Kulturelles Gedächtnis

Erinnerung im Internet

Fotosammlung aus den ehemaligen deutschen Kolonien, Universitätsbibliothek Frankfurt/Main, 
Copyright: picture-alliance/ dpa/dpawebDas Internet hat unsere Lebensgewohnheiten radikal verändert. Auch die Rezeption geschichtlicher Ereignisse wandelt sich durch die digitalen Medien.

Geschichte ist eine subjektive Angelegenheit. Individuelle Erinnerung, kollektive Erinnerung, Wissen und Halbwissen formen das Bild, das jeder Einzelne von geschichtlichen Ereignissen hat.

Bilder machen Geschichte

TV-Serie „Holocaust“, Copyright: picture-allicance/dpaDas Bild, das man sich von der Geschichte macht, ist immer auch von Bildern abhängig. Das können Film- und Fernsehbilder, Fotos in Zeitungen und Zeitschriften und auch in Geschichtsbüchern sein. Diese so entstehende kollektive Erinnerung ist relativ gut erforscht. „Die Fernsehserie Holocaust beispielsweise, damals ein Mediengroßereignis, ist wissenschaftlich mittlerweile aufbereitet“, sagt Dr. Erik Meyer, der im Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen an der Justus-Liebig-Universität Gießen arbeitet. Das betreffe aber eher den konzeptionellen Bereich. Die Rezeptionsforschung, die sich von der Frage leiten lässt, wie Bilder prägen, hinke dem naturgemäß noch nach, da dafür langfristige Betrachtungen nötig wären. Dass die Visualisierung von Geschichte längst ein Thema in der Geschichtswissenschaft ist, zeigte der 46. Deutsche Historikertag, der im September 2006 in Konstanz stattfand und unter das Generalthema „Geschichtsbilder“ gestellt wurde.

Geschichte im Zeitalter des Internets

Der letzte deutsche Historikertag, der vom 30. September bis zum 3. Oktober 2008 in Dresden stattfand, beschäftigte sich unter anderem mit dem noch relativ wenig erforschten Korrelationen von Internet und Geschichte. In der Sektion Historische Erinnerung im Zeitalter des Internets sprach Vadim Oswalt, ebenfalls von der Justus-Liebig-Universität über Quellenkritik im Zeitalter des Internets und beschrieb das Internet als riesiges Speichergedächtnis, in dem jeder Quellen suchen, aber auch einstellen kann. Dies würde die traditionelle Quellenkritik an ihre Grenzen führen, denn nicht nur der riesige Fundus an Quellen, sondern auch deren Manipulierbarkeit und die ständige Transformation mache deren Einordnung immer schwieriger.

Das Internet hat für Geschichte und Geschichtswissenschaft eine mehrfache Bedeutung. Eine davon ist die Übertragung realer Museen und Gedenkstätten ins Internet. Ein Beispiel ist LeMO (Lebendiges virtuelles Museum Online), das vom Deutschen Historischen Museum Berlin und dem Haus der Geschichte in Bonn getragen wird. Dort sind mehr als 1.300 bebilderte Informationstexte, über 4.000 digitalisierte Exponate, 875 Biografien zeitgenössischer Persönlichkeiten, 245 Audio- und 200 Videodokumente, 134 Chroniken sowie 120 Statistiken und Karten zu finden. Erik Meyer vermisst bei dieser Art Internet-Museum den interaktiven Aspekt: „Die Dramaturgie dieser Internet-Ausstellungen gleicht in weiten Teilen eher einer CD-ROM. Eine aktive Beteiligung wird oft vernachlässigt, auch wenn beispielsweise das LeMO mit dem kollektiven Gedächtnis versucht, neue Wege zu gehen“, sagt Meyer, der in dem Projekt Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung – Geschichtspolitik in der medialen Erlebnisgesellschaft verschiedene Anbieter untersucht hat. „Bei anderen Anwendungen ist mehr Interaktivität möglich. Die Partizipation ist stärker ausgeprägt“, sagt Meyer und verweist beispielsweise auf die Central Database of Shoah Victims’ Names. Das Ziel dieser Datenbank ist es, potenziell jedes Opfer des Holocausts zu personalisieren und zu visualisieren. Die Nutzer können auch Materialien übermitteln und damit zur Vervollständigung des immateriellen Archivs beitragen.

Karriere als Zeitzeuge

Copyright: picture-alliance/ZBDiese typische Web 2.0-Entwicklung, die Erzeugung von Inhalten durch den Nutzer, hat zu einem Boom an Zeitzeugen-Dokumenten geführt. Im Gegensatz zum Fernsehen, in dem Zeitzeugen eher zur Veranschaulichung historischer Vorgänge genutzt werden, könne sich, so Meyer, mithilfe des Internets jeder als Zeitzeuge in die Geschichte einschreiben. „Diese Angebote folgen weder der Logik des Archivs, noch reflektierenden Spezialisten, die die historische Signifikanz der Aussagen als Bedingung für ihre Veröffentlichung prüfen“, meint Erik Meyer, dessen Forschungsschwerpunkt politische Kommunikation ist. Problematisch bewertet Meyer auch die Einbindung historischer Themen im kommerziellen Umfeld. „Zeitgeschichte wird zunehmend nach den Kriterien Unterhaltung und kommerzieller Verwertbarkeit im Internet präsentiert. Der Anspruch eines kollektiven Gedächtnisses kann so nicht erfüllt werden“, sagt Meyer.

PowerPoint-Historiker

Die mediale Umsetzung geschichtlicher Themen ist im Zeitalter der Virtualisierung und den Möglichkeiten des Webs 2.0 ein wichtiger Aspekt auch in der Ausbildung von Historikern geworden. So wurde jetzt an der Universität Berlin ein Masterstudiengang „Public History“ eingeführt, der dem verstärkten Bedarf an Kenntnissen über die fachlich korrekte Erfassung und Umsetzung historischer Ereignisse Rechnung trägt. „So ein Angebot kann durchaus sinnvoll sein. Ohne Medienkompetenz ist eine fachwissenschaftliche Ausbildung kaum praxistauglich“ meint Meyer.
Richard Lamers, M.A.,
nach seinem Studium der Geschichte und Germanistik in Köln PR-Redakteur und Pressesprecher, ist seit 2000 als freier Wissenschaftsjournalist tätig.

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März 2009

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