Erinnerung und Gedächtnis

Das Gedächtnis ist im Laufe des letzten Jahrzehnts zu einem Leitbegriff kulturwissenschaftlicher Neuorientierung geworden. Als Forschungsgegenstand wird es von ganz unterschiedlichen Disziplinen ins Visier genommen und von diesen jeweils ganz anders bestimmt.
Neurologen betrachten die neuronalen Grundlagen, "die Hardware" des Gedächtnisses; Psychologen untersuchen kognitive und emotionale Gedächtnisprozesse an Individuen. Historiker erforschen die Zuverlässigkeit menschlichen Gedächtnisses im Verhältnis zu schriftlichen Quellen und, im Verbund mit den Politologen, neuerdings zunehmend auch die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre Vergangenheit mit symbolischen Formen wie Monumenten und Kommemorationsfeiern nach den Bedürfnissen ihrer Gegenwart (re-)konstruieren. Literatur- und Kunstwissenschaftler untersuchen das kulturelle Gedächtnis, das sich langfristig in Texten und Bildern als ein kulturelles Erbe aufbaut.
Im Folgenden soll anhand einiger grundlegender begrifflicher Unterscheidungen ein Überblick über das weite und komplexe Terrain der kulturellen Gedächtnisforschung versucht werden.
Verkörpertes versus ausgelagertes Gedächtnis
Zunächst einmal ist es sinnvoll, zwischen einem verkörperten und einem ausgelagerten Gedächtnis zu unterscheiden. Durch die Möglichkeit, etwas aufschreiben zu können, erweitern Menschen und Kulturen die Reichweite ihres Merkvermögens. Der daraus entstehende ausgelagerte Speicher von Aufgezeichnetem erweitert und entlastet das (verkörperte) Gedächtnis der Menschen.Dadurch entsteht aber auch zugleich eine wachsende Diskrepanz zwischen dem verkörperten Gedächtnis und dem extern Gespeicherten. Bibliotheken und Archive sind gigantische Datenspeicher, an die man sich anschließen und aus denen man schöpfen kann, aber sie garantieren nicht den Fortbestand lebendig verkörperten oder memorierten Wissens, dessen Umfang in einer Schriftkultur und erst recht in einer elektronischen Medienkultur immer geringer wird. Heute verlassen wir uns auf unser Google-Gedächtnis; der schnelle Zugriff auf Wissen ist uns wichtiger als der Besitz von Wissen.
Kulturelles Gedächtnis
Das kulturelle Gedächtnis, das sich u.a. aus Texten, Denkmälern, Museen, Erinnerungstagen konstituiert, gliedert sich nun in zwei Bereiche, die sich wie Vorder- und Hintergrund zueinander verhalten: ein Speichergedächtnis und ein Funktionsgedächtnis. Das Speichergedächtnis sammelt und bewahrt Quellen, Objekte und Daten, unabhängig davon, ob sie von der Gegenwart gebraucht werden. Das Funktionsgedächtnis enthält die kleine Auswahl dessen, was eine Gesellschaft jeweils von der Vergangenheit auswählt und aus dem Bestand ihrer kulturellen Überlieferung aktualisiert. Der Prozess der Auslagerung von Wissen in Schrift ist also keine Einbahnstraße, sondern wird durch Rückkoppelungen an Gedächtnisse und persönliche Wiederaneignungen beantwortet. Diesen verkörperten Schatz kulturellen Wissens nennen wir Bildung. Kanonisierte Klassiker werden auswendig gelernt oder sind zumindest in Zitaten präsent, Museen kanonisieren Bilder und Skulpturen in ihren Dauerausstellungen, Monumente halten die Vergangenheit physisch präsent, Jahrestage holen historische Ereignisse in regelmäßigem Turnus zurück in die Gegenwart.
Kann eine Nation ein Gedächtnis haben?
Während keiner je angezweifelt hat, dass es ein individuelles Gedächtnis gibt, gibt es viele, die den Begriff "kollektives Gedächtnis" für eine reine Mystifikation halten. Bereits Maurice Halbwachs, der diesen Begriff in den 1920er Jahren einführte, stieß auf Kritik und Misstrauen. Kritiker, die unter dem Begriff so etwas wie einen kollektiven Volksgeist verstanden, meldeten berechtigte Skepsis an, dass man individualpsychologische Phänomene nicht einfach auf Kollektive übertragen könne.Die Forschungen von Halbwachs gingen jedoch in eine ganz andere Richtung. Er untersuchte Formen eines sozialen Gruppengedächtnisses, an dem jene partizipieren, die einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund haben wie eine Familie, eine Schulklasse, ein Soldatenregiment oder eine Reisegruppe. Er hat gezeigt, dass Erinnerungen von Haus aus sozial sind und den kommunikativen und emotionalen Kitt einer Gruppe bilden. Seine radikale These war, dass Menschen überhaupt kein im strikten Sinne individuelles Gedächtnis ausbilden, sondern immer schon in Gedächtnisgemeinschaften eingeschlossen sind. Das Gedächtnis bildet sich – ähnlich wie die Sprache – in kommunikativen Prozessen aus, d. h. im Erzählen, Aufnehmen und Aneignen von Erinnerungen. Wer ganz allein ist, kann nach Halbwachs überhaupt kein Gedächtnis ausbilden.
Inzwischen wird der Begriff "kollektives Gedächtnis" nicht nur auf soziale Kleingruppen in face to face-Situation, sondern auch auf Großgruppen wie Ethnien, Nationen und Staaten angewandt. Hierbei muss man sich jedoch der Tatsache bewusst sein, dass solche Einheiten kein kollektives Gedächtnis haben, sondern sich mithilfe unterschiedlicher memorialer Medien wie Texten, Bildern, Denkmälern, Jahrestagen, und Kommemorationsriten eines machen.
Kollektive Erinnerung schafft eine gemeinsame Identität
Mithilfe gemeinsamer Bezugspunkte in der Vergangenheit und der kulturellen Überlieferung schaffen sich solche Kollektive zugleich eine Wir-Identität, die nicht Sache der Herkunft und Abstammung ist, sondern der Teilhabe in Form von Lernen, Identifikation und anderen Formen praktizierter Zugehörigkeit. Bis vor kurzem folgten die Regeln der Auswahl von Bezugspunkten der Vergangenheit dem, was Nietzsche als "monumentalische Geschichtsschreibung" definiert hat; es ging darum, ein heroisches Selbstbild der Gruppe zu konstruieren und es mithilfe von Feindbildern mythisch zu überhöhen. Eine entscheidende Wende vollzog sich in der Vergangenheitspolitik seit den 1990er Jahren, als verschiedene Staaten damit begannen, ihre historische Schuld zu reflektieren und in Formen öffentlicher Bekenntnisse in ihr Selbstbild aufzunehmen.Besonderheit: Erinnerung an traumatische Ereignisse
Trauma bezieht sich auf ein Erlebnis, das so schmerzhaft ist, dass sich die Pforten der Wahrnehmung vor dieser Wucht schließen. Als etwas, das im Rahmen der Identitätskonstruktion einer Person nicht erzählbar und nicht erinnerbar ist, wird es vom Bewusstsein abgespalten und eingekapselt. Was in der Kapsel oder Krypta verschlossen ist, wird nicht etwa vergessen, sondern im Abseits konserviert und macht sich nach einem gewissen zeitlichen Intervall durch eine bestimmte Symptomatik bemerkbar. Die Therapie zielt darauf, das Trauma in bewusste Erinnerung zu transformieren und mit der Identität der Person zu vermitteln. Dadurch kann es zwar nicht geheilt, aber in seiner schädigenden Wirkung reduziert werden.
Das Spezifische am Trauma sind die Langzeitfolgen bei Opfern von sexuellem Missbrauch oder Folter, weshalb für solche Vergehen die Verjährungsfrist aufgehoben wurde. Beim kollektiven Geschichts-Trauma des Holocaust ist die Nachträglichkeit ebenso evident; es hat bis in die 1980er Jahre gedauert, bis die schmerzhaften und entwürdigenden Erfahrungen der Opfer erzählbar wurden und ihnen Gehör geschenkt wurde. Der Begriff des moralischen Zeugen, der den Toten unter den Opfern eine Stimme gibt, gehört in diesen Zusammenhang. Inzwischen sind neben dem Holocaust andere Genozide ins Weltbewusstsein getreten, die symbolische Anerkennung und materielle Restitution einfordern.
Zur Nachträglichkeit historischer Traumata gehört auch, dass sie von einer Generation zur anderen gewissermaßen vererbt werden. Die Nachgeborenen, die sich mit diesen Familien-Schicksalen identifizieren, werden auf diese Weise zu Mitgliedern einer "Leidgenossenschaft". In diesem Zusammenhang ist es zu einem neuen geschichtspolitischen Problem gekommen: politische Gruppen stützen ihre Identität auf ein "auserwähltes Trauma" (Vamik Volkan) und treten mit anderen Leidensgenossenschaften in eine Opfer-Konkurrenz.
Erinnerung als Legitimierungsressource
Das Gedächtnis entwickelt sich nicht in Isolation, sondern ist immer schon sozial auf andere Individuen und, auf politischer Ebene, auf andere Gruppen bezogen, wo es auf andere Gedächtnisse reagiert und Bezug nimmt. Die Nachträglichkeit der Erinnerung, die beim Trauma so extrem ist, gilt für das Gedächtnis überhaupt. Ohne eine Geschichte, die wir über uns erzählen können, gibt es keine Identität. Das gilt für Individuen nicht weniger als für Gruppen. Die Geschichte, die in Schulbüchern gelernt und an Jahrestagen kommemoriert wird, ist so etwas wie die kollektive Biographie einer Nation, die allerdings ebenso wie die Individualbiographie besonders nach Krisen oder politischen Wendepunkten wieder anders erzählt wird. Die Geschichte, die erinnert wird, festigt das individuelle Selbstbild ebenso wie das einer Gruppe. Deshalb richtet sich das, was wir erinnern, nicht nach dem, was eigentlich gewesen ist, sondern danach, wovon wir später eine Geschichte erzählen können und wollen. Was aus der Vergangenheit erinnert wird und was nicht, hängt letztlich davon ab, von wem und wozu die Geschichte gebraucht wird.
| Ausgewählte Publikationen von Aleida Assmann
Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. Krupp-Vorlesungen zu Politik und Geschichte am Kulturwissenschaftlichen Institut im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen; Band 6, München, C.H.Beck 2007 Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München, C.H.Beck 2006 Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München, C.H. Beck 1999, 3. Aufl. 2006 Generationsidentitäten und Vorurteilsstrukturen in der neuen deutschen Erinnerungsliteratur, Hg. Hubert Christian Ehalt, Wien, Picus Verlag 2006 zus. mit Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1999 |
ist Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Seit den 1990er Jahren ist ihr Forschungsschwerpunkt die Kulturanthropologie, wobei sie sich verstärkt den Themen "Kulturelles Gedächtnis" und "Erinnerung" widmet.
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Februar 2008









