Europa und die (Un-) Möglichkeit einer gemeinsamen Erinnerungskultur

Europa streitet um seine Vergangenheit. Die Versetzung eines sowjetischen Kriegerdenkmals in der estnischen Hauptstadt Tallin löst gewalttätige Demonstrationen in Estland und Russland aus. Kroatien und Slowenien streichen die jugoslawischen Teile ihrer Geschichte aus ihrer Geschichte. Welche Rolle spielt die Tradition, die gemeinsame Erinnerung bei der Suche nach einer europäischen Identität? Wie gehen die neuen Staaten in Europa mit ihrer Vergangenheit um? Die Konferenz des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) vom 6. bis 9. Juni in Leipzig behandelte das Thema "Erinnerungskulturen" in mehreren Sektionen.
So wies die Kulturhistorikerin Prof. Jutta Scherrer ("Der russische Erinnerungsraum: Mythen, Identität und Politik") nach, dass der Zerfall der Sowjetunion in ihren Nachfolgestaaten zu einem mächtigen Strom von "nation building" und "identity building" geführt hat.
Der Schatten des Sowjetimperiums
"Die Konstruktion der neuen Staaten steht allerdings bis heute im Schatten des vormaligen Sowjetimperiums und konnte sich bisher nicht von dem – wenn auch zumeist negativen - Bezug auf die vormalige ‚Leitkultur’ befreien." Währenddessen gehe mit dem Verlust des Supermacht-Status in Russland selbst eine religiöse Renaissance einher, eine Entwicklung, die durchaus mit der "russischen Idee" vereinbar ist, auf ewig sich auf den Sieg im Kampf gegen den Hitlerfaschismus zu berufen. Für eine Aufarbeitung der Verbrechen der Stalinzeit sei da kein Platz.Auch der Religionssoziologe Dr. Miklós Tomka ("Konfessionalität und gesellschaftliche Identität in Ostmitteleuropa") sieht die Staaten Mittel- und Osteuropas in der postkommunistischen Zeit auf der Suche nach einer neuen Identität zwischen Tradition, Nation und Religion. Er spricht nicht von einem Siegeszug der Religion, allenfalls sei ein Ende des religiösen Verfalls festzustellen. "Es ist bemerkenswert, dass die Kirche in den meisten ehemals sozialistischen Ländern im Vergleich mit anderen sozialen Institutionen als die glaubwürdigste angesehen wird."
Ein gemeinsames Geschichtsbuch?
Wolfgang Höpken, Professor für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig und seit 2000 zugleich Direktor des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, griff das Bemühen "Brüsseler Eurokraten" um eine europäisch zu denkende Geschichte auf. Damit verbinde sich die Hoffnung, den Anforderungen "einer unübersichtlich werdenden politischen Integration Herr zu werden und jener europäischen Identität auf die Sprünge helfen, die anders, etwa durch das Postulat geteilter Kultur oder Religion, kaum überzeugend zu begründen ist". Höpken verwies darauf, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan sogar die Idee eines gemeinsamen europäischen Schulbuches in die Diskussion der europäischen Bildungsminister eingebracht habe.Ein Vorhaben, das wenig Erfolg verspricht, folgt man Höpkens Ausführungen. Selbst der Holocaust habe sich "trotz vielfältiger Bemühungen" bislang nicht als Fixpunkt in einem "europäischen Gedächtnis" verankern lassen. In Osteuropa ist es der Stalinismus und die sowjetische Vorherrschaft, die in der post-kommunistischen Gesellschaften das kollektive Gedächtnis neu formatiert hätten.
Auch der Vorschlag, die Erfahrung erzwungener Wanderungsbewegungen, zum Gegenstand gemeinsamen Erinnerns in den westeuropäischen Migrationsgesellschaften zu machen, seien bislang kaum mehr als ein akademisches Konstrukt. Alle Bemühungen zum Trotz, so Höpkens Fazit, vermag sich das Gedächtnis aus den Fesseln nationalstaatlicher Beschränkung offenbar nur mühsam herauszubewegen. In bosnisch-herzegowinischen Dörfern, wo neue Ansätze des wieder miteinander Lebens von Muslimen und Kroaten entdeckt wurden, sei es gerade das Umgehen der Vergangenheit, das ein wenigstens notdürftiges Zusammenleben wieder möglich macht.
Aus den Schulbüchern sei Jugoslawien mittlerweile verdrängt. Wenn der Balkan überhaupt noch erwähnt werde, dann im Zusammenhang mit "Rückständigkeit", nationalistischer Verirrung und Gewalt. Doch Südosteuropa sei nicht die "dunkle Seite" eines an sich hellen Europas, sondern erinnere bis in die Gegenwart daran, dass zur europäischen Geschichte immer auch Kriege und Konflikte gehörten.
Wenigstens eine gemeinsame Sprache?
Dr. Roland Willemyns (Sprachwissenschaftler, Universität Brüssel) bemerkte, dass die Identitätsbildung des Menschen auf einem Bewusstsein sozialer Zugehörigkeiten und Bindungen beruhe, die sich an kulturellen Merkmalen und Unterschieden in Sprache und Religion, Bildung oder Lebensstilen orientieren. Nun gebe es aber in der EU zur Zeit 23 Nationalsprachen, dazu eine Reihe von regionalen und Minderheitssprachen. Nur zwei Staaten in Europa seien de facto einsprachig (monolingual): Portugal und Island. In allen anderen sprechen die Einwohner mehrere, manchmal konkurrierende Sprachen.Besonders Gebiete mit Minderheitssprachen halten viel von ihrer kulturellen Identität und erhoffen sich von der EU ein Maß an Autonomie, das ihnen der eigene Nationalstaat meist nicht gewährt. Doch das muss nicht im Widerspruch zu einem europäischen Bewusstsein stehen: Man kann Katalane, Baske, Alemanne oder Wallone sein – und dennoch oder gerade erst recht Europäer sein. Dr. Willemyns: "Die Tatsache, dass in Europa Sprach- und Landesgrenzen so gut wie nie zusammenfallen, hat dazu geführt, dass es auf unserem Kontinent eine Vielzahl von plurizentrischen und Minderheitssprachen gibt und dass Mehrsprachigkeit weit verbreitet ist."
So wenig sich die Nationen in Europa durch eine gemeinsame Sprache gebildet haben, so wenig führt also auch eine gemeinsame europäische Sprache zu einem europäischen Gedächtnis. Die Vielfalt Europas – so das Fazit – wird immer erst dann zu einer Einheit, wenn sie von außen betrachtet wird.
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR, Berlin/Bonn.
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Juli 2007










