehnen zwei junge Arbeiter gelangweilt am riesigen, mit Fahnen geschmückten Podest.

Roger Melis wird mit diesem Buch als ein wichtiger ostdeutscher Fotograf erkennbar. Seine Aufnahmen liefern einen Nachtrag zur untergegangen Gesellschaft der DDR. Sie sind Teil der Suche nach einer verlorenen Zeit.

Roger Melis: In einem stillen Land, Fotografien 1965 – 1989, Lehmstedt-Verlag Leipzig, 2007, ISBN 978-3-937146-40-9

Jan Thorn-Prikker,
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts

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Juli 2007

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