"Kalter Krieg auf der Aschenbahn"

Interview mit der Historikerin Dr. Uta Balbier über die deutsch-deutsche Sportgeschichte
Frau Balbier, was hat Sie gereizt, die deutsch-deutsche Sportgeschichte zur Zeit des Kalten Krieges zu untersuchen und da insbesondere die Zeitspanne zwischen 1950 und 1972?
Ich wollte gerne ein Buch über die kulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Kalten Krieges schreiben. Dann fiel mir schnell auf, dass die Systemkonkurrenz in kaum einem anderen Bereich so deutlich und unmittelbar ausgefochten wurde, wie bei internationalen Sportwettkämpfen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Das Jahr 1950 habe ich als Ausgangspunkt genommen, da sich zu diesem Zeitpunkt der westdeutsche Sportbund gründete – zwei Jahre nachdem sich in der DDR bereits eine sozialistische Sportorganisation gegründet hatte. Somit standen sich also in diesem Jahr die beiden Konkurrenten in Gestalt ihrer Verbände gegenüber.
Bei den Olympischen Spielen mussten die Systemkonkurrenten jedoch anfangs die Hürde gemeinsam nehmen...
Ja, die Jahre bis 1972 waren durch die Streitigkeiten zwischen beiden deutschen Staaten auf sportdiplomatischer Ebene um die Gesamtdeutsche Olympiamannschaft geprägt. Beide Staaten traten laut Beschluss des Internationalen Olympischen Komitees zwischen 1956 und 1964 in einer vereinten Mannschaft an, mit einer extra dafür kreierten Flagge und Hymne. Die Fahne bestand aus den gemeinsamen schwarz-rot-goldenen Grundfarben und fünf weißen Olympischen Ringen. Als Hymne wählte man Beethovens Ode an die Freude. 1968 gab es bereits zwei deutsche Mannschaften, aber beide hielten noch einmal an diesen künstlichen Symbolen fest. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1972 in München marschierten sie dann aber bereits hinter ihren eigenen Staatsflaggen ein, und ihre Sportler und Sportlerinnen wurden mit der eigenen Nationalhymne geehrt.
Die gesellschaftliche Dimension des Kalten Krieges wird im Sport besonders deutlich. Welche Rolle hat der Sport im Wettkampf der politischen Systeme grundsätzlich eingenommen?
In der Bundesrepublik zunächst keine, in der DDR von Anfang an eine sehr große. Die DDR entwickelte bereits Anfang der 1950er Jahre die Idee, ihre diplomatische Isolation durch kulturelle Beziehungen zu unterlaufen. Teil dieser DDR-Kulturdiplomatie war es auch, ihren Staat möglichst positiv in Szene zu setzen. Dafür war der Sport ideal. Hier konnte der Staat die eigene Leistungsfähigkeit durch Medaillengewinne beweisen und bei der Siegerehrung wurde die Flagge gehisst und die Hymne gespielt und die DDR wurde somit sichtbar. Die Bundesrepublik erkannte die Bedeutung des Sports in der Systemkonkurrenz erst durch die Herausforderung durch die DDR. Hier setzte sich erst in den 1960er Jahren die Vorstellung durch, dass der Sport tatsächlich Austragungsort der Systemkonkurrenz ist.
Wie haben sich Sport und Politik einander beeinflusst? Gab es politische Ereignisse, die sich besonders gravierend auf den Sport ausgewirkt haben und auch umgekehrt?
Gerade wichtige außenpolitische Krisen des Kalten Krieges haben den Sport unbeeinflusst gelassen. Zum Beispiel kollidierte der Aufstand in Ungarn 1956 mit den Olympischen Spielen in Melbourne. Trotzdem nahmen Russen und Amerikaner ebenso wie beide deutschen Staaten an den Spielen teil. Auch die Niederschlagung des Prager Frühlings und die Spiele in Mexico City fielen zusammen, und die einzige Form wie die Krise ihren Niederschlag fand, war der tosende Applaus, mit dem die tschechische Equipe bei der Eröffnungsfeier begrüßt wurde. Der Sport folgte da stärker seinen eigenen Regeln. Lediglich der bekannte Olympiaboykott 1980 als Reaktion auf den Afghanistankrieg fällt aus diesem Schema heraus.
Wenn wir auf den deutschen Sport blicken, dann ist es genauso. Der Mauerbau hat zwar den kleinen Sportverkehr – also sonntägliche Vereinswettkämpfe – zwischen den beiden deutschen Staaten zum Erliegen gebracht. Aber beide Staaten nahmen trotz des Mauerbaus weiterhin mit einer gesamtdeutschen Mannschaft an den Olympischen Spielen teil, wenn auch unter gehörigem politischen Druck.
Die sportlichen Leistungsvergleiche zwischen der Bundesrepublik und der DDR im Schatten des Kalten Krieges führten in der Bundesrepublik sukzessive zur einer gesellschaftlichen Neubewertung sportlicher Leistungsfähigkeit und zu einer Neugestaltung des Verhältnisses von Staat und Politik. Wie hat sich das genau ausgewirkt?
In den 1950er Jahren war in der Bundesrepublik immer die Rede vom "unpolitischen Sport". Sport sollte ein Spiel sein, frei von politischem Zugriff. Auch nach dem "Wunder von Bern", als die Bundesrepublik Deutschland 1954 Fußballweltmeister wurde, waren die Reaktionen der Politik verhalten. Es war klar: Hier haben elf Helden einen Sieg errungen, aber nicht der Staat oder die Gesellschaft. Erst in den 1960er Jahren ist wieder verstärkt die Rede davon, dass sportliche Leistungsfähigkeit Teil der würdigen Repräsentation eines Staates sei und ein Austragungsort der Systemkonkurrenz. Diese Argumentationsstrategien wurden bewusst von der westdeutschen Sportführung verwandt, um höhere staatliche Fördermittel zu erlangen. Der Staat investierte tatsächlich mehr in den Sport, baute umgekehrt aber auch sein Mitspracherecht in der Leistungssportförderung aus. Die Bundesrepublik erhielt dennoch nie einen Staatssport – das ist in einer demokratischen pluralistischen Gesellschaft unmöglich.
Wo hat die Bundesrepublik Deutschland Strukturen des Sportfördersystems der DDR kopiert?
Augenfällig war zum Beispiel, wie bei der Kinder- und Jugendspartakiade in der DDR Talente gefunden und diese dann in den Kinder- und Jugendsportschulen gefördert wurden und wie sich die staatliche Förderung der Sportwissenschaften gestaltete. Diese Modelle beeinflussten auch die Lösungssuche in der Bundesrepublik. Was am Ende dabei herauskam, nämlich der Talentwettbewerb Jugend trainiert für Olympia, der in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren ausgetragen wurde, oder die Gründung von Sportgymnasien, funktionierte zwar nach anderen Prinzipien, folgte aber der gleichen Idee wie in der DDR. Eine ähnliche strukturelle Anpassung kann man auch im Bereich der Sportwissenschaften sehen, wo plötzlich ein Bundesinstitut gegründet wurde, das das Interesse des Staates an den Sportwissenschaften zementierte.
Wenn sich Sport im Kontext historischer Prozesse wandelt, was lässt sich in diesem Zusammenhang über die Zeit des Kalten Krieges hervorheben?
In der Zeit des Kalten Krieges hat sich die Sicht auf den Sport verändert: Die Idee, dass Sport die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft repräsentiert, wie es die DDR bereits in den 1950er Jahren postuliert hatte und wie es die Bundesrepublik in den 1960er Jahren argumentativ übernahm, hat sich durchgesetzt. Sie prägt bis heute die Berichterstattung über Sportereignisse und die Art, wie wir sportliche Siege begreifen. Ein zweiter Punkt ist die Verwissenschaftlichung und Technisierung des Sports: In Deutschland, wie auch in der ehemaligen Sowjetunion und in den USA, sind zurzeit des Kalten Krieges große Ressourcen in Sportwissenschaft und Sportmedizin investiert worden. Der High-Tech-Leistungssport, den wir heute erleben, ist auch ein Restprodukt dieser unglaublichen Investitionsprogramme. Heute profitieren jedoch Werbeträger wie Nike oder Adidas mehr davon als strahlende Politiker. Daran sieht man, dass der Kalte Krieg auf der Aschenbahn zu Ende ist.
Uta Andrea Balbier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut in Washington DC. Sie studierte Neuere Geschichte, Politik- und Kommunikationswissenschaften in Münster und Hull in Großbritannien und wurde 2005 an der Universität Potsdam promoviert. Sie war Stipendiatin der Stiftung zur Aufarbeitung zur SED-Diktatur, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam und am Hamburger Institut für Sozialforschung. Im Jahr 2006 zeichnete der Deutsche Olympische Sportbund ihre Arbeit mit dem Zweiten Rang seines Wissenschaftspreises aus. Uta Andrea Balbier: Kalter Krieg auf der Aschenbahn: Der deutsch-deutsche Sport 1950 – 1972. Eine politische Geschichte. Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn, 2007; ISBN 978-3-506-75616-9 |
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März 2008



Uta Andrea Balbier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut in Washington DC. Sie studierte Neuere Geschichte, Politik- und Kommunikationswissenschaften in Münster und Hull in Großbritannien und wurde 2005 an der Universität Potsdam promoviert. Sie war Stipendiatin der Stiftung zur Aufarbeitung zur SED-Diktatur, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam und am Hamburger Institut für Sozialforschung. Im Jahr 2006 zeichnete der Deutsche Olympische Sportbund ihre Arbeit mit dem Zweiten Rang seines Wissenschaftspreises aus. Uta Andrea Balbier: Kalter Krieg auf der Aschenbahn: Der deutsch-deutsche Sport 1950 – 1972. Eine politische Geschichte. Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn, 2007; ISBN 978-3-506-75616-9 







