Das Museum des Kalten Krieges

Der Regierungsbunker in Bad Neuenahr-Ahrweiler war jahrzehntelang das geheimste Bauwerk der Bundesrepublik Deutschland. Das Ende des Ost-West-Konflikts bedeutete das Aus der monströsen Anlage. Jetzt wird es zu einem Museum umgebaut.
Seit März 2008 ist Bad Neuenahr-Ahrweiler mit dem Museum des Kalten Krieges, der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, auch um eine touristische Attraktion reicher. Idylle und Politik gehen eine einmalige Allianz ein. In Zeiten des Kalten Krieges hieß das unterirdische Gebäude offiziell "Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall". Der Ausweichsitz war ursprünglich ein 19 Kilometer langes unterirdisches Röhrennetz. Darin waren 895 Büros, 936 Schlafräume, fünf Kantinen und Kommandozentralen, eine Zahnarztpraxis, eine Krankenstation sowie ein Friseursalon untergebracht. Im Kriegsfall wären dort 3.000 Personen des öffentlichen Lebens vor einem atomaren, biologischem oder chemischem Angriff geschützt gewesen. Das teuerste Bauwerk der Bundesrepublik Deutschland ist erst 1997 offiziell geschlossen worden. Von 2001 bis 2006 wurde Europas größter Bunker anschließend vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung entkernt. Seine in die Röhren eingebaute Infrastruktur verschwand.
Einzigartig wie die Berliner Mauer
Das Museum zeigt nun auf einem 200 Meter langen Teilstück originale Ausstattungs- und Einrichtungsgegenstände. Nach Plänen der Bonner Architekten Schroeder und Schevardo ist vor dem eigentlichen Bunker ein Eingangsbauwerk entstanden. Dort sind der Empfang und ein Informations- und Ausstellungsbereich untergebracht. Besucher werden durch eine Ausstellung und durch Filme in die Geschichte und Technik des ehemaligen Regierungsbunkers eingeführt. Der eigentliche Bunkereingang liegt hinter dem Foyer. Es kann zwar nur das Teilstück des ehemaligen Röhrennetzes besucht werden, doch einen bleibenden Eindruck über das Szenario "Kalter Krieg" vermittelt die Anlage bereits wenige Schritte hinter ihrem Zugang. Es stellt sich – ob man will oder nicht – ein Gefühl der Klaustrophobie ein. Die Temperaturen sinken im Vergleich mit der Außenwelt, die Luftfeuchtigkeit steigt an. Da sich ehemalige Mitarbeiter zu Gästeführern ausbilden ließen, werden ihre Schilderungen dazu beitragen, die Zeitspanne wieder gegenwärtig werden zu lassen, als sich die Großmächte auseinandersetzten und bedrohten. Das Museum des Kalten Krieges ist eine Festung des Atomzeitalters. Für den Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler, nimmt das neue Museum einen Stellenwert ein, "der in seiner Einzigartigkeit mit der Berliner Mauer vergleichbar ist". Es handele sich um eine Originalstätte des Kalten Krieges, wie es sie in Deutschland nur einmal gebe.
Für den Umbau des Bunkers stellte der Bund rund 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Träger ist der Heimatverein "Alt-Ahrweiler", der mit der Übernahme des Museums eigenverantwortlich ein Finanzierungsmodell bestreiten muss. Eine Unterstützung durch Bund und Land gibt es nicht. Eigentümer des Museums wie auch der entkernten Stollen und Flächen um die ehemaligen Außenbauwerke bleibt der Bund.
Interview mit Wilbert Herschbach, Vorsitzender des Heimatvereins Alt-Ahrweiler, zukünftiger Träger des Museums des Kalten Krieges
Herr Herschbach, ohne den Heimatverein Alt-Ahrweiler hätte das Projekt Neubau der Dokumentationsstätte "Regierungsbunker", kurz Museum des Kalten Krieges, nicht umgesetzt werden können. Was hat Sie motiviert, den Betrieb dieser Dokumentationsstätte zu übernehmen?
Das Projekt hatte sich positiv entwickelt - von einer ursprünglich leeren Röhre zu einem ausgestatteten Museum im Teilstück des ehemaligen Bunkers. Wir können einige Räume wieder original einräumen. Anhand des Teilstücks, das wegen seiner historischen und politischen Bedeutung nicht zurückgebaut ist, können wir eine ganz wichtige Geschichte erzählen: wir sagen: wir wollen hier nie wieder Krieg. Wir wollen die Geschichte des Kalten Krieges veranschaulichen und besonders Jugendlichen nahe bringen. Das ist unsere Motivation.
Was soll auf dem Rundgang vermittelt und in den Köpfen ausgelöst werden?
Im Bunker zu sein, ist beklemmend. Und wenn sie ans Ende des Stollens kommen, blicken sie in eine lange gerade Röhre. Da läuft es Ihnen kalt den Rücken runter, wenn sie das erleben. Wenn man den Bunker dann verlässt, wird einem klar, was da passiert ist. Man reflektiert, was damals war, die gegenseitige Aufrüstung der Supermächte. Ich glaube, dass man ein anderes Bewusstsein für ein anderes Miteinander entwickelt, wenn man aus dem Museum kommt.
Sie erwarten Besucher aus aller Welt. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Wir sind seit zwei Jahren mit dem Projekt beschäftigt und arbeiten zur Zeit mit Hochdruck. Wir haben mittlerweile 40 Gästeführer –und führerinnen geschult. Zwei Museumspädagoginnen konzentrieren sich auf das Thema Kalter Krieg und die Vermittlung an Schulklassen. Von daher glaube ich, dass wir die Anfragen bewältigen können.
In welcher Weise sind Zeitzeugen, also Menschen, die im ehemaligen Regierungsbunker jahrzehntelang gearbeitet haben, fast Geheimnisträger waren, besonders geeignet, sozusagen politische Bildungsarbeit im Museum umzusetzen?
Zeitzeugen waren sich jeden Tag der Tatsache bewusst, dass eine atomare Bedrohung bestand. Sie sind in diesen Bunker mit dem Bewusstsein gegangen, dass etwas passieren kann. Sie wussten, dass sie die Regierungsfähigkeit der Bundesregierung durch ihre Arbeit aufrecht erhalten. Die Mitarbeiter sollen weitergeben, wie sie gelebt haben. Das ist wichtig. Wir haben authentische Schilderungen der Zeitzeugen, die auch genau sagen können, wie alles kontrolliert worden ist. Sie haben ja auch Übungen abgehalten. Man hat die Notfallsituation geprobt. Sie können uns das ganz anders vermitteln, als jemand, der draußen gelebt und sich das Wissen aus Büchern angeeignet hat.
Was denken Sie, worin liegt der Reiz für die meisten Besucher, die Dokumentationsstätte zu besuchen oder anders gefragt, was erwartet sie?
3.000 Menschen sollten 30 Tage in dem Bunker überleben, um einen möglichen Gegenschlag vorzubereiten. Wo und wie hätten die gelebt? Diese Frage interessiert. Es reizt ganz einfach mal, in eine andere Welt zu gehen. Eine Zivilgesellschaft hat in einer Parallelwelt gelebt. Diese Gegengesellschaft kennen zu lernen, lockt Besucher an.
Was kann die Dokumentationsstätte aus Ihrer Sicht für die Aktualität bewirken, denn atomare Bedrohung ist ein aktuelles Thema?
Wir leben seit 60 Jahren in Europa ohne Krieg. Wer aus dem Bunker herauskommt, sollte sich dessen bewusst sein. Besucher sollten darüber nachdenken, wie wir Politiker motivieren können, für die Bevölkerung verantwortungsvoll zu handeln. Ich denke, es ist wichtig, dass wir wie kleine Rädchen funktionieren. Je nachdem wie viele Menschen wir dorthin führen können, wie vielen wir die damalige Bedrohung zeigen können, die heute ja auch noch nicht ausgeschlossen ist, um so mehr Bewusstsein entsteht für zukünftiges Handeln.
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Dezember 2007











