Wenn aus einem Stasi-Gefängnis Eigentumswohnungen werden – Interview mit Hubertus Knabe

Hubertus Knabe gilt als einer der profiliertesten Kenner der SED-Diktatur. Er leitet die Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Sein jüngstes Buch Die Täter sind unter uns rechnet mit der aus seiner Sicht mangelhaften Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit ab. Nach fast 20 Jahren seit dem Mauerfall werde die DDR verklärt. Gerade in der jungen Generation sei eine verheerende Unkenntnis über die Zusammenhänge verbreitet, und den meisten Stasi-Opfern sei immer noch keine Gerechtigkeit widerfahren.
Die Frage der Erinnerungskultur wird in Deutschland immer wieder neu gestellt. Sie vergleichen die Aufarbeitung der Nazidiktatur mit der SED-Herrschaft. Ist das legitim?
Natürlich ist das legitim. Deutschland und Europa haben erst die nationalsozialistische und dann die kommunistische Diktatur erlebt. Mit beiden Formen totalitärer Herrschaft müssen wir uns auseinandersetzen, damit sich weder das eine noch das andere wiederholt.
Es geht aktuell auch um die Frage, was mit den Gedenkstätten der SED-Opfer passieren soll. Wie stellen Sie sich die Zukunft dieser Orte vor?
Anders als beim Nationalsozialismus sind viele kommunistische Verfolgungsorte noch erhalten. Sie sind wichtige Zeugnisse der SED-Diktatur und sollten deshalb als Mahnmale für zukünftige Generationen bewahrt werden. Allein die Stasi betrieb 17 Untersuchungshaftanstalten, hinzu kamen schreckliche Gefängnisse wie das „Gelbe Elend“ in Bautzen oder das Frauengefängnis Hoheneck. Doch das Stasi-Gefängnis in Cottbus soll abgerissen werden, das Gefängnis in Berlin-Rummelsburg wurde bereits in Eigentumswohnungen umgewandelt. Selbst dort, wo kleinere Gedenkstätten existieren, arbeiten diese oft nur ehrenamtlich oder erhalten kaum finanzielle Unterstützung.
„Die Täter sind gut weggekommen“
Sie beklagen in Ihrem Buch „Die Täter sind unter uns“, dass mit den Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Stasi nie richtig abgerechnet wurde. Wäre eine Offenlegung aller Unterlagen besser gewesen?
Ich habe in meinem Buch keine Abrechnung vorgenommen. Ich wollte Bilanz ziehen, wie mit den kleinen und großen Verantwortlichen der SED-Diktatur umgegangen wurde. Die Täter sind offensichtlich gut davon gekommen. Keiner der Verantwortlichen für die rund 1.000 Toten an den Grenzen oder die über 200.000 politischen Gefangenen sitzt heute im Gefängnis. Viele profitieren sogar noch von ihrer Unterdrückungstätigkeit, weil sie jetzt eine hohe Rente bekommen. Auch die Netzwerke der Stasi sind immer noch größtenteils geheim. Das deutsche Stasi-Unterlagen-Gesetz und die Birthler-Behörde mit ihren 2.000 Mitarbeitern kosten uns jedes Jahr rund 100 Millionen Euro. Doch wir wissen immer noch nicht, wer in Deutschland alles für die Stasi gespitzelt hat. Nur in einer einzigen Stadt, Halle an der Saale, ist das anders. Bürgerrechtler haben dort 1992 entsprechende Listen ausgelegt – bis ein Gericht es ihnen verbot.
Zerstörte Biografien
Wie kann man heute, fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, den Opfern der SED-Diktatur noch Gerechtigkeit widerfahren lassen?Zunächst einmal muss man sie angemessen entschädigen. Das wurde zwar im Einigungsvertrag vereinbart, aber nie wirklich umgesetzt. Viele, die in der DDR Mut und Zivilcourage zeigten, werden dafür sogar bis heute bestraft. Weil sie kein Abitur machen und nicht studieren durften, bekommen sie eine entsprechend geringe Rente. Auch diejenigen, die in DDR-Gefängnissen Zwangsarbeit leisten mussten, erhielten dafür keine Entschädigung. Die meist psychischen Haftfolgeschäden wurden nur bei etwa drei Prozent der Betroffenen anerkannt. SED-Verfolgte erhalten pro Haftmonat lediglich eine einmalige Entschädigung von rund 300 Euro. Wer länger als sechs Monate einsaß und wirtschaftlich bedürftig ist, kann zudem eine Opferrente von 250 Euro Rente beantragen. NS-Verfolgten in Ostdeutschland steht dagegen – egal, ob sie bedürftig sind – eine Ehrenpension von etwa 700 Euro zu. Viele kommunistisch Verfolgte fühlen sich deshalb als Opfer zweiter Klasse.
Vor Kurzem wurde bekannt, dass die Hälfte der deutschen Oberstufenschüler nicht glaubt, dass die DDR eine Diktatur war. Eine Umfrage offenbarte eine erschreckende Unwissenheit. Woher kommt das?
Die Weitergabe der Diktaturerfahrungen funktioniert offenbar nicht. Nicht in den Familien, nicht in den Schulen und auch nicht in den Medien. Wenn man sich die Lehrpläne und Schulbücher anschaut, ist das auch kein Wunder. Die DDR wird meist nur sehr kurz und dann als Unterkapitel des Kalten Krieges abgehandelt. Die Schüler denken oft, die Mauer sei gebaut worden, um einen Krieg zwischen Ost und West zu verhindern – und nicht um ein ganzes Volk in Geiselhaft zu nehmen. Auch die Lehrer machen im Geschichtsunterricht oft einen Bogen um die DDR. Im Osten haben viele ein schlechtes Gewissen, im Westen ist die DDR weit weg. In der Ausbildung an den Universitäten spielt die DDR ebenfalls kaum eine Rolle. So kommt es, dass viele Schüler Erich Honecker heute für einen deutschen Bundeskanzler halten.
Keine „Straße der friedlichen Revolution“
Welche Erfahrungen machen Sie als Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen mit Schülergruppen?
Das Gefängnis in Hohenschönhausen ist nahezu unverändert erhalten geblieben. Man kann die Diktatur hier nicht nur sehen und anfassen, sondern sogar noch riechen. Zudem werden die Besucher meist von ehemaligen Häftlingen geführt. Das ist ein sehr intensives Erlebnis. Oft kommen die Schüler lustlos und gelangweilt an, dann sind sie wie vom Schlag getroffen. Viele schreiben uns noch auf der Heimfahrt im Bus lange Briefe. Der Besuch trägt vielleicht dazu bei, sie gegen neue totalitäre Versuchungen zu immunisieren. Allerdings kann der Besuch in Hohenschönhausen nur ein Anfang sein. Wir können nicht in 90 Minuten zwei Monate Geschichtsunterricht ersetzen. Beunruhigt sind wir auch, dass die Zahl der ostdeutschen Schüler stagniert, während die der westdeutschen massiv steigt. Aus Bayern oder Baden-Württemberg kamen 2006 zum Beispiel rund 17.000 Schüler, aus Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt nur 800. Hier muss die Bildungspolitik gegensteuern.
Wie sollte sich Deutschland im kommenden Jahr an den Fall der Mauer erinnern? Haben Sie einen Vorschlag?
Ich stelle mir ein großes Fest in Berlin vor mit Feuerwerk und Public Viewing, bei dem die historischen Momente noch einmal in Erinnerung gerufen werden. Vielen ist heute nicht mehr bewusst, was für ein großes Glück es war, dass das SED-Regime zusammenbrach, ohne dass ein einziger Schuss fiel. Wir sollten dieses Erbe aber auch darüber hinaus besser pflegen. In Deutschland gibt es über 600 Ernst-Thälmann-Straßen, aber keine einzige Straße der Friedlichen Revolution. Als ich dem Bezirk Berlin-Mitte den Vorschlag machte, eine Straße umzubenennen, schrieb man mir, dass Straßen dort nur nach Frauen benannt würden. Viele sind sich der historischen Bedeutung dieses Ereignisses offenbar gar nicht bewusst.
Und die europäische Dimension?
Der Kommunismus herrschte nicht nur in der DDR, sondern in der gesamten östlichen Hälfte Europas. Das wird in Deutschland oft vergessen oder verdrängt. Man vergleicht den Nationalsozialismus mit der DDR und vergisst, dass die DDR nur der westlichste Vorposten eines Systems war, das Millionen Tote hervorbrachte. Ich komme gerade aus Vilnius (Litauen), wo ich das KGB-Gefängnis mit seinen Folterzellen und der früheren Hinrichtungskammer besichtigt habe. Es ist jetzt ein Museum. Wir müssen die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur gemeinsam angehen und dürfen sie nicht jedem einzelnen Land allein überlassen. Nur so können wir die demokratischen Werte Europas dauerhaft festigen.
| Knabe, Hubertus: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur, Propyläen, Berlin 2007 |
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.
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Oktober 2008











