Abgewickelt, übernommen, neu gegründet – die DDR-Wissenschaft hat die Wiedervereinigung nicht überlebt

Das Ende der DDR bedeutete für die Wissenschaftslandschaft im Osten Deutschlands einen radikalen Umbruch. Wissenschaft in der DDR – das war letzten Endes eine Frage des „Klassenstandpunktes“. Die SED nahm für sich in Anspruch, zu entscheiden, was wahr und was falsch ist.Das konnte für die Gesellschaftswissenschaften bedeuten, dass missliebige historische Personen wie Trotzki vollständig aus den Geschichtsbüchern verschwanden. Das bedeutete für die Naturwissenschaften, dass sie ihre Forschungsanstrengungen nach Vorgaben der Partei auszurichten hatten. Chemiker suchten nach einem westlichen Produkten gleichwertigen Farbfilm, Informatiker bauten Computerprozessoren nach und Biologen erprobten Doping-Substanzen, die DDR-Sportlern zum Sieg verhelfen sollten.
Und in der BRD? Auch hier diente die Wissenschaft bestimmten Zwecken – und gedopt wurde auch im Westen. Der Markt entschied, wonach geforscht wurde. Wenn sich ein Arzneimittel oder eine neue Antriebsart wie der Wankelmotor nicht rechneten, versiegten die Forschungsgelder. Die Gesellschaftswissenschaften allerdings kannten Grundsatzdebatten voller Schärfe und Unversöhnlichkeit. Zwar war die Freiheit der Wissenschaft auch im Westen oft nur ein Schlagwort. Aber zumindest wussten die meisten, dass diese Freiheit kostbar ist.
Nach der Wende 1989/90 sollten sich diese beiden so unterschiedlichen Wissenschaftssysteme vereinigen. Zwanzig Jahre danach, gegen Ende des Wissenschaftsjahres 2009, brachte ein Symposium in Berlin ehemalige Akteure und Betroffene, Politiker und Wissenschaftler zu einer Diskussion über genutzte und verpasste Chancen zusammen.
Im großen Stil abgewickelt
Peer Pasternack, Forschungsdirektor des Instituts für Hochschulforschung der Uni Halle-Wittenberg, lieferte die nüchternen Zahlen: Insgesamt wurde an den DDR-Hochschulen rund 60 Prozent des Personals abgebaut. In der Akademie der Wissenschaften mit über 23.000 festangestellten Wissenschaftlern fand ein Abbau im gleichen Umfang statt. In der Industrieforschung war ein Minus von 85 Prozent zu verzeichnen. Aus festen Lebensstellungen heraus mussten sich zu Beginn der 1990er-Jahre Akademiker plötzlich auf befristete Verträge, Konkurrenzdruck und neue Beschäftigungsbereiche einlassen, wollten sie sich überhaupt noch eine Chance sichern.
Was diese Zahlen sagen, ist klar: Die alte Bundesrepublik gab die Spielregeln vor, die Wissenschaftslandschaft der DDR ging unter. Die Ausgangsbedingungen waren von vornherein asymmetrisch, so Manfred Bierwisch (1957 bis 1991 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, von 1992 bis 1998 Professor für Linguistik an der Humboldt-Universität Berlin): „Zu vereinigen waren ein großes und ein kleines Land, ein erfolgreiches und ein gescheitertes Gesellschaftssystem.“ Das hatte zur Folge, dass sich die Vereinigung der Wissenschaft beider Länder als Ausdehnung oder Übertragung des Systems der alten auf die neuen Bundesländer vollzog, so Bierwisch.
Strukturen und Verfahren der Bundesrepublik wurden auf das Vereinigungsgebiet übertragen, Innovationen waren unter diesen Umständen nicht vorgesehen, Einrichtungen und Personal der DDR-Wissenschaft verschwanden, soweit sie den neuen Bedingungen nicht entsprachen. Bierwisch kritisiert, dass zwar (zu Recht) die Defizite der DDR-Hinterlassenschaft hinterfragt wurden, aber nicht die der alten Bundesländer. „Das Wort führten in allen damit befassten Gremien ganz selbstverständlich die Vertreter der alten Bundesländer.“ Dazu kam, dass der Vereinigungsprozess unter beträchtlichem Zeitdruck vonstatten gegangen sei.
Kein freier Zugang
Die Physikerin Dagmar Schipanski (TU Ilmenau) konnte unmittelbare Erfahrungen beisteuern. Sie hob hervor, wie unvergleichlich die Ausgangsbedingungen der beiden deutschen Wissenschaftssysteme vor 20 Jahren waren. Auf der einen Seite das freiheitliche Diskurssystem, auf der anderen – so erlebte es Schipanski – eine selbst in den technischen Disziplinen ideologisch geprägte Wissenschaftslandschaft. „Wir hatten keinen freien Zugang zum Studium. Der Zugang war rigide beschränkt.“
Auch später habe die soziale Herkunft über die Karriere entschieden. „Nicht die Leistung allein war ausschlaggebend, ebenso entscheidend war das politische Wohlverhalten dem Staat gegenüber.“ Diesen Eindruck konnte Jens Reich, Biologe und Bürgerrechtler, bestätigen: „Vielleicht hat der ideologische Faktor sich in den Humanities stärker ausgewirkt, aber die Weltanschauungen haben auch in meinem Fach starken Einfluss gehabt.“ Reich ließ keinen Zweifel, dass die Wende für die Wissenschaft einen unbedingten Gewinn darstelle. Die DDR-Forschung sei zumindest auf seinem Gebiet nie über Mittelmaß hinausgekommen. Kein Wunder, sei doch „die junge aktive und mittlere Generation weitgehend vom internationalen Austausch ausgeschlossen“ gewesen.
Heute haben sich mit Jena, Greifswald, Dresden, Rostock, Leipzig oder Potsdam an vielen Orten alte und gute universitäre Traditionen neu belebt, die als Innovationsmotoren in die jeweiligen Regionen ausstrahlten, lobte der westdeutsche Historiker Gerhard A. Ritter die Entwicklung. Ritter war maßgeblich am Neuaufbau der Geschichtswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität beteiligt.
Auch Manfred Erhardt, 1991 bis 1996 Wissenschaftssenator in Berlin, ist einer der Akteure, die den Transformationsprozess mitgestaltet haben. Berlin ist heute für ihn eine der führenden Wissenschaftsregionen in Deutschland. „Beim Exzellenzwettbewerb standen sowohl Humboldt- als auch Freie Universität auf der Short-List, wobei Letztere gekürt wurde.“ Die Wissenschaft – so Erhardt – sei der Bereich, in dem die Wiedervereinigung vergleichsweise am besten und darüber hinaus erstaunlich rasch und gut gelungen sei.
Wissenschaftler spielten bei Revolution 1989 keine Rolle
Der Berliner Historiker Jürgen Kocka verwies darauf, dass die Wissenschaft der DDR in manchen Disziplinen, wie etwa der Erforschung der Turkvölker, durchaus Weltgeltung gehabt habe. Doch von anderen Fächern gingen keine nennenswerten Impulse aus und ein Nobelpreis stand für die DDR-Wissenschaft nie zur Debatte. Kocka erinnerte an die Rahmenbedingungen, unter denen sich Forschung in der DDR vollzog, an die politische Steuerung und die begrenzten Ressourcen. Allerdings habe es natürlich Spielräume gegeben, die in manchen Feldern auch für innovative, spannende Forschungen genutzt wurden.
„Das führte dann durchaus auch dazu, dass von westdeutschen Forschern Kooperationen gewünscht wurden, die aber durch die Beschränkung der Außenkontakte in den Westen nur in sehr begrenztem Umfang möglich waren.“ Bei der friedlichen Revolution von 1989/90 allerdings spielten die DDR-Wissenschaftler keine Rolle, betonte Kocka. Schließlich seien die kritischen und aufmüpfigen Köpfe schon vorher aussortiert worden.
ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).
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Januar 2010
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