Kulturelles Gedächtnis

Harald Welzer: „Es ist mehr Gedächtnis außerhalb des Gehirns als drinnen“

Harald Welzer; Copyright: S. Fischer Verlage/Foto: Siegrun Appelt
Harald Welzer
Er hat früh begriffen, dass man sich den großen Fragen aus mehreren Richtungen nähern muss, will man verlässliche Antworten erhalten. Harald Welzer, gelernter Sozialpsychologe, ist es gewohnt, interdisziplinär zu arbeiten. Und das aus gutem Grund, denn der Gegenstand seines Forschens ist keine Kleinigkeit: das menschliche Gedächtnis.

Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Seine Schwerpunkte sind die Erinnerungs- und Gedächtnisforschung, die Tradierungsforschung sowie die Gewaltforschung. Alles eher ungewöhnlich für einen Sozialpsychologen, alle drei Disziplinen liegen im Grenzbereich seines angestammten Fachs. Seine ganze akademische Karriere sei ungewöhnlich, meint der 48-jährige Wissenschaftler, weil er schon immer dort geforscht habe, wo andere wenig Karrierechancen sähen. Dementsprechend würden die Ergebnisse seiner Arbeiten auch mehr von benachbarten Wissenschaften, weniger von der Sozialpsychologie wahrgenommen. "In meiner eigenen Zunft", überspitzt Welzer, "komme ich kaum vor."

Vom kommunikativen zum autobiographischen Gedächtnis

Buchcover: Opa war kein Nazi; Copyright: S. Fischer Verlage2002 versucht sich Welzer an einer Theorie der Erinnerung. Er beleuchtet die interaktiv und sozial hergestellte Funktionsweise des Gedächtnisses. In seiner Abhandlung Das kommunikative Gedächtnis hebt er den Einfluss der Kommunikation auf das menschliche Gehirn hervor. Gedächtnis beginne bereits im Mutterleib, und nur in der Gemeinschaft mit anderen bilde sich überhaupt Erinnerung.

"Das Gehirn ist ein biosoziales Organ", sagt er, "und das Gedächtnis ein biosoziales Phänomen. Daher kommt man weder mit einer rein biologischen noch einer rein sozialwissenschaftlichen Betrachtung weiter."

So verwundert es nicht, dass sich Welzer mit einem Kollegen aus der Neurowissenschaft zusammentut, um dem Phänomen Gedächtnis auf die Schliche zu kommen. 2005 erscheint der Band Das autobiographische Gedächtnis, dem ein vier Jahre langes, interdisziplinäres Projekt namens "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen vorausging. Die ZEIT etwa attestiert dem Buch eine "produktive Unruhe" und schwärmt, dass der Begriff des autobiographischen Gedächtnisses als Berührungspunkt zwischen Geist und Gehirn den schwammigen Bewusstseinsbegriff präzisiere. "Wir kochen natürlich auch nur mit Wasser", führt Welzer aus, "wie der Gedanke aus der Materie entsteht, das haben wir auch nicht entschlüsselt. Aber zumindest eine theoretische Schnittstelle haben wir gefunden." Auf rein neuronaler Ebene sei lediglich ein semantisches und ein episodisches Gedächtnis kartierbar, so Welzer, die Ebene des reinen Wissens und der Erinnerung an Geschehnisse. Aber erst das autobiographische Gedächtnis mache den Menschen zum Menschen, diejenige Bewusstseinsebene, auf der wir für uns selbst emotional identifizierbar werden. Und diese Ebene speise sich vielmehr als es überhaupt neurowissenschaftlich nachweisbar sei aus einem kollektiven Fundus, den die Menschheit in ihrer Entwicklung herausgebildet habe. Genau hier, so Welzer, liegt die Schnittstelle, an der das autobiographische Gedächtnis jedes Einzelnen existent ist, ohne im Organ Gehirn kartierbar zu sein. "Es ist mehr Gedächtnis außerhalb des Gehirns als drinnen", bringt Welzer die Theorie auf einen knappen Punkt.

Vom Messdiener zum Massenmörder

Buchcover: Taeter; Copyright: S. Fischer VerlageDie größte öffentliche Resonanz erzielte Welzer jedoch jüngst mit einem ganz anderen Thema: dem Holocaust. Hier erreicht der Sozialpsychologe dann auch ein nicht-akademisches Publikum. Denn die so einfach klingende Titel-Frage des Buches Täter ist bei Weitem nicht nur von historischem oder psychologischem Interesse: Wie werden aus ganz normalen Menschen Massenmörder? Welzer fragt gezielt nach der Motivation der Täter, einfacher Familienväter und harmloser Durchschnittsbürger, und befindet sich hier mitten in einem Kernbereich der Gewaltforschung. Bisherige Erklärungsversuche, die sich auf die Persönlichkeiten der Täter beschränken, greifen zu kurz. Welzer stellt heraus, dass die Taten aufgrund von Verschiebungen in den sozialen Gefügen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene gar nicht als unmenschliche Taten empfunden wurden. Innerhalb weniger Wochen könne aus einem Messdiener ein Massenmörder werden, wenn der entsprechende soziale und situative Rahmen gegeben sei. Welzer untermauert seine Thesen mit Fallbeispielen aus Jugoslawien, Ruanda und Vietnam und zeigt auf, dass die Entstehung von Gewalt sozial und historisch spezifisch ist. – Einsichten in die Dynamik moderner Genozide, "die einen schaudern lassen", urteilt die taz.

Auch im Bereich der Gewaltproblematik soll es in Kürze einen interdisziplinären Zugang geben, stellt Welzer in Aussicht. Denn bei der Gewalt seien ja körperliche Prozesse von entscheidender Bedeutung. "Auch hier ist es sinnvoll, die Perspektive noch zu öffnen."

Bibliographie – Auswahl

  • Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung, Hamburg 2001, ISBN-10: 3930908662
  • Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2002, ISBN-10: 3406528589
  • Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a. M. 2002, ISBN-10: 3596155150
  • Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung, mit Hans J. Markowitsch, Stuttgart 2005, ISBN-10: 3608944060
  • Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, Frankfurt a. M. 2005, ISBN-10: 3100894316
  • Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte in der interdisziplinären Gedächtnisforschung, mit Hans J. Markowitsch, Stuttgart 2006, ISBN-10: 3608944222

Volker Maria Neumann
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte

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April 2007

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