Deutsch-deutsche Geschichte

War Adenauer ein Ossi? – Das Wissen Jugendlicher über die DDR

Mauerbau 1961 – Menschen an der Mauer
Cop.: Picture-Alliance Nur jeder zweite Schüler in Deutschland weiß, in welchem Jahr die Mauer gebaut wurde. Rund 45 Prozent von ihnen glauben, den Mauerbau habe die Sowjetunion veranlasst. Und Konrad Adenauer und Willy Brandt waren DDR-Politiker, oder? Mit solchen Ergebnissen hat eine Studie zweier Politologen im vergangenen Sommer für Aufsehen gesorgt.

Geben die Antworten von Schülern aus dem Westen und Osten Deutschlands tatsächlich wieder, was Teenager 18 Jahre nach der Wiedervereinigung über die DDR zu wissen glauben?
Kritiker werfen der Befragung technische Mängel und überzogene Schlussfolgerungen vor. Doch auch sie attestieren: Junge Menschen wissen viel zu wenig über die zweite deutsche Diktatur.

Deutz-Schroeder, Monika und Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - Ein Ost-West-Vergleich,  Verlag Ernst Vögel, 2008
Cop.: Ernst Vögel Verlag, 2008 Die Politikwissenschaftler Klaus Schroeder und Monika Deutz-Schroeder von der Freien Universität Berlin haben zwischen Herbst 2005 und Frühjahr 2007 in Berlin, Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen 5.219 Schüler, überwiegend 16- und 17-Jährige, über die DDR befragt. Die Ergebnisse dokumentieren sie in ihrem Buch Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – Ein Ost-West-Vergleich. Finanziert haben die Studie der Forschungsverbund SED-Staat sowie die Landeszentralen für politische Bildung in Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Die Stasi – ein normaler Geheimdienst?

Aufbau von DDR-Fahnen zu einem Feiertag in einem Neubaugebiet in Nordhausen (ca. 1978)
Cop.: Stiftung Aufarbeitung, Bestand Uwe Gerig, Nr. 1346Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigten schlimme Befürchtungen: Die DDR kam in den Aussagen der Schüler oftmals als gemütliches, sozial gerechtes Land daher. So hielten nicht einmal zwei Drittel der ostdeutschen Jugendlichen die Leistungen des Wirtschaftssystems im Westen für besser als das der DDR. Im Westen waren es etwa 80 Prozent. Das politische System der Bundesrepublik erhielt gar nur von knapp 57 Prozent der Jugendlichen aus den ostdeutschen Untersuchungsregionen Zuspruch - gegenüber gut 83 Prozent aus den westlichen Bundesländern. Die Stasi bewerteten viele Befragte, vor allem ostdeutsche sowie Haupt- und Gesamtschüler, relativ positiv: Nur etwa jeder Zweite verneinte, das Ministerium für Staatssicherheit sei ein Geheimdienst wie in einer Demokratie gewesen.

Volkspolizei verhaftet ausreisewillige Demonstranten (11.02.1988)
Cop.: Stiftung Aufarbeitung, Bestand Klaus Mehner, Nr. 88_0211_POL-Ausreise_09Fakten der DDR-Geschichte kannten die Schüler kaum. Jeder Vierte vermutete beispielsweise, Konrad Adenauer und Willy Brandt hätten in der DDR gewirkt - im Osten glaubte das sogar mehr als jeder Dritte. Selbst Helmut Kohl wurde von etwa jedem Zehnten im SED-Staat verortet.

Wenn Wissen vorhanden war, dann kam es der Studie zufolge nicht aus der Schule, sondern aus Gesprächen in den Familien – mit den entsprechenden Folgen: Westdeutsche Schüler favorisierten die alte Bundesrepublik, ostdeutsche mehrheitlich die DDR. Klaus Schroeder, einer der beiden Macher der Studie, kritisiert: „Viele Eltern und Großeltern erzählen den Jugendlichen nur vom vermeintlich positiven Alltag in der DDR, blenden das Negative dabei aber aus." Selbst wenn die Lehrer ihren Schülern von den Mauertoten und den Methoden der Stasi berichteten, relativierten die Eltern diese Angaben oder stritten sie ganz ab.

Einfluss der Schulen

Großes Karl-Marx-Plakat im Zentrum von Rostock (ca. 1983)
Cop.: Stiftung Aufarbeitung, Bestand Uwe Gerig, Nr. 1550 Trotzdem haben der Studie zufolge auch die Schulen Einfluss auf das Wissen der Jugendlichen: Gymnasiasten in Brandenburg wissen demnach weniger über die DDR als bayerische Hauptschüler. Zwei Drittel der Schüler erklärten, sie hätten in der Schule zu wenig oder gar nichts über den SED-Staat erfahren. Das Urteil der Studienautoren ist eindeutig: „Je mehr die Schüler über den SED-Staat wissen, desto kritischer beurteilen sie ihn.“ Daher fordern sie von den Schulen, ihre Lehrpläne stärker auf das Thema DDR einzustellen. In den neuen Ländern hätten Eltern und Lehrer eine „Scheu, Kinder mit den negativen Seiten der DDR zu konfrontieren“.

Ähnlich sieht das Wolfgang Tiefensee (SPD), der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Eltern sollten ihren Kindern „über die schönen Erlebnisse, aber auch über das Leben hinter Mauer und Stacheldraht“ erzählen. Der ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig erinnert dabei an „Folterknäste, Tote an den Grenzen, Misstrauen und gegenseitige Bespitzelung“.

Ergebnisse anderer Studien

Junge Pioniere erfreuen Wähler bei der Kommunalwahl mit Gesang (07.05.1989)
Cop.: Stiftung Aufarbeitung, Bestand Klaus Mehner, Nr. 89_0507_POL_Wahlen_14 Manche wollen die Schuldzuweisung an die Lehrer so nicht stehen lassen. Als im November 2007 erste Studienergebnisse über das Wissen Berliner Schüler vorgestellt wurden, erklärte die zuständige Schulverwaltung: "Die Ergebnisse überraschen insofern, als 2006 eine bundesweite Studie zu völlig anderen Ergebnissen kam." Die frühere Untersuchung habe gezeigt, dass Berliner Schüler bundesweit am meisten über die DDR-Geschichte wissen.Für die Studie im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (und des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands) wurden 2005 mehr als 5.600 Schüler ab der 9. Klasse in allen Bundesländern schriftlich befragt - allerdings ausschließlich Gymnasiasten. Hingegen besuchte immerhin jeder Vierte der jüngeren Studie eine Gesamt- oder Realschule.

Kritik an der Schuldzuweisung an die ostdeutschen Jugendlichen hat die Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Die Dresdner Stiftung kümmert sich unter anderem um die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit Sachsens. Deren wissenschaftlicher Mitarbeiter Bert Pampel bemängelt: „Die teilweise positivere Bewertung der DDR durch die ostdeutschen Schüler scheint weniger durch ihr vermeintlich geringeres Wissen begründet zu sein.“ Dies könne auch an „Identitätskonflikten aufgrund ihrer ostdeutschen Herkunft“ liegen. Überspitzt gesagt: Ostdeutsche Schüler fühlen sich womöglich in ihrer Identität angegriffen und versuchen daher, ihre Herkunft übermäßig zu rechtfertigen.

Unterm Strich sind sich Macher wie Kritiker aber einig: Hierzulande wissen junge Menschen viel zu wenig über die Geschichte der DDR. Um das zu ändern, sind Familien, Schulen und Institutionen gefragt. Anlässe gibt es genug: Ab kommendem Januar feiert das Wendejahr 1989 ausgiebig 20. Geburtstag.

Literatur
Deutz-Schroeder, Monika und Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - Ein Ost-West-Vergleich,  2008, Verlag Ernst Vögel, 760 Seiten, 46 Euro

Schroeder, Klaus: Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung,  2006, Verlag Ernst Vögel, 767 Seiten, 68 Euro
Matthias Lohre
ist Parlamentskorrespondent der „taz“ in Berlin und Historiker.

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Oktober 2008

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