Das Leben der Anderen – in Säcken voller Staatsgeheimnisse.

Im Jahr vor der deutschen Vereinigung 1990 versuchte der kommunistische Geheimdienst der untergehenden "Deutschen Demokratischen Republik" (DDR) seine Spuren in der Geschichte zu löschen, durch Aktenver-nichtung. Tausende Säcke zerfetzter Unterlagen blieben übrig. Jetzt werden sie am Computer wieder rekonstruiert.
Herbst und Winter 1989: Das "Ministerium für Staatssicherheit" der DDR, kurz: die Stasi, verbrannte Berge von eigenen Papieren. Oder sie kamen in der Zentrale und den Außenstellen überall im Lande in den Reißwolf. Wenn die Schredder heiß liefen, zerrissen besorgte Geheimdienstler bislang penibel geführte Unterlagen mit der bloßen Hand. "Dabei wurde jede Seite durchschnittlich in vier bis zwanzig Teile zerlegt, nach unseren Hochrechnungen 200 Millionen Seiten", erklärt Günter Bormann, leitender Mitarbeiter der heutigen "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR". Das waren, so Bormann, Dokumente, "die die Stasi-Offiziere zum Schluss aktuell auf den Schreibtischen hatten, über Spitzel und laufende Operationen, kein Material aus verstaubten Archiven". Die zerfetzten Papiere waren, technisch gesprochen, allerdings erst "vorvernichtet" und sollten anschließend noch zu Papiermehl zerkleinert und mit Wasser in einem Brei aufgelöst werden. Mutige Bürgerrechtler stoppten diese Prozeduren damals.
"Heute haben wir noch annähernd 16.000 Säcke mit diesem vorvernichteten Material", erläutert Bormann
Ein Puzzle für sechshundert Jahre
Seit mehr als zehn Jahren versuchen Mitarbeiter der Bundesbeauftragten, die "vorvernichteten" Dokumente von Hand auf dünnem Japanpapier wieder zusammenzukleben und so scheinbar verlorene Unterlagen zu rekonstruieren. Das gelingt auch häufig, weil zusammengehörige Textfragmente meist in ein und demselben Sack stecken. Dreißig Experten bräuchten freilich 600 oder mehr Jahre, um alle Säcke aufzuarbeiten.
Mit moderner elektronischer Technik geht alles schneller. Im Mai 2007 startete das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) in Berlin einen Pilotversuch, in dem in zwei Jahren am Computer die Originalseiten aus 400 Säcken rekonstruiert werden sollen. Die Bundesregierung unterstützt das Vorhaben mit mehr als sechs Millionen Euro.
Vorbild Steuerfahndung
Das IPK bringt für den historischen Rekonstruktionsauftrag langjährige Erfahrungen in der digitalen Bildverarbeitung und Dokumentenerkennung mit - etwa aus der Zusammenarbeit mit der Steuerfahndung, die sich ein Bild von "vorvernichteten" Papieren machen will. Projektleiter Jan Schneider erläuterte das Verfahren: Die Schnipsel kommen auf ein Förderband, werden einzeln am Computer eingescannt, also digitalisiert, elektronisch gespeichert und dann vollautomatisch sortiert: und zwar nach äußerlichen Merkmalen wie Farbe, Schrift, Stempeln und Papierrändern. Sobald das Computerprogramm Übereinstimmungen erkennt, fügt es die Schnipsel zusammen. Weil die Software sogar zerteilte Buchstaben identifiziert, können auf diesem Wege auch Fragmente kombiniert werden, die durch maschinelles Schreddern gleichförmige Schnittkanten haben.Beitrag zum Opferschutz
Insgesamt stecken in den 16.000 Säcken schätzungsweise sechs Kilometer Akten, die den 173 Kilometern bereits archivierter Stasi-Unterlagen hinzugefügt werden könnten. Die ganze Materialfülle lässt sich nur mit der manischen Maxime des Stasi-Ministers Erich Mielke erklären. Der hatte gemeint: "Man muss alles wissen, um völlig sicher zu sein." So konnte der Geheimdienst das System aber nicht schützen; stattdessen hat er mit seinen Spitzeln das Zusammenleben der Menschen zerstört. Beispielhaft zeigt das der mit einem Oscar ausgezeichnete deutsche Spielfilm Das Leben der Anderen."Ich sehe in der automatischen Rekonstruktion der Akten einen wichtigen Beitrag, die Aufklärung von Verbrechen der Stasi voranzutreiben, einen Beitrag zum Opferschutz", erklärte der Bundestagsabgeordnete Klaus Peter Willsch beim offiziellen Start des Projekts. "Nur indem wir der Wahrheit die Ehre geben, ehren wir die von den Kommunisten Getöteten, Geschundenen, unschuldig Eingesperrten oder um ihre Lebenschancen Betrogenen."
| Buchtipp:
Johannes Weberling / Giselher Spitzer (Herausgeber): Virtuelle Rekonstruktion "vorvernichteter" Stasi-Unterlagen. Technologische Machbarkeit und Finanzierbarkeit, Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Band 21, Berlin 2006, 104 Seiten, ISBN-13: 978-3-934085-23-7 |
Der Autor lehrt Geschichte an der Technischen Universität Aachen.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juli 2007











