Deutsch-deutsche Geschichte

Das Auge der „Bonner Republik“ − die Friedrich-Ebert-Stiftung digitalisiert Jupp Darchingers Fotosammlung

Altkanzler Helmut Schmidt ganz privat im Darchinger-Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung; © Ines GollnickEin Blick in das Darchinger-Archiv
 der Friedrich-Ebert-Stiftung; © Ines GollnickJosef („Jupp“) Heinrich Darchinger wird häufig als das „Auge der Bonner Republik“ bezeichnet. Rund ein halbes Jahrhundert lang fotografierte der heute 83-jährige Journalist fast alle bedeutenden Personen der deutschen Zeitgeschichte. Mit seinem Fotostil prägte er das Bild von der „alten Bundesrepublik“ entscheidend mit. Ende 2007 erwarb die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) dieses große und bedeutende private Fotoarchiv.

Der Umfang von Jupp Darchingers Sammlung ist beeindruckend. 1,6 Millionen Negative, rund 60.000 Positive, 30.000 Dias und eine Datenbank mit rund 62.000 Fotos haben die Mitarbeiter im Archiv der sozialen Demokratie erst einmal „erschlagen“. Die Dichte des Bildmaterials dürfte in Deutschland einmalig sein. Sie garantiert die Qualität eines Bildbandes wie Helmut Schmidt – Kanzlerjahre – fotografiert von Jupp Darchinger, der 2008 im Dietz Verlag zum 90. Geburtstag des Altkanzlers erschien. Mit Helmut Schmidt verband den überzeugten Sozialdemokraten Darchinger ein besonderes Vertrauensverhältnis. Dieses war die Basis dafür, auch sehr private Aufnahmen machen zu können.

Das Bildmaterial kontinuierlich zu sichten, zu inventarisieren, inhaltlich zu erschließen und zu digitalisieren ist eine große Herausforderung und macht das Tagesgeschäft der Mitarbeiter im Kellergeschoss der Friedrich-Ebert-Stiftung aus. Dank eines gut geführten Karteikartensystems und Darchingers handschriftlicher Quellenbücher kann der überwiegende Teil des Bestandes ohne große Probleme erfasst werden. „Das Verzeichnis hat uns den Zugang erleichtert. Sonst stünden wir auf verlorenem Posten“, berichtet André Castrup, Mitarbeiter im Fotoarchiv Jupp Darchinger im Archiv der sozialen Demokratie. Seine Aufzeichnungen beginnen mit der feierlichen Beisetzung des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher im August 1952. Sie enden mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Als sich die digitale Fotografie durchsetzt und der Regierungssitz von Bonn nach Berlin verlegt wird, zieht sich der Rheinländer Darchinger nach und nach aus dem aktuellen Geschäft zurück.

Keine Bildmanipulation

Fotojournalist Jupp Darchinger im Gespräch mit „seinen“ Archivaren; © Friedrich-Ebert-StiftungBisher wurden 35.000 Objekte digitalisiert und in das Archivsystem der Friedrich-Ebert-Stiftung eingearbeitet. Darunter sind allein 8.000 gescannte Fotos. André Castrup, Lilia Löwen, Sunitha Wijithapala und eine studentische Hilfskraft arbeiten mit Profigeräten, angefangen vom Scanner für die Negative über den Aufsichtscanner für Fotos bis hin zum leistungsstarken Mac-Computer. Viele Negative beispielsweise aus den 1950er-Jahren, sind durch häufige Abzüge in sehr schlechtem Zustand. Die Negative werden gescannt und retouchiert, aber nicht manipuliert. „Wir entfernen nur Schäden“, unterstreicht Lilia Löwen. Die Archivare kümmern sich auch um verfärbte Dias, die blau- oder rotstichig geworden sind.

Jupp Darchinger wollte seine Sammlung an eine Einrichtung geben, die „etwas aus dem Material macht“. Sein Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. An Anfragen mangelt es im Archiv der sozialen Demokratie nicht. Das mag am runden Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland liegen, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird. Das Archiv hilft dabei, Bildmaterial für aktuelle Ausstellungen zusammenzutragen und Fotos für wissenschaftliche Publikationen, auch im eigenen Haus, auszuwählen. Über die Plattform PictureMaxx können professionelle Nutzer wie Verlage und Redaktionen Fotos von Jupp Darchinger für die Veröffentlichung in Printmedien, im Internet und TV-Bilder bestellen.

Ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur

Darchingers Quellenbuch von 1968; © Ines Gollnick Dass Fotos aus der Zeit des wirtschaftlichen Aufbaus der BRD einmal zum „Renner“ würden, hatte keiner erwartet. Der Bonner Generalanzeiger publizierte im Rahmen der Serie „60 Jahre Bundesrepublik Deutschland“ ein Darchinger-Foto vom Bonner Hauptbahnhof, als in seinem direkten Umfeld noch Jugendstilvillen standen. Das Bild löste im Fotoarchiv einen unerwarteten Ansturm von Anfragen aus. Lilia Löwen ist begeistert. Dank moderner Technik kann schnell reagiert und fleißig gedruckt werden. Es seien ganz persönliche Erinnerungen an besondere Momente der Zeitgeschichte, die die Bürger zum Telefonhörer greifen ließen. Eine Frau erinnerte sich an ihre Hochzeitsnacht im abgebildeten Hotel, das es schon lange nicht mehr gibt. Ein Schaffner erkannte sich auf dem Foto in der abgebildeten Straßenbahn wieder.

Jupp Darchinger haben die Fotos der „großen Tiere“ aus Politik und Wirtschaft und die Fotos von Kanzlern und Ministern auf ihren Auslandsreisen berühmt gemacht. Mit den weniger bekannten Farb-Fotografien aus der Zeit des „Wirtschaftswunders“, die von 1952 bis 1967 auf Reisen durch die BRD entstanden, hat er mehr als ein halbes Jahrhundert später nicht nur dem einen oder anderen Bürger eine persönliche Freude gemacht. Er hat vor allem für die Erinnerungskultur hierzulande einen bedeutenden Beitrag geleistet.

Ines Gollnick
arbeitet als freie Journalistin in Bonn. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Politik, Medien, Bildung und Gesellschaft.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Dossier: Der Mauerfall – Perspektiven auf 1989

Das Dossier sammelt Erfahrungen aus Ost und West ein, wirft einen Blick auf die deutsche Geschichte und erkundet Perspektiven.

Dossier: Konstruktion der Erinnerung

Die Frage nach dem Umgang mit der Vergangen-
heit und verschiedenen Erinnerungskulturen ist in vielen Ländern aktuell.

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Zeitgenössische Denkmalkonzepte in Deutschland

Schon seit den frühen Achtzigerjahren gibt es in Deutschland Debatten um zeitgemäße und angemessene Formen des Gedenkens.